Werner Haas: Das Hellinger-Virus
Rezensiert von Prof. Dr. Franz Ruppert, 13.08.2010
Werner Haas: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. 186 Seiten. ISBN 978-3-89334-538-0. 24,50 EUR.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema
Kritische Auseinandersetzung mit der Philosophie und Praxis des „Familienstellens“ von Bert Hellinger.
Autor und Herausgeber
Werner Haas ist Dipl. Psychologe, Supervisor und Familientherapeut. Er leitet seit 25 Jahren eine Psychologische Beratungsstelle. Das Buch ist erschienen im Asanger Verlag, Kröning, 2. korrigierte und erweiterte Auflage 2009.
Entstehungshintergrund
Das Buch trug 2005 in seiner 1. Auflage den Titel „Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen nach Hellinger kritisch beleuchtet“.
Aufbau
Die 6 Hauptkapitel tragen folgende Überschriften:
- Patriarchale Träume;
- Hellingers Okkult-Ätiologie;
- Die Befragung des Orakels;
- Das magische Theater;
- Hellinger – Werdegang und Wirkung;
- Das sogenannte Aufstellungsphänomen: Erklärungen für das angeblich Unerklärliche.
Die methodische Grundlage besteht in der Auseinandersetzung mit den Buch- und Videoveröffentlichungen von Bert Hellinger. Der Autor erwähnt nicht explizit, dass er selbst an Aufstellungsseminaren teilgenommen hat oder eigene Erfahrungen als Stellvertreter in Aufstellungen gemacht hat.
Inhalt
Das Anliegen von Werner Haas ist eine fundamentale Kritik der Philosophie und Aufstellungspraxis von Bert Hellinger. Er kritisiert u.a. folgende Postulate und Haltungen Hellingers:
- das „Nehmen der Eltern, wie sie sind“,
- den Vorrang der Familie/Sippe vor dem Einzelnen,
- die Unterordnung der Frauen unter die Männer,
- die Verharmlosung von sexuellem Missbrauch und von Vergewaltigungen,
- die unbewusste Wirkung eines vermeintlichen Sippengewissens,
- die Erklärung von psychischen Störungen, Krankheiten, Unfällen oder Suizid durch das „Sippengewissen“, „Verstrickungen“ und die Mechanismen von Schuld, Fluch und Sühne und den Verstoß gegen familiäre „Ursprungsordnungen“.
Insgesamt bezeichnet er Hellingers theoretischen Hintergrund als patriarchalische, vor- bis antiwissenschaftliche Metaphysik und esoterischen Nonsens.
Die von Bert Hellinger angewendete Methode des „Familienstellens“ sieht Haas als eine moderne Form okkulter Orakeltechnik an, bei der das herauskommt, was Hellinger an Vorannahmen in sie hineinsteckt. Das Familienstellen ist nach Haas das Vehikel, mit dem Hellinger seine Weltsicht propagiert und die Teilnehmer bei seinen Veranstaltungen manipuliert. Hellinger stilisiere sich dabei unter oberflächlicher Berufung auf die Philosophie der „Phänomenologie“ in die Rolle eines Mediums, das weit hinter die alltäglichen Dinge „schauen“ könne. Mit dem Gestus der Bescheidenheit verkündige er seine Ideologie als ein Erscheinen lassen von „Wahrheiten“ durch Aufstellungen. Praktisch stifteten seine Interventionen bei Klienten eher Schaden als Nutzen.
Die Methode der Aufstellung ist nach Meinung des Autors nichts Geheimnisvolles. Begriffe wie „Familienseele“ oder „wissendes Feld“ würden dem Familienstellen eine Aura des Mystischen geben. Durch sozialpsychologische Konzepte wie z.B. „Rollenwissen“, „Rollenerwartungen“ oder „Empathie“ oder die „Spiegelneuerone“ ließe sich das Phänomen durchaus erklären, dass die Klienten die Stellvertreter so erleben, als wären es die realen, von ihnen vertretenen Personen. Zudem seien die Stellvertreter meist ohnehin vorselektiert und auf Hellingers Konzepte bereits eingeschworen.
Den Erfolg und die weite Verbreitung des Hellingerschen Ansatzes erklärt sich Haas dadurch, dass
- seine Shows eine gewissen Unterhaltungswert böten,
- sich leidende Menschen durch das Versprechen einer schnellen „Heilung“ anlocken ließen,
- es eine latent magie- und okkultgläubige Infrastruktur einer Minderheit des Bildungsbürgertums gebe, die von der Aufklärung überfordert sei,
- eine Illusion von Wirksamkeit erzeugt werde,
- sich sowohl Menschen mit narzisstischer wie mit masochistischer Persönlichkeitsstruktur angesprochen fühlten,
- Hellinger abwechselnd die Karte demonstrativer Bescheidenheit oder hemmungsloser Selbstherrlichkeit spiele.
Schon in seinem Vorwort kommt Haas zu dem Fazit: „Hellingers Familientherapie ist weder „systemisch“ noch eine im positiven Sinne therapeutische Methode.“ (S.11)
Diskussion
Für jemanden wie mich, der sich 1994 selbst mit dem „Hellinger-Virus“ infiziert hat, ist dieses Buch einerseits eine Möglichkeit, meine inzwischen kritische Distanz zur Weltsicht Hellingers und seinem philosophischen Angebot einer Lebensberatung zu schärfen. Anderseits erkenne ich, wie begrenzt die Sichtweise von jemand ist, der, wie Werner Haas, eine psychologisch brisante Thematik nur aus der Perspektive eines distanzierten Beobachters zu verstehen vermeint. Haas Fundamentalkritik wirkt daher auf mich arrogant, oberlehrerhaft und teilweise verachtend den Menschen gegenüber, die durch Hellinger und die Methode des Familienstellens eine Zugang zu sich selbst, ihrem persönlichen Leidensweg und ihrer Familiengeschichte gefunden haben, den sie anderweitig bis dato so noch nicht entdeckt hatten. Persönliche Entwicklungswege haben ihre eigene Logik. Es ist meines Erachtens die Anerkennung ihrer symbiotischen Urbedürfnisse, die bei vielen Menschen durch ihre traumatisierten Eltern nie ausreichend befriedigt wurden, welche die Attraktivität des Familienstellens ausmacht. Dass es für den Umgang mit symbiotischen Verstrickungen mit traumatisierten Eltern andere therapeutische Lösungswege gibt, als die von Hellinger vorgeschlagene Unterordnung unter diese Eltern und das gesamte Ahnensystem, wäre eine sinnvollere Diskussion als zu unterstellen, Hellingers Ziel sei es letztlich, Menschen zu manipulieren und zu schaden. Da Haas selbst nicht mit der Aufstellungsmethode arbeitet, kann er meines Erachtens deren Wirkungsweise und deren Potential nicht würdigen, Menschen einen Zugang zu seelischen Dimensionen zu eröffnen, die ihnen ansonsten verschlossen blieben.
Fazit
Eine kritische Hinterfragung des Familienstellens und seiner theoretischen Grundlagen ist notwendig und sinnvoll. Wer sich bei seiner therapeutischen oder beraterischen Arbeit auf Bert Hellingers Theorie und Praxis beruft, sollte es nicht scheuen, sich mit den Grundgedanken und Haltungen von Hellinger kritisch zu befassen. Es bedarf allerdings einer gewissen Überwindung, dieses Buch von Werner Haas aufgrund der durchgehenden Polemik und Herabwürdigung von Hellinger persönlich, sowie von Patienten und von Aufstellern und allen anderen, an diesem Ansatz interessierten Menschen im Allgemeinen, nicht schon vorzeitig aus der Hand zu legen und sich dennoch die Mühe zu machen, die Argumentationen des Autors im Detail nachzuvollziehen.
Rezension von
Prof. Dr. Franz Ruppert
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