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Bernd Birgmeier, Eric Mührel (Hrsg.): Die Sozialarbeitswissenschaft und ihre Theorie(n)

Cover Bernd Birgmeier, Eric Mührel (Hrsg.): Die Sozialarbeitswissenschaft und ihre Theorie(n). Positionen, Kontroversen, Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 332 Seiten. ISBN 978-3-531-16137-2. 39,90 EUR.
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Thema

Die Sozialarbeitswissenschaft ‚kämpft‘ in Deutschland immer noch um ihre wissenschaftliche und theoretische Grundlegung, was nicht zuletzt ihrer relativ jungen Entwicklungsgeschichte zuzuschreiben ist. Es scheint letztlich noch nicht geklärt zu sein, ob es sich um eine Wissenschaft für oder von Sozialarbeit bzw. und/oder Sozialer Arbeit handeln soll. Erklärbar wird dies wohl am ehesten dadurch, dass sich die Protagonisten im Grunde genommen offensichtlich nicht entscheiden können, ob es sich um Sozialarbeit, Soziale Arbeit, Sozialpädagogik oder ‚social work‘ handelt. So zeigt zumindest die innerhalb des entsprechenden Studiengangs verwendete Begriffsvielfalt eine gewisse Verwirrung, bei der sich der Rückschluss auf ein mangelndes Theoriebewusstsein bzw. eine Eindeutigkeit in der theoretischen Begründung der Sozialen Arbeit aufdrängt.

Aus diesem wohl auch den Herausgebern bekannten Dilemma resultiert das Ziel über die einzelnen Beiträge “spezifische Perspektiven auf die Frage nach der Sozialarbeitswissenschaft und ihrer Theorie(n)“ (S.12) darzustellen, systematische Konturen und inhaltliche Strukturierung herstellen zu können. So werden in einem ersten Hauptteil der Stand und die historiographische Entwicklung der Sozialarbeitswissenschaft dargestellt. In einem zweiten Hauptteil geht es um die Diskussion von „Fragen nach der sozialarbeitswissenschaftlichen Theorie und der Theorieentwicklung aus der Perspektive wissenschafts- und erkenntnistheoretischer Vorannahmen und Positionierungen“ (S.12).

Autoren

Bernd Birgmeier ist Privatdozent am Lehrstuhl für Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Eric Mührel ist Professor für Sozialpädagogik und Sozialarbeitswissenschaft an der Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven sowie Privatdozent am Lehrstuhl für Sozialpädagogik und Gesundheitspädagogik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Entstehungshintergrund

Das Werk der beiden Herausgeber entstand vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen und vielfach erschienener Publikationen zur Sozialarbeitswissenschaft als für erforderlich gehaltene „kritische Bestandsaufnahme zum Status quo einer Sozialarbeitswissenschaft“ (S.11). Zugleich glauben sie mittels neuer und innovativer Wege zu einer theoretischen Fundierung und Identitätsfindung der Sozialarbeitswissenschaft beitragen zu können.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Teile auf, wobei die Einführung durch die Herausgeber einerseits sowie durch den grundlegenden Aufsatz von Hans Pfaffenberger bestritten wird. Der zweite Teil umfasst zwölf Beiträge, welche die Sozialarbeitswissenschaft im System der Wissenschaften betrachten. Auch der zweite Teil beinhaltet zwölf Aufsätze mit wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Diskursen bezüglich sozialarbeitswissenschaftlicher Theorien.

Inhalte

Aufgrund der Vielzahl an Beiträgen, erscheint es sinnvoll, diese nicht im Einzelnen, sondern vielmehr kumulativ zu referieren. So lassen sich die Inhalte der im ersten Teil dargelegten Positionen, Kontroversen und Perspektiven folgendermaßen zusammenfassen: Ausgehend von den historiographischen Entwicklungsphasen und -tendenzen der Sozialarbeitswissenschaft wird zunächst der Versuch unternommen, eine Klärung des Wissenschaftsverständnisses mit dem Ziel der richtigen Verortung in einem System der Wissenschaften vorzunehmen. Hierbei spielt vor allem der Praxisbezug Sozialer Arbeit eine wesentliche Rolle, wirft aber zugleich als Handlungswissenschaft verstanden hinsichtlich ihrer Professionalisierung spezifische Fragestellungen auf, die problematisiert werden.

Im zweiten Teil werden die sozialarbeitswissenschaftlichen Theorien wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Diskursen dadurch unterworfen, indem unterschiedliche Vorannahmen und Positionierungen vorgenommen, als Maßstäbe gesetzt und schließlich der Kritik ausgesetzt werden. Dabei soll deutlich gemacht werden, dass es wohl keine „richtigen“ Theorien gibt, diese entweder als Werkzeuge für eine integrative Theorie verstanden oder aber im Sinne einer Trajektivität gesehen werden können, wobei zwischen gegensätzlichen Tendenzen, Differenzen und Spaltungen hin und her zu wechseln ist, woraus sich durchaus Schnittlinien ergeben können. Zudem wird u.a. darauf rekurriert, dass sozialarbeitswissenschaftliche Theorien nicht zuletzt als Handlungstheorie bzw. Theorie der Wohlfahrt gesehen werden können.

Diskussion

Wie schon bei ihrem Werk „Theorien der Sozialpädagogik – ein Theorie-Dilemma?“ (vgl. die Rezension) haben die Herausgeber offensichtlich erkannt, dass es sich auch hier nicht um eine einheitliche, geschlossene Theoriebildung - hier bezogen auf die Sozialarbeitswissenschaft - handelt und auch nicht handeln kann. Die Vielfalt der theoretischen Beiträge, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Ausrichtung bereits eine Selbstverständniskrise der Sozialarbeitswissenschaft signalisieren und auch noch Begründungsansätze hierfür liefert, leistet einer durchaus vorhandenen Skepsis gegenüber einer (wissenschaftlich begründeten) Professionalität der Sozialarbeit in gewisser Weise Vorschub.

Letzterem ist gerade Ernst Engelke mit einschlägigen Publikationen stets entgegengetreten, wenngleich es ihm auch nicht gelungen sein mag, theoretische Klarheit und Eindeutigkeit bezüglich einer Sozialarbeitswissenschaft herzustellen und der Profession Soziale Arbeit eine fundierte Basis zu verschaffen. Dennoch mag man es vermissen, dass gerade er keine eigenständige Aufnahme in den Band gefunden hat.

Fazit

Das Werk von Birgmeier/Mührel erlangt seine Bedeutung durch das ernsthafte Bemühen eine gewisse Klarheit in die Theorienvielfalt bezüglich einer Sozialarbeitswissenschaft herstellen zu wollen. Es kann eine konstruktive und fruchtbare Diskussion in die Wege leiten und der wissenschaftlichen und theoretischen Orientierung des Fachgebietes Sozialarbeit/Sozialen Arbeit damit dienlich sein. Der Band ist gut geeignet im genannten Fachgebiet grundlegend eingesetzt zu werden.


Rezension von
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Vgl. auch die Rezension zu Mührel, Eric Birgmeier, Bernd Theorien der Sozialpädagogik - ein Theorie-Dilemma?

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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 21.12.2009 zu: Bernd Birgmeier, Eric Mührel (Hrsg.): Die Sozialarbeitswissenschaft und ihre Theorie(n). Positionen, Kontroversen, Perspektiven. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16137-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8364.php, Datum des Zugriffs 22.06.2021.


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