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Fabian Kessl, Melanie Plößer (Hrsg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit

Cover Fabian Kessl, Melanie Plößer (Hrsg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-531-16371-0. 19,90 EUR.
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Thema

In ihrer Einleitung stellen Fabian Kessl und Melanie Plößer fest: „Überlegungen zum Umgang mit Differenz und Andersheit […] markieren eine ebenso grundlegende wie fachlich und politisch hochaktuelle Aufgabenstellung Sozialer Arbeit.“ (S.7) Die Thematik sei grundlegend, weil Soziale Arbeit seit ihrer institutionellen Etablierung immer mit Differenzierung und Normalisierung zu tun habe. Und sie sei hochaktuell, weil im Rahmen einer fachlich-methodischen Neuorientierung durch differenztheoretische, dekonstruktive und intersektionale Ansätze diese Differenzordnungen nun (erstmals?) problematisiert würden.

Dass die Themen Differenz, Differenzierung, Normalität und Normalisierung für die Analyse von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit grundlegend waren und sind: einverstanden! Dass sie wichtige Kategorien kritischer Reflexion darstellen: einverstanden! Aber: dass diese Sicht auf Disziplin und Profession erstmals von poststrukturalistischen Denker_innen in die Diskussion eingebracht wurden: das würde ich doch infrage stellen. Ich gehe vielmehr davon aus, dass sich jede kritische Soziale Arbeit die damit angeschnittenen Fragen, in welcher Form auch immer, stellen muss und wird. Prüfen möchte ich im Folgenden, ob die These der Herausgeberin und des Herausgebers, diese „neuen“ Sichtweisen, wenn sie nur „richtig“ angewendet würden (d.h. die Fehler der Verschüttung macht- und ungleichheitskritischer Anliegen durch „Mainstreaming“ von Differenzen vermieden würden), tatsächlich als Handlungsanleitungen für eine neue, kritische und emanzipatorische Soziale Arbeit taugten.

Herausgeber_innen und Autor_innen

Die Herausgeberin, der Herausgeber wie die meisten Autor_innen sind in den Disziplinen Pädagogik / Sozialpädagogik / Soziale Arbeit lehrende Professor_innen oder sonstige akademische Lehrer_innen an verschiedenen deutschen oder österreichischen Hochschulen. Bis auf die Gruppe der Studierenden, die sich mit einem eigenen Beitrag zu Wort meldet, sind sie in den Themen Differenz, Andersheit, Normalität / Normalisierung publizistisch ausgewiesen. Die Klassifikation des Bandes als „Lehrbuch“ verweist darauf, dass mit ihm etwas für Profession und Disziplin Sozialer Arbeit Grundsätzliches, zeitlich Überdauerndes vorgelegt wird. An diesem Anspruch wird die Arbeit zu messen sein.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte:

  1. Differenzierungs- und Normalisierungspraktiken im Feld Sozialer Arbeit
  2. Profession Sozialer Arbeit als Differenzierungspraxis
  3. Soziale Arbeit, Andersheit und Normalisierung. Überlegungen zu einem differenten Verhältnis
  4. Perspektiven für den Umgang Sozialer Arbeit mit Andersheit

Der Band umfasst 15 Einzelbeiträge, einschließlich eines Textes „Vorab: ein Lesehinweis“ der Arbeitsgruppe Inter Kultur, der dazu anregen will, „[…] ‚das Kritische‘ stets noch einmal kritisch zu lesen“ (S.22).

Diskussion des Aufbaus

Vorab eine kritische Anmerkung zum Aufbau: So sehr ich mich bemüht habe, es gelang mir nicht herauszufinden, wie sich Kapitel I. und II. gegeneinander abgrenzen, die Zuordnung der einzelnen Beiträge scheint mir nicht sehr überzeugend. Zum Beispiel: Martina Richter („Zur Adressierung von Eltern in Ganztägigen Bildungssettings“), Kapitel I, beschreibt die Tendenz Professioneller in ganztägigen Bildungseinrichtungen, gegenüber Eltern (negativ gefärbte) Differenzmarkierungen vorzunehmen, (also: Vorurteile gegenüber ihrer erzieherischen Kompetenz zu produzieren) und in ihrer Arbeit wirksam werden zu lassen. Ich denke, das Thema passt eher in Kapitel II „Soziale Arbeit als Differenzpraxis“. Oder: Der Beitrag von Doron Kiesel („Differenz und Erfahrung. Zum Integrationsprozess jüdischer Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion in Jüdische Gemeinden in Deutschland“) über ein Forschungsprojekt zum Strukturwandel jüdischer Gemeinden in der BRD. Darin wird festgestellt, dass sich die heute für die Struktur der Jüdischen Gemeinden in der BRD wichtige Gruppe der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion von derjenigen, die die Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufbauten, in vieler Hinsicht unterscheidet. Diese Differenz wird aber als real gegeben, nicht durch Konstruktionsprozesse erzeugt, beschrieben. Normalität / Normalisierungspraktiken sind, wenn ich den Artikel richtig verstehe, gar nicht sein Thema. Deshalb tue ich mich schwer damit, diesen interessanten Aufsatz überhaupt unter einem der Stichworte Differenz, Differenzierung, Normalität, Normalisierung zu lesen, damit auch weder in das erste noch in das zweite Kapitel einzuordnen.

Auch die Kapitel III und IV scheinen mir nicht wirklich trennscharf zueinander und gegenüber den beiden ersten Kapiteln. Ich könnte mir z.B. den Beitrag von Fabian Kessl und Susanne Maurer („Praktiken der Differenzierung als Praktiken der Grenzbearbeitung. Überlegungen zur Bestimmung Sozialer Arbeit als Grenzarbeiterin“) ebenso gut in Kapitel IV (Perspektiven für den Umgang Sozialer Arbeit mit Andersheit) untergebracht vorstellen. Maria del Mar Castro Varela („Un_Sinn: Postkolonale Theorie und Diversity“) hinwiederum stellt in ihrem Beitrag nur einen sehr losen, wenn überhaupt, Bezug zur Sozialen Arbeit her. Insofern passt diese Arbeit meiner Einschätzung nach weder zum dritten noch zum vierten Kapitel.

Mit wenigen Ausnahmen enthalten die Beiträge des Buches (unabhängig davon, in welchem Teil sie platziert sind) Vorschläge für eine differenzsensible Soziale Arbeit, zu, Beispiel wichtige Hinweise auf machttheoretische, Anerkennung verhindernde, Normalisierung produzierende Perspektiven des Umgangs mit Differenz. Solche Überlegungen sind relevant, nicht nur für eine sich „differenzsensibel“ verstehende, sondern für jede kritische Soziale Arbeit, die sich als Menschenrechtsprofession definiert. Allerdings hätte sich die Rezensentin hier etwas mehr Abstimmung unter den Autor_innen gewünscht, um die häufigen Wiederholungen zu vermeiden. Doch nun zur „Lesehilfe“:

„Lesehilfen“ zum Inhalt

In ihrem Vorwort ermuntern Fabian Kessl und Melanie Plößer Leserinnen und Leser, die Beiträge und deren differenztheoretische Perspektiven zueinander „in Korrespondenz“ zu bringen. Dazu soll helfen, dass in jedem Artikel das zugrunde liegende Differenzverständnis hervorgehoben ist. Auch der „Lesehinweis“, der sich als eine „Differenz thematisierende, (de)konstruierende Lesehilfe“ versteht, will helfen, die Texte hinsichtlich gewisser zentraler Aussagen und Interpretationsmuster vergleichbar zu machen. Beide Feststellungen regten mich dazu an, mich in meiner Rezension auf die „synthetisierenden“ Perspektiven des Bandes zu konzentrieren, d.h. ihn probeweise als thematische Einheit zu behandeln, die ich mithilfe des Schemas des Lesehinweises befrage. Damit will ich versuchen, das Gemeinsame poststrukturalistischen, konstruktivistischen Denkens über Differenz(ierung) Normalität / Normalisierung, Andersheit herauszuarbeiten. Lediglich deutlich abweichende Beiträge werden gesondert hervorgehoben. Da ich, wegen der erheblichen Zahl von Texten, selektiv vorgehen muss (d.h. nicht alle Artikel auf alle 6 Fragen der „Lesehilfe hin untersuchen kann), werde ich wohlmöglich einigen Einzelbeiträgen nicht so gerecht werden, wie es wünschenswert wäre. Ich hoffe aber, mit meinem Herangehen einige Grundmuster differenztheoretischer dekonstruktiver Argumentation herausarbeiten zu können.

Frage I.: „Wie wird die Differenz ‚AutorInnen und LeserInnen‘ verhandelt?“, das ist die Frage nach der Verständlichkeit des Textes.
Ich habe in den verschiedenen Beiträgen die Konstruktion von Differenz zwischen mir als Leserin und den Autor_innen als sehr unterschiedlich erlebt. Generell empfinde ich poststrukturalistische, konstruktivistische, konstruktionistische Sprache oft als etwas kapriziös oder akademisch-selbstverliebt, wenig konkret. Die hier versammelten Texte pflegen diese Tendenz auf sehr unterschiedliche Weise. Wenn Margarete Menz von der Arbeitsgruppe Inter Kultur fragt, ob es solche gibt, in denen sich „[…] Differenzkonstruktionen in der sprachlichen Verfasstheit [wiederholen, D.R.], die dadurch als gatekeeper den Exklusivitätsanspruch des theoretischen Zugangs organisieren?“ (S. 18), dann fallen mir spontan einige „Gatekeeper“ ein. Dazu einige Leseproben: zum Beispiel Christian Schütte-Bäumner („Queer Professionals als Reflexionskategorie für die Soziale Arbeit“): „Zugleich lässt sich die Kategorie Differenz aber auch als kritische Perspektive nutzen, um den fundierenden Status spezifischer Identitätsformierungen und Praktiken der Platzanweisung in der Gesellschaft zu analysieren und zu skandalisieren“ (S.80). Oder Thomas Eppenstein („Professionelles soziales Handeln in Orientierung auf kulturell Andere“): „In kritischer Perspektive wird einer reinen Affirmation der Leitvokabeln ‚Kultur‘ und ‚Differenz‘ in der Sozialen Arbeit die Aufgabe gegenübergestellt, in den jeweils unterscheidbaren Auffassungen von ‚Kultur‘ und differierenden Differenzkonzepten wählbare Alternative zu erkennen, die für die professionelle Praxis und ihre normative Ausrichtung nicht folgenlos sind“ (S.96). Auch Michaela Ralser („Anschlußfähiges Normalisierungswissen. Untersuchungen im medico-pädagogischen Feld“) lässt mich als Leserin ihre Sprachmacht spüren: „Der psychiatrischen Wissensproduktion und -distribution kommt für die Soziale Arbeit große Bedeutung zu, da sie im Bündnisdialog mit den, unter anderem in ihrem Rahmen entstehenden, Wissensdisziplinen der Sexualpathologie, der Kriminologie und Sozialhygiene in einer bis 1900 unbekannten Publizität zur ‚Deutungsressource‘ der (Krisen)Kultur avanciert, sich als interdisziplinäres Projekt einer frühen ‚Public Health Policy‘ und ‚Gesellschaftswissenschaft avant la lettre‘ zu etablieren beginnt und nicht zuletzt ihre machtvolle Institutionalisierung als psychiatrische Anstalt und bald auch als ‚akademiefähige psychiatrische Klinik mit zahlreichen Relaisstationen in Justiz, Militär, Schule und schließlich im Fürsorgewesen‘ im ausgehenden 19. Jahrhundert ausbaut und intensiviert.“ (135).
Solchen Herausforderungen, auch an geübte Leser_innen, stehen auf der anderen Seite eine Reihe von Darstellungen gegenüber, in denen es mir schien, als sei die „[…] Balance zwischen der Zugänglichkeit des Textes und der Differenziertheit der Analysen [durchaus, D.R.] gelöst“ (S.18). Differenztheoretischer Diskurs und Klarheit der Sprache, das kann also gut zusammen gehen.

Frage II: Wie wird die Annahme der Konstruiertheit von Differenz im Sprechen und Forschen über Differenz eingelöst? Mit anderen Worten: Gerät Sprechen über Differenz auch wieder zur Reproduktion hegemonialer Wissensbestände? Oder entsteht in der differenztheoretischen Thematisierung dieser Wissensbestände eine subversive Praxis? „Hegemoniale Wissensbestände“ versus „subversive Praxis“, das ist eine Gegenüberstellung, die selber ein weites Feld (unterschiedlicher) Interpretationen eröffnet. Ich denke, es geht hier um das Hinterfragen verwendeter Kategorien, die Vermeidung von Naturalisierung und Essentialisierung von Differenzen, um die Reflexion der Macht der Sprache und des Denkens.
In fast allen Beiträgen finde ich ein großes Bemühen um diese Haltung, ein Bemühen, durch das sich die Mainstream-Soziale-Arbeit nicht auszeichnet und das ihr gut anstünde. Denn diese Anstrengung nötigt(e) Soziale Arbeit zur (selbst-) kritischen Reflexion ihrer Einbettung in Macht- und Herrschaftsstrukturen, (überlebens-) wichtig in einer Zeit, in der die Disziplin und Profession unter einem enormen Ökonomisierungsdruck Gefahr läuft, ihre pädagogische Fundierung aufzugeben. Unter den Beiträgen, die diesbezüglich zu nennen wären, möchte ich den von Susann Fegter / Karen Geipel / Janina Horstbrink („Dekonstruktion als Haltung in sozialpädagogischen Handlungszusammenhängen“) besonders hervorheben. Die Autorinnen widmen ihren gesamten Beitrag der Frage, wie Sozialpädagogik (Soziale Arbeit) durch theoretische und methodische Anstrengungen eine dekonstruktive Haltung erzeugen kann, die subversiv sicherstellt, dass hegemoniales Wissen enttarnt wird und so dazu beiträgt, für eine gerechtere Welt zu arbeiten. Dazu liefern sie viele praktische Überlegungen und Vorschläge.
Allerdings finde ich andere Beiträge eher von der Art der Verunmöglichung subversiven Sprechens, das gilt zum Beispiel für den Beitrag von Michaela Ralser (s. o.). Durch, in meinen Augen sowohl unhistorische als auch selektive Beschreibung psychiatrischer Entwicklungen der Jahrhundertwende (1900), gelingt es ihr, unhinterfragbar DIE PSYCHIATRIE als eine monolithische Supermacht zu qualifizieren, der es durch gefährliche Konstruktionen gelang, die Menschheit unter ihr Joch zu bringen. Damit rekonstruiert die Autorin Psychiatrie unter einer schlichten antipsychiatrischen Perspektive. Statt einer Verflüssigung von Wissensbeständen, statt ihrer Hinterfragung werden antipsychiatrische Deutungen als feststehende Wahrheiten präsentiert. Auch der Beitrag von Martina Richter (s.o.), in dem die Differenz Mütter versus Professionelle in Ganztagsbildungseinrichtungen abgearbeitet wird, lässt nicht erkennen, dass die Autorin diese Differenz erst einmal selbst dekonstruiert, bevor sie mit ihr arbeitet. Beide Seiten stehen sich in dem Text als zwei feste Entitäten unversöhnlich gegenüber (dazu mehr unter Frage IV).

Frage III: Welche Differenzkonstruktionen nehmen die Texte vor? Das ist die Frage danach, welche (impliziten oder expliziten) neuen, eigenen Differenzkonstruktionen die in dem Band versammelten differenzkritischen Arbeiten ihrerseits vornehmen und wohlmöglich legitimieren. Diese Frage scheint mir erhebliche Schnittmengen mit Frage V aufzuweisen.

Frage V: Was wird gesagt und was wird nicht gesagt? Oder: „Was ist das Ungesagte, das möglicherweise auch hätte gesagt werden können? Welche Differenzkategorien haben […] Aufmerksamkeit erfahren und welche […] nicht? Welche Logiken und Ordnungen wurden auf diese Weise gestützt, bestätigt […]“ (S.21). Deshalb werde ich beide Fragen zusammenfassen.
Bevor ich dazu komme, eine prinzipielle Vorüberlegung zur Konstruktion von Differenzen, zum Unterscheiden. Paul Mecheril und Claus Melter („Differenz und Soziale Arbeit. Historische Schlaglichter und systematische Zusammenhänge“) stellen fest: „Die Konstruktion von Unterschieden und die Praxis des Unterscheidens kann als nicht vermeidbare und stets zu hinterfragende Voraussetzung Sozialer Arbeit gesehen werden“ (S.117). Damit ist ein Dilemma angesprochen, das keinesfalls nur Theorie und Praxis Sozialer Arbeit betrifft. Es wohnt Sprache inne, die ja nicht umhin kann, Differenzen herzustellen, weil sie sonst keine Kategorien bilden könnte, zugleich aber diese Setzungen immer wieder verflüssigt, um lebendig zu bleiben. Dieses Dilemma charakterisiert auch Wissenschaft, die ständig Unterscheidungen produziert und darauf beruht, dass diese innerhalb der scientific community eindeutig d.h. „fest“, „unflüssig“ sind, weil sie nur so von verschiedenen Akteur_innen geteilt werden können. Zugleich werden sich auch die wissenschaftlichen Kategoriensysteme an ständig sich wandelnde Wissensbeständen und sich entwickelnde Theorien anpassen, in der Sprache der Autor_innen des vorliegenden Bandes: sie werden dekonstruiert und rekonstruiert. Wenn für Wissenschaft im allgemeinen wie für Soziale Arbeit im besonderen Eindeutigkeit der Unterscheidungen ebenso notwendig ist wie die Hinterfragung dieser Eindeutigkeit, dann stellt sich die Frage: wie ist mit diesem Dilemma umzugehen? Was folgt daraus für Denken und Handeln? Diese Frage beantworten leider auch Mecheril und Melter nicht abschließend.
Nun zu der Frage, welche Differenzkategorien genannt und bearbeitet werden, welche nicht. Hier ist zunächst der Forschungsbericht von Doron Kiesel (s. o.) zu nennen, den ich unter dieser Perspektive gar nicht betrachten kann, weil er die von ihm verwendeten Kategorien nicht (de-) konstruktivistisch problematisiert, sondern ganz traditionell als gegebene wissenschaftliche Konstrukte behandelt.
Die meisten anderen Beiträge beschreiben Differenzen, ihre Konstruktion und Dekonstruktion als in der Regel prozessual hergestellt durch Sprache und/oder kulturelle Praxis. Gesellschaftliche Verhältnisse, innerhalb derer solche Praxen stattfinden, egal, ob sie als „Klassengesellschaft“, oder „Makroebene“ gedeutet werden , erscheinen meist als abstrakte, theoretisch nicht näher bestimmte Rahmenbedingungen für subjektives Erleben. Zum Beispiel: Katrin Heite („Anerkennung von Differenz in der Sozialen Arbeit. Zur professionellen Konstruktion des Anderen“): „Eine solche [die anerkennungstheoretische, D.R.] Perspektive nimmt Differenzen […] als sowohl sozialstrukturell verursacht wie auch als sich aus den Wahlmöglichkeiten subjektiver und kollektiver Akteure bezüglich ihrer Zugehörigkeiten und spezifischen Formen der Lebensführung ergebenden Unterschiede. Daraus wiederum resultiert die Forderung, Differenz in der komplizierten Verhältnissetzung von Struktur und Akteur, in der diffizilen Verwiesenheit von gesellschaftsordnender Makro- und individueller Mikroebene nicht nur als machtvollen Unterwerfungsmechanismus, sondern auch als Ergebnis autonomer, revidierbarer Entscheidungen subjektiver und kollektiver Akteure anzuerkennen“ (S.191). Okay, aber was heißt „diffizile Verwiesenheit“? Ungeklärt bleibt, wie das Verhältnis Subjekt – Gesellschaft wissenschaftlich zu fassen ist.
Die in solchen Auslassungen zum Ausdruck kommende Unterbelichtung der Materialität und Objektivität gesellschaftlicher Strukturen charakterisiert die meisten Beiträge. Das verwundert, zum einen angesichts des Anspruchs etlicher Autor_innen, Soziale Arbeit müsse unter „gerechtigkeits-“ oder „anerkennungstheoretischen“, Zielsetzungen betrieben werden, was eine Analyse gesellschaftlichen Wirklichkeit voraussetzte. Zum anderen, weil Soziale Arbeit heute unstrittig wieder deutlich mehr als in den letzten Dekaden mit Menschen und Gruppen zu tun hat, die unter Armuts- und Ausgrenzungsbedingungen leben, ein Ansatz, der einen Neuanfang der Theoriebildung und Praxis in der Sozialen Arbeit kann meiner Meinung nach an dieser Tatsache nicht vorbei.

Fabian Kessl und Susanne Maurer (s. o.) versuchen, auf der Basis des Poststrukturalismus die genannten Theoriedefizite zu überwinden. Sie stellen in ihrer Analyse der Grenze (am Bespiel der Grenzen des Schengenraums) fest, diese seien zwar „martialisch gesichert“ (S.157), (hätten also durchaus materielle Qualität?), erwiesen sich aber mit Blick auf den Lebensalltag migrantischer Akteure als „[…] ‚Aushandlungsräume, in denen Widersprüche und Paradoxien dieser […] Institutionen ausgetragen werden‘ […]“ (S.157). Oder: „Nicht die Grenze als territoriale Markierung selbst produziert die teilweise brutale und existenzbedrohliche Ausschließung von Migrant_innen, es sind vielmehr die institutionellen wie alltäglichen Praktiken, die die in der Grenze symbolisierten Differenzen (re)produzieren […]“ (S.157) Mag sein, dass der Todeszaun um die Enklave Melilla auch Ausdruck ist „[…] institutioneller und alltäglicher Praktiken, die die in der Grenze symbolisierten Differenzen (re)produziert […]“ (S.157). Zugleich ist aber die Tatsache unübersehbar, dass er, wie beispielsweise 2006 bei dem Sturm auf die Festung Europa zu beobachten war, eine ebenso brutale wie existenzbedrohende, tödliche Wirkung entfaltet.
Ausgehend von ihrem dekonstruktivistischen Grenzverständnis bestimmen Kessl und Maurer Soziale Arbeit als Grenzbearbeitung: „Soziale Arbeit als […] Grenzbearbeiterin zu konzipieren und zu realisieren hieße dann, die damit verbundenen Prozesse der ambivalenten Gleichzeitigkeit von Unterwerfung und Subjektwerdung mit Blick auf die Eröffnung und Erweiterung von Handlungsoptionen, als Subjektwerdungspotentialen, zu bearbeiten“ (S.160). Wo Grenzen zu Orten der Aushandlung werden, können materielle Verursachungen, z.B. des elenden Lebens vieler Nutzer_innen Sozialer Arbeit, nur als Schatten poststrukturalistischer Diskurse erscheinen. Diese Tendenz verwundert umso mehr, als Kessl und Plößner in ihrem Vorwort ausdrücklich darauf hinweisen, dass Differenzorientierung immer ungleichheitskritisch bleiben muss, d.h. die systematische Reflexion gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsstrukturen niemals vernachlässigen darf (S.9).
Melanie Groß (“‚Wir sind die Unterschicht‘. Jugendkulturelle Differenzartikulation aus intersektionaler Perspektive“) ist die einzige Autorin dieses Bandes, die explizit und systematisch die gesellschaftlichen Verhältnisse, begriffen als Klassengesellschaft, in die Analyse einbezieht. Sie stützt sich dabei auf die intersektionale Mehrebenenanalyse von Nina Degele und Gabriele Winker und leitet ihre Kategorien- und Differenzbildungen von drei Ebenen (der symbolischen Repräsentation, der Identitätskonstruktion und der sozialen Strukturen) ab. Im Unterschied zu anderen Beiträgen, in denen ein Rekurs auf gesellschaftliche Strukturen zwar unternommen, aber theoretisch nicht konkretisiert wird (z.B. Melanie Plößer: „Differenz performativ gedacht. Dekonstruktive Perspektiven auf und für den Umgang mit Differenz“), sind damit die Resultate der Analyse nicht nur subjektiv, sondern auch methodologisch nachvollziehbar. Es gelingt der Autorin so, ein kritisches Verständnis von Jugend heute und eine plausible Erklärung aktueller kritischer jugendlicher Selbstdeutung en zu präsentieren.

Nicht zustimmen kann ich Frau Groß jedoch, wenn sie betont: „Die enge Verknüpfung der Ebenen der Identitätskonstruktion mit der Ebene der strukturellen Verhältnisse gilt in der Sozialen Arbeit schon lange als zentrale Grundlage[…]“ (S.45). Die Beantwortung der Frage, wie diese Verknüpfung zu denken sei, scheint mir auch im intersektionalen Vorgehen nicht wirklich gelöst. Es vermittelt vielmehr den Eindruck, als agierten auf den verschiedenen Ebenen parallel zueinander oder nebeneinander unterschiedliche Kräfte und Akteur_innen, deren Wirken auf geheimnisvolle Weise plausibel aufeinander bezogen ist. Ähnliche erkenntnistheoretische Schwierigkeiten stellen sich im Ansatz rekonstruktiver Fallanalysen (vgl. in diesem Band Fabian Lamp: „Differenzsensible Soziale Arbeit. Differenz als Ausgangspunkt sozialpädagogischer Fallbetrachtung“).
Wie sich das beschriebene Problem lösen ließe, könnte z.B. bei dem marxistischen Psychologen A.N. Leontjev nachgelesen werden: mithilfe des Konstrukts Tätigkeit lässt sich eine dialektische Beziehung zwischen Subjekt und Gesellschaft denken, sie eröffnet eine Vorstellung von Persönlichkeit, die in ihrer Lebens-Tätigkeit und durch sie, sich selber wie ihre Welt erschafft und verändert und zugleich durch diese Welt bestimmt ist. Alles in allen lässt sich nicht übersehen, dass poststrukturalistisches, dekonstruktives Denken, so wie es sich in diesem Band darstellt, mit seiner Betonung ideologischer Perspektiven weder gesellschaftliche Verhältnisse in ihrer auch materiellen Verfasstheit darstellen, noch, darauf bezogen, ein materiell fundiertes Menschenbild produzieren kann.
Auch das weitgehende Fehlen (wissenschafts-)historischer Reflexion der verwendeten Differenzkonstruktionen in dem vorliegenden Band interpretiere ich als Merkmal poststrukturalistischen / konstruktivistischen Denkens. Als anschauliches Beispiel dafür, wozu die Unterlassung historischer Reflexion der eigenen Kategorien führen kann, interpretiere ich den Beitrag von Michaela Ralser (s .o.). Indem sie darauf verzichtet, die untersuchte Phase der Psychiatrie (wissenschafts-)historisch einzuordnen, entgeht ihr, dass die von ihr konstatierte, vulgär-naturwissenschaftliche Psychiatrie à la Kraepelin nicht Psychiatrie schlechthin, sondern eine Variante dieser Psychiatrie ist, deren Mainstreaming angesichts anderer, fast parallel existierender Ansätze (Griesingers „„aufgeklärt naturwissenschaftliches“ Denken oder moralpädagogisch-psychiatrische Ansätze) erklärungsbedürftig wäre. Stattdessen konstruiert die Autorin antipsychiatrisch überbestimmte Differenzen, die als nicht zu hinterfragende Wahrheiten daherkommen.
Auch in dem Aufsatz von Martina Richter (s. o) hätte (neben der Berücksichtigung sozialstruktureller Faktoren) eine sozialgeschichtliche Reflexion der Argumentation gut getan. „Familie“, „Mütterlichkeit“, „Erziehung“ / „Sozialisation“ sind Konstrukte, die in den letzten Dekaden des 20. und im 21. Jahrhundert einen enormen Bedeutungswandel erfahren haben. Wer das nicht berücksichtigt, wird sich schwer tun, das Gewordensein des Psychischen und Sozialen in Sprache und Denken als Faktizität in seiner Offenheit wie in seiner Widersprüchlichkeit abzubilden. Die Autorin unterstellt Pädagog_innen, sie entzögen den Müttern, mit denen sie in Ganztags-Bildungseinrichtungen zu tun haben „die Zugehörigkeit zu den ‚guten‘ Eltern“ (S.26). Dieser „ausschließenden Kategorisierung“ (S.26) setzt sie, orientiert am Fall, eine inkludierende Kategorisierung in Gestalt einer ebenso kompetenten wie wehrhaften Mutter gegenüber: Schlechte Mutter versus gute Mutter? Was aber wäre, wenn es weder das eine noch das andere gäbe, sondern Mütter einfach Mütter wären, die sich in sozialen Umbrüchen ständig neu erfinden müssten und das nicht immer nur kompetent und wehrhaft?
Dass Nachdenken über Geschichte (aus gesellschafts- wie wissenschaftshistorischer Perspektive) zu einer differenzierten und differenzierenden Sicht auf Differenzen führt, belegt der Beitrag von Mecheril / Melter (s. o.). Durch die historische Reflexion gelingt es ihnen, in der Darstellung von Veränderungen und Konstanten der gesellschaftlichen Situation, der Sozialpolitik wie der Sozialen Arbeit, am Beispiel der Jugendhilfe einen „[…] grundlegenden Zusammenhang von Sozialer Arbeit und Differenz [zu, D.R.] verdeutlichen“ (S.117)
Ein drittes Feld des Nichtthematisierten, das ich als Ausdruck dekonstruktiven Denkens deute, möchte ich an dieser Stelle nur erwähnen: Soziale Arbeit tritt in den meisten Beiträgen (besonders deutlich bei Catrin Heite und Melanie Plößer) nicht als gesellschaftliche Praxis, sondern als Deutungswissenschaft auf, die Professionellen als Deuter_innen. Aus dieser Konstruktion resultiert häufig eine Erwartung an die Praktiker_innen, das eigene Handeln aus einer moralisch-ethischen Selbstverpflichtung (Einstehen für soziale Gerechtigkeit, gegen Diskriminierung, Ausgrenzung etc.) heraus zu entwickeln. Mehr dazu in der Diskussion der Frage VI.

Frage IV: Wer spricht für wen und welches Problem der Repräsentation entsteht? Repräsentation kann entweder ein Darstellungsverhältnis beschreiben oder aber ein Vertretungsverhältnis, die Stellvertretung von und für Subjekte, die sich selber nicht vertreten (können?). Das Problem dieses „Sprechens für„: es steht in der Gefahr, zu einem „Sprechen über“ zu mutieren, so zur unangemessenen Repräsentation, indem die Subjekte, die durch dieses Sprechen sichtbar gemacht werden, hinter solcher Rede doch wieder verschwinden und verstummen.

Fast alle Beiträge scheinen mir deutlich Stellung für die beschriebenen Gruppen zu beziehen. Konzepte wie „Differenzsensibilität“, ,,Anerkennung“, „Gerechtigkeit“ verdeutlichen diese Orientierung. In der Regel verstellt das „Reden für“ nicht den Blick auf die Subjekte und deren Lebenswelten, vor allem nicht in den Arbeiten, in denen sie als aktive und subversive Akteur_innen vorgestellt werden. Insofern lässt sich sagen, dass die meisten Autor_innen sich engagiert, aber nicht maternalistisch / paternalistisch mit Nutzer_innen Sozialer Arbeit in Beziehung zu setzen.

Anders Martina Richter (s. o.), die sich, offenbar in dem Wunsch, Eltern, besonders Müttern von Kindern in Ganztagsbildungseinrichtungen, zur Seite zu stehen, zu einer machtvollen Kritikerin von Professionellen macht, die die Autorin für übergriffig und respektlos den Adressat_innen gegenüber hält. dass sie solche vermeintlichen Missstände nicht empirisch erhoben, sondern in ihrer Fallstudie die Wahrnehmung einer Mutter als Beweis für das unterstellte pädagogische Fehlverhalten heranzieht, konterkariert ihren Vorsatz, Machtstrukturen aufzudecken. Indem die Autorin die Professionellen nur als Fremdbilder der Eltern auftreten lässt, schiebt sie sich selber als „antihegemoniale“ Deutemacht zwischen die beiden Parteien des pädagogischen Aushandlungsprozesses. Fehlt den biografischen Akteurinnen (den Müttern) aber das reale Gegenüber (die Professionellen), dann ist auch ihnen damit die Möglichkeit genommen, als real Handelnde aufzutreten. Zum anderen sind wegen der Art der hier vorgenommenen Differenzkonstruktion auch die Professionellen nicht wirklich als Akteur_innen zu erkennen, das (Un-)Professionelle ihres Handelns kann nicht kritisch- reflexiv zur Kenntnis genommen werden.

Frage VI: Welche Wertigkeiten (Normen) werden hier als wünschenswert markiert? Was wird dabei implizit als problematisch ausgewiesen? Oder: Auch kritische Positionen bleiben in Macht verstrickt und müssen sich auf die eigene Normativität befragen lassen?

Die Arbeitsgruppe Inter Kultur betont (S.21), dass einige der dekonstruktiv orientierten Beiträge dieses Bands hervorheben, dass, trotz aller Differenzsensibilität, Soziale Arbeit immer differenzorientiert sei, damit zusammenhängende Normalisierungsstrategien nicht wirklich vermieden werden könnten. Sie fragen: wenn auch (differenz)kritische Soziale Arbeit in diesem Sinn Normalisierungsmacht ist, wie geht sie mit ihrer eigenen Verstrickung in Machtverhältnisse um?
Ausgangspunkt meiner Überlegungen zu dieser Frage ist die Beobachtung, dass die Beiträge in der Regel stark auf die (oben erwähnte) Perspektive Sozialer Arbeit als Deutemacht bezogen sind. Sehr wenig ist darüber zu lesen, was Soziale Arbeit tut, schon gar nicht, was (gesellschaftlich) von ihr erwartet wird. (Nur der Beitrag von Mecheril und Melter (s. o.) hebt sich explizit von diesem Argumentationsmuster ab.) Ein solches Professionsverständnis verwundert in einer Zeit, in der die Profession unter einem enormen Druck steht, kostengünstige Normalisierungsprojekte durchzusetzen und vielfach diesen Druck durch vorauseilende ökonomistische Orientierung selber noch erhöht.

Im poststrukturalistischen dekonstruktiven Denken wird Soziale Arbeit in der Regel als kognitiver Vorgang, als „Reden von“ und „Reden über“ abgebildet (besonders klar bei Melanie Plößer (a. o.)). Materielle, institutionelle, (sozial-)politische Dimensionen werden zwar immer wieder erwähnt, aber nicht systematisch reflektiert (Ausnahme: Melanie Groß), damit ist eine (wissenschaftlich begründete) Herleitung der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit, d.h. auch ihrer tatsächlichen Macht, unmöglich. („Normalisierungs-)Macht“ Sozialer Arbeit, wenn sie nicht mehr als Konsequenz gesellschaftlicher Strukturen und sozialpolitischer Entscheidungen verstanden, sondern aus dem (unangemessenen) Verständnis der Lage der Nutzer_innen seitens der Professionellen hergeleitet wird, kann dann nur als (subjektiv zu verantwortende) Folge verkürzter oder verfehlter Analyse interpretiert werden. Eine so zustande gekommene Machtausübung, wenn sie nicht gewünscht wird, muss folgerichtig durch „angemessenere“ Deutungen korrigierbar sei. Dazu Melanie Plößer: „Eine Soziale Arbeit, die sich dieser machtvollen Wirkungsweisen in Bezug auf Differenzen bewusst ist und diese Wirkungen, wenn sie sie auch nicht einfach abschaffen kann [warum nicht? D.R.], so doch zumindest mindern will, hat dementsprechend ihre Umgangsweisen mit Differenz zu überdenken, bzw. Umgangsweisen zu entwickeln, die für die Adressaten und Adressatinnen weniger normierend, weniger eingrenzend, weniger machtvoll sind“ (S.225). „Gute“ Soziale Arbeit, die sich ihren Nutzer_innen gegenüber verpflichtet fühlt und zur Schaffung gerechter Verhältnisse beitragen möchte, wird so zu einer Frage individueller Moral. Das schlägt sich in immer wiederkehrenden Formulierungen des „Müssens“ nieder: Soziale Arbeit muss dieses und jenes tun, sein, bewirken, Professionelle müssen so und so denken, empfinden, agieren oder eben grade nicht. Solche Personalisierung und Ontologisierung von Verantwortung (professionellen Handelns) verschleiert die gesellschaftliche Verantwortung und entzieht die tatsächlichen Machtstrukturen einer Analyse.

Dass „Anerkennung“, „Respekt“, „Gerechtigkeit“ in diesem Buch eine so wichtige Rolle spielen (erstaunlich, dass dem gegenüber der Begriff „Menschenrechte“ kaum? / gar keine? Erwähnung findet), ist sympathisch. Die Bedeutung solcher Werte für Soziale Arbeit wird aber nicht wirklich abgeleitet: warum? aufgrund welcher Möglichkeiten? mit wessen Unterstützung? für wen? für wen nicht? Gerechtigkeit? Strukturalistische Analysen liefern hierfür keine Argumente, denn, um es angelehnt an Manderscheid zu sagen: die Struktur folgt der Funktion, oder anders: ohne Bestimmung der Funktion keine belastbare strukturelle Analyse. Nur über die Bestimmung der gesellschaftlichen Funktion(en) Sozialer Arbeit ist eine Klärung der Bedeutung der Gerechtigkeitsthematik für die Profession möglich. Ansonsten bleibt die Forderung nach Gerechtigkeit einerseits gutmenschlich und gerät andererseits in die Gefahr, selbst eine hegemoniale Orientierung zu reproduzieren.

Fazit

Abschließend und zusammenfassend: Susanne Fegter, Karen Geipel und Janina Horstbrink stellen am Ende ihres Artikels fest: „Bisher sind nur vereinzelt Übertragungen poststrukturalistischer Theorieansätze auf sozialarbeiterische Handlungszusammenhänge – insbesondere in Verbindung mit konkreten Handlungsvorschlägen – zu verzeichnen […]. Entsprechende Theorien scheinen eher eine abschreckende Wirkung auszuüben, da ihnen häufig ‚Praxisuntauglichkeit‘ attestiert wird“ (S.246). Ich stimme den Autorinnen zu: auch ich halte poststrukturalistische Ansätze in der Sozialen Arbeit nicht für wirklich praxistauglich, und nicht etwa, weil die entsprechenden Theorien abschreckend wirkten. Im Gegenteil, sie thematisieren interessante und für Disziplin wie Profession der Sozialen Arbeit wichtige und anregende Aspekte. Was ihnen aber fehlt, ist ein solides, wissenschaftstheoretisch ausgewiesenes, Fundament. Und das hat Folgen.


Rezensentin
Prof. C. Dorothee Roer
Dipl.-Psych., Fachpsychologin für Klinische Psychologie (BDP), Prof. (emer.) FB4 Soziale Arbeit und Gesundheit FH Frankfurt/M. Arbeitsschwerpunkte: Psychosoziale Versorgung, Psychiatrie im Faschismus, Biografie-Arbeit und Rekonstruktive Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
C. Dorothee Roer. Rezension vom 03.11.2011 zu: Fabian Kessl, Melanie Plößer (Hrsg.): Differenzierung, Normalisierung, Andersheit. Soziale Arbeit als Arbeit mit den Anderen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16371-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8366.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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