Dieter Irblich, Gerolf Renner (Hrsg.): Diagnostik in der klinischen Kinderpsychologie
Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 02.12.2009
Dieter Irblich, Gerolf Renner (Hrsg.): Diagnostik in der klinischen Kinderpsychologie. Die ersten sieben Lebensjahre. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 481 Seiten. ISBN 978-3-8017-2124-4. 49,95 EUR. CH: 84,00 sFr.
Autoren
Die beiden Herausgeber, Dieter Irblich und Gerolf Renner, sind als klinische Psychologen an einem Sozialpädiatrischen Zentrum tätig. Die weiteren Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge sind renommierte Fachleute aus Forschung und Praxis.
Thema
Die Bedeutung von präventiven Maßnahmen und frühen Interventionen für die kindliche Entwicklung wird erfreulicherweise zunehmend erkannt und anerkannt. Für zielgenaue Maßnahmen ist das frühe Erkennen von Risikofaktoren, Entwicklungsauffälligkeiten und emotionalen und Verhaltensstörungen unabdingbar.
Die kinderpsychologische Diagnostik als differenziertes Fachgebiet entwickelte ein umfangreiches methodisches Repertoire und hat sich in vielfältigen Anwendungsfeldern etabliert.
Anspruch der Herausgeber ist es, eine an den Bedürfnissen der Praxis ausgerichtete und wissenschaftlich fundierte aktuelle Übersicht der Untersuchungs- und Anwendungsmöglichkeiten zu geben.
Aufbau und Inhalt
Teil 1: Grundlagen der klinischen Diagnostik bei Kindern
In den sechs Kapiteln des einführenden Teils werden, meist von den Herausgebern verfasst, die Grundlagen der Kinderdiagnostik erörtert. Nach einem einführenden Fallbeispiel werden die Merkmale der Untersuchungssituation, die interdisziplinäre Zusammenarbeit, die rechtlichen und ethischen Aspekte sowie die abschließende Befundbesprechung mit Eltern in vielen relevanten Facetten besprochen.
Teil 2: Methoden der Datenerhebung
In den vier Kapiteln dieses Teils werden die Merkmale der testpsychologischen Untersuchung und ihre klinische Relevanz (Qualitätskriterien von Tests, Beachtung von Boden- und Deckeneffekten, Itemgradienten, neuere Normierungen) dargestellt. Die Gewinnung weiterer relevanter Daten, sei es durch die Befragung der Eltern und Erzieher oder durch die Beobachtung und Befragung der Kinder sowie die Zusammenführung der Daten und eine systematische Verhaltensanalyse, die eine Analyse der Auftretenshäufigkeiten und – zusammenhänge in Familie und Kindergarten beinhaltet, sind die weiteren Themen.
Teil 3: Kinderpsychologische Diagnostik von Fähigkeiten und Fertigkeiten
In diesem Teil geht es um die verschiedenen Gebiete der Leistungsdiagnostik sowie um die Erfassung sozialer Kompetenzen. Im Einzelnen werden folgende Entwicklungsbereiche erfasst:
- Allgemeine Entwicklung
- Intelligenz
- Sprachentwicklung
- Motorische Leistungen
- Visuelle Wahrnehmungsverarbeitung
- Gedächtnisleistungen
- Früherkennung von Lernstörungen (Lese-Rechtschreibstörung, Rechenstörung)
- Kreativität
- Soziale und kommunikative Kompetenzen
Teil 4: Kinderpsychologische Diagnostik bei emotionalen und Verhaltensstörungen
Dieser Teil behandelt die Diagnostik von
- Aufmerksamkeitsstörungen
- Angststörungen
- Schlafstörungen
- Traumatisierung
- Frühkindlichen Regulationsstörungen
- Bindungsstörungen
- Aggressivem Verhalten
- Tiefgreifenden Entwicklungsstörungen
- Depressiven Störungen, Verlust, Trauer
- Ess- und Fütterstörungen
- Verzögerter Sauberkeitsentwicklung
Teil 5: Spezielle Anwendung der kinderpsychologische Diagnostik
Die Kapitel des fünften Teils behandeln besondere Formen der Diagnostik:
- Familien- und Interaktionsdiagnostik
- Neuropsychologische Diagnostik
sowie bei besonderen Kindern oder Anlässen: Diagnostik bei
- frühgeborenen Kindern
- sinnes- und körperbehinderten Kindern
- Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch
- Kindern aus zugewanderten Familien
Soweit als möglich und sinnvoll haben alle Kapitel einen ähnlichen Aufbau. Sie beginnen jeweils mit einem Fallbeispiel. In den Teilen 3 und 4 erfolgt eine kurze Darstellung der normalen Entwicklung sowie relevanter theoretischer Konzepte; die Störungen werden klassifiziert (ICD-10, DSM-IV). Anschließend wird das diagnostische Vorgehen erläutert. Im Teil 5 werden die Besonderheiten der jeweiligen Fragestellung herausgearbeitet. In allen Kapiteln dieser drei Teile werden die relevanten standardisierten Verfahren erläutert, wobei allgemein zugängliche, in der Regel deutschsprachige, Verfahren einbezogen werden.
Alle Kapitel schließen mit einem Ausblick („Trends“), enthalten sowohl die zitierte Literatur sowie Hinweise zu weiterführender Literatur und eine Liste der diagnostischen Verfahren.
Im Anhang findet der Leser Kriterien zur Auswahl von Testverfahren, Anhaltspunkte für die verbale Beschreibung von Testwerten sowie ein (unvollständiges) Verzeichnis von Testrezensionen.
Diskussion
Das Buch führt gut in die kinderpsychologische Diagnostik ein, erläutert anschaulich, welche Möglichkeiten der Datengewinnung es gibt und welche Standards sie erfüllen müssen. Anschließend wird eine Vielfalt von Entwicklungsbereichen und besonderen Fragestellungen besprochen.
In allen Kapiteln wird der Praxisbezug durch die Schilderung eines Fallbeispiels hergestellt, in dem die Anwendung auf konkrete Fragestellungen gezeigt wird. Hilfreich für den Anfänger, aber auch noch für den erfahrenen Praktiker, ist die die jeweilige Auflistung der Tests bzw. der Untertests von gängigen Verfahren, die über den Entwicklungsstand in den unterschiedlichen Bereichen Aussagen erlauben, ebenso die weiterführende Literatur. Es werden auch Internet-Adressen vermerkt; bei diesen besteht aber immer das Risiko, dass sie nicht mehr abgerufen werden können.
Zielgruppen
Klinisch arbeitende Psychologen sowie Studierende, Berufsanfänger und Vertreter von Nachbardisziplinen wie Heil- Sozial- und Sonderpädagogik, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Sozial und Neuropädiatrie
Fazit
Dieses Buch eignet sich gut als Handbuch für Ausbildung und Praxis. Es gibt auch dem Praktiker neue Anregungen und Hinweise auf den sich verändernden Markt an diagnostischen Verfahren. Die Herausgeber werden ihrem Anspruch gerecht, so dass diese umfassende Darstellung schnell zu einem Standardwerk werden wird.
Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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