Suche nach Titel, AutorIn, RezensentIn, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Beatrice von Bismarck, Therese Kaufmann u.a. (Hrsg.): Nach Bourdieu. Visualität, Kunst, Politik

Rezensiert von Prof. Dr. em. Christel Hafke, 26.05.2010

Cover Beatrice  von Bismarck, Therese Kaufmann u.a. (Hrsg.): Nach Bourdieu. Visualität, Kunst, Politik ISBN 978-3-85132-527-0

Beatrice von Bismarck, Therese Kaufmann, Ulf Wuggenig (Hrsg.): Nach Bourdieu. Visualität, Kunst, Politik. Eine Publikation des EIPCP im Rahmen von translate beyond culture: the politics of translation. Turia + Kant (Wien) 2008. 361 Seiten. ISBN 978-3-85132-527-0. 26,00 EUR.
Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Zählpixel

Entstehungshintergrund. Absicht und Thema

Dem Buch liegt das Projekt „translate“ im Jahre 2007 zugrunde, in dem sich die Leuphana Universität Lüneburg zum Thema „Representations of the Other: The Visual Anthropology of Pierre Bourdieu“ in Kooperation mit zwei weiteren Städten (Leipzig und Berlin) bestimmten Aspekten des Bourdieuschen Werkes widmete.

Drei Besonderheiten in der Rezeption von Bourdieus Werk waren für die Veranstaltenden von Bedeutung: „die Leerstelle bei der Berücksichtigung der visuellen Aspekte seines Werkes, die vernachlässigte Diskussion der auf bildende Kunst bezogenen Teile seiner Arbeit und (…) das lange Zeit im deutschsprachigen Raum übergangene und übersehene grundlegende Element seiner politischen Haltung in seinem Frühwerk.“ (9)

Obwohl Bourdieu in vielen politischen Feldern und in der Wissenschaft als eine wesentliche Referenz angenommen werden kann, wurden die genannten Fragen bislang kaum beachtet. Dies gilt den Herausgebern gleichsam als Legitimation für ein neues – ein weiteres – Buch über Bourdieu.

Die zum Austausch „Nach Bourdieu“ geladenen WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen sollten sich dieser Formulierung mit „Offenheit gegenüber allen Konnotationen (…) von einer aneignenden Approbation des Autors bis zum Versuch seiner Überwindung“ (9) nähern.

In der Einleitung des Buches rahmen die Herausgeber kurz die zur Diskussion stehenden Fragen: Bourdieu hat sich wie kaum ein anderer Soziologe intensiv mit Kolonialismus, Dekolonialisierungskriegen und postkolonialen Bedingungen befasst. Doch außerhalb des Französisch sprechenden Raumes, blieb dies weitgehend unbeachtet. Ebenso seine Kritik an Frantz Fanon, der „Generationen von gewaltverherrlichenden GuerillakämpferInnen der Dritten Welt und der Metropolen inspirierte“ und heute „zu den kanonischen AutorInnen der an US-Universitäten entwickelten Postcolonial Theory“ (10) gehört. Aufgrund seiner Forschungen in Algerien nahm Bourdieu an, dass Fanon (und auch Sartre) sich mit ihrer Einschätzung hinsichtlich eines revolutionären Potenzials unter den algerischen Bauern irrten und trat deren voluntaristischen Prognosen mit Entschiedenheit entgegen. Bauernschaft und Subproletariat in Algerien, durch Krieg und Vertreibung nurmehr den unmittelbaren Subsistenzbedingungen unterworfen, würden nicht in der Lage sein, ein revolutionäres Potenzial zu entwickeln.

Bourdieus Einschätzung wird durch seine Fotografien dieser marginalisierten Bauern, Bäuerinnen und Arbeitslosen dokumentiert. Seine Bilder transportieren Aussagen, sie sind keinesfalls nur „Illustration oder Dekor“, sie fungieren als „Exemplifikation und Evidenz“ (11).

Kein anderer Soziologe hat derart viele Bilder und Grafiken eingesetzt. Doch die „Bedeutung der Bildpolitik“, die Bourdieu sehr wohl bewusst war, blieb bei der Übertragung in andere Sprachen weitgehend verkannt.

Auch Bourdieus Theorie des künstlerischen Feldes (Les règles del‘art) wurde kaum wahrgenommen. Es „blieb weitgehend künstlerischen Praxisformen vorbehalten, Bourdieus Feldtheorie der Praxis in eine Praxis der Kunst und Kultur zu überführen“. (13)

Das hier vorliegende Buch thematisiert eine „Politik im visuellen Feld“ (13), Kooperationen und Synergien, aber auch Macht und Rivalität, die die Produktions-, Rezeptions- und Distributionsbedingungen und damit die Positionierungen im Feld durchziehen. Die kritische Auseinandersetzung mit diesen das künstlerische Feld bestimmenden Relationen verweist auf eine Praxis, „die weniger Regeln oder Produkte als (vielmehr, C.H.) Strategien und Handlungsräume in den Blick nimmt (…) und die Bedingungen des eigenen Denkens und der eigenen Praxis einschließlich der Prozesse der „Verschleierung“ und „Verkennung“ (…) zu begreifen“ (15) sucht.

Aufbau und Inhalte

Das Buch gliedert sich in 3 inhaltliche Zuschnitte:

  1. Visuelle Politiken / Algerien
  2. Praxis der Theorie/Politik
  3. Kunstfeld/Praxisformen

1. Visuelle Politiken / Algerien

Der erste Abschnitt befasst sich mit Bourdieus Arbeit in Algerien, seiner fotografischen Praxis und deren Bedeutung für seine soziologischen Annahmen.

Franz Schultheis fragt in seinem Beitrag „Spurensicherung. Vom fotografischen Zeugnis zur dichten Beschreibung im Werk Pierre Bourdieus“ nach dem Status des über 3000 Fotos umfassenden Bildarchivs „für Bourdieu selbst wie auch für die Rezeption seines Werks.“ (33) Schultheis verdeutlicht, dass Bourdieu das Fotografieren als eine spezifische Art und Weise zu schauen oder sich zu erinnern verstand, als eine Art „nützlicher Türöffner bei der Feldforschung“ (35), als ein Instrument bei der Entwicklung spezifischer Fragestellungen.

Auch im Text von Christine Frisinghelli „Fotografieren im Kontext. Pierre Bourdieu in Algerien“ geht es um die Komplementarität zwischen Wort und Bild, die am Beispiel der Algerienstudien Bourdieus veranschaulicht wird und an der das Ineinandergreifen von politischem Engagement und wissenschaftlicher Reflexion aufgezeigt wird: „Mit seiner Theorie über die ökonomischen Bedingungen eines Zugangs zur Rationalität attackiert Bourdieu frontal die rassistischen Stereotype einer algerischen Bevölkerung, die angeblich praktisch nicht fähig ist, modernisiert und zivilisiert zu werden.“ (64) Bourdieus Fotografien und Texte zeichnen den vormodernen Menschen in seinem Habitus und Ethos voller Würde. Ihm dient die „Ethnosoziologie als Mittel für die Rehabilitierung der traditionalen Kulturen.“ (64)

Beatrice von Bismarck zielt in ihrem Beitrag „Auf dem Weg zum ‚Gipfel der soziologischen Kunst.‘ Pierre Bourdieus selbstreflexive Praxis im Licht des fotografischen Archivs“ darauf ab, einige sozial und politisch motivierte Strategien Bourdieus im Umgang mit seiner fotografiebezogenen Forschung freizulegen. Erst 2001 willigte Bourdieu in die Veröffentlichung seiner Fotografien ein, die bis dahin weitgehend unsichtbar und unbekannt waren. Vorher wurden lediglich einzelne als Cover seiner französischen Buchausgaben verwendet. Die von Bourdieu heruntergespielte Bedeutung der Fotos als „nicht hinreichend seriös und wissenschaftlich“ oder „narzisstisch und selbstgefällig“ (76) interpretiert von Bismarck als „eine Selbstpositionierungsstrategie im wissenschaftlichen Feld“ (76). Fotografische Forschungsverfahren spielten in der Soziologie keine Rolle und das Bild war früh aus der Soziologie verbannt worden. Bourdieu, der als Philosoph in das selbst erlernte Gebiet der Soziologie und Anthropologie gewechselt war, unterwarf sich hiermit freiwillig den geltenden Gepflogenheiten.

Christian Kravagna beschreibt „Bourdieus Fotografie der (soziokulturellen) Gleichzeitigkeit“ als einen Beitrag, das Eigene und das Fremde in einem gemeinsamen historisch-politischen Raum zu koppeln. Diese „Chronopolitik der ethnografischen Repräsentation“ (94) stellt heraus, „dass Bourdieu an einem Bild der Gleichzeitigkeit gelegen ist, welches er oft durch Kontrastierung des scheinbar Ungleichzeitigen herzustellen sucht.“ (94) Damit widerspricht er dem herrschenden kolonialen Blick.

Christoph Behnke und Ulf Wuggenig greifen in ihrer Darstellung „Pierre Bourdieu in Algerien. Eine chronologische Darstellung“ die bereits erwähnte Auseinandersetzung Bourdieus mit Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ und seine sowohl Sartre als auch Fanon widersprechende Einschätzung des revolutionären Potenzials der algerischen Bauern wieder auf.

Der Beitrag der beiden Autoren verbindet Stationen des Lebensweges Bourdieus mit seinen theoretischen und praktischen wissenschaftlichen Arbeiten: Ausgehend von seinem eigenen ungewöhnlichen Aufstieg aus einfachsten Verhältnissen und seinem - durch die Bewegung in verschiedenen sozialen Welten – „zerrissenen Habitus“ bis zu den Merkwürdigkeiten in der Rezeption seiner Werke (er wird überwiegend als Lebensstilforscher über die feinen Unterschiede in westlichen Gesellschaften wahrgenommen (114); die erste Ausgabe seiner letzten Vorlesung am Collège de France erscheint zuerst auf deutsch (122); feldspezifische Konflikte und Rivalitäten um symbolisches Kapital mit seinen Schülern (115)…). Doch erst die ethnosoziologische und politische Dimension gerade seiner Algerienforschungsarbeiten lassen – so die Autoren – ein Bild Bourdieus in seiner ganzen Bedeutung entstehen.

Christoph Behnke untersucht in seinem Text „Fotografie als illegitime Kunst. Pierre Bourdieu und die Fotografie“, wie Bourdieu die Fotografie - ein in der wissenschaftlichen Welt illegitimer Forschungsgegenstand – zur Unterwanderung akademischer Gepflogenheiten nutzt, indem er an diesem Gegenstand die Fragen wissenschaftlicher und künstlerischer Methodologie aufzieht. Bourdieu macht sich stark für „eine Wissenschaft, die den Prozess der Verinnerlichung von Objektivität als Klassenhabitus und Klassenethos selbstreflexiv auf die Grundlagen soziologischen Denkens beziehen möchte.“ (133) Bourdieu wendet sich gegen den Begriff der Massenkultur, denn für ihn verbirgt sich darin ein antisoziales Moment. Er sieht in der Fotografie ein „populäres Medium der Bestätigung des Sichtbaren“ (135), das an eine kulturspezifische Weise des Sehens anknüpft. Bourdieus Blick auf die „Differenzierungsprozesse in der Aneignung der Fotografie (bedeutet) eine Gegenposition zu den TheoretikerInnen der Massenkultur, die insbesondere die homogenisierende Wirkung dieses Mediums beklagt haben“ (138).

Ulf Wuggenig widmet sich in seinem Beitrag „Die Übersetzung von Bildern. Das Beispiel von Pierre Bourdieus La distinction“ der Vernachlässigung von fotografischem Material bei Übersetzungen und exemplifiziert dies an Bourdieus meist zitierter Studie „La distinction“, die Wuggenig einen soziologischen Klassiker des 20. Jahrhunderts nennt. Er beschreibt, wie das von Bourdieu gewählte Bildmaterial bei den Übersetzungen vernachlässigt und verändert wurde: „Bilder werden ohne weitere Begründungen eliminiert, angeschnitten, ausgetauscht, verdreht, in Formaten und Kontrasten verändert, ihrer Legenden und Referenzen beraubt.“ (185) Wuggenig sieht in dieser Abwertung von Bildern als Paratext „eine Hierarchisierung von Wort und Bild“ (186), die auch im Zeitalter des pictorial turn nicht durchbrochen scheint.

2. Praxis der Theorie/Politik

Im zweiten Abschnitt des Buches „Praxis der Theorie/Politik“ geht es um politische Dimensionen und Implikationen der Bourdieuschen Theorie als einer Feldtheorie. Dabei herausgestellt wird „eine entscheidende Differenz gegenüber den philosophischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen (…), die sich auf AkteurInnen oder AktorInnen und deren Handeln und Verhalten beziehen, aber auch gegenüber Traditionen, die „Diskurse“ ins Zentrum der Analysen stellen.“ (21)

Ruth Sonderegger widmet sich in „Praktische Theorien?“ der Frage, ob „Bourdieu nicht nur ein Theoretiker der Praxis, sondern auch ein Praktiker der Theorie ist“ (197) und ob seine Theorie nicht auch reale Veränderungen hervorbringt. Die Praxisfelder, die Bourdieu untersucht hat, sind solche, in denen sich „der Schein des Natürlichen (…) hartnäckig und mit struktureller Gewalt einquartiert hat“ (199) und ihm das „Explizieren der Spielregeln besonders notwendig erscheint.“ Seine Untersuchungen zielen darauf, wie diese unterschiedlichen Normalitäten in Machtverhältnisse verstrickt sind. Diese Art der gesellschaftlichen Analyse sieht die Autorin durchaus als eine Praxis der Theorie. Hinzu kommt seine Reflexion über das Eingebettetsein in die eigene alltägliche Praxis auch des Wissenschaftlers. Die Autorin zeigt auf, dass, obwohl Bourdieu künstlerische Felder untersucht hat, gerade dort ästhetische Strategien bei ihm nicht vorkommen, wenngleich sein Theorie-Praxis-Komplex letztlich auf diese verweist. Bourdieu hat „ästhetische Techniken als Erkenntnismöglichkeiten lange nicht ernst genommen.“ (206)

Larissa Buchholz geht im Text „Feldtheorie und Globalisierung“ von der Frage aus, „ob Globalisierung eher mit kultureller Homogenisierung oder mit wachsender Heterogenität verbunden ist.“ (212) und versucht, das feldtheoretische Paradigma auf eine transnationale Ebene zu holen. Am Beispiel von Bienalen weist sie nach, dass eine Transnationalisierung keineswegs zur Verschiebung oder Auflösung von Zentrum-Peripherie-Verhältnissen geführt hat; im Gegenteil: der künstlerische Wettbewerb und die überkommenen Hierarchien haben sich verschärft und die Dominanz der symbolischen Anerkennung westlicher Künstler dauert ungebrochen an. Westliche Wahrnehmungs- und Bewertungsschemata werden von nichtwestlichen Künstlerinnen inkorporiert und zum Teil in Strategien der Selbstexotisierung bewusst inszeniert. ‚Ethnizität‘ als ein Einstufungsmerkmal bedeutet die „Zuschreibung von irreduzibler kultureller ‚Differenz‘“ (225) und führe direkt in eine Ghettoisierung. Kontingente ethnischer „Lücken“ fungieren „als Alibi für ‚kulturelle Diversität‘.“ (226)

Nirmal Puwar wendet sich in ihrem Beitrag „Bourdieu, postkolonial. Anmerkungen zu einem Oxymoron“ gegen verkürzte Rezeptionsweisen von Bourdieus Theorie, sei es als Klassentheoretiker (ohne diesen Begriff mit Rassismus zusammenzudenken), sei es als Anthropologe (ohne seine kritische Haltung gegenüber dem Kolonialismus). Puwar fragt, auf welche Weise Bourdieus Theorie in die Postkolonial Studies hineinragt, wo die Verbindungslinie zu den postkolonialen Diskursen ist.

Jens Kastner thematisiert in seinem Beitrag „‘Nützliche Schemata‘. Bedingungen und Bedeutungen künstlerischer Praktiken bei Antonio Gramsci und Pierre Bourdieu“. Während mehrere Beiträge des Buches Bourdieu und Fanon in Beziehung setzen, stellt Jens Kastner eine Verbindung zu Gramsci her. Neben vielen Unterschiedlichkeiten beider Theorien sieht Kastner auch Gleichklang und macht folgende Anknüpfungspunkte für seine Überlegungen aus: erstens die „Konzeption von Kultur und (die) Rolle, die sie für die Reproduktion und Veränderung von Herrschaftsverhältnissen einnimmt und zweitens (…), welche Rolle künstlerische Arbeiten – als ein kleiner Teilbereich kultureller Praktiken – bei dem einen wie dem anderen potenziell einnehmen.“ (249)

Kultur wird bei Gramsci sowie bei Bourdieu historisch gesehen und als an Praxis gebunden verstanden. Wo Gramsci von „nützlichen Schemata“ spricht, nennt Bourdieu die körperlich gewordenen Denk- und Wahrnehmungsschemata „Habitus“. Beide Autoren weisen in der Frage nach gesellschaftlicher Veränderung auf eine notwendige Arbeit an symbolischen Machtverhältnissen. Doch unterscheiden sich beide Ansätze in den forschungsstrategischen und politischen Konsequenzen: während es für Gramsci Ziel einer revolutionären Veränderung ist, Hegemonie zu erringen und eine Verschiebung gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse dahingehend anzustreben, lässt sich symbolische Macht (Bourdieu) weder erringen, noch soll sie angestrebt werden.

Während für Gramsci Kultur und gesellschaftlicher Fortschritt zusammengehören, macht Bourdieu in der Kultur vor allem unterdrückerische Momente aus, Herrschaftseffekte, die gesellschaftliche Machtverhältnisse stabilisieren. Auch kann er in den populären Kulturproduktionen kein kritisches oder „Eigensinn entfaltendes Potenzial“ (258) ausmachen.

Helmut Draxler verdeutlicht in seinem Text „Der Habitus des Kritischen. Über die Grenzen reflexiver Praxis“, dass Kritik mit Widersprüchlichkeit und Ambivalenz leben muss. Kritik ist nicht nur durch ein „ äußerst ambivalenten Verhältnis zur Macht“ gekennzeichnet, „sie lässt sich auch als inkorporiertes Kapital verstehen, und die noch so radikale Infragestellung des „Systems“ kann deshalb unter Umständen der präzise Ausdruck ebendieses Systems sein.“ (269/270) „Indem sie Werthorizonte einführt, Kontexte zum Sprechen bringt oder praktische Konsequenzen nahe legt, überschreitet die Kritik die Logik der reinen Theorie.“ (267)

3. Kunstfeld/Praxisformen

Im dritten und letzten Abschnitt des Buches „Kunstfeld/Praxisformen“ steht die Auseinandersetzung mit dem Habitus und Praxisformen im Hinblick auf das künstlerische Feld und visuelle Kunst im Mittelpunkt.

Oliver Christin hinterfragt in seinem Artikel „Der Habitus und die Sprache des Kunstwerks“ kritisch Bourdieus Habitusbegriff und überlegt, ob dieser nicht einer Handlungstheorie entgegensteht, „die sehr wohl in der Lage ist, sich Veränderung, Anpassung an nicht gekannte Situationen, Kreativität, Innovation oder Revolution vorzustellen.“ (279) Gibt Bourdieu nicht mit der dem Habitus anhaftenden Trägheit (Hysterese) letztendlich einem Determinismus nach? Christin geht diesen Fragen hinsichtlich der operationalen Wirkungsmacht des Habitus exemplarisch an zwei Darstellungen zu den Zehn Geboten nach und skizziert einen umfassenden Rahmen für die Wirkung des sozialen Feldes.

Andrea Fraser greift in ihren Überlegungen “Es geht um Kultur” Bourdieus Begriffe wie kulturelles und symbolisches Kapital, Markt und relative Autonomie von Kunst auf und reflektiert diese anhand ihrer eigenen künstlerischen und kulturkritischen Praxis. Für sie ist es gerade die illusio (Bourdieu), „die die Kunst davor bewahrt, sich vollständig in die Welt von Luxuskonsumartikeln oder Finanzspekulationsinstrumenten aufzulösen.“ (301)

Auch Isabelle Graws Blick richtet sich in “Learning from Bourdieu” auf den Wandel der Beziehungen im künstlerischen und ökonomischen Feld und ihre Verknüpfung mit dem Machtfeld. Vor diesem Hintergrund befragt sie einige der bourdieuschen Begriffe daraufhin, ob diese (Feld, relative Autonomie, verkehrte Welt) den heute veränderten Strukturen von Kunst und Markt gerecht werden. Dabei versucht sie für sich als Kunstkritikerin Bourdieus Forderung nach Selbstreflexivität zu adaptieren.

Zur Untersuchung der damit einhergehenden Frage nach dem Umgang mit der eigenen Macht wählt Ines Champey in ihrem Artikel „Gebrauch und Nichtgebrauch von Pierre Bourdieus selbstkritischem Erbe im Feld der Kunst” zwei unterschiedliche Bezugspunkte: die künstlerischen Strategien von Hirschhorn und Fraser. Gerade die Tendenzen zur Naturalisierung gesellschaftlicher Machtverhältnisse veranlasst sie, den Blick auf hierarchisierende Strukturen in Kunst und Gesellschaft zu lenken, zum Beispiel, wenn „Hirschhorn die obskurantische Variante des quasi göttlichen Künstlers praktiziert und verewigt.“ (328) Fraser dagegen, die sich psycho- und sozioanalytischer Methoden in ihrer Institutionenkritik bedient, scheint eher einer sozial verantwortlichen Bildpolitik zuzuarbeiten.

John Miller geht in seinem Aufsatz “Die gesellschaftlich gebilligte Liebe” von dem Sachverhalt aus, dass sowohl Kunst als auch Beziehungen kapitalistischen Gesetzten unterworfen sind und der Struktur des Warentausches unterliegen. Er zeigt ein widersprüchliches Beziehungsgeflecht auf zwischen Kunst, Kommodifikation und sexuellen Beziehungen und verweist dabei auf die „latente Gewalt des ästhetischen Geschmacks als symbolische Gewalt“ (335)

Fazit

Dieses Buch zeichnet sich durch eine große thematische Fülle in Einzelbeiträgen und eine Tiefenschärfe in der Gesamtkonzeption des dem Buch zugrunde liegenden Symposiums aus. Die Beiträge sind in einer stringenten sinnvollen Weise gebündelt und angeordnet, so dass auch mit dieser Thematik wenig vertraute Leser gut einen Zugang finden können.

Mit den drei zugrunde gelegten Fragen wird Neuland innerhalb der Bourdieurezeption betreten. Für Menschen, die im Bereich der Bildenden Künste tätig sind, aber auch andere Kulturschaffende bietet dieses Buch eine ungemeine Bereicherung.

Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
Mailformular

Es gibt 25 Rezensionen von Christel Hafke.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 26.05.2010 zu: Beatrice von Bismarck, Therese Kaufmann, Ulf Wuggenig (Hrsg.): Nach Bourdieu. Visualität, Kunst, Politik. Eine Publikation des EIPCP im Rahmen von translate beyond culture: the politics of translation. Turia + Kant (Wien) 2008. ISBN 978-3-85132-527-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8357.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht