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Georg E. Becker: Disziplin im Unterricht

Cover Georg E. Becker: Disziplin im Unterricht. Auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Autorität. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 216 Seiten. ISBN 978-3-407-62488-8. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 33,00 sFr.
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Thema

Disziplin ist ein vieldiskutiertes Thema. Die Klagen über zunehmend undisziplinierte Schülerinnen und Schüler gehören zum Standardrepertoire der Lehrenden. Disziplinprobleme gelten als Krankmacher, sowohl bei den Lehrerinnen und Lehrern als auch bei den Schülerinnen und Schülern. Da scheint es geboten, dieses Thema einmal aus theoretischer und praktischer Sicht zu analysieren.

Autor

Georg E. Becker war Professor für Allgemeine Didaktik/Schulpädagogik an den Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Schwäbisch Gmünd. Der Klappentext des Buches weist ihn als den Begründer der erfolgreichen handlungsorientierten Didaktik aus.

Aufbau und Inhalt

Das Büchlein gliedert sich in 20 Kapitel nebst Literatur- und Sachverzeichnis.

In der Einleitung versucht der Autor zunächst Antworten auf die zwei selbstgestellten Fragen „Warum ist das Thema Disziplin heute so aktuell?“ sowie „Warum musste dieses Buch geschrieben werden?“ zu geben. Die Antworten auf die Frage nach der Aktualität sind nicht eindeutig. Die Nachwirkungen der traumatischen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges und die Bewegung der 68er werden ebenso ins Feld geführt wie etwa der Druck des globalen Wettbewerbs oder die zunehmende Anzahl an Eltern, die vermeintlich mit Ihren Erziehungsbemühungen scheitern. Eindeutiger sind schon die Antworten auf die Frage, warum dieses Büchlein geschrieben wurde. Hier bemängelt Georg E. Becker, das fast alle vorliegenden Publikationen den zeitgeschichtlichen Hintergrund nicht genügend berücksichtigen und auf eine präzise Definition des Begriffs Disziplin verzichten.

Folgerichtig nimmt uns Becker im ersten Kapitel „Disziplin – ein belasteter Begriff“ mit auf eine Zeitreise und beschreibt die Entwicklungsgeschichte der Disziplin in Deutschland, ausgehend von der wilhelminischen Zeit über das Dritte Reich bis hin ins vereinigte Deutschland. An Beispielen aus dem Militär, der Medizin und dem Leistungssport zeigt Becker auf, dass Disziplin notwendig sei, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen. In den zwei Folgekapiteln „Disziplin in der deutschen Geschichte“ und „Übersteigerte Disziplin“ beleuchtet der Autor noch einmal den historischen Hintergrund. Im Kapitel fünf liegt der Schwerpunkt auf der Familie. Becker entwickelt hier sog. Leitlinien für die Erziehungsarbeit in der Familie, die in einer tabellarischen Übersicht zusammengefasst und hervorgehoben sind.

Schulen als Disziplinierungsanstalten“ ist das nächste Kapitel überschrieben. Hauptthese dieses Kapitels: Bildung ist käuflich und Bildungsgerechtigkeit kann es nie geben. Begründet wird dies damit, dass diejenigen, die es sich leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen oder Internate schicken, damit diese der Disziplinierungsanstalt öffentliche Schule nicht ausgesetzt werden. Im Folgekapitel erläutert Becker „Schüler müssen sich disziplinieren“. Hier werden ausführlich die Grundbedürfnisse von Schülern, u.a. auch das nach Disziplin, dargestellt.

Die Folgekapitel widmen sich mehr der praktischen Lehrarbeit. Im Kapitel „Diszipliniertes Verhalten muss geübt werden“ nennt der Autor notwendige Regeln zur Wahrung der Disziplin, allgemeine Gesprächsregeln sowie Regeln zur Einzelarbeit, die alle tabellarisch angeordnet und farblich abgehoben sind.

In den Folgekapiteln werden noch verschiedene Disziplinkonflikte und Interventionsmöglichkeiten vorgestellt. Der Autor unterscheidet zwischen Scheinkonflikten, Randkonflikten, Zentralkonflikten und Extremkonflikten. Es werden verschiedene Konfliktursachen und Methoden zur Konfliktprophylaxe vorgestellt. Abschließend werden „Rituale in ihrer Bedeutung für die Disziplin“ analysiert. Ob Rituale tatsächlich einen Beitrag zur Absicherung der sozialen Ordnung und Herbeiführung einer allgemein anerkannten disziplinierten Ordnung leisten können, wird nicht abschließend beantwortet.

Im vorletzten Kapitel „Disziplin – Ungehorsam – Zivilcourage“ erläutert Becker eine Lernstrategie in zehn Schritten, um zivilcouragiertes Verhalten bei Schülerinnen und Schülern zu fördern. Ziel dieser Lernstrategie ist es, die Lernenden dazu zu befähigen, „Gesetze, Gebote, Befehle und Anordnungen einer ideologiekritischen Betrachtung zu unterziehen und sich immer wieder die Frage zu stellen, ob sie mit übergeordneten Normen und Wertvorstellungen übereinstimmen.

Im Schlusskapitel „Einsichten und Folgerungen“ werden die Ergebnisse auf den Punkt gebracht zusammengefasst.

Zielgruppen

In der Einleitung wird eine recht breitgefächerte Zielgruppe angesprochen: Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Abgeordnete, „Entscheider“ in den Ministerien.

Fazit

Wirklich interessant an dem Büchlein ist das Schlusskapitel, das die wesentlichen Erkenntnisse auf den Punkt gebracht zusammenfasst. Hilfreich ist sicherlich auch die Lernstrategie, um die Lernenden zu einem insgesamt eher kritischen Umgang mit Autoritäten zu bewegen und dazu zu befähigen (zivil-)couragiert zu handeln. Das vorliegende Buch ist dazu geeignet für die Disziplinproblematik zu sensibilisieren, lässt aber innovative Methoden vermissen. Alles in allem ist es kein Buch für die Praxis, um praktisch verwertbare Methoden an die Hand zu bekommen oder Problemlösungsstrategien zu finden. Aber es ist sicherlich eine Bereicherung für die Diskussionen um den Umgang mit Disziplin im Unterricht.


Rezension von
Andreas Ploog
Politikwissenschaftler, M.A.
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Zitiervorschlag
Andreas Ploog. Rezension vom 13.01.2010 zu: Georg E. Becker: Disziplin im Unterricht. Auf dem Weg zu einer zeitgemäßen Autorität. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. ISBN 978-3-407-62488-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8392.php, Datum des Zugriffs 14.08.2020.


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ISSN 2190-9245

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