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Werner Haas: Das Hellinger-Virus

Cover Werner Haas: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. 186 Seiten. ISBN 978-3-89334-538-0. 24,50 EUR.
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Thema

Kritische Auseinandersetzung mit der Philosophie und Praxis des „Familienstellens“ von Bert Hellinger.

Autor und Herausgeber

Werner Haas ist Dipl. Psychologe, Supervisor und Familientherapeut. Er leitet seit 25 Jahren eine Psychologische Beratungsstelle. Das Buch ist erschienen im Asanger Verlag, Kröning, 2. korrigierte und erweiterte Auflage 2009.

Entstehungshintergrund

Das Buch trug 2005 in seiner 1. Auflage den Titel „Familienstellen – Therapie oder Okkultismus? Das Familienstellen nach Hellinger kritisch beleuchtet“.

Aufbau

Die 6 Hauptkapitel tragen folgende Überschriften:

  1. Patriarchale Träume;
  2. Hellingers Okkult-Ätiologie;
  3. Die Befragung des Orakels;
  4. Das magische Theater;
  5. Hellinger – Werdegang und Wirkung;
  6. Das sogenannte Aufstellungsphänomen: Erklärungen für das angeblich Unerklärliche.

Die methodische Grundlage besteht in der Auseinandersetzung mit den Buch- und Videoveröffentlichungen von Bert Hellinger. Der Autor erwähnt nicht explizit, dass er selbst an Aufstellungsseminaren teilgenommen hat oder eigene Erfahrungen als Stellvertreter in Aufstellungen gemacht hat.

Inhalt

Das Anliegen von Werner Haas ist eine fundamentale Kritik der Philosophie und Aufstellungspraxis von Bert Hellinger. Er kritisiert u.a. folgende Postulate und Haltungen Hellingers:

  • das „Nehmen der Eltern, wie sie sind“,
  • den Vorrang der Familie/Sippe vor dem Einzelnen,
  • die Unterordnung der Frauen unter die Männer,
  • die Verharmlosung von sexuellem Missbrauch und von Vergewaltigungen,
  • die unbewusste Wirkung eines vermeintlichen Sippengewissens,
  • die Erklärung von psychischen Störungen, Krankheiten, Unfällen oder Suizid durch das „Sippengewissen“, „Verstrickungen“ und die Mechanismen von Schuld, Fluch und Sühne und den Verstoß gegen familiäre „Ursprungsordnungen“.

Insgesamt bezeichnet er Hellingers theoretischen Hintergrund als patriarchalische, vor- bis antiwissenschaftliche Metaphysik und esoterischen Nonsens.

Die von Bert Hellinger angewendete Methode des „Familienstellens“ sieht Haas als eine moderne Form okkulter Orakeltechnik an, bei der das herauskommt, was Hellinger an Vorannahmen in sie hineinsteckt. Das Familienstellen ist nach Haas das Vehikel, mit dem Hellinger seine Weltsicht propagiert und die Teilnehmer bei seinen Veranstaltungen manipuliert. Hellinger stilisiere sich dabei unter oberflächlicher Berufung auf die Philosophie der „Phänomenologie“ in die Rolle eines Mediums, das weit hinter die alltäglichen Dinge „schauen“ könne. Mit dem Gestus der Bescheidenheit verkündige er seine Ideologie als ein Erscheinen lassen von „Wahrheiten“ durch Aufstellungen. Praktisch stifteten seine Interventionen bei Klienten eher Schaden als Nutzen.

Die Methode der Aufstellung ist nach Meinung des Autors nichts Geheimnisvolles. Begriffe wie „Familienseele“ oder „wissendes Feld“ würden dem Familienstellen eine Aura des Mystischen geben. Durch sozialpsychologische Konzepte wie z.B. „Rollenwissen“, „Rollenerwartungen“ oder „Empathie“ oder die „Spiegelneuerone“ ließe sich das Phänomen durchaus erklären, dass die Klienten die Stellvertreter so erleben, als wären es die realen, von ihnen vertretenen Personen. Zudem seien die Stellvertreter meist ohnehin vorselektiert und auf Hellingers Konzepte bereits eingeschworen.

Den Erfolg und die weite Verbreitung des Hellingerschen Ansatzes erklärt sich Haas dadurch, dass

  • seine Shows eine gewissen Unterhaltungswert böten,
  • sich leidende Menschen durch das Versprechen einer schnellen „Heilung“ anlocken ließen,
  • es eine latent magie- und okkultgläubige Infrastruktur einer Minderheit des Bildungsbürgertums gebe, die von der Aufklärung überfordert sei,
  • eine Illusion von Wirksamkeit erzeugt werde,
  • sich sowohl Menschen mit narzisstischer wie mit masochistischer Persönlichkeitsstruktur angesprochen fühlten,
  • Hellinger abwechselnd die Karte demonstrativer Bescheidenheit oder hemmungsloser Selbstherrlichkeit spiele.

Schon in seinem Vorwort kommt Haas zu dem Fazit: „Hellingers Familientherapie ist weder „systemisch“ noch eine im positiven Sinne therapeutische Methode.“ (S.11)

Diskussion

Für jemanden wie mich, der sich 1994 selbst mit dem „Hellinger-Virus“ infiziert hat, ist dieses Buch einerseits eine Möglichkeit, meine inzwischen kritische Distanz zur Weltsicht Hellingers und seinem philosophischen Angebot einer Lebensberatung zu schärfen. Anderseits erkenne ich, wie begrenzt die Sichtweise von jemand ist, der, wie Werner Haas, eine psychologisch brisante Thematik nur aus der Perspektive eines distanzierten Beobachters zu verstehen vermeint. Haas Fundamentalkritik wirkt daher auf mich arrogant, oberlehrerhaft und teilweise verachtend den Menschen gegenüber, die durch Hellinger und die Methode des Familienstellens eine Zugang zu sich selbst, ihrem persönlichen Leidensweg und ihrer Familiengeschichte gefunden haben, den sie anderweitig bis dato so noch nicht entdeckt hatten. Persönliche Entwicklungswege haben ihre eigene Logik. Es ist meines Erachtens die Anerkennung ihrer symbiotischen Urbedürfnisse, die bei vielen Menschen durch ihre traumatisierten Eltern nie ausreichend befriedigt wurden, welche die Attraktivität des Familienstellens ausmacht. Dass es für den Umgang mit symbiotischen Verstrickungen mit traumatisierten Eltern andere therapeutische Lösungswege gibt, als die von Hellinger vorgeschlagene Unterordnung unter diese Eltern und das gesamte Ahnensystem, wäre eine sinnvollere Diskussion als zu unterstellen, Hellingers Ziel sei es letztlich, Menschen zu manipulieren und zu schaden. Da Haas selbst nicht mit der Aufstellungsmethode arbeitet, kann er meines Erachtens deren Wirkungsweise und deren Potential nicht würdigen, Menschen einen Zugang zu seelischen Dimensionen zu eröffnen, die ihnen ansonsten verschlossen blieben.

Fazit

Eine kritische Hinterfragung des Familienstellens und seiner theoretischen Grundlagen ist notwendig und sinnvoll. Wer sich bei seiner therapeutischen oder beraterischen Arbeit auf Bert Hellingers Theorie und Praxis beruft, sollte es nicht scheuen, sich mit den Grundgedanken und Haltungen von Hellinger kritisch zu befassen. Es bedarf allerdings einer gewissen Überwindung, dieses Buch von Werner Haas aufgrund der durchgehenden Polemik und Herabwürdigung von Hellinger persönlich, sowie von Patienten und von Aufstellern und allen anderen, an diesem Ansatz interessierten Menschen im Allgemeinen, nicht schon vorzeitig aus der Hand zu legen und sich dennoch die Mühe zu machen, die Argumentationen des Autors im Detail nachzuvollziehen.


Rezension von
Prof. Dr. Franz Ruppert
Homepage www.franz-ruppert.de
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Am 11.03.2011 wurde folgende Replik des Autoren Werner Haas angefügt:

Herr Ruppert hat in weiten Teilen die Inhalte meines Buches und die darin vertretene Position richtig und sachlich wiedergegeben. Positiv hervorzuheben ist weiter, dass er sich selbst als mit dem „Hellinger-Virus“ infiziert bekennt; ob mit Bedauern oder mit Genugtuung, wird leider nicht weiter ausgeführt. Aber in 3 wesentlichen Punkten fühle ich mich zur Klarstellung aufgerufen:

1. Der Rezensent attestiert mir eine begrenzte Sichtweise, weil ich „eine psychologisch brisante Thematik nur aus der Perspektive des distanzierten Beobachters zu verstehen“ vermeine. Ist es nicht so, dass gerade die Fähigkeit zur distanzierten Beobachtung Voraussetzung für eine nüchterne Analyse ist? Freilich gehört zu einer guten Analyse des Phänomens Aufstellung auch das Einfühlungsvermögen für die Menschen, die in einer Aufstellung ihr Heil suchen und manchmal auch gefunden zu haben glauben. Wer jedoch selbst von dem Zauber einer Ideologie, einer Psychotechnik oder einer Droge befangen ist, kann gewiss keine brauchbare Analyse der Sache abliefern, auch wenn solche Erfahrungen subjektiv als Wissensvorsprung erlebt werden. Meine „begrenzte“ Sichtweise glaubt Herr Ruppert auch damit untermauern zu können, dass ich selbst wohl nicht mit der Aufstellungsmethode arbeite und somit „deren Wirkungsweise und deren Potential nicht würdigen“ könne. Wahr ist, ich habe sehr wohl langjährige Erfahrungen mit Verfahren, welche die Simulation sozialer Beziehungsgeflechte therapeutisch nutzbar zu machen suchen. Gerade das hat mich aber sensibel gemacht für die Irrwege, die ­ wenn auch mit Inbrunst ­ dort beschritten werden können. „Potential und Wirkungsweise“ von Methoden mit therapeutischem Anspruch sind nicht per se zu „würdigen“, sondern nur dann, wenn sie eingehend analysiert, geprüft und für gut befunden wurden.

2. Der Rezensent schreibt, ich unterstellte Hellinger das Ziel, „letztlich Menschen zu manipulieren und zu schaden“. Ich glaube nicht, dass es Hellingers oberstes handlungsleitendes Ziel ist, Menschen zu manipulieren und zu schaden. Dass Aufsteller ihre Klienten letztlich dann doch manipulieren und ihnen schaden, ist in der Regel keine Absicht, sondern ein systembedingter Nebeneffekt. Aufsteller sind selbst Gefangene ihrer Ideologie, welche sich mit der daraus abgeleiteten Psychotechnik der Aufstellung in steriler Weise selbst bestätigt. Das versuche ich in meinem Buch zu zeigen.

3. Die vom Rezensenten monierte „durchgehende Polemik“ lasse ich mir gefallen. Ich „warne“ ja den Leser schon in der Einleitung davor. Die Polemik ist aber nur ein „Garniervorschlag“, die Qualität der Argumente und die akribische Darstellung der Arbeit Hellingers bleiben davon unberührt. Dass ich mich über die Geisteshaltung und Praktiken der Aufsteller hin und wieder lustig mache, gebe ich ebenfalls zu ­ aber muss man dabei gleich von Herabwürdigung sprechen? Ganz energisch muss ich widersprechen, wenn Herr Ruppert eine „Herabwürdigung“ sogar von Hilfesuchenden auszumachen glaubt. M. E. besteht die Herabwürdigung darin, dass Menschen mit ihren Schicksalen in ein obskures pseudophilosophisches System gepresst und dann einer schädlichen Psycho-Kur unterzogen werden. Die Aufklärung darüber mag schmerzlich sein, doch der Würde ist dies nicht abträglich. Man kann darüber streiten, ob es pädagogisch sinnvoll ist, die Lächerlichkeit des hellingerschen Ansatzes so drastisch aufzuzeigen. In einem persönlichen Gespräch mit Betroffenen wäre dies wahrscheinlich nicht das Mittel der Wahl.

Ich verstehe, dass es Herrn Ruppert als vom „Hellinger-Virus“ Infizierten einer gewissen Überwindung bedurfte, mein Buch nicht vorzeitig aus der Hand zu legen und „die Argumentationen des Autors im Detail nachzuvollziehen“. Aber waren die Argumente diese Überwindung nicht wert?

Werner Haas
Caritas
Erziehungs-, Ehe- und Lebensberatung Pirmasens


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Zitiervorschlag
Franz Ruppert. Rezension vom 13.08.2010 zu: Werner Haas: Das Hellinger-Virus. Zu Risiken und Nebenwirkungen von Aufstellungen. Asanger Verlag (Kröning) 2009. 2., korrigierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-89334-538-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8383.php, Datum des Zugriffs 20.01.2020.


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