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Ute Gerhard u.a. (Hrsg.): (Nicht) normale Fahrten

Cover Ute Gerhard u.a. (Hrsg.): (Nicht) normale Fahrten. Faszination eines modernen Narrationstyps. Synchron (Heidelberg) 2003. 231 Seiten. ISBN 978-3-935025-28-7. 34,80 EUR, CH: 54,00 sFr.

Reihe: Diskursivitäten - Band 6.
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Thema

Der angezeigte Sammelband erschien als sechster Band der Reihe «Diskursivitäten – Literatur, Kultur, Medien», die von Klaus-Michael Bogdal, Alexander Honold und Rolf Parr herausgegeben wird und sich dem Paradigma der Diskurstheorie in einem weiten Sinne verschrieben hat. Zugleich zählt er zu den drei Bänden, die unter dem Titel «Grundlagen des Normalismus» versammelt wurden. Seine Beiträge nähern sich dem Thema des Normalismus über eine besondere Art curricularer Narration: Es geht um normale und nicht-normale Fahrten. Lebenswege von Individuen erscheinen dabei als Kurven zwischen Durchschnittlichkeit und Anormalitätsgrenzen. Wie verhalten sich hier Statistik und Erzählung zueinander? Die Autorinnen und Autoren der Publikation finden ihre Antworten anhand von Beispielen aus Literatur und Film.

Herausgeberin und Herausgeber

Ute Gerhard ist Mitglied des Direktoriums des Cornelia Goethe Centrums an der Universität Frankfurt/M.; Walter Grünzweig ist Professor an der TU Dortmund; Jürgen Link war bis 2005 Professor am Institut für Sprach- und Literaturwissenschaft an der Universität Dortmund; Rolf Parr ist Professor für Literaturwissenschaft an der Universität Bielefeld.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer informativen Einleitung, in der die Herausgeber und Herausgeberin das Besondere herausarbeiten, das den betrachteten Narrationstyp kennzeichnet. Erzählungen von Lebenswegen werden auf ein normales Curriculum bezogen, sei es affirmativ oder – zumeist – abweichend-verfremdend. Normale Lebenskurven und ein normales Individuum geben die Hintergrundfolie ab. Moderne Heldinnen und Helden sind Massenatome. «Damit ist das ‹normalistische› Curriculum tiefenstrukturell von Anfang an in einem radikalen Sinn auf Kontingenz bezogen: So wie sein ‹Start› irgendwo im ‹Mittelfeld› plaziert ist, so werden die kleinen Zufälle und Abweichungen, typischerweise auch Unfälle, an Stelle bewusster Entscheidungs-Handlungen zu konstitutiven ‹Wendepunkten› der zickzackartig verlaufenden Lebenskurve» (S. 7). Die Herausgeberschaft schränkt das zugrunde gelegte Verständnis von Normalität auf seit dem 18. Jahrhundert verdatete Gesellschaften ein. Es geht also nicht einfach um das Gewöhnliche und Übliche, sondern um das Zusammenleben, das sich selber routinemässig und flächendeckend statistisch transparent macht. Einen Ursprung stellt die Sozialphysik von Adolphe Quételet dar. Normalismus wird definiert als «die Gesamtheit aller sowohl diskursiven als auch praktisch-intervenierenden Verfahren, Dispositive, Instanzen und Institutionen, durch die in modernen Gesellschaften ‹Normalitäten› produziert und reproduziert werden, also insbesondere alle statistischen und statistikbasierten regulierenden Instrumente» (S. 8). Der ‹statistische Normalmensch› ist vor diesem Hintergrund kein unverwechselbares Individuum. Durchschnittlichkeit impliziert Austauschbarkeit. Die Charakterlosigkeit des ‹homme moyen› (Quételet) fordert die moderne Literatur heraus. Angesichts dessen fragen sich Herausgeberin und Herausgeber, ob die grundsätzliche Austauschbarkeit eines Individuums überhaupt erzählbar sei, ein Massenindividuum ein Schicksal haben könne oder Statistik ohnehin jeglicher Erzählform widerspreche. Was angesichts von Normalverteilungen objektiv als unterschiedliche Wahrscheinlichkeit erscheint, erleben die Subjekte auf ihrem Lebensweg als Normalisierung und Denormalisierung. Den Menschen bieten sich dabei drei Optionen: die Normalität, die ‹Supernormalität› als positive Anormalität und die ‹Subnormalität› als negative Anormalität im Sinne des «dropping out».

In der Einleitung wird in der Folge auch ein vier Punkte umfassendes ‹idealtypisches, heuristisches Modell des normalistischen curricularen Narrativs› skizziert:

  • Erstens ist dieses Narrativ experimentell, indem es sich auf die kontingente Kurve eines kontingenten Individuums bezieht.
  • Zweitens entsprechen der kontingenten Konstitution des Durchschnittsmenschen charakterlose Figuren.
  • Drittens sind Überschreitungen von Grenzen der Normalität in den beiden Extrembereichen der Normalverteilung für die Handlung normalistisch beeinflusster Narrationen bedeutsam (z.B. geistige Behinderung und Höchstbegabung).
  • Und viertens ist das normalistische Curriculum ‹ateleologisch› und ‹anentelechisch› und zieht dadurch Sinnressourcen ab.

Die titelgebende (nicht)normale Fahrt vollzieht sich im Verkehrssystem mit dessen Standardisierung, Massenhaftigkeit, Durchschnittlichkeit und gleichzeitigen Unfallgefahr. Zugleich liefert sie in der normalistischen Gesellschaft das Modell für die zickzackartige Lebenskurve.

Auf die Einleitung zur Publikation folgen insgesamt zwölf Beiträge, die in folgende vier Teile gegliedert sind und auf Fahrten durch Literatur und Film führen:

  1. Der Faszinationstyp ‹(nicht) normale Fahrt›
  2. Moderne Vehikel-Fahrten
  3. (Auto)biographische Fahrten
  4. Normalistische Regulierungen

Zielgruppen

Die Buchbeiträge richten sich aufgrund ihrer spezifischen Thematik vor allem an eine kulturwissenschaftlich interessierte Leserschaft.

Fazit

Das Paradigma des Normalismus ist mittlerweile gut eingeführt, und die Publikation weiss vor diesem Hintergrund neue Blicke auf mehr oder weniger bekannte Erscheinungen zu werfen.


Rezension von
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 22.09.2009 zu: Ute Gerhard u.a. (Hrsg.): (Nicht) normale Fahrten. Faszination eines modernen Narrationstyps. Synchron (Heidelberg) 2003. ISBN 978-3-935025-28-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8395.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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