socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Helga Theunert (Hrsg.): Jugend - Medien - Identität

Cover Helga Theunert (Hrsg.): Jugend - Medien - Identität. Identitätsarbeit Jugendlicher mit und in Medien. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. 200 Seiten. ISBN 978-3-86736-077-7. 16,80 EUR.

Reihe: Interdisziplinäre Dikurse - 4.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Jugendliche handeln mit und in Medien. Wie wirkt das auf die Bildung ihrer Identität? Wie nutzen sie aktiv die Medien dafür? Dem gehen die Beiträge des vorliegenden Sammelbandes nach. Sie tun dies aus der Sicht verschiedener Wissenschaften: der Jugendsoziologie, der Psychologie, der Medienwissenschaft und der Medienpädagogik. Es werden sowohl theoretische Grundlagen als auch empirische Ergebnisse dargestellt. Das Buch bezieht sich auf unterschiedliche Medien und verschiedene Arten, wie Jugendliche an ihrer Identität arbeiten.

Herausgeberin

Dr. Helga Theunert ist Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft/Medienpädagogik an der Universität Leipzig. Zudem ist sie Direktorin des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, München.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf eine gleichnamige Tagung zurück, die 2008 vom JFF veranstaltet wurde. Die Tagung fand in Kooperation mit der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien statt. Gefördert wurde sie durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung. Der Sammelband enthält auch Beiträge, die nicht auf der Tagung vorgestellt wurden.

Aufbau

Eröffnet wird das Buch durch ein neunseitiges Vorwort der Herausgeberin – es fungiert faktisch als Einleitung, gefolgt von Grußworten aus den unterstützenden Organisationen. Danach gliedert sich der Text in drei Teile: 1. „Lebensbedingungen und Lebensvollzüge Jugendlicher“, 2. „Orientierungssuche und Identitätsarbeit Jugendlicher in medialen Räumen“ und 3. „Mediale Identitätsarbeit Jugendlicher in praktischer Gestaltung und wissenschaftlicher Beobachtung“. Auf den zweiten Teil entfallen sechs der elf Beiträge. Er ist daher mit 95 Seiten der umfangreichste.

Inhalt

Der erste Teil, der der Kennzeichnung des Jugendlichseins heute gilt, beginnt mit einem Essay über „Jugend heute“, den Lothar Böhnisch verfasst hat. Der zweite Beitrag hat zum Thema, wie die Bildung von Identität vermittelt über Jugendszenen stattfindet (Michaela Pfadenhauer). Dies wird vor allem am Beispiel der Techno-Partyszene gezeigt. Den Schluss dieses Teils bildet ein Artikel des Identitätstheoretikers Heiner Keupp. Besonders behandelt er Risiken und Chancen der Identitätskonstruktion in der heutigen Moderne.

Ebenfalls grundlegender Art ist die Eröffnung des zweiten Teils, wobei es nun um die mediale Identitätsarbeit Jugendlicher geht: „Zwischen Realität, Experiment und Provokation“, wie es im Untertitel des ersten Beitrags heißt (Bernd Schorb). Der zweite Artikel schärft diese Sicht, indem er betrachtet, wie das Gesamt der Medien, das einzelne Jugendliche für bestimmte Zwecke nutzen, der Arbeit an der Identität dient. Die Rede ist von der so genannten Medienkonvergenz. Hierzu wird das Fallbeispiel eines 15-jährigen Mädchens vorgestellt (Maren Würfel/Jan Keilhauer).

Weil das Thema Medienkonvergenz in Zukunft sicher weiter an Bedeutung gewinnt, sei hier kurz auf diesen Beitrag eingegangen: Bei dem Medieninhalt des Fallbeispiels handelt es sich um die fiktive Geschichte des jungen japanischen Kriegers (Ninja) „Naruto“. Dieser spezifische Inhalt ist über viele unterschiedliche Medien verfügbar. Das im Fallbeispiel dargestellte Mädchen greift auf diese Inhalte auch tatsächlich durch ein ganzes Ensemble an Medien zu – vor allem durch Comics (Mangas) und Zeichentrickfilme (Animes). Sie setzt sich besonders mit einer der weiblichen Figuren der Geschichte auseinander, auch indem sie eigene Inhalte dazu auf Fanpages ins Internet stellt. Würfel und Keilhauer zeigen, wie die Medienkonvergenz eine besondere Funktion für die Identitätsarbeit gewinnen kann.

Die folgenden vier Beiträge des zweiten Teils beziehen sich auf einzelne Medien und Schwerpunkte im Medienhandeln von Jugendlichen. Identitätsaspekte, die sich mit dem Social Web verbinden, sind Thema des ersten dieser Artikel. Es geht um Kommunikation und Produktion auf Mitmach-Plattformen im Internet (Ulrike Wagner). Sodann befasst sich ein Beitrag damit, dass Jugendliche in Projekten eigene Videos produzieren (Margrit Witzke). Auch von dieser Autorin wird das besondere Potential für die Identitätsarbeit diskutiert und für die Kommunikation lebensweltlicher Erfahrung. Der folgende Beitrag gilt dem Computerspielen (Christa Gebel). Die Autorin trägt aus der Forschungsliteratur überblicksartig Indizien für die Identitätsrelevanz dieses Mediums zusammen. Beendet wird dieser Teil des Buches durch ein klassisches Thema: mit der Frage, welche Bedeutung Musik für die Identitätsstiftung Jugendlicher hat (Dagmar Hoffmann).

Der dritte Teil stellt zwei Online-Räume vor, die aus einem pädagogischen Impuls entstanden sind. Unter anderem sollen sie die Identitätsarbeit von Jugendlichen stützen. Es handelt sich zum einen um „netzcheckers“, eine Community, die sich auf Jugendinformation zentriert und sich speziell auf die Neuen Medien ausrichtet (Niels Brüggen/Christian Herrmann). Zum anderen geht es um „LizzyNet“, eine Community ausschließlich für Mädchen (Ulrike Schmidt/Angela Tillmann). Es kommen jeweils die LeiterInnen und die wissenschaftliche Begleitung zu Wort. Dabei wird auch auf Möglichkeiten einer Optimierung eingegangen.

Diskussion

Der Sammelband behandelt informativ ein breites Spektrum aktueller Jugendmedien und deren Einbettung in soziale Kontexte. Wie ein roter Faden zieht sich das Thema Identität durch das Buch. Manches, was hier präsentiert wird, dürfte LeserInnen, die sich schon mit dem Themenfeld befasst haben, aus anderen Publikationen der AutorInnen bekannt sein. Das gilt etwa für das zuletzt genannte soziale Netzwerk LizzyNet. Zu ihm hat Tillmann eine Reihe von Publikationen vorgelegt, unter anderem eine umfangreiche Untersuchung über dessen Identitätsrelevanz (siehe dazu die socialnet Rezension unter http://www.socialnet.de/rezensionen/7918.php).

Dennoch lässt sich auch für vorinformierte LeserInnen Neues und Interessantes finden. Ich greife hier die Beiträge von Keupp und Böhnisch heraus. In den Sozialwissenschaften ist Keupp durch sein theoretisches Konstrukt heutiger Identität bekannt geworden: ausgedrückt in der Metapher vom „Patchwork“. Er entgegnet in seinem Artikel unter anderem einigen Missverständnissen, die die Rede von der Patchworkidentität in der Rezeption erlitten hat. Vor allem bezieht er sich mit diesem Ausdruck weniger auf das Ergebnis der Identitätsarbeit als vielmehr auf ihren Prozess. Er stellt die Leistung der einzelnen Person in diesem Prozess heraus.

Keupps Beitrag ist mit 25 Seiten der längste, Böhnischs Essay über „Jugend heute“ mit acht Seiten der kürzeste. Dennoch gelingt es ihm in diesem Rahmen, eine Reihe provokanter Thesen aufzustellen. Unter anderem behauptet er, Jugend werde von der Gesellschaft heute zunehmend als Risikogruppe gedeutet; die Jugendzeit werde weniger als eine Phase des Experimentierens verstanden, zumindest in der realen Welt. Ihr stellt Böhnisch ein weitgehend ungeschütztes Experimentieren in digitalen Räumen gegenüber. (Von Interesse ist dazu als allgemeiner Hintergrund Böhnischs 2009 erschienenes Buch „Sozialisation und Bewältigung“, gemeinsam verfasst mit Karl Lenz und Wolfgang Schröer.)

Fazit

Wer einen Einstieg in das Themenfeld sucht, findet in den Beiträgen des Sammelbandes einen aktuellen, gut zu lesenden Überblick. Der Herausgeberin und den AutorInnen ist es gelungen, die Identitätsrelevanz einer breiten Streuung von Medien in Bezug auf Heranwachsende einsichtig zu machen. Durch die grundlegenden Artikel wird darüber hinaus ein erweiterter Rahmen geschaffen: mit Aspekten einer aktuellen Jugenddiagnose allgemein und zu Besonderheiten, unter denen Identitätsbildung heute stattfindet.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


Alle 53 Rezensionen von Christian Beck anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 05.11.2009 zu: Helga Theunert (Hrsg.): Jugend - Medien - Identität. Identitätsarbeit Jugendlicher mit und in Medien. kopaed verlagsgmbh (München) 2009. ISBN 978-3-86736-077-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8391.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung