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Hermann Giesecke: Pädagogik - quo vadis?

Cover Hermann Giesecke: Pädagogik - quo vadis? Ein Essay über Bildung im Kapitalismus. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-2229-2. 18,00 EUR, CH: 31,50 sFr.

Reihe: Juventa Paperback.
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Thema

Dem Autor geht es um die Notwendigkeit, Eigentümlichkeit und Unverwechselbarkeit der Pädagogik als gesellschaftliche Praxis. Diese gelte es wieder zu entdecken und zugleich zu verteidigen gegen nicht angemessene Ansprüche, die ihr heute von außen auferlegt würden. Der Autor will einen Zusammenhang entwerfen, der helfen kann, den Zustand unseres Bildungswesens besser zu verstehen und ihn zum Zwecke der Verbesserung kritisch zu reflektieren.

Autor

Dr. Giesecke ist emeritierter Professor für Pädagogik und Sozialpädagogik. Bekannt ist er durch zahlreiche Bücher, unter anderem „Pädagogik als Beruf“ (9. Auflage 2007) oder „Die pädagogische Beziehung“ (2. Auflage 1999).

Entstehungshintergrund

Giesecke geht von der gegenwärtigen Diskussion um Bildung aus. Argumentationen wie bisher – sie sind nach seiner Einschätzung verworren und kompliziert – würden keinen Nutzen mehr erwarten lassen. Um eine andere Sicht zu gewinnen, wählt Giesecke eine Perspektive der Praxis: die „Sicht derer, die pädagogisch handeln müssen“ (S. 10).

Aufbau

Auf eine Einleitung (10 S.) folgen in diesem Essay fünf Kapitel von sehr unterschiedlicher Länge (17 bis 62 S.). Das erste Kapitel, „Forderung als pädagogische Maxime“, könne man „auch als eine kurz gefasste Antwort auf die Frage lesen: Was ist Pädagogik?“ (S. 11) In den Kapiteln zwei bis vier geht Giesecke Einflüssen nach, durch die die Aufgabenbeschreibung des pädagogischen Handelns „bis weit in den öffentlichen Diskurs hinein in Vergessenheit geraten oder auch wirksam verdrängt worden“ sei (ebd.). Er formuliert dies als „Kritik der Psychologisierung“ (Kap. 2), als „Kritik der Ökonomisierung“ (Kap. 3), und er befasst sich mit dem heiklen Verhältnis von „Praxis und Theorie“ (Kap. 4). Am Schluss steht ein „Ausblick“ (Kap. 5).

Inhalt

Giesecke setzt am Grundproblem pädagogischen Handelns an. Dieses bestehe darin, „die naturgegebene Differenz zwischen der Geburt eines Menschen und seiner biologischen und gesellschaftlichen Reife über Jahre hinweg so zu gestalten, dass sie von den Heranwachsenden selbst überwunden werden kann“ (S. 10 f.). Das sei nicht nur als eine Aufgabe von Familie und Schule zu verstehen, sondern der gesamten Gesellschaft. Bestmögliche Förderung könne es ohne Forderung aber nicht geben. Für Giesecke steht die Kategorie der Forderung deshalb „am Anfang aller Pädagogik“: als „die Forderung der Gesellschaft an das Individuum [...], sich lernend zu integrieren“ (S. 41). Lernen sei der Beitrag der Heranwachsenden für das Gemeinwohl. Giesecke übergeht dabei keineswegs die Schwierigkeit, seitens der Gesellschaft zu bestimmen, welche Erwartungen sie, etwa via Schule, stellt. Dafür brauche es den öffentlichen Diskurs und die politische Entscheidung. Doch manches bleibe wegen der pluralistischen Struktur der Gesellschaft offen; gleichwohl seien Heranwachsende gefordert zu lernen, „für sich persönlich sehr wohl zu entscheiden“ (S. 33).

Dass diese Aufgabenbeschreibung weitgehend vergessen oder verdrängt worden sei, habe unter anderem mit „ideologischen Widersachern“ zu tun, mit denen die Pädagogik in einer Art Wettbewerb stehe (S. 11). Als ersten Widersacher nennt Giesecke eine Psychologisierung des pädagogischen Handelns – das heißt „die Umdeutung aller pädagogischen Tatsachen, Aufgaben und Ansprüche in unmittelbare, insbesondere emotional zu verstehende menschliche Beziehungsdimensionen“ (S. 12). Dadurch verschwinde die Kategorie der Forderung ebenso wie normative Ansprüche durch die Gesellschaft. Hervorgekehrt würden Vorstellungen der Individualität und Individualisierung. Die zugrunde liegenden Annahmen seien „nicht rundweg falsch“, ja ursprünglich sogar zu begrüßen, nun aber einseitig zugespitzt und immunisiert gegen Kritik (S. 45). Giesecke tadelt Konzepte, die „an der individuellen Innerlichkeit“ ansetzen, wenn diese zu einer gleichsam überragenden Weltanschauung mutierten (S. 47 f.). Seine Kritik gilt nicht der Psychologie als Wissenschaft, sondern dem Zeitgeist – dazu rechnet er auch überzogene Konzepte des Konstruktivismus und des Interaktionismus.

Den zweiten ideologischen Widersacher, den Giesecke erörtert, sieht er in einer Ökonomisierung des Bildungswesens und des pädagogischen Denkens. Vorbereitet und gestützt sei dieser Prozess durch den der Psychologisierung. Die Persönlichkeitsvorstellung sei nun die „eines frei nach Marktlage entscheidenden ‚flexiblen‘ Marktteilnehmers“, der nicht bestimmt ist „durch vorgegebene soziale Bindungen“ (S. 13). Betrachtet man das Bildungswesen, so seien, entgegen der Bildungstradition, ökonomisch-organisatorische Prinzipien auf es ausgedehnt worden, die als so genannte „neoliberale Weltanschauung mit der Radikalität einer Heilslehre“ vertreten würden (S. 103). Giesecke leugnet keinesfalls die nötige Verflechtung pädagogischen Handelns mit ökonomischen Kriterien; doch dürften diese die Substanz der Bildung nicht gefährden. Er befürchtet, dass Pädagogik „mehr und mehr unter betriebswirtschaftlichen Renditegesichtspunkten kommerzialisiert wird“ (S. 110). Hieran schließt er eine weitere These an: Im Bildungswesen, sei es in Schule oder Hochschule, festige und verstärke der Vorrang betriebswirtschaftlicher Annahmen das Bildungsprivileg der Mittelschicht.

Das anschließende vierte Kapitel gilt der Erziehungswissenschaft. Provokant schickt Giesecke voraus, dass sie für das von ihm Besprochene „jedoch wenig hilfreich“ sei – der Grund: Sie sei „in letzter Zeit zu sehr mit sich selbst, nämlich mit ihrer Emanzipation von der pädagogischen Praxis, beschäftigt“ (S. 14). Giesecke sieht dafür durchaus eine Notwendigkeit im Prozess, in dem sich die Pädagogik überhaupt zu einer modernen Sozialwissenschaft entwickeln konnte, „die ihrer internen Wissenschaftslogik folgt“ (S. 160). Damit sei aber eine (Allgemeine) Pädagogik verschwunden, die das Handeln in der Praxis orientiert. Das ermögliche eine Kolonialisierung der pädagogischen Praxis durch Nachbarwissenschaften, vor allem unter dem Etikett der empirischen Bildungsforschung. Ein prominentes Beispiel seien die PISA-Studien. Solche Art Forschung trage „wenig zur Aufklärung der genuin pädagogischen Tätigkeit“ bei, könne sich aber „gleichwohl in der öffentlichen Meinung als besonders kompetent präsentieren“ (S. 14). Dass der Ertrag aus Sicht der direkten Praxis so gering sei, liege „im Kern daran, dass die Komplexität des Handlungsfeldes im ganzen [!] nicht empirisch untersucht werden kann“ (S. 144). Dennoch sieht Giesecke durchaus praxisrelevante aufklärerische Elemente, die Erziehungswissenschaft und empirische Bildungsforschung beizusteuern haben. Wie sie sich aus der Sicht der Praxis übersetzen lassen würden, darauf geht er am Ende dieses Kapitels ein.

Im abschließenden Ausblick hebt Giesecke dagegen noch einmal „das Kernstück einer als solche nicht öffentlich verkündeten kapitalistischen Anthropologie“ hervor: Das sei der „radikal individuell orientierte Marktteilnehmer“ (S. 185 f.). Eher pessimistisch äußert er sich, zur gegenwärtigen Bildungspolitik, weil „keine politisch relevante Gruppe in Sicht“ sei, „die an den Verhältnissen in naher Zukunft etwas ändern wollte“, und weil dem auch mächtige Interessen entgegenstünden (S. 186). Hoffen lässt ihn aber, dass Bildungsfragen, anders als viele andere Themen der Politik, „im Alltag unmittelbar erfahrbar und erlebbar“ seien (S. 196). Seinerseits setzt er, gewissermaßen klassisch, auf „eine breite Allgemeinbildung, der es um die Entfaltung grundlegender kognitiver und gestalterischer Fähigkeiten geht“ – für ihn „immer noch eine der modernsten pädagogischen Ideen“ (S. 197).

Diskussion

Giesecke nutzt die Möglichkeiten der Textgattung Essay, um das Erscheinungsbild heutiger Pädagogik, sei es in ihrer Praxis oder ihrer Theorie, auf eine anregende Weise zu hinterfragen, die außerhalb einer streng wissenschaftlichen Methodik liegt. Er bedient sich der eher literarischen Form mit sprachlicher Brillanz und zum Teil mit sprachlichem Witz, sodass der Text die Aufmerksamkeit fesseln kann.

Indem er zudem die Grenzen des Pädagogisch-Fachlichen überschreitet, stellt er an sich einen hohen Anspruch, dem er durchaus gerecht wird. Diese Öffnung ermöglicht es ihm, Einflüsse zu diskutieren, die aktuell von außen auf die pädagogische Tätigkeit wirken, ja diese vielleicht sogar bestimmen.

Bei all der Kritik, die der Autor vorbringt, stellt sich natürlich die Frage nach Lösungen. Giesecke zeigt hier Perspektiven im Sinne eher allgemeiner Richtungsweisungen auf, die in dieser Rezension nur angedeutet werden konnten. Den LeserInnen des Buches bleibt es aufgetragen, Gieseckes Analysen und Richtungsweisungen anhand der eigenen pädagogischen Praxis zu reflektieren und weiterzudenken.

Fazit

Ein aspektreiches Buch mit vielen provokanten Thesen, die Denkanstöße geben und zum Vergleich mit eigener Erfahrung anregen. Es ist allen zu empfehlen, denen pädagogisches Handeln ein Anliegen ist.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 23.11.2009 zu: Hermann Giesecke: Pädagogik - quo vadis? Ein Essay über Bildung im Kapitalismus. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-2229-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8367.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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