socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Die soziale Bürgergesellschaft

Cover Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Die soziale Bürgergesellschaft. Zur Einbindung des Sozialpolitischen in den zivilgesellschaftlichen Diskurs. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 231 Seiten. ISBN 978-3-7799-1092-3. 16,00 EUR, CH: 28,00 sFr.

Die Entgrenzung des Sozialen, Band 3.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Bürgergesellschaft auf dem Prüfstand

Zu Beginn dieses Buches steht der Vorsatz, "den bürgergesellschaftlichen Diskurs in eine gesellschaftspolitisch verbindliche und den Herausforderungen des digitalen Kapitalismus angemessene Richtung zu lenken." (S.7) Die Idee der Bürgergesellschaft wird daher auf den Prüfstand gestellt und theoretisch-historisch verortet.

Die Autoren kritisieren, dass die übliche zivilgesellschaftliche Debatte weder den besonderen Gegebenheiten Deutschlands noch jenen der industriekapitalistischen Moderne im Allgemeinen entspricht. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist der Vergleich von Deutschland und Amerika in Bezug auf gesellschaftstheoretische bzw. -philosophische Hintergründe des bürgergesellschaftlichen Diskurses. Während die amerikanische Tradition die Verantwortung des Einzelnen stärker hervorhebt und bürgergesellschaftliches Engagement (nur) als Folge von Erfolg und Wohlstand sieht, war in Deutschland eine stärkere gesellschaftliche Verantwortung und damit ein von individuellem Vermögen unabhängiger Anspruch auf Chancengleichheit stärker verankert, eine Situation, die gegenwärtig brüchig wird.

Es wird zu Recht argumentiert, dass die gegenwärtige Aktualität des bürgergesellschaftlichen Diskurses mit der Entwicklung des Kapitalismus zusammen hängt und die Bedeutung des Sozialstaates wird betont, welcher angesichts von Prozessen der Entgrenzung die Aufgabe hat, bürgerliche Freiheitsgrade zu sichern.

In der Folge wird u.a. der unhistorische Zugang der bürgergesellschaftlichen Debatte kritisiert, d.h. deren Verleugnung ihrer Wurzeln im 19. und 20. Jahrhundert, welche in sozialen Bewegungen und Reformströmungen liegen, die um die soziale Zähmung des Kapitalismus kämpften. Der Wirkungszusammenhang zwischen der Tradition der Sozialreform und dem Modell der Bürgergesellschaft wird darin gesehen, "dass beide die Spannung von sozialer Gebundenheit und subjektiver Freiheit aufgreifen, wobei sie diese mitunter unterschiedlich gewichten." (S. 15) Im Zentrum des bürgergesellschaftlichen Diskurses steht ein staatskritisches und bürgernahes Gestaltungspotenzial und nicht eine sozialpolitische Gestaltungsherausforderung.

Angesichts der drastischen sozialen Folgeprobleme des digitalen Kapitalismus kritisieren die Autoren weiters eine gesellschaftliche Tendenz des Aufgebens politischer Mitgestaltung zugunsten von Krisenmanagement und lokalen Interventionen, welche in die Funktionsweise des Kapitalismus nicht eingreifen und eher im Bereich der Reparaturarbeit bzw. Schadensbegrenzung (s.a. Simsa 2001) anzusiedeln seien. Insgesamt stellt sich (auch in Zusammenhang mit Konzepten des corporate citizenship) die Frage, ob bürgergesellschaftliche Modelle eigene Formen der sozialen Korrektur des Kapitalismus erkennen lassen oder ob sie eine Wiederkehr des industriellen Patrimonats im neuen Gewand darstellen. Nicht beantwortet wird weiters den Autoren zufolge in der bürgergesellschaftlichen Debatte das Problem, wie die Bürgergesellschaft auf Basis ihres bürgerlich-individualen Selbstverständnisses einen ausreichend breiten und verbindlichen Konsens sichern sollte, welcher dem Sozialstaat trotz aller Probleme zugrunde liegt.

Insgesamt ist das Resümee in Bezug auf die Praxis der Bürgergesellschaft in Deutschland ernüchternd: "So gibt es in Deutschland wenig bürgerschaftliche Initiativen, die auf politische Mitgestaltung ausgerichtet sind. Die bürgerschaftliche Praxis bildet insgesamt kein Gegengewicht zur Krise der politischen Partizipation, (É) Die bürgerschaftlichen Ansätze sind also nicht für sich institutionalisiert, sondern ziehen sich quer und partial durch die Gesellschaftsbereiche, ohne die gesellschaftspolitische Spannung, wie sie im bürgertheoretischen Diskurs beansprucht wird, erzeugen zu können." S. 21

Das der Sozialpolitik zugrunde liegende Spannungsverhältnis von Kapital und Arbeit wird daher in diesem Buch aktualisiert und mit der bürgergesellschaftlichen Perspektive in Beziehung gesetzt. Wenn auch das Konzept der Bürgergesellschaft aus sich heraus realistischerweise keine eigenständige Vergesellschaftungsform darstellt, so wird sie von den Autoren zu Recht mit ihrer Betonung der Rechte des Menschen angesichts zunehmender Entgrenzung als notwendig erachtet. Da sich eine bürgergesellschaftliche Verteidigung der Vision des autonomen Menschen nur in der Spannung zum Ökonomisch-Gesellschaftlichen entfalten kann, benötigt sie die Einbeziehung des Sozialpolitischen in den zivilgesellschaftlichen Diskurs. In der vorgeschlagenen Perspektive des gestaltenden Staates wird die Notwendigkeit der sozialstaatlichen Sicherung einer Hintergrundstruktur gefordert, welche kollektive Identität und Aktivität fördert und ermöglicht. Der Sozialstaat wird damit als notwendige Rahmenbedingung einer aktiven Bürgergesellschaft wieder in die Pflicht genommen.

Fazit

Eine berechtigte Kritik an der kleinräumigen und oft unpolitischen Orientierung bürgergesellschaftlicher Praxis wie auch Theorie. Angesichts der gegenwärtigen Notwendigkeit einer starken Bürgergesellschaft kann man hoffen, dass damit ein Anstoß zur Veränderung, zum Wieder-Erkennen und Thematisieren struktureller sozialer Konflikte und damit zur Repolitisierung gegeben wird. Ein gewichtiger Nachteil des Buches ist allerdings in manchen Kapiteln seine Sprache (diesbezüglich bestehen große Unterschiede zwischen den einzelnen Kapiteln) und ein bisweilen unübersichtlicher Aufbau. LeserInnen, die nicht an "soziologendeutsche" Ausführungen gewöhnt sind (oder schlicht keine Lust darauf haben), werden es in manchen Kapiteln sehr schwer haben, zu den sehr anregenden und interessanten Inhalten durchzudringen.

Simsa, R. (2001). Gesellschaftliche Funktionen und Einflußformen von Nonprofit-Organisationen. Eine systemtheoretische Analyse. Frankfurt/Main: Peter Lang.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
E-Mail Mailformular


Alle 75 Rezensionen von Ruth Simsa anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 30.06.2003 zu: Lothar Böhnisch, Wolfgang Schröer: Die soziale Bürgergesellschaft. Zur Einbindung des Sozialpolitischen in den zivilgesellschaftlichen Diskurs. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. ISBN 978-3-7799-1092-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/840.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Inserieren und suchen Sie im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung