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Hans-Ludwig Kröber, Dieter Dölling u.a. (Hrsg.): Kriminologie und Forensische Psychiatrie

Cover Hans-Ludwig Kröber, Dieter Dölling, Norbert Leygraf, Henning Saß (Hrsg.): Handbuch der forensischen Psychiatrie. 4. Kriminologie und Forensische Psychiatrie. Steinkopff Verlag (Heidelberg) 2009. 697 Seiten. ISBN 978-3-7985-1448-5. 99,95 EUR.
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Thema

Mit Band vier legen die Herausgeber des Handbuchs der Forensischen Psychiatrie den dritten Teil der Reihe vor. In dem auf fünf Bände angelegten Kompendium soll der gesamte wissenschaftliche Bereich der Forensischen (gerichtlichen) Psychiatrie, von den kriminologischen Aspekten, über strafrechtliche und psychopathologische Grundlagen bis hin zur Kriminalprognose und eine umfassende Darstellung der kriminaltherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten im aktuellen Wissensstand zum Fachgebiet erfasst und dargestellt werden. Bisher erschienen sind Band 1 „Strafrechtliche Grundlagen der Forensischen Psychiatrie“ (vgl. die Rezension) und Band 3 „Psychiatrische Kriminalprognose und Kriminaltherapie“ (vgl. die Rezension). Für die kriminaltherapeutische Behandlung und die Erstellung von psychiatrischen und psychologischen Gutachten in Strafverfahren sind kriminologische Kenntnisse zu den Erscheinungsformen und Ursachen der Delinquenz und zur Täterpersönlichkeit von großer Bedeutung, um den konkreten Fall in seiner Besonderheit erfassen zu können. Der vorliegende Band präsentiert diese Thematik mit Beiträgen zu kriminologischen Grundlagen, zur Kriminologie und Psychopathologie spezifischer Delinquenzformen und zur Soziologie und Psychologie des Strafverfahrens.

Autoren und Überblick

Die Herausgeber des Handbuchs der Forensischen Psychiatrie sind prominente Wissenschaftler und Praktiker auf dem Gebiet der Forensischen Psychiatrie. H.-L. Kröber leitet das Institut für Forensische Psychiatrie der Charité in Berlin, N. Leygraf das entsprechende Institut der Universität Essen, womit zwei der vier deutschen Lehrstühle für forensische Psychiatrie in Deutschland vertreten sind. D. Dölling leitet das Institut für Kriminologie der juristischen Fakultät der Universität Heidelberg, womit die kriminologische Perspektive des Fachgebiets repräsentiert ist. H. Sass ist seit Jahren Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Aachen, versiert in Behandlungs- und Begutachtungsfragen. Die Herausgeber engagieren sich seit Jahren in der wissenschaftlichen Forschung. Für die einzelnen Unterkapitel des 4. Bandes des Handbuchs konnten namhafte PraktikerInnen des Fachgebiets (u. a. W. Heinz, A. Dessecker, C. Laue, G. Laux D. Hermann und S. Niehaus) gewonnen werden, deren fachliche Kenntnis zu einzelnen Schwerpunkten und speziellen Teilaspekten das Handbuch zusätzlich aufwertet.

Aufbau

Band vier des Handbuchs ist in drei Abschnitte unterteilt. Abschnitt eins ist der Kriminologie und ihren Grundlagen gewidmet. In Abschnitt zwei werden Kriminologie und Psychopathologie wichtiger Delinquenzformen beschrieben. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Soziologie und Psychologie des Strafverfahrens.

1. Kriminologie und ihre Grundlagen

Im ersten Abschnitt werden zentrale Befunde der Kriminologie über Umfang, Struktur und Entwicklung der Kriminalität, über Täter und Opfer und über Delinquenzursachen dargestellt. Diesem Abschnitt ist auch ein Kapitel über Zusammenhänge zwischen Delinquenz und psychischer Störung zugeordnet, ebenso ein dem Bereich der Viktimologie zugeordnetes Kapitel zu psychischen Folgeschäden bei Delinquenzopfern.

W. Heinz (Lehrstuhl für Kriminologie und Strafrecht der Universität Konstanz) eröffnet den Abschnitt „Kriminologische Grundlagen“ mit dem umfangreichsten Kapitel des Bandes zu „Kriminalität und Kriminalitätskontrolle“. Auf 130 Seiten wird der gesamte Wissensstand der Disziplin dargestellt und in zahlreichen Übersichten, Tabellen und Schaubildern illustriert. Hinsichtlich des Ausmaßes der Delinquenz differenziert Heinz besonders stark zwischen den statistischen Werten erfasster Kriminalität (Hellfeld) und der „tatsächlichen“ Kriminalität, also auch den polizeilich nicht verfolgten Straftaten (Dunkelfeld). Dazu werden eine Reihe offizieller Statistiken, aber auch ergänzende Erhebungsinstrumente und Forschungsansätze angeführt, welche auch den Bereich der Dunkelfeldforschung darstellen. Heinz vertritt den Ansatz, dass es „das Messinstrument für Kriminalität (nicht) gibt, sondern … verschiedene Statistiken ihre je eigene Realität widerspiegeln“ (126), die unterschiedlichen Erhebungsformen aufeinander bezogen und untereinander verglichen werden müssen, um ein realistisches Bild der Kriminalität bezüglich Umfang und Qualität erhalten zu können. Der Schwerpunkt aller (in Deutschland) begangenen Straftaten liegt mit ca. 75% bei Eigentums- bzw. Vermögensdelikten. Schwere Delikte, welche die körperliche Integrität des Einzelnen beeinträchtigen sind quantitativ betrachtet seltene Vorgänge, wobei die langfristige Entwicklungstendenz zweierlei zeigt: ein weiteres Ansteigen bei Eigentums- und Vermögensdelikten und eine Zunahme der registrierten Gewaltkriminalität, wobei dieser letzte Befund dadurch relativiert wird, dass hier ein besonders hoher Versuchsanteil und eine Zunahme von vermehrt „minder schweren Fällen“ beinhaltet sind. Ein weiterer Trend liegt in der Zunahme registrierter Jugendkriminalität. Heinz beschreibt weiter, dass es auch im Bereich der Kriminalität nicht-deutscher Täter zu einer Steigerung gekommen ist. Dieser Befund wird durch eine Reihe von Störfaktoren relativiert, etwa, dass unter die Rubrik „Ausländerkriminalität“ auch eine Reihe von „ausländerspezifischen Straftaten“ (128) fallen, welche durch deutsche Bürger nicht begangen werden können, oder dadurch dass es bedingt durch eine Untererfassung von Ausländern in der Gesamtbevölkerung zu einer Überschätzung des Phänomens kommt. „Die Staatsangehörigkeit ist jedoch weder ein kriminogener noch ein kriminoresistenter Faktor“ (129) fasst Heinz die Diskussion zusammen und fordert weitere kriminologische Forschung, welche auf eine umfassende Vergleichbarkeit von Delinquenzgruppen abzielen müsse. Umfangreich geht Heinz auch auf die Entwicklung der Unterbringungszahlen im Maßregelvollzug nach §§ 63, 64 StGB ein. Im Vergleich mit den Strafvollzugszahlen ist hier ein „zurückhaltender Gebrauch“ der Maßregeln (130) festzustellen, allerdings bei deutlich steigender Tendenz. So kam es in den vergangenen zehn Jahren z. B. zu einer Verdoppelung der Unterbringungszahlen.

Mit der Delinquenz im Lebensverlauf befasst sich ein weiteres Kapitel im Abschnitt Kriminologische Grundlagen. Boers beschreibt hier anschaulich das Paradigma der jungen Forschungsrichtung: Lebensverlaufsforschung ging in ihren Anfängen bis in die jüngste Zeit davon aus, dass eine Vielzahl von natürlich vorliegenden individuellen und sozialen Faktoren das Auftreten und den Verlauf von Kriminalität und kriminellen Karrieren beeinflusst und dass diese Einzelfaktoren allgemeine Gesetzmäßigkeiten der Kriminalität bedingen würden, welche identifiziert und dann im Rahmen von Prävention oder Behandlung beeinflusst werden könnten. Seit den 1970er Jahren wurde diese Forschung ergänzt um Geburtskohortenstudien, die anhand von Hellfeldaten (also erfasste Delinquenz) Delinquenzverläufe systematisch statistisch beschrieben haben und so deskriptive Karriereparameter entwickelt haben. Die Forschung konzentriert sich hier auf den delinquenten Verlauf und auf dessen inhaltliche Erklärung, wobei zwei Hauptströmungen der Forschungstätigkeit festzustellen sind: persönlichkeitsorientierte sowie soziologische Studien, welche sich konzeptionell stark unterscheiden. Für die Forensische Praxis sind vor allem die durch zahlreiche Studien erhobenen Karriereparameter von Bedeutung: Die Prävalenz delinquenter Personen in einer Gruppe, die Anzahl von Straftaten, Festnahmen und/oder Verurteilungen, das Lebensalter zu Beginn delinquenter Auffälligkeit, die Spezialisierung auf bestimmte Deliktarten, bzw. Abbruch der Delinquenzkarriere erlauben eine prognostische Einschätzung, welche basierend auf die im Handbuch beschriebenen Studienergebnisse, theoretisch abgesichert sind. Boers ergänzt die Darstellung zur Delinquenz im Lebensverlauf um die Befunde der soziologischen Längsschnittforschung. Aus einer Reihe von Studien stellt er relevante Faktoren heraus, welche mit Bezug auf die Kontroll-, Lern- und Anomietheorie im Sinn eines integrativen Modells Erklärungsansätze für die Entstehung von Kriminalität und deren Aufrechterhaltung bieten: Gruppendynamische Prozesse, normative Orientierung, Integration in Schule und Familie spiegeln die Abhängigkeit innerer und äußerer Prozesse wieder, welche zu Straffälligkeit führen können. Dabei gilt, dass „generelle, nicht unmittelbar delinquenzbezogene soziale Strukturmerkmale wie Ungleichheit, Bildungserfolg, familiärer Zusammenhalt … erst über die Vermittlungsebene delinquenzbezogener Gruppenbildungen oder Wertorientierungen eine größere“ (155) Bedeutung für die Entstehung von Straffälligkeit entwickeln.

In einem weiteren Kapitel wird der Genderaspekt delinquenten Verhaltens diskutiert. Hermann führt aus, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der Kriminalität durch geschlechtsspezifische Kausalmodelle erklärt werden können. Eine geschlechtsspezifische Sozialisation führt zu unterschiedlichem Umfang sozialer Kontrolle, welche internalisiert z. B. zu einer erhöhten Akzeptanz von Normen, Art der Sozialkontakte, Fähigkeit zur Selbstkontrolle etc. führen kann. Unterschiede in der Kriminalitätsbelastung können durch entsprechende Geschlechterdifferenzen in diesen Merkmalen erklärt werden, wobei derartige Erklärungsansätze, so Hermann, noch der empirischen Überprüfung bedürfen.

Zwei Kapitel zur Delinquenz von Zuwanderern und Straftatsbegehung in der Gruppe ergänzen den Blick auf besondere Teilaspekte der Kriminalität. Hartmann stellt hier das aktuelle Datenmaterial vor und ermöglicht durch deren Interpretation eine differenzierte Analyse der Gesamtsituation. Der ausländische Bevölkerungsteil scheint mit einer Beteiligung an der Gesamtkriminalität von knapp 22% überproportional als Straftäter in Erscheinung zu treten, da ihr Bevölkerungsanteil bei nur knapp 9% liegt. Hartmann belegt, dass es hier zu Verzerrungsfaktoren kommt die in der Struktur der Polizeilichen Kriminalstatistik und in Phänomenen der Bevölkerungsstruktur liegen. Diese Effekte, die Struktur der Kriminalität im Hellfeld, aktuelle Dunkelfeldstudien und Erklärungsansätze zur Entstehung des Phänomens „Ausländerkriminalität“ anhand kriminologischer Theorien (sozialstrukturelle Benachteiligung, Etikettierungstheorie, Kulturkonflikttheorie) werden ausführlich vorgestellt. Im Abschnitt zur Delinquenz in der Gruppe gibt Hartmann einen historischen Überblick um dann auf spezielle Gruppenbildungen (Autonome, Hooligans) und das Phänomen der Bandenbildung, den Terrorismus und die organisierte Kriminalität einzugehen.

In den Kapiteln zur Viktimologie (Görgen) und psychische Folgeschäden bei Delinquenzopfern (Dudeck, Freyberger) unterbricht das Handbuch die Beschäftigung mit den Tätern und lenkt den Blick auf die Opfer von Straftaten. Die Teildisziplin der Kriminologie wird umfassend in ihren speziellen Forschungsfeldern (Theorien der Viktimisierung, spezielle Viktimisierungsrisiken) und in Handlungsansätzen zur Opferhilfe beschrieben. Die Darstellung psychischer Folgeschäden bei Opfern von Straftaten basiert auf den Erkenntnissen zur Traumaverarbeitung, entsprechend nehmen die psychiatrischen Klassifikationen der Posttraumatischen Belastungsstörung und weitergehender anhaltender Persönlichkeitsänderungen breiten Raum in diesem Kapitel ein. Die Autoren präsentieren ein schematisiertes Bewältigungsmodell zur Traumaverarbeitung, welches Risikofaktoren (z. B. psychosoziale Variablen), Ereignisfaktoren (z. B. Dauer, Schweregrad der Schädigung) und Schutzfaktoren (z. B. soziale Unterstützung) berücksichtigt. Wertvoll ist die Zusammenfassung der aktuellen Befunde zur transgenerationalen Traumatransmission und zur Gewalttransmission. Hier wird, belegt durch zahlreiche Studien, nachvollzogen, wie es auf dem Boden von direkter oder indirekter Opfererfahrung im Verarbeitungsprozess zu späterer Delinquenzentwicklung kommen kann. In diesem Zusammenhang werden auch bindungstheoretische Erklärungsmodelle vorgestellt.

Theorien zur Entstehung von Kriminalität werden im Grundlagenabschnitt von ihren Anfängen im 18. Jahrhundert (Lombroso) bis zu aktuellen Diskussionsbeiträgen (feministische Kriminalitätstheorie, konstruktivistische Kriminalitätstheorie, voluntaristische Kriminalitätstheorie) vorgestellt. Hermann gelingt hier ein in aller Kürze differenzierter Einblick in die Thematik der deutlich macht, dass vielschichtige Hintergründe zur Delinquenzentwicklung führen, welche nicht durch einen einzigen Erklärungsansatz, oder eine Theorieschule umfassend erklärt werden können.

Den Abschluss des Grundlagenabschnitts bilden Ausführungen Kröbers zu Zusammenhängen zwischen psychischer Störung und Delinquenz. Entsprechende Erklärungsansätze aus medizinisch-psychiatrischer Sicht ergänzen hier die in den vorangestellten Kapiteln angeführten Theorien zur Kriminalitätsentstehung. Der von Kröber hier verwendet Krankheitsbegriff wurde bereits in Band 1 des Handbuchs publiziert: „Krankheit ist eine schicksalhaft hereinbrechende, leiblich vermittelte Zustandsveränderung, die die betroffene Person nicht willentlich negieren kann, die sie tatsächlich unfrei macht. Unfrei wird sie durch die weitgehende oder völlige Aufhebung wichtiger Funktionen“ (328). Kranksein ist demnach das „Nicht-Können“ aufgrund von Funktionsdefiziten, etwa wenn im Zusammenhang mit einer Psychoseerkrankung Wahnvorstellungen eine zuvor funktionierende und mit der Persönlichkeit fest verankerte Wert- und Normorientierung verunmöglichen, bzw. zerstören. Grundsätzlicher ist die Problematik des „Nicht-Könnens“ beim Krankheitsbild der Persönlichkeitsstörung. Diese Störung ist i. d. R. durch eine deutliche Unausgeglichenheit in den Einstellungen und im Verhalten gekennzeichnet, Hintergrund sind Probleme in der Affektivität, im Antrieb, im Denken und Handeln, sowie in der Impulskontrolle. Die Folge eines solchen Störungsbündels sind häufig Probleme in einer mangelhaften Normorientierung und in der Beziehungsgestaltung. Strafbare Handlungen sind hier nicht Ausdruck eines Bruchs einstmals erworbener Wert- und Normorientierung, sondern stehen für eine grundsätzlich nicht an sozialen Regeln orientierten Denk-, Erlebens- und Verhaltensweise. Dazu Kröber abschließend: „Dies alles sind Faktoren, die sich… mit anderen Interessen zu der Erwartung verbinden können, durch eine Straftat komme man für heute besser über die Runden“ (335).

2. Kriminologie und Psychopathologie wichtiger Delinquenzformen

Abschnitt zwei des Handbuchs verortet das Phänomen Delinquenz in sozial-strukturellen und individuellen Prozessen. Dazu werden wichtige Delinquenzformen unter kriminologischen und psychopathologischen Gesichtspunkten analysiert und beschrieben. Zu den Deliktbereichen Gewaltdelinquenz, Sexualdelikte, Eigentumsdelikte, Drogendelinquenz, Straßenverkehrsdelikte und politisch motivierte Straftaten werden jeweils juristische Grundlagen, Befunde zu Ausmaß und Verbreitung, epidemiologische, ätiologische und psychopathologische Aspekte und spezielle Tätertypen beschrieben. In den einzelnen Unterkapiteln wird jeweils der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand zusammengefasst, das vorliegende statistische Material teilweise in optisch gut aufgearbeiteten Tabellen präsentiert. Die Herausgeber haben für diesen Abschnitt namhafte Autoren gewonnen, welche ihr jeweiliges Spezialgebiet nicht nur umfassend, sondern jeweils auch anschaulich darstellen. Für den Praktiker ergibt sich so ein differenzierter Einblick in die einzelnen Deliktbereiche.

Dölling und Laue gehen in ihrem Beitrag zur Sexualdelinquenz z. B. auf spezielle Deliktgruppen (Pornografiedelikte, sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen) ein, Dessecker beleuchtet den Aspekt der Legalbewährung und die Problematik von Kriminalitätskarrieren, Kröber stellt das klinische Erscheinungsbild von Sexualstraftätern vor. Dabei wird deutlich dass die Gruppe der Sexualstraftäter höchst inhomogen ist. Art und Ausmaß der Delinquenz, Tatmotive und Rückfälligkeit unterscheiden sich erheblich. Der Praxiswert des Handbuchs erweist sich besonders in diesem Abschnitt des vierten Bandes: Grundlagen für Begutachtung und Behandlung werden hier aus interdisziplinärer Perspektive zusammengetragen. Alle relevanten Teilaspekte der vorgestellten Deliktgruppen, werden z. B. hinsichtlich der Deliktmotive und des Krankheitsgeschehens analysiert. So finden sich z. B. im Kapitel zur Drogendelinquenz umfassende Hinweise zur Entstehung von Abhängigkeitserkrankungen, zum Aspekt der Beschaffungskriminalität, zur Psychodynamik bei Drogenabhängigen und zu biografischen Entwicklungsaspekten. In den einzelnen Kapiteln wurde jeweils auch versucht, eine grafische Zusammenschau des multifaktoriellen Bedingungsgefüges der jeweiligen Störungs- und Deliktgruppen zu erstellen. Im Abschnitt zur Drogendelinquenz ist beispielsweise eine Grafik enthalten (502), welche die komplexen bio-psycho-sozialen Aspekte dieses Deliktbereichs überzeugend zusammenfasst.

3. Soziologie und Psychologie des Strafverfahrens

Der letzte Abschnitt des Bandes befasst sich mit der Soziologie und Psychologie des Strafverfahrens. Das Strafverfahren wird dabei als arbeitsteiliger Prozess aufgefasst, in dem der Rechtsfrieden durch staatlich legitimierte Institutionen und Maßnahmen wiederhergestellt werden soll.

Unter einer Soziologie des Strafverfahrens versteht Hermann ein „Arbeitsprogramm … das erstens die normativ vorgegebenen Aufgaben und die tatsächlich durchgeführten Handlungen der beteiligten Organisationen … sowie Veränderungsprozesse beschreibt und zweitens Entscheidungen dieser Einrichtungen erklärt und verstehend interpretiert.“ Die Entscheidungsprozesse der am Strafverfahren Beteiligten erklärt Hermann durch ein „Trichtermodell“, d. h. die Festlegung, in welchen Fällen es zu einer Verurteilung mit Haftstrafe, zu Bewährungsstrafen, oder zu Erledigung und Einstellung von Strafverfahren kommt. Dabei spielen normative, aber auch arbeitsökonomische Aspekte eine Rolle. Im Strafverfahren kommt es zu einem Prozess der stufenweisen Reduzierung von Komplexität (der Realität), etwa wenn es um die Beweisbarkeit des Tatverdachts, oder um die Festlegung der Tatschwere und der Tatschuld geht.

Niehaus, Englich und Volbert eröffnen den abschließenden Beitrag des Handbuchs zur Psychologie des Strafverfahrens mit einer Aufzählung psychologischer Momente, welche in gerichtlichen Prozessen zum Tragen kommen: „Im Rahmen von Strafverfahren wird verhandelt, begutachtet, befragt, überzeugt, gelogen und entschieden. Verlauf und Ausgang des Verfahrens haben unmittelbare Bedeutung für die von den beteiligten Parteien empfundene Verfahrensgerechtigkeit“ (662). Damit sind verschiedene psychologische Phänomene wie Wahrnehmung, Eindrucksbildung, Glaubwürdigkeitsattribution und mentale Prozesse, die richterlichen Entscheidungen zu Grunde liegen angesprochen, welche wiederum Gegenstand psychologischer Betrachtung und Forschung sind. Die Autoren referieren die (übersichtliche) Forschungslandschaft zu dieser Thematik, welche sich mit Einflüssen von Richtermerkmalen (z. B. Einstellungsvariablen), Einflüssen von Tätermerkmalen (z. B. Ethnizität), Einflüsse der Art der Präsentation von Informationen (z. B. Sprache), sowie Ankereffekte im juristischen Kontext (z. B. Zusammenhang zwischen staatsanwaltlicher Forderung und richterlicher Entscheidung) und Ankereffekte zu Grunde liegender kognitiver Prozesse (z. B. subjektive Wahrnehmung, kognitive Verzerrung) befasst. Als Schlussfolgerungen dieser Befunde für die Rechtspraxis entwickeln die Autoren abschließend einen Aufgaben- und Qualitätssicherungskatalog, der Aspekte wie reflektierter Umgang mit eigenen Einstellungen der beteiligten Institutionsvertreter, Auswirkungen von Strafverfahren auf das Opfer (Retraumatisierung, sekundäre Viktimisierung), verfahrensverursachte Langzeitschädigungen, sowie weitere Belastungsfolgen für Straftäter und Opfer umfasst.

Zielgruppe

Das Handbuch der Forensischen Psychiatrie wendet sich zunächst an Juristen, Gutachter und Behandler im Bereich der Forensischen Psychiatrie. Da Forensische Fragestellungen in zunehmendem Maße auch in nicht-forensischen Arbeitsfeldern, etwa in der Bewährungshilfe oder in der Sozialpsychiatrie an Bedeutung gewinnen, profitieren auch die dort tätigen Mitarbeiter aus allen Berufszweigen. Die gründliche Darstellung kriminologischer Grundlagen und der aktuellen kriminologischen Forschungslandschaft dürfte für Praktiker und Studenten unterschiedlicher Fakultäten in Gesundheits- und Sozialberufen von hohem Interesse sein.

Fazit

Den Herausgebern gelingt auch mit dem dritten Band der Handbuchreihe (der als Band vier editiert wird) erneut und überzeugend den interdisziplinären Charakter Forensischer Psychiatrie herauszuarbeiten. Kriminologie als theoretischer Bezugsrahmen bildet dabei eine Folie, den Hintergrund, vor dem einzelne Straftaten und Straftäter eingeordnet und erfasst werden können. In der Zusammenschau kriminologisch-struktureller Momente und individuell-psychopathologischer Erklärungsansätze erreichen Herausgeber und Autoren eine beeindruckende fachliche Tiefe, welche der Bedeutung des Gegenstands Forensischer Psychiatrie mehr als gerecht wird.

Der Schwerpunkt kriminologischer Forschung liegt auf der Beschreibung von Auffälligkeiten, Delinquenz, Delinquenzkarrieren und Risikofaktoren. Die Hinwendung zu Protektivfaktoren welche z. B. vorhandene Risikofaktoren moderieren oder gar verhindern können, steht in der kriminologischen Forschung noch weitgehend aus, (neuere) ressourcenorientierte Forschung welche z. B. Aspekte der Resilienztheorie und des Bewältigungsverhaltens betont, kommen entsprechend im vorliegenden Band zu kurz.

Handbücher schaffen Standards. Im vorliegen dritten Teil des Handbuchs „Kriminologie und Forensische Psychiatrie“ wird dabei der state of the art zusammengefasst. Die Perspektive der Herausgeber zielt dabei konsequent auf Interdisziplinarität. Delinquenz wird dabei in seiner sozial-strukturellen, biologischen und psychisch-internalen Dimension verortet. Das Handbuch erweist sich weiter auch als richtungsweisende Publikation die Innovationen, etwa zur Soziologie des Strafverfahrens, oder psychologischen Aspekten in gerichtlichen Verfahren aufweist. Der hohe Preis für den Band mag zunächst abschrecken. Allerdings bieten die Herausgeber dem Leser eine gut lesbare, dabei immer fachlich und wissenschaftlich fundierte Lektüre, die von international renommierten Wissenschaftlern verfasst worden ist. Der Anspruch, eine umfassende Darstellung der kriminologischen Grundlagen Forensischer Psychiatrie, auch der fachlichen Verflechtung beider Disziplinen zu verfassen ist vollständig gelungen. Spätestens mit der Veröffentlichung des dritten Bandes der insgesamt fünfbändigen Handbuchreihe wird deutlich, dass Herausgebern und Verlag nicht die Veröffentlichung eines Handbuchs, sondern des Handbuchs der Forensischen Psychiatrie gelungen ist.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 10.11.2009 zu: Hans-Ludwig Kröber, Dieter Dölling, Norbert Leygraf, Henning Saß (Hrsg.): Handbuch der forensischen Psychiatrie. 4. Kriminologie und Forensische Psychiatrie. Steinkopff Verlag (Heidelberg) 2009. ISBN 978-3-7985-1448-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8347.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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