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Markus Schäfers, Elisabeth Wacker u.a. (Hrsg.): Persönliches Budget im Wohnheim

Cover Markus Schäfers, Elisabeth Wacker, Gudrun Wansing (Hrsg.): Persönliches Budget im Wohnheim. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 158 Seiten. ISBN 978-3-531-16926-2. 29,90 EUR.

Reihe: Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe.
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Persönliche Vorbemerkung des Rezensenten

Als ich, selber nach einer schweren Schlädel-Hirnverletzung von 1982 schwer behindert, am 14.02.2008 arbeitslos wurde, fragte ich bei meiner Vermittlerin für Rehabilitanden und Schwerbehinderte bei der Agentur für Arbeit Hagen nach Möglichkeiten, das Persönliche Budget in Anspruch zu nehmen. Meine Arbeitsvermittlerin riet mir dann aufgrund meiner Qualifikation von diesem Schritt ab. Ein Anruf bei meiner Rentenversicherung, der Deutschen Rentenversicherung Bund in Berlin, rief dann totale Unkenntnis über das Persönliche Budget hervor. Somit trifft zu, was ein Budgetnehmer in einem Interview, in dem er zur Budgetberatung befragt wurde, geantwortet hat: „Die waren ja auch bei uns, haben uns auch beraten, aber das war auch so, dass die gar keine richtige Ahnung hatten, was die da beraten, weil die auch nicht richtig informiert wurden“ (S. 77).

Eine Anfrage beim nicht selbst behinderten Koordinator für die Behindertenbelange in der Stadt Witten vom 24.08.2009 verlief dann – und das war nicht anders zu erwarten – ergebnislos. Letztgenannter sagte dann: „Da wissen Sie mehr als ich!“

Eine Mitarbeiterin des Hauses Billerbeckstraße der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, Stiftungsbereich Vor Ort, Billerbeckstr. 48 in Witten äußerte dem Rezensenten gegenüber ebenso ihre Unkenntnis. Letzteres verwundert, da das vorliegende Buch ja im Rahmen eines Forschungsprojektes mit den von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel durchgeführt wurde. Berechtigterweise dürfte man also annehmen das dann die Mitarbeiterschaft über die Forschungsergebnisse bescheid weiß.

Thema

Das zu besprechende Werk befasst sich mit dem Persönlichen Budget. Hierbei handelt es sich um ein Instrument der Selbststeuerung von Unterstützungsleistungen für Menschen mit Behinderung. In diesem speziellen Fall wird der Fokus auf die Nutzung des Persönlichen Budgets von Bewohnerinnen und Bewohnern mit einer geistigen Behinderung in einer stationären Wohneinrichtung gelegt.

Das Persönliche Budget hat für Bewohnerinnen und Bewohner eines stationären Wohnheims der Behindertenhilfe ihre therapeutische Wirksamkeit darin, die Abhängigkeit wirksam zu mindern und gleichzeitig eine Erhöhung der Handlungskompetenz zu bewirken. So scheint die gesellschaftliche Aufgabe für Menschen mit Behinderung „lösbarer, wenn sie mehr Einfluss auf die Bedingungen ihrer Abhängigkeit erhalten“ (S. 19). Über eine spezifische materielle und soziale Umwelt müssen „die passenden Umstände hergestellt werden, die Abhängigkeit wirksam mindern und Handlungskompetenz erhöhen“ (ebd.).

Eben diese Umwelten, in die Menschen mit Behinderungen u. U. hineingeboren werden und sie dann über einen langen Zeitraum lebenslänglich an ein stationäres Wohnen fesseln (vgl. das vom Rezensenten iniziierte Projekt Ruhrlandheim, bei dem die Anbindung eines Bochumer Wohnheims für 55 Menschen mit einer geistigen Behinderung, zwischen 20 und 60 Jahren, an den Öffentlichen Personennahverkehr untersucht und optimiert wird), bieten Anregungen in Form einer environmental stimulation. Diese Umwelten sind für das Persönliche Budget zu nutzen.

AutorInnen

  • Markus Schäfers hat 2007 an der Technischen Universität Dortmund eine Dissertation zur Lebensqualität aus Nutzersicht abgeliefert. Hierin hat Schäfers Menschen mit geistiger Behinderung ihre Lebenssituation beurteilen lassen. Gegenwärtig ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rehabilitationssoziologie an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.
  • Elisabeth Wacker (Jahrgang 1954) hat Theologie, Germanistik, Philosophie, Soziologie und Rechtswissenschaft an der Eberhard-Karls Universität Tübingen studiert. 1980 hat Wacker ihr Diplom in Theologie bestanden und 1989 wirde sie zur Dr. rer soc. Promoviert. Gegenwärtig ist Frau Wacker Inhaberin des Lehrstuhls für Rehabilitationssoziologie an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.
  • Gudrun Wansing promovierte mit einer Dissertation über: „Teilhabe an der Gesellschaft . Menschen mit Behinderung zwischen Inklusion und Exklusion.“ Gegenwärtig ist Wansing wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Rehabilitationssoziologie an der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.

Entstehungshintergrund

„Aktuelle sozialpolitische Entwicklungen, vor allem im Kontext der Finanzierung von Rehabilitation (effektiver und effizienter Ressourceneinsatz sowie Fragen der Bemessung von Leistungen), sowie konzeptionelle Neuorientierungen (Leitideen der Selbstbestimmung, Teilhabe und Lebensqualität) gaben den Anstoß, zunächst in zwei Forschungsmodulen der Frage nachzugehen, auf welche Weise individuelle Bedarfe und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, insbesondere mit so genannter geistiger Behinderung, abgedeckt und eine selbstbestimmte Teilhabe am Gesellschaftsleben erreicht werden können – sowohl innerhalb als auch außerhalb des bestehenden Systems der Behindertenhilfe“ (S. 40).

Aufbau

Das zu besprechende Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt:

  1. Das Persönliche Budget als Steuerungsinstrument für Teilhabe;
  2. Persönliches Budget im Wohnheim: Der Modellversuch PerLe (Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität)
  3. Konzeption und methodisches Vorgehen der Begleitforschung
  4. Erfahrungen und Bewertungen
  5. Einzelfallanalysen
  6. Wie man sein eigener Chef wird, oder: Eine Fabel vom Umbau im stationären Wohnen

Inhalt

Das Persönliche Budget wird seit 2003 vom Projekt PerLe (Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität) u. a. von der Fakultät für Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund untersucht. Das Buch thematisiert das Persönliche Budget als Steuerungsinstrument für die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit einer geistigen Behinderung. Die Forschungsobjekte waren die Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Budgetassistentinnen und Budgetassistenten des Wohnheims am Stadtring in Bielefeld. Hierbei handelt es sich um eine stationäre Wohneinrichtung des Stiftungsbereichs Behindertenhilfe der von Bodelschwinghschen Anstalten Bethel.

Für PerLe stellten sich folgende Forschungsfragen:

  • „Welche Faktoren sind förderlich bzw. hinderlich bei der Umsetzung eines Persönlichen Budgets im stationären Setting? Welche Erfordernisse bringt die neue Leistungsform im Wohnheim im Hinblick auf planerische und organisatorische Aspekte mit sich (z. B. für Finanz- und Personalpolitik)?
  • Unter welchen Rahmenbedingungen und mit welcher Unterstützung können Menschen mit geistiger Behinderung Leistungen selbstbestimmt organisieren?
  • Wie entwickelt sich die Lebensführung der Bewohnerinnen und Bewohner im stationären Wohnbereich? Welche Selbstbestimmungs- und Teilhabechancen eröffnen und verschließen sich ihnen?“ (S. 61).

Die forschungsmethodische Herangehensweise war eine qualitative Evaluationsforschung.

Nach der Darstellung der Erfahrungen und Bewertungen folgen drei Einzelfallanalysen. Bei diesen Einzelfallanalysen wurden exemplarisch folgende Aspekte genauer betrachtet:

  • „Informationen aus den verschiedenen Quellen bezogen auf Einzelfälle […],
  • Qualitative und quantitative Daten im Auswertungsprozess in Beziehung gesetzt,
  • Entwicklungen stärker im Längsschnitt verfolgt und damit
  • Wirkungsaspekte des Persönlichen Budgets multiperspektivisch auf eine jeweils spezifische Lebenssituation im stationären Wohnbereich bezogen eingesetzt“ (S. 113).

Zu Beginn einer jeden Einzelfallstudie werden aufgeführt:

  • „Motive, das Persönliche Budget in Anspruch zu nehmen, und damit verbundene Erwartungen,
  • Budgetbezogene Kenntnisse und Kompetenzen, Budgetberatung und –unterstützung,
  • Budgetverwendung,
  • Bewertung des Persönlichen Budgets“ (S. 113 f.).

Diskussion

Es ist höchst interessant zu lesen wie das Persönliche Budget angenommen wird. Gerade bei den Budgetnehmerinnen und Budgetnehmern und bei den Heimmitarbeiterinnen und Heimmitarbeitern scheinen hier Differenzen zutage zu treten. So erfreuen sich die Erstgenannten an ihrer erweiterten Selbstbestimmung, wohingegen Letztgenannte befürchten überflüssig und langfristig arbeitslos zu werden. Aber wird Menschen mit Behinderung das nicht immer von der professionellen Behindertenhilfe wohlwollend so vorgeführt: „Wir wollen Euch Behinderten nur so viel Hilfe geben wie ihr braucht. Wenn ihr austherapiert seid, wollen wir für euch überflüssig sein. Das ist doch das Ziel sämtlicher Selbstbestimmungsbemühungen!?“

Fazit

Das Persönliche Budget im Wohnheim angewendet bringt neue Erfahrungen zutage, die sich der Gesetzgeber wohl in dem Maße nicht ausgemalt hat. Letztlich könnten es ja auch gerade diese Konkurrenzsituationen zwischen Budgetnehmern und Mitarbeitern sein, die das gesamte Geschäft beleben.

Lesen sollten diese Schrift:

  • Gesundheitswissenschaftlerinnen und Gesundheitswissenschaftler,
  • Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler,
  • Rehabilitationswissenschaftlerinnen und Rehabilitationswissenschaftler
  • Medizinierinnen und Mediziner,
  • Sozialplanerinnen und Sozialplaner
  • Fach- und Führungspersonal im sozialen Dienstleistungssektor.
Literatur

Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hg.): Das trägerübergreifende Persönliche Budget. Jetzt entscheide ich selbst! Auch als Version in leichter Sprache.Bonn 2008. Zu bestellen unter: info@bmas.bund.de. Tel.: 0180/5151510 (Bestell-Nr.: A 722). Fax: 0180/5151511 (Bestell-Nr.: A 722) Internet: http://www.bmas.bund.de


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 23.10.2009 zu: Markus Schäfers, Elisabeth Wacker, Gudrun Wansing (Hrsg.): Persönliches Budget im Wohnheim. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16926-2. Reihe: Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8345.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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