socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Marc Weinhardt: E-Mail-Beratung

Cover Marc Weinhardt: E-Mail-Beratung. Eine explorative Studie zu einer neuen Hilfeform in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 297 Seiten. ISBN 978-3-531-16846-3. 34,90 EUR.

Reihe: Forschung und Entwicklung in der Erziehungswissenschaft. VS research.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch untersucht die Praxis der E-Mail-Beratung in der Sozialen Arbeit. Gegenstand sind auch theoretische Konzepte, mit denen sich diese Praxis begründen und reflektieren lässt. Dabei befasst sich der Autor in Theorie und Empirie vor allem mit zwei Aspekten: mit der Institutionalisierung von E-Mail-Beratung (Konzeption, Implementierung und Durchführung) sowie mit der Sicht der AdressatInnen dieses Angebots.

Autor

Dieses Buch ist zugleich Weinhardts Dissertation, mit der er als Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen im Jahr 2008 promovierte. Er ist außerdem Familientherapeut und Supervisor. Zudem arbeitet er selbst als E-Mail-Berater und ist in der beruflichen Aus- und Fortbildung hierzu tätig.

Entstehungshintergrund

In der Sozialen Arbeit ist E-Mail-Beratung zunehmend zu beobachten, aber bisher wenig erforscht. Ziel der vorliegenden Untersuchung ist, die aktuelle Praxis zu erschließen.

Aufgrund der eigenen Erfahrung will sich der Autor auch Missverhältnissen zwischen Theorie und Praxis der E-Mail-Beratung widmen. Ein besonderes Anliegen sind ihm gesellschaftliche und institutionelle Bedingungen, zu denen es keine Vorläuferuntersuchungen im deutschsprachigen Raum gebe.

Aufbau

Die Studie gliedert sich in Theorie-, Empirie- und Diskussionsteil. Weitaus am umfangreichsten ist davon der Empirieteil mit rund 150 Seiten. Er besteht aus mehreren Kapiteln zu den durchgeführten ExpertInneninterviews und einer KlientInnenbefragung.

Inhalt

Dem eigentlichen Theorieteil stellt der Autor eine Standortbestimmung der E-Mail-Beratung voran. Dabei wird auch der Begriff für die Untersuchung näher bestimmt: „E-Mail-Beratung ist Soziale Beratung, die durch den zeitversetzten Austausch von Dokumenten auf einer hierfür eingerichteten Beratungsinfrastruktur im Internet durchgeführt wird.“ (S. 34)

Der Theorieteil befasst sich mit gesellschaftlichen Voraussetzungen, mit der E-Mail als Form der Kommunikation und mit Beratungsansätzen, die auf Schriftlichkeit aufbauen. Danach erscheint E-Mail als ein Sonderfall der Kommunikation, bei dem Beratung sich erheblich von der Face-to-Face-Situation unterscheidet und wobei die BeraterInnen besondere Kenntnis des Mediums brauchen. Weinhardt diskutiert, welche Zielgruppen Sozialer Arbeit möglicherweise nicht erreicht werden. Ferner geht es darum, wie sich die Organisationsstruktur der mit E-Mail-Beratung befassten Einrichtungen womöglich verändern muss. Es wird auch die Frage nach einem neuen Typus sozialarbeiterischen Handelns erörtert.

Die Methoden der Beratung selbst sieht Weinhardt noch als theoretisch unterbestimmt. Vier Ansätze werden von ihm referiert, auf die sich zurückgreifen ließe oder die in der Praxis der E-Mail-Beratung bereits Bedeutung erlangt haben: Das sind die Schreib- und Poesietherapie, die sich aus der Psychoanalyse heraus entwickelten; der Ansatz der Familientherapeuten David Epston und Michael White, die auf eine größere Wirkung der Schriftlichkeit gegenüber der gesprochenen Sprache setzen; der für die Face-to-Face-Beratung ausgearbeitete Ansatz von Steve de Shazer, der Therapie, unter Bezug auf philosophische Positionen, selbst als Text begreift; schließlich das so genannte „Vier-Folien-Modell“ zur E-Mail-Beratung, das von Birgit Knatz und Bernard Dodier unter Einbezug ihrer praktischen Erfahrung entwickelt wurde – diese stammt aus der E-Mail-Beratung der Telefonseelsorge.

Mit vier Fachkräften der E-Mail-Beratung hat Weinhardt leitfadengestützte ExpertInneninterviews durchgeführt. Die Betreffenden arbeiten bei der Telefonseelsorge Deutschland, bei Sextra (pro familia Deutschland) und zwei regional getragenen Projekten: „Sorgenchat“ und „youth-life-line“ (beide Tübingen). Gegenüber den zuletzt genannten unterscheiden sich die beiden ersten Anbieter durch ihren dezentralen Charakter: Sie sind als überregionale, computergestützte Netzwerke organisiert. Es geht in den Interviews um das Zustandekommen der E-Mail-Beratung, Strategien zu deren Implementierung, Faktoren der Beratung, die durch das Medium E-Mail bedingt sind, sowie um Technik und Methodik der Beratung selbst. Am Ende der qualitativen Auswertung unterscheidet Weinhardt drei Formen der E-Mail-Beratung: das Informieren, das Stabilisieren und das Begleiten.

Mittels einer standardisierten Online-Befragung hat Weinhardt Daten von 191 NutzerInnen der E-Mail-Beratung der oben genannten Einrichtungen erhoben. Es war das Ziel, eine reale Typologie von E-Mail-KlientInnen zu entwickeln. Dazu hat Weinhardt den soziodemographischen Hintergrund erhoben, die Art und den Grad der Nutzung des Internets, die Art der nachgefragten Beratung und deren Beurteilung durch die KlientInnen sowie Statements, die auf zentrale Merkmale der Persönlichkeit schließen lassen. Die Auswertung erfolgte mittels Faktoren- und anschließender Clusteranalyse, die sich auf sechs ermittelte Variablen stützte. Daraus ließen sich vier Typen von KlientInnen bestimmen: „erwerbstätige Medienpragmatiker“, „zurückgezogene Dauerklienten“, „sachorientierte Informationsbeschaffer“ und „jugendliche Krisenklienten“ (S. 225–249).

Weinhardt fasst im letzten Kapitel den Ertrag seiner Studie zusammen und blickt auf mögliche weitere Forschung. Er geht von der These einer nachgeholten Modernisierung aus: eine Modernisierung, die durch die Einführung von E-Mail-Beratung in der Sozialen Arbeit stattfinde. Er sieht von hier aus weiteren Klärungsbedarf bei der Strukturierung der Arbeit, der Qualifizierung der MitarbeiterInnen, der Entwicklung der Handlungsmethodik sowie bei Fragen nach den Zielgruppen und den Wirkungen der Beratung.

Diskussion

Der Autor hat seinen eigenen Anspruch eingelöst: die Praxis der E-Mail-Beratung empirisch so zu erkunden, dass Abstraktionen möglich werden, die sich für die künftige Entwicklung des Feldes gebrauchen lassen. Das gilt sowohl für die Praxis der Sozialen Arbeit als auch mit Blick auf weitere Forschung.

Eine Stärke des Buches ist seine klare Struktur und Übersichtlichkeit. Bei den ExpertInneninterviews fasst der Autor die Ergebnisse nach jedem Unterabschnitt zusammen und hebt sie grafisch hervor. Anlage, Auswertung und Darstellung der standardisierten Befragung zeigen ein hohes Methodenbewusstsein. Im Anhang sind die statistischen Auswertungen angemessen dokumentiert. Die Darstellung des Textes wird durch eingängige Tabellen fundiert. Auch LeserInnen, die weniger in Statistik erfahren sind, finden grundlegende Erläuterungen zu Faktoren- und Clusteranalyse, sodass ein Verständnis erleichtert wird.

Ein kritischer Punkt ist, inwiefern sich E-Mail-Beratung in der Sozialen Arbeit als eine pädagogische Handlungsform oder eher in Anlehnung an psychologische Therapieformen begreifen lässt. So setzt Weinhardt Beratung und Therapie, wo es ihm einfacher scheint, schon einmal unter Vorbehalt gleich (vgl. S. 23). Auch die theoretischen Bezüge, auf die er sich beruft, weisen stark in Richtung Therapie. In den ExpertInneninterviews, soweit zitiert, scheint mitunter psychologisch-therapeutisches Vokabular hervor. Die Frage des qualitativen Unterschieds ist noch nicht befriedigend geklärt. Folgt man einem pädagogischen Beratungsverständnis, wie es etwa Hermann Giesecke formuliert hat, würde Beratung sich auf den argumentativen Austausch begrenzen und sich in erster Linie als Lernhilfe verstehen.

Fazit

Das Buch ist interessant für Beschäftigte aller Organisationen, in denen man sich mit der Idee trägt, E-Mail-Beratung zu psychosozialen Fragen anzubieten. Indem möglichst unterschiedliche Einrichtungen mit ihrer Klientel in der vorliegenden Untersuchung berücksichtigt wurden, finden sich Anhaltspunkte für Konzeption, Implementierung und Durchführung unter verschiedensten Bedingungen. Es ist dem Autor außerdem gelungen, modellhaft Anhaltspunkte und Fragen für die weitere Entwicklung des Handlungsfeldes und der Forschung zu beschreiben.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


Alle 53 Rezensionen von Christian Beck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 02.11.2009 zu: Marc Weinhardt: E-Mail-Beratung. Eine explorative Studie zu einer neuen Hilfeform in der sozialen Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16846-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8368.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung