Glenda Mac Naughton, Patrick Hughes et al. (Hrsg.): Young Children as Active Citizens
Rezensiert von Prof. Dr. Manfred Liebel, 13.11.2009
Glenda Mac Naughton, Patrick Hughes, Kylie Smith (Hrsg.): Young Children as Active Citizens: Principles, Policies and Pedagogies.
Cambridge Scholars Publishing
(Newcastle upon Tyne) 2008.
280 Seiten.
ISBN 978-1-84718-538-9.
39.99 Pound (Listenpreis) .
Thema
Heute gehört es zum guten demokratischen Ton, Kinder als Bürgerinnen und Bürger zu titulieren. Doch die freundliche Etikettierung bringt selten weitergehende Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungen mit sich. In der internationalen Fachliteratur wird darüber debattiert, ob es überhaupt Sinn mache, von einer Bürgerschaft von Kindern zu sprechen, ob es eine kinderspezifische („halbe“, „partielle“) Bürgerschaft für Kindern gebe oder geben solle, oder ob eine gleichberechtigte Bürgerschaft angestrebt werden solle, die auch das Wahlrecht ohne Altersgrenze einschließt. Unter Fachleuten besteht weitgehend Einigkeit, dass Bürgerschaft nicht nur in einem formalen Sinn (etwa als Staatsangehörigkeit), sondern in einem gelebten, alltagsnahen Sinn verstanden werden sollte und dass sie Kindern ebenso wenig wie anderen Bevölkerungsgruppen unter Verweis auf fehlende Kompetenzen vorenthalten werden dürfe. Relativ wenig Beachtung wird bisher der Frage gewidmet, was Bürgerschaft für junge Kinder bedeuten und wie sie gefördert werden könnte. Das hier zu besprechende Buch ist eine der wenigen Ausnahmen, die dies versuchen.
Inhalt
Das Buch kreist um folgende Fragen:
- Warum sollen junge Kinder in Politik und Pädagogik mitwirken können?
- Wie können sie aktiv an der Entwicklung und Umsetzung politischer und pädagogischer Zielsetzungen Konzepte mitwirken?
- Welche theoretischen und praktischen, pädagogischen und politischen Fragen stellen sich für Politiker/innen und Pädagog/innen, wenn sie den Ansichten junger Kinder Beachtung schenken und gerecht werden wollen?
Im Unterschied zu anderen Beiträgen aus der Kindheitsforschung, die das Bild junger Kinder als meinungsbildende und entscheidungsfähige Akteure geprägt haben, geht es den Herausgeber/innen des vorliegenden Buches vornehmlich um die Klärung praktischer Implikationen.
Nach vier theoretisch orientierten Beiträgen zu historischen, philosophischen, rechtlichen und ethischen Aspekten der Bürgerschaft junger Kinder im ersten Teil („Children as Citizens: Principles for Action“) widmen sich alle folgenden Beiträge in Form forschungsbasierter Fallstudien konkreten Erfahrungen.
Im zweiten Teil („Children in Policy Making“) werden Beispiele vorgestellt, wie junge Kinder die Stadtplanung, das Kinderschutzsystem, die Medienpolitik und die Gender-Gleichstellungspolitik beeinflussen können.
Im dritten, dem umfangreichsten Teil („Children Informing Pedagogies“) werden mehrere Projekte beleuchtet, in denen junge Kinder an der Ausarbeitung von Curricula und der Gestaltung des pädagogischen Alltags in Kindertagesstätten und Schulen mitwirken. Ein Beitrag greift das Thema sogenannter schwieriger Kinder auf und zeigt, wie die Kinder sich im Dialog mit den Erzieherinnen als interessierte und kompetente Akteure entpuppen. Ein anderer Beitrag diskutiert, wie das Eingehen auf die Vorstellungen der Kinder von Glück und die Beachtung ihrer Emotionen das Engagement der Kinder in ihrem Umfeld fördern.
Die Praxisbeispiele, die in den meisten Fällen von Kindern zwischen ein und sechs Jahren handeln, stammen überwiegend aus Australien. Lediglich ein Beitrag, der sich kritisch mit der mangelnden Förderung demokratischer Prozesse und Partizipation in Grundschulcurricula auseinandersetzt, bezieht sich auf England, Schweden und Frankreich. An den theoretischen Beiträgen wirkten neben australischen auch Autor/innen aus Norwegen und Großbritannien mit.
Um die Beiträge für die Praxis nutzbar zu machen, sind ihnen jeweils Fragen zum Nachdenken, ein Glossar zu Schlüsselbegriffen und weiterführende Lesehinweise angefügt.
Diskussion
Die Beiträge des Buches basieren auf einem weit gefassten Verständnis von Bürgerschaft. Darunter wird verstanden, dass Kindern zugehört wird, ihre Ansichten ernstgenommen und ihnen die Möglichkeit gegeben wird, Entscheidungen und Prozesse in ihrem Umfeld zu beeinflussen. Die Beiträge setzen sich teilweise mit dem begrenzten Politik- und Partizipationsverständnis der UN-Kinderrechtskonvention auseinander, sehen in ihr allerdings einen wichtigen Schritt und ein nützliches rechtliches Instrumentarium, um einer Bürgerschaft von Kindern näher zu kommen. Überzeugend wird sowohl in den theoretischen Beiträgen als auch in den Falldarstellungen aufgezeigt, dass bereits sehr junge Kinder über Kompetenzen für Bürgerschaft verfügen und dass es darauf ankommt, ihre spezifischen Qualitäten und Ausdrucksformen zu verstehen. Die Fallstudien zeigen auf beeindruckende Weise, wie dies möglich ist, auch wenn die Beiträge sich durchweg auf Handlungsfelder beziehen, die in den Händen von Erwachsenen liegen.
Fazit
Das Buch macht mit der englischsprachigen Fachdiskussion zur Bürgerschaft von jungen Kindern vertraut und vermittelt anhand konkreter Fallstudien aus Australien eine Fülle von Anregungen, wie die Bürgerschaft von Kindern bereits in sehr jungen Jahren praktiziert und gefördert werden kann.
Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Prof. a.D. für Soziologie an der Technischen Universität Berlin, Unabhängiger Kindheits- und Kinderrechtsforscher
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