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Ute Gerhard, Jürgen Link u.a. (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung

Cover Ute Gerhard, Jürgen Link, Ernst Schulte-Holtey (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartografie politisch-sozialer Landschaften. Synchron (Heidelberg) 2001. 293 Seiten. ISBN 978-3-935025-10-2. 34,80 EUR, CH: 54,00 sFr.

Reihe: Diskursivitäten - Band 1.
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Thema

Die angezeigte Publikation erschien als erster Band der Reihe «Diskursivitäten – Literatur, Kultur, Medien», die von Klaus-Michael Bogdal, Alexander Honold und Rolf Parr herausgegeben wird und sich dem Paradigma der Diskurstheorie in einem weiten Sinne verschrieben hat. Zugleich zählt sie zu den drei Bänden, die unter dem Titel «Grundlagen des Normalismus» versammelt wurden. Die Beiträge des Sammelbands aus unterschiedlichen Disziplinen richten ihren Blick auf Phänomene der Normalisierung. Genauer: Sie thematisieren, wie Verdatung und Statistik immer mehr die Orientierung in der modernen Gesellschaft bestimmen.

Herausgeberin und Herausgeber

Ute Gerhard ist Mitglied des Direktoriums des Cornelia Goethe Centrums an der Universität Frankfurt/M.; Jürgen Link war bis 2005 Professor am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Dortmund; Ernst Schulte-Holtey ist Infografiker.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer informativen Einleitung, in der die Herausgeber und Herausgeberin gleich das zugrunde gelegte Verständnis darlegen: «Unter ‹Normalismus› wird … die Gesamtheit von Diskursen, Verfahren und Institutionen verstanden, durch die in modernen Gesellschaften jene ‹Normalitäten› hergestellt werden, die mehr und mehr auch explizit zu letztbegründenden Gegebenheiten aufgerückt sind. … ‹Normalitäten› im engen Sinne von auf Verdautung gegründetem, statistisch tingiertem Orientierungswissen gibt es … im wesentlichen erst seit etwa 1800 im Okzident. … Normalitäten in diesem engen Sinne sind also mehr oder weniger breite ‹normal ranges›, die sich zwischen meistens zwei Normalitätsgrenzen an den ‹Extremen› um die ‹Mitte› der verschiedenen statistischen Durchschnittswerte herum erstrecken» (S. 7). Die Herausgeberschaft stellt sich Normalitäten als «ausgedehnte ‹Landschaften› mit engeren oder breiteren Übergangszonen zur ‹Anormalität›» (S. 7) vor, ‹normative Normen› im Gegensatz dazu punkteförmig, da diese einfach erfüllt oder nicht erfüllt werden. Von diesem Unterschied her rühren ‹Interferenzen zwischen Normativität und Normalität›. ‹Dispositive der Normalisierung› sorgen dafür, dass von der statistischen Mitte sehr abweichende Erscheinungen auf kleine Minderheiten beschränkt bleiben, handle es sich um politische, sexuelle, persönlichkeitsbezogene usw. Dinge. Massenmedien spielen bei diesem Vorgang eine wichtige Rolle. Mit Infografiken, allem voran quantitativen Schaubildern, bedienen sich Massenmedien eines sehr einflussreichen Mittels. Infografiken stehen im Sammelband für «visualisierte und visualisierbare Kurvenlandschaften» generell. Solche Infografiken gehen meist von einer professionell erarbeiteten Datengrundlage aus. Bereits im Kontext von Experten und Expertinnen fallen erste Kurven sowie Kuchen-, Balken- oder Säulendiagramme an. In Massenmedien kommen zu diesen jedoch häufig weitere Visualisierungen hinzu, Bilder, die weit mehr als blosse Ornamente sind und – oftmals erotische – Gefühle anzusprechen vermögen.

Auf die Einleitung zur Publikation folgen insgesamt sechzehn Beiträge, die in folgende vier Teile gegliedert sind:

  1. Infografiken und mediale Kurvenlandschaften
  2. Politische Landschaften
  3. Medizinisch-therapeutische Landschaften
  4. Kurven von Sex und Gender

Entsprechend reichen die dargelegten Erscheinungen – um nur einige zu nennen – vom Grundmodell der Veranschaulichung der Normalverteilung, dem nach seinem Erfinder, einem Meteorologen, Geografen und Eugeniker, so genannten Galtonbrett, und Manipulationsmöglichkeiten statistischer Darstellungen über Psychotests, neue redaktionelle Konzeptionen, das Parteiensystem im Links-Mitte-Rechts-Spektrum bis zu Schwangerschaftsrisiken, Legasthenie, Fieberkurven und zur Auflösung der Geschlechterpolarität in einem Kontinuum von Zwischenstufen.

Angestrebt wird bei aller thematischen Vielfalt, auch die Einheit hervortreten zu lassen, und genau dies soll das Konzept des Normalismus ermöglichen.

Zielgruppen

Die Buchbeiträge sind meist gut geschrieben und eignen sich über eine wissenschaftliche Leserschaft hinaus auch für sonstige Interessierte, da ihnen viele abgebildete Beispiele beigegeben sind, die diskutiert werden. Dadurch wird das allgemeine Thema anschaulich verhandelt.

Fazit

Die Publikation lenkt den Blick auf eine Erscheinung, die aus dem Alltagsleben wohlbekannt ist, und interpretiert sie konzeptuell angeleitet, interdisziplinär und erfrischend.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 21.09.2009 zu: Ute Gerhard, Jürgen Link, Ernst Schulte-Holtey (Hrsg.): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartografie politisch-sozialer Landschaften. Synchron (Heidelberg) 2001. ISBN 978-3-935025-10-2. Reihe: Diskursivitäten - Band 1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8394.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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