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Manfred Gerspach: Psychoanalytische Heilpädagogik

Cover Manfred Gerspach: Psychoanalytische Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. 240 Seiten. ISBN 978-3-17-020617-5. 26,00 EUR.
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Thema

In der Heilpädagogik als Teildisziplin haben sich mit dem Integrations- und schließlich Inklusionsparadigma entscheidende Wandlungen vollzogen. Inwiefern diese zunächst theoretischen Begriffe tatsächlich in praxi zum Wohle des Subjekts gereichen, ist jedoch fraglich. Psychoanalytische Erkenntnisse können hier eine Hilfe sein, das tatsächliche Erleben der Betroffenen zu berücksichtigen und mit Unterstützung nicht nur oberflächlich und funktionalistisch, sondern im Sinne eines tiefenhermeneutischen Verständnisses beim Kern von durch Behinderung verursachten und indirekt über die Umwelt vermittelten Leiden einzusetzen. Verhaltensauffälligkeiten werden so nicht einfach ohne Rücksicht auf das innere Erleben der Betroffenen wegtrainiert, sondern durch szenisches Verstehen interpretiert und aufgelöst. Im Ganzen stellt eine psychoanalytisch orientierte Perspektiveaktuelle Tendenzen der Sonderpädagogik in Frage und begnügt sich nicht mit plakativen, ideologisch gefärbten Postulaten.

Aufbau und Inhalt

Zu Geschichte und Aktualität der Heilpädagogik. Im ersten Kapitel werden relevante Entwicklungen in der Heilpädagogik nachgezeichnet und ihr Gegenstandsbereich skizziert. Dabei bleibt es nicht bei einer oberflächlichen Beschreibung, sondern bereits hier wird ein psychoanalytischer Blickwinkel eingenommen, der an vielen Stellen neue Sichtweisen eröffnet.

Relevante Erkenntnisse der Psychoanalyse für die Heilpädagogik. Hier werden Lorenzers Symbolisierungstheorie, die Phänomene von Übertragung und Gegenübertragung und das aktuelle Konzept des Mentalisierens in Beziehung gesetzt zu heilpädagogischen Fragestellungen. Zudem setzt sich der Autor in diesem Kapitel mit der aktuellen Kontroverse um die Neurowissenschaften und der Gefahr eines einseitig positivistischen Begriffs von Wissenschaft auseinander, dem sich die Psychoanalyse entgegenstellen sollte.

Psychoanalytisches Verstehen in der Heilpädagogik. In diesem Kapitel wird vor allem die Bedeutung des szenischen Verstehens für die Heilpädagogik herausgestrichen und deutlich gemacht, welche speziellen Schwierigkeiten sich aus psychoanalytischer Sicht für die Entwicklung von Kindern mit einer geistigen Behinderung ergeben. An einem Beispiel aus der Praxis wird deutlich, welche Bedeutung bei fehlender sprachlicher Ausdrucksfähigkeit das tiefenhermeneutischer Verstehen von Reinszenierungen für eine psychoanalytische Herangehensweise an Verhaltensauffälligkeiten hat und unter welchen Bedingungen dieses praktisch umgesetzt werden kann.

Ausgewählte Themen Psychoanalytischer Heilpädagogik. Hier werden heilpädagogische Einrichtungen in ihrer Funktion als institutionelle Abwehr von Tötungsphantasien beschrieben. Beeinträchtigungen des Containment-Vorgangs in der Mutter-Kind-Interaktion durch die seelische Überlastung von Müttern von Kindern mit geistiger Behinderung werden ebenfalls angesprochen wie die Problematik einer Diagnostik der die psychoanalytische Tiefendimension fehlt. Weiterhin werden Vorgänge, die die mütterliche/elterliche Annahme eines Kindes mit geistiger Behinderung erschweren können, thematisiert sowie die psychoanalytische Sicht auf Lern- und Verhaltensstörungen mit besonderem Blick auf die ADHS-Diagnose.

Zur Praxis der Psychoanalytischen Heilpädagogik. Gerspach gibt in diesem Kapitel einen Einblick in das praktische Arbeiten auf psychoanalytischer Grundlage in einer integrativen Einrichtung, das Arbeiten mit Erwachsenen mit geistiger Behinderung, mit hörbehinderten Kindern und das Arbeiten in der Schule. Im Zusammenhang von möglichen präventiven psychoanalytisch orientierten Maßnahmen werden gesellschaftliche Einflussfaktoren thematisiert.

Diskussion

Auch in der Heilpädagogik bleibt es nicht aus, dass positivistische Wissenschaftsauffassungen zunehmend dominant werden. Dies mag zum einen der Forderung geschuldet sein, für eine widerspenstige Praxis möglichst klare Handlungsanweisungen zu liefern, zum anderen einem allgemeinen Trend entsprechen. Operationalisierbare Diagnoseintrumente und entsprechend kompatible Förderprogramme verfehlen jedoch leicht das Individuum in seiner spezifischen, nicht im ganzen kategorisierbaren Problemlage. Die Psychoanalyse kann hier vor vorschnellen Vereinfachungen, die zwar praktikabel, jedoch nicht wirklich im Sinne des Individuums durchgeführt werden, schützen und auf der Theorieebene Perspektiven ermöglichen, die sich vom Alltagsverständnis wie auch simplen Schematisierungen abheben.

Fazit

Das Buch ist für Heilpädagogen, die an einem tiefenpsychologischen Verständnis ihrer Klientel und ihrer Profession interessiert sind, sehr zu empfehlen. Der Autor hat den Mut, kollektiven Abwehrhaltungen wie auch sich in den singulären Interaktionen auswirkenden unterbewussten Prozessen auf den Grund zu gehen und orientiert sich dabei am aktuellen Kenntnisstand der Psychoanalyse.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 15.12.2009 zu: Manfred Gerspach: Psychoanalytische Heilpädagogik. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-17-020617-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8359.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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