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Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich (Hrsg.): Figurationen von Adoleszenz

Cover Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich (Hrsg.): Figurationen von Adoleszenz. Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane II. transcript (Bielefeld) 2009. 213 Seiten. ISBN 978-3-8376-1025-3. 25,80 EUR.
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Thema

Dieser Sammelband soll das Potential ermessen, mit dem Romane der Gegenwart ein pädagogisches Nachdenken anstoßen und irritieren können. Und zwar geschieht dies am Gegenstand der Adoleszenz. Es geht darum, wie sich die Sicht der Pädagogik bereichern und erweitern, aber auch infrage stellen und verunsichern lässt. Ebenfalls diskutiert werden sollen die damit verbundenen Fragen der Erkenntnisgrundlagen und Methodologie.

Herausgeber

Dr. Koller ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Dr. Rieger-Ladich vertritt eine Professur für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Zusammen haben sie im Jahr 2005 einen ersten Sammelband zur pädagogischen Lektüre zeitgenössischer Romane herausgegeben: unter dem Titel „Grenzgänge“.

Entstehungshintergrund

Fast alle Beiträge des vorliegenden zweiten Sammelbandes gehen auf Vorträge einer Tagung zurück, die im Jahr 2008 stattfand. Sie trug den Titel „Alles noch offen? Adoleszenz im Spiegel der Literatur“.

Einen Ausgangspunkt schafft der Begriff „dichte Beschreibungen“ – die Herausgeber führen ihn auf den Ethnologen Clifford Geertz zurück (dieser bezeichnete damit die Auslegungen der EthnografInnen davon, wie Menschen ihrerseits ihr Tun und das anderer Menschen auslegen). Nun wird der Begriff angewendet auf die Beschreibungen der erzählenden Literatur. Die Bildung von Begriffen und Theorien in der Pädagogik sei auf gesättigte Beschreibungen angewiesen: Daraus begründe sich die Relevanz zeitgenössischer Romane für die Pädagogik.

Aufbau

Der Band beginnt mit einer achtseitigen Einleitung der Herausgeber zum Thema Adoleszenz, zum Ziel des Bandes und zur Kennzeichnung der zwölf Beiträge. Diese sind von unterschiedlicher Struktur und auch im Umfang recht verschieden: Sie umfassen zwischen 9 und 23 Seiten. Behandelt werden jeweils ein einzelner oder bis zu drei oder vier Romanen (wenn es sich nicht im Einzelfall um eine andere Gattung handelt wie die Autobiografie).

Inhalte

Die Liste der Roman-AutorInnen ist umfangreich. Sie zählen vor allem zur deutschsprachigen und angelsächsischen Literatur: Behandelt werden Romane von Christian Kracht, Thomas Meinecke, Ulrich Peltzer, Elfriede Jelinek, Paulus Hochgatterer, Hermann Burger, Jonathan Lethem, David Mitchell, Ian McEwan, Jonathan Franzen, Philip Roth, Elizabeth Bowen, Philippe Djian u.a. Mitunter bezieht sich ein Beitrag auf mehrere Romane der jeweiligen SchriftstellerInnen.

Die Aspekte der Adoleszenz, die in den Beiträgen des Sammelbandes herausgearbeitet werden, streuen ebenfalls breit. So geht es um die Gegensätzlichkeit von Offenheit und Festlegung in dieser Lebensphase, um Widersprüche und Konflikte, um die sozialen Aufstiegshoffnungen von Jugendlichen, um symbolische Prozesse einer Subjektwerdung, um die Relation von Sex und Gender, um anerkannte Zugänge zur Maskulinität, um Modelle von Adoleszenz oder darum, was es heißt, erwachsen zu sein. Ein einzelner Beitrag geht über das Rahmenthema hinaus: Eros in der pädagogischen Theorie.

Mehr angeschnitten als ausdiskutiert werden die Grundsatzfragen und methodologischen Gesichtspunkte. Nicht jeder Beitrag geht auf sie ein, und wenn doch, dann zum Teil auf unterschiedliche Aspekte. Grundsatzfragen sind, wie sich die Sicht der Wissenschaft mit der Ästhetik der Literatur verträgt, inwieweit sich in der erzählenden Literatur für die Pädagogik relevante Phänomene niederschlagen können und was es erkenntnismäßig bedeutet, mit fiktionalen Texten umzugehen. Methodologisch wird diskutiert, was eine „pädagogische Lektüre“ ausmacht und wie die Ergebnisse so gesichert und dargestellt werden können, dass sie intersubjektiv nachvollziehbar sind.

Wegen der Unterschiedlichkeit fällt es schwer, einzelne Beiträge exemplarisch auszuwählen. Ich entscheide mich für Cornelie Dietrichs Beitrag „‘Sippschaft eines interimistischen Zeitalters‘ – Adoleszenz nach dem Ende der Moderne in Juli Zehs Spieltrieb“ (S. 177–196). Das Kriterium ist, dass es Dietrich bei ihrer Lektüre um die zentrale Frage der Adoleszenz geht: diejenige nach Sinn und Ziel des je eigenen Lebens. Anhand eines erpresserischen Spiels, das Gegenstand des Romans ist, geht Dietrich auf Macht, Sexualität sowie auf das Verhältnis von Spiel und Wirklichkeit ein. Sie will die „Sinnhorizonte“ (S. 178) dieses Spiels rekonstruieren.

  • Dietrich stellt die Handlung und die zentralen Figuren des Romans vor. Danach beschreibt und analysiert sie das fragliche Spiel als ein Strategiespiel. Einem Verständnis, das aus der Spieltheorie stammt, setzt sie entgegen, wie die Gattung des Spiels in der Pädagogik häufig aufgefasst wird. Sie fragt, wie man von der Pädagogik aus einen Begriff des jugendlichen Spieltriebs angemessen fassen kann.
  • Die Wirkungen des Spiels werden von Dietrich vor allem für die jugendliche weibliche Hauptfigur dargestellt. Im Weiteren wird auch das Verhältnis der Generationen (zu Eltern und Lehrern) von Bedeutung. Dabei geht es auch um Wirklichkeits- und Zukunftsentwürfe im Zeitalter der Postmoderne.
  • Laut Dietrich kann die Pädagogik durch Zehs Roman Anregung und Irritation erfahren durch das Infragestellen einer vielleicht zu optimistischen Auffassung des Spiels. Der Roman zeige die Freisetzung und Entwicklung destruktiver Kräfte, die von außen nicht aufzuhalten sind. Am stärksten irritieren könne, dass sich die jugendlichen Protagonisten nicht mehr mit Entwürfen der Zukunft auseinandersetzen. Die Notwendigkeit von etwas Neuem scheine zwar im Roman auf; sie auszufüllen, werde aber den (pädagogischen) LeserInnen überlassen.

Diskussion

Es ist in der Erziehungswissenschaft strittig, ob sich aus der erzählenden Literatur pädagogisch Einschlägiges belastbar erkennen lässt. Demgegenüber tritt der im Sammelband vertretene Anspruch meist bescheidener auf, wenn von Anregungs- und Provokationspotential die Rede ist. Der Band zeigt überzeugend, dass sich solches Potential entdecken und gebrauchen lässt.

Kritischer zu betrachten ist, wenn der betreffende Roman „zum Testfall der erziehungswissenschaftlichen Theoriebildung“ ernannt wird (Rieger-Ladich, S. 110). Meiner Überzeugung nach ist das unter bestimmten Voraussetzungen durchaus möglich. Nur findet sich im vorliegenden Sammelband dafür keine genügend stringente ausführliche Begründung. (Ich beziehe mich bei Roman-Interpretationen auf den Soziologen Ulrich Oevermann, der die Analyse von Kunstwerken für die Sozialwissenschaften theoretisch und methodisch gesichert hat.)

Eine Schwäche des Sammelbandes ist, dass mehr oder weniger offen bleibt, was eine „pädagogische Lektüre“ ausmacht. Wie einer der Beitragenden äußert, führe die pädagogische Lektüre selbst „zu einer (auch) ‚dichtenden‘ Beschreibung“ (Andreas Poenitsch, S. 51). Keiner der Beiträge zeigt eine methodisch kontrollierte Interpretation. Es wird typischerweise Inhalt referiert und ausgewählte Passagen werden wörtlich zitiert, um theoretisch interessante Gesichtspunkte herauszuarbeiten. Zum Teil werden die Romane aber auch nur zur Verdeutlichung bzw. als Illustrationen oder Beispiele für Thesen verwendet.

Zwar wird beim Lesen des Sammelbandes erfahrbar, dass erzählende Literatur Einschlägiges zur Reflexion pädagogischer Phänomene beitragen kann – und zwar etwas, das in dieser Art auf der Basis einer herkömmlichen Datenerhebung nicht möglich ist. Der Band bleibt aber hinter dem zurück, was schon jetzt an wissenschaftlicher Stringenz einlösbar wäre.

Fazit

Der Sammelband setzt den spannenden Versuch fort, aus Romanen der Gegenwart Bedeutsames für eine pädagogische Reflexion zu gewinnen. Dabei wird das Thema Adoleszenz, das den Rahmen vorgibt, durch vielfältige Aspekte repräsentiert. Gewinn ziehen vor allem LeserInnen, die sich durch einfallsreiche Argumentationen zu einem Mitdenken – auf pädagogisch-theoretischem Hintergrund – anregen lassen.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 19.09.2009 zu: Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich (Hrsg.): Figurationen von Adoleszenz. Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane II. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1025-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8386.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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