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Bob Woods, John Keady u.a.: Angehörigenintegration. Beziehungszentrierte Pflege [...]

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind, 26.11.2009

Cover Bob Woods, John Keady u.a.: Angehörigenintegration. Beziehungszentrierte Pflege [...] ISBN 978-3-456-84755-9

Bob Woods, John Keady, Diane Seddon: Angehörigenintegration. Beziehungszentrierte Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 160 Seiten. ISBN 978-3-456-84755-9. 24,95 EUR.
Reihe: Altenpflege, Familienzentrierte Pflege. Originaltitel: Involving families in care homes
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Thema

Die Thematik Angehörige von Pflegebedürftigen in den Heimen ist ein weites Feld voller Erwartungen, Probleme und auch Enttäuschungen, denn hier treffen zwei Lebenswelten oft ohne Regulativ oder Moderation aufeinander – das Familienprinzip einschließlich der gegenseitigen Verantwortlichkeit in unterschiedlicher Abstufung und das Modell der Fremdpflege als personale Dienstleistung einer Institution. Angehörige erleben, dass ihre Nächsten aufgrund ihrer Gebrechlichkeit von fremden Personen versorgt werden. Dieses Arrangement zu akzeptieren fällt oft nicht leicht. Erst recht, wenn Angehörige vor dem Heimeintritt ihre betagten Eltern oder Ehepartner selbst jahrelang betreut und gepflegt haben. Dann entstehen oft Spannungen und Konflikte in der Beurteilung der Pflegeleistungen des Heimes, denn automatisch werden diese mit dem vorhergehenden Pflegemilieu im häuslichen Bereich verglichen. Und damit können zwei Erfahrungshorizonte der Pflege regelrecht aufeinanderprallen – standardisierte professionelle Pflege gegenüber vormalige, überwiegend auf innerfamiliäre Bindungen beruhende Versorgung. Zwischen Krieg und Frieden oder genauer zwischen Konfrontation und einvernehmlicher Zusammenarbeit kann sich dann das Spektrum der Kommunikation und des Umganges zwischen Pflegenden und Angehörigen im Heim erstrecken. Diese Konstellationen bilden dann die Grundlage für ständigen Stress oder aber auch einfühlende Kooperation. In vielen Heimen wird diese Sachlage des Nebeneinanders unterschiedlicher Experten noch nicht im ausreichenden Umfang wahrgenommen und organisatorisch mittels einer Angehörigeneinbindung berücksichtigt. Das vorliegende Buch aus Großbritannien nimmt sich der Angehörigenintegration in den Heimen an, es soll dem Anspruch nach ein Leitfaden für die Mitarbeiter der Einrichtungen im angemessenen Umgang mit den Angehörigen sein.

Autoren

Die Autoren entstammen dem akademischen Milieu der Universitäten in Wales und England:

  • Bob Woods ist Professor für klinische Psychologie älterer Menschen an der Universität von Wales Bangor und stellvertretender Direktor des Entwicklungszentrums für Demenz-Dienstleistung.
  • John Keady ist Professor für Psychiatrische Pflege und die Pflege älterer Menschen an der Universität von Manchester / Bolton, Salford und Trafford Mental Health NHS.
  • Diane Seddon ist Forschungsassistentin am Institut für medizinische und soziale Versorgungsforschung der Universität von Wales Bangor.

Aufbau und Inhalt

Die Inhalte des Buches werden im Wesentlichen von der Darstellung des Standes der Forschung, neueren und eigenen Untersuchungen zum Gegenstandsbereich Angehörigenintegration und anschließend von Empfehlungen und Leitlinien im Umgang mit Angehörigen bestimmt. Die Veröffentlichung selbst ist in sieben Kapitel untergliedert.

  • In Kapitel 1 (Integration von Angehörigen in Pflegeeinrichtungen – Ein Überblick, Seite 11 – 26) wird auf allgemeiner Ebene das Verhältnis der Angehörigen im Heimbereich unter strukturellen und funktionellen Aspekten dargestellt.
  • Kapitel 2 (Erfahrungen von Familien nach Unterbringung ihres Angehörigen in einer Pflegeeinrichtung – Eine Studie aus Nordwales, Seite 27 – 42) besteht aus den Ergebnissen einer Untersuchung über die allmähliche Eingewöhnung der Angehörigen in das alltägliche Heimgeschehen.
  • In Kapitel 3 (Die Einbindung der Familie: Sichtweisen von Mitarbeitern und Angehörigen – Eine europäische Studie, Seite 43 – 61) geht es auf der Grundlage mehrerer Erhebungen in Schweden, Spanien, Irland und Großbritannien um die Beziehungen der Angehörigen von demenzkranken Bewohnern zu den Pflegenden in den Einrichtungen. Ein zentrales Ergebnis bestand aus der Einschätzung, dass die Beziehungen zwischen Angehörigen und Pflegenden immer noch teilweise von Spannungen, Missverständnissen, unterschiedlichen Vorstellungen von einer angemessenen Betreuung und „schlechter Kommunikation“ bestimmt werden.
  • Kapitel 4 (Integration von Angehörigen – Leitlinie und erfolgreiche Praxis, Seite 63 – 77) enthält u. a. eine Reihe von Empfehlung zur Verbesserung der Einbindung von Angehörigen in den Heimalltag. Die Angehörigen sollen bei der Erfüllung ihrer individuellen Betreuung in Gestalt von Besuchen und Ausflügen Unterstützung seitens des Heimes erhalten. Darüber hinaus sollten ihre Funktion als Kontrollinstanz der Versorgungsleistungen und zugleich auch ihre Aufgabe als Fürsprecher für die zu Pflegenden in den Heimen akzeptiert werden.
  • In Kapitel 5 (Kommunikation mit Angehörigen – Ein beziehungszentrierter Ansatz, Seite 79 – 100) wird ein umfangreiches Paket an praxisnahen Konzepten zur Verbesserung der Kommunikation mit den Angehörigen vorgestellt. Wesentlich hierbei sind Ansätze, die zur Erhöhung des Wissenstandes der Angehörigen über das Heimgeschehen, die Mitarbeiter und auch die Demenz als Erkrankung mit allen Begleitumständen beitragen.
  • In Kapitel 6 (Endstadium von Demenz und Integration von Angehörigen, Seite 101 – 116) stehen das Sterben und damit auch die Sterbebegleitung durch die Angehörigen im Mittelpunkt. Hier werden besonders die Hilfestellungen der Einrichtung angeführt, denn in dieser Phase des Abschiedsnehmens mit all seinen Belastungen benötigen die Angehörigen vor allem Unterstützung, Verständnis und Einfühlungsvermögen.
  • In Kapitel 7 (Interventionsprogramme und Ergebnisse, Seite 117 – 131) werden nochmals Resultate verschiedener Modellvorhaben aus mehreren Ländern zur Verbesserung der Integration der Angehörigen in das Heim beschrieben. Bei den Ansätzen stehen vor allem folgende Aspekte im Vordergrund des Vorgehens: ständiger Informationsaustausch zwischen Angehörigen und Mitarbeitern, eindeutige Abklärung der Zuständigkeiten und Entwicklung von unterstützenden Beziehungen zwischen diesen Personengruppen.

Diskussion

Es kann festgestellt werden, dass hier eine solide Darstellung des Gegenstandsbereiches Angehörige im Heimbereich vorliegt, die sowohl den Stand der Forschung als auch eigene Erhebungen beinhaltet. Aus den Ausführungen über die Heimsituation in verschiedenen Ländern wird deutlich, dass eine personale Unterbesetzung in der Pflege überall vorzuliegen scheint. Dieser Tatbestand belastet nicht nur die Angehörigen bei ihren Besuchen, der Personalengpass beeinträchtigt und verhindert manchmal auch die Kommunikation und das Zusammenwirken von Angehörigen und Mitarbeitern. Es fehlt einfach die Zeit für die Pflegenden, auf die Angehörigen angemessen eingehen zu können. Und unter diesen Bedingungen kann dann schwerlich eine für alle Seiten befriedigende Einbeziehung der Angehörigen erzielt werden. Kritisch anzuführen gilt nur der Aspekt, dass das Spezifische der Angehörigen von Demenzkranken im Heim als Experten ihrer Biografie, als Wegweiser für die Deutung sonst unerklärlicher Verhaltensweisen der Bewohner in diesem Buch hätte stärker ausgearbeitet werden können. Dieser Schwerpunkt bedarf besonderer Aufmerksamkeit, denn hier können Angehörige als Lotsen, Pfadfinder und Brückenbauer zwischen Vergangenheit und Gegenwart im Heimbereich wirken. Zu diesem Sachverhalt liegen bereits im deutschsprachigen Bereich vertiefende und weiterführende Texte vor.

Fazit

Das vorliegende Buch kann Verantwortlichen im Heim als übersichtliche Einführung in den Themenbereich Angehörigenintegration zur Lektüre empfohlen werden.

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 26.11.2009 zu: Bob Woods, John Keady, Diane Seddon: Angehörigenintegration. Beziehungszentrierte Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84755-9. Reihe: Altenpflege, Familienzentrierte Pflege. Originaltitel: Involving families in care homes. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8339.php, Datum des Zugriffs 27.11.2022.


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