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Herbert Bickel, Helmwart Hierdeis (Hrsg.): "Unbehagen in der Kultur"

Cover Herbert Bickel, Helmwart Hierdeis (Hrsg.): "Unbehagen in der Kultur". Variationen zu Sigmund Freuds Kulturkritik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. 309 Seiten. ISBN 978-3-8258-1869-2. 29,90 EUR, CH: 46,90 sFr.

Reihe: Schriften der Innsbrucker Gesellschaft für Psychoanalyse - Band 3.
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Thema

Der 1930 von Freud verfasste Text “Das Unbehagen in der Kultur” vermittelt entscheidende Anstöße für die gesellschaftswissenschaftliche Relevanz der Psychoanalyse und hier werden die späteren Anknüpfungspunkte zur Frankfurter Schule sehr deutlich. Neben der Bedeutung Freuds in der Psychologie als Begründer einer der drei großen Therapieformen kommt ihm auch eine darüber hinausgehende Relevanz als Kulturkritiker zu - wobei Kultur hier die Gesamtheit der menschlichen Anstrengungen zur Naturbezwingung meint. Gerade in einer Zeit, in der Erkenntnisse der Neurowissenschaften möglicherweise in ihrer Tragweite überschätzt werden, und Kenntnisse in der Genetik das Subjekt biologistisch zu reduzieren drohen, ist es wichtig, oberflächlich-funktionalistische Betrachtungsweisen mit der Psychoanalyse zu hinterfragen. Dabei ist es erstaunlich, in wie vielen Bereichen auf solche Weise ein vertieftes Verständnis gewonnen werden kann - der vorliegende Band spiegelt dies wieder.

Aufbau und Inhalt

Ein Vorlaut leitet neun Aufsätze ein. Im Anschluss werden kurz die Autoren vorgestellt. Im Folgenden soll auf vier Aufsätze exemplarisch näher eingegangen werden, bevor eine Diskussion und ein Fazit zum ganzen Buch folgen.

Josef Christian Aigner: Das Unbehagen in der Sexualkultur. Zunächst konstatiert der Autor, dass das heutige Unbehagen an der Sexualitätsicher anderer Art ist, als zu Zeiten Freuds, in denen ein repressiver Umgang vor allem mit den weiblichen Triebbedürfnissen vorherrschend war. Sexualität wird vielmehr allerorts propagiert und zur Schau gestellt, so dass den Paarbeziehungen die Libido verlustig geht. Aigner spricht vom sexuellen Overkill, der mit zunehmend verdinglichten Partnerschaften einhergeht. Dabei kommen Fitness- und Gesundheitswahn die Bedeutung von Strategien zur Todesverleugnung zu, das Altern soll durch Operationen aufgehalten werden. Da Sexualität immer auch die Angst vor Verschmelzung und Hingabe birgt, ist es für ein gegen die auch diesen Bereich kontaminierende Kälte gerichtetes Erleben nötig, dass das Subjekt in seiner Primärsozialisation Anerkennung erfährt.

Herbert Bickel: Eine Gesellschaft sollte sich psychoanalytische Hunde halten. Der Beitrag des Herausgebers unterscheidet sich deutlich von den übrigen. Dies zum einen durch seinen Umfang von beinahe hundert Seiten, zum anderen durch seine dialogische Form. Zwar ist nur Bickel als Autor angegeben, jedoch entwickelt dieser seinen Gedankengang gemeinsam mit dem anderen Herausgeber des Bandes, Helmwart Hierdeis, der bestätigend, inspirierend, rekapitulierend und auch hinterfragend auf die Ausführungen Bickels eingeht. Dabei entspricht das protokollierte und sicher auch überarbeitete Gespräch nicht dem üblichen strukturierten Vorgehen, das systematisch einer Fragestellung nachgeht, indem zunächst Informationen gegeben und notwendige Theorien expliziert, Forschungsergebnisse zusammengetragen, eventuell eigene präsentiert werden, um schließlich zu einer griffigen “Antwort” mit gegebenenfalls sich anschließenden weiteren Forschungsdesiderata zu gelangen. Vielmehr werden um den Begriff des Unbehagens herum Gedankenstränge entwickelt, die nicht zielgerichtet zu einem griffigen Ergebnis führen, sondern immer wieder wertvolle, mitunter auch provokante analytische Ergebnisse hervorbringen. Eine Inhaltszusammenfassung scheint daher kaum möglich, wohl jedoch das Resümee, dass es sich um einen bisweilen auch philosophisch anmutenden Beitrag handelt, der sehr inspirierend mit Freuds Begriff des Unbehagens umgeht. Exemplarisch sei die sehr spannende Herausarbeitung der inhaltlichen Analogien und (geringfügigeren) Differenzen vom Freud-Text zur “Dialektik der Aufklärung” von Horkheimer und Adorno aufgeführt.

Helmwart Hierdeis: Das Unbehagen in der Bildungskultur. Der Autor stützt sich, da er bei Freud keinen brauchbaren Bildungsbegriffausfindig machen kann, auf Freuds Definition von Kultur. Freud hat in seiner Betrachtung der Kulturentwicklung die institutionalisierte Erziehung vor allem an Kindergärten und Schulen außer acht gelassen und so hier zunächst einen blinden Fleck hinterlassen, der schließlich von Anna Freud angegangen wird, so dass Hierdeis für seine Thematik Humboldt, Habermas, Adorno und Horkheimer mitheranziehen muss, um die allerdings auch bei Freud auffindbare Differenz des Technologischen, das auch bei Freud mit Gefahren behaftet sieht, zum Selbstreflexiven auf Bildung zu beziehen. Hiervon ausgehend kritisiert Hierdeis die Ökonomisierung des Bildungssystems.

Heinz Walter/ Eva Rass: Zum Unbehagen in der Therapiekultur. Der Aufsatz beschäftigt sich kritisch mit einer einseitigen, neurologischen, die Eltern und die Gesellschaft von Schuld entlastenden, Betrachtungsweise von ADHS, welches als ein einheitliches Syndrom gleichfalls in Frage gestellt wird. Kritisiert wird die einseitig medikamentöse und verhaltenstherapeutische Behandlung der betroffenen Kinder. Walter/Rass weisen schließlich auf empirische Ergebnisse hin, die nahelegen, dass eine Behandlung der Auffälligkeiten mittels psychoanalytischer Methoden zu nachhaltigen Erfolgen führt.

Diskussion

Die Publikation versammelt eine Reihe von Aufsätzen, deren analytische Tiefe differiert. Dies mag auch daran liegen, dass Freuds Text nicht für alle Themen gleichermaßen günstige Anknüpfungspunkte bietet, so dass die Bezüge gelegentlich über hilfsweise herangezogene weitere Theorien oder anderweitig konstruiert werden müssen. Da der Text Freuds jedoch in seiner Bedeutung insgesamt kaum zu überschätzen ist, ist die dargebotene Zusammenstellung als Hommage an das häufig in den Hintergrund tretende gesellschaftskritische Potential der Psychoanalyse mehr als berechtigt.

Fazit

Im Sammelband finden sich viele Inspirationen für eine sich vom derzeitigen wissenschaftlichen Mainstream wohltuend abhebende Auffassung psychologischer und gesellschaftlicher Problemlagen. Er ist daher sehr empfehlenswert.


Rezension von
Dr. Lena Becker
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Zitiervorschlag
Lena Becker. Rezension vom 15.12.2009 zu: Herbert Bickel, Helmwart Hierdeis (Hrsg.): "Unbehagen in der Kultur". Variationen zu Sigmund Freuds Kulturkritik. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2008. ISBN 978-3-8258-1869-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8360.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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