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Ulrich Heimlich, Isabel Behr (Hrsg.): Inklusion in der frühen Kindheit

Rezensiert von Prof. Dr. Andrea Platte, 25.11.2009

Cover Ulrich Heimlich, Isabel Behr (Hrsg.): Inklusion in der frühen Kindheit ISBN 978-3-643-10102-0

Ulrich Heimlich, Isabel Behr (Hrsg.): Inklusion in der frühen Kindheit. Internationale Perspektiven. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2009. 305 Seiten. ISBN 978-3-643-10102-0. 29,90 EUR. CH: 47,90 sFr.
Reihe: Integrative Förderung in Forschung und Praxis - Band 4.

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Entstehungshintergrund und Thema

Bei den 20 Beiträgen des Bandes handelt es sich um Inhalte von Vorträgen und Workshops einer Tagung an der Ludwig-Maximilians-Universität München im Jahr 2005 zum Thema „Inklusion in der frühen Kindheit“, sowie um einige ergänzende Beiträge aus der Forschung in der BRD. Alle verfolgen das Ziel, den lebendigen „Dialog zwischen empirischer Bildungsforschung und Praxisentwicklung zur Inklusion in der frühen Kindheit“ weiter zu führen (S.7).

Aufbau

Der Aufbau des Buches unterscheidet vier Themenbereiche in vier Kapiteln.

Das erste Kapitel beginnt mit einem Grundlagenproblem des internationalen Diskurses zur inklusiven Bildung, mit Fragen der Qualität und der Qualitätsmessung: Ulrich Heimlich und Isabel Behr präsentieren hier Qualitätsstandards für die Integrationsentwicklung in Kindertagesstätten mit besonderem Blick auf Einrichtungen in München. Liisa Heinämäki stellt ein finnisches Konzept zur Kompetenzentwicklung von Fachkräften vor und Michael J. Guralnick ein Programm zur Qualitätsmessung aus den USA. Tony Booth und Mel Ainscow, die britischen Autoren des „Index für Inklusion“ diskutieren pädagogische Wertvorstellungen der Inklusion (Booth) und Strategien für den Wandel in Richtung inklusiver Bildungssysteme (Ainscow).

Mit Spiel- und Lernprozessen in inklusiven Kindertageseinrichtungen richtet das zweite Kapitel den Blick auf praktische Entwicklungen. Dabei geht es um Konflikte und soziale Interaktion (Max Kreuzer, Kerstin Ziebell), um das Lernen in altersgemischten Gruppen (Norbert Störmer), um die Vorstellung des „kompetenten Kindes“ (Hanne Warming-Nielsen) und um konkretes Fördermaterial, das „Talking tactile Tablet“ (Theodora Papantheodorou/ Lesley Wells).

Das dritte Kapitel thematisiert interkulturelle Aspekte der Inklusion in der frühen Kindheit mit Beiträgen u. a. zur Integration im internationalen Kontext (Hans Peter Schmidtke), zu Mehrsprachigkeit im Kindesalter (Jörg Roche) und zu Elternarbeit (Reyhan Kulac).

Das vierte Kapitel liefert sechs Beiträge zur externen Unterstützung und Vernetzung von inklusiven Kindertageseinrichtungen. Diese fokussieren z. B. den Übergang von der Kindertagesstätte zur Schule (Maria Kron), die Früherkennung und Frühförderung (Karin Metz/ Martin Prochaska/ Gertrud Staudinger; Manfred Pretis; Stefanija Alisauskiene) und die Arbeitsweise der European Agency for Development in Special Needs Education (Anette Hausotter).

Der allen Beiträgen gemeinsame Aufbau mit Vorbemerkung und abschließender Zusammenfassung in deutscher und englischer Sprache ermöglicht einen informativen vorausschauenden Einblick in jeden einzelnen Artikel.

Diskussion

Der Band unterstützt das Anliegen der o. g. Tagung im Jahr 2005, ein internationales Netzwerk zur „Inklusion in der Frühkindlichen Bildung“ zu bilden, indem er herausragende Praxisentwicklungen und Forschungsergebnisse aus unterschiedlichen Ländern dokumentiert und grundlegende Positionen zur Diskussion stellt. Vor dem Hintergrund der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen durch die BRD und die dadurch ausgelöste Brisanz von Fragen inklusiver Bildung in Presse und Fachkreisen liefert er mit seinem Erscheinen im Jahr 2009 wertvolle Perspektiven zu einem hochaktuellen Diskurs. In diesem geht es nicht nur um die „Integration“ behinderter Kinder in bestehende Bildungssysteme, sondern auch um notwendige Veränderungen der Systeme an sich (vgl. vor allem die Beiträge von Booth und Ainscow). Hier steht die BRD „bezogen auf Zielsetzungen des inklusiven Bildungssystems erst am Anfang“ (Heimlich/ Behr, S.7). So lohnt der Blick auf die Umsetzung der Leitidee inklusiver Bildung in anderen Ländern sowohl für Vertreter/innen des Elementarbereiches, als auch für Schulpädagog/innen, für die Entwicklungen hier richtungweisend sein können. Aktualität gibt der Thematik auch die Akademisierung der Ausbildung von Fachkräften für den Elementarbereich, die u. a. die Qualitätsdiskussion um frühkindliche Bildung verschärft hat (vgl. Kapitel 1). Gewinnbringend dafür sind die konkreten Beispiele aus der Arbeit in Kindertageseinrichtungen (vgl. Beiträge der Kapitel 2 und 4). Der Fokus auf interkulturelle Aspekte (Kapitel 3) macht einmal mehr deutlich, dass inklusive Bildung den Blick auf unterschiedliche Dimensionen von Benachteiligung und Heterogenität legt.

Einblick in einzelne Beiträge

Da die Qualitätsdiskussion als grundlegend für Veränderungsprozesse bezeichnet werden kann, soll hier zunächst und vor allem der Blick auf die Beiträge des ersten Kapitels gerichtet werden, um dann den Fokus – wie das Buch – enger auf „Ausschnitte“ inklusiver Bildungsprozesse in Einrichtungen des Elementarbereiches zu lenken. Sie sind verbunden in der Überzeugung, dass Erziehung in früher Kindheit die Grundlage für die Inklusion im Lebenslauf liefert (vgl. Guralnick S.14).

  • Michael Guralnick (1.1) versteht Qualitätsmessung von Inklusion in früher Kindheit als Werkzeug für Veränderungen und schlägt drei Bereiche als deren Bezugsrahmen vor: Zugänglichkeit (1), praktische Durchführbarkeit (2) und soziale Integration (3).
  • Die von Ulrich Heimlich und Isabel Behr (1.2) durchgeführte Untersuchung in Münchener Kindergärten belegt eine gute Entwicklung der Qualität dieser Einrichtungenund kann im Einzelnen auch nachweisen, dass diese „deutlich höher als in Kindergärten mit Kindern ohne besonderen Bedürfnissen“ (S.38) ist. Ziel der Untersuchung war zudem eine Aufstellung von 26 Qualitätsstandards für die Integration in der frühen Kindheit.
  • Tony Booth (1.3) stellt den Index für Inklusion vor, der auf der Grundlage einer gemeinsam entwickelten Wertehaltung den Ansatz der Inklusion in Kindertagesstätten praktisch umsetzen soll. Dabei wird deutlich, dass es bei Inklusion um mehr geht als um die Bereitstellung behinderungsbedingter Unterstützungssysteme zur Integration einzelner Personen oder Personengruppen, sondern um eine „Kultur des Willkommenheißens“ (S.49)
  • Mel Ainscow (1.5) unterstützt dieses Verständnis, indem er die Inklusion als die größte Herausforderung bezeichnet, die den Bildungssystemen weltweit bevorsteht. Mit der Annahme, dass Bildung ein Grundrecht der Menschen ist, geht es um eine Reform, die die Heterogenität unter allen Lernenden begrüßt und fördert. Ainscow betont dabei die Bedeutung des Kontextes von Bildungseinrichtungen, der Entwicklungen und Veränderungen mitbestimmt.
  • Unter dem Titel „Das kompetente Kind“ fordert Hanne Warning-Nielsen (2.2) das Recht auf Meinungsäußerung von Kindern im Sinne der UN-Konvention über die Rechte des Kindes. Sie beschreibt „neue Herrschaftsinteressen“ bezogen auf Kinder in dänischen Einrichtungen frühkindlicher Bildung. Das Bild des kompetenten Kindes führt zu neuen Standards der Normalität, die sich auf einer Achse zwischen inklusiven und exklusiven Prozessen bewegen.
  • Lernen in altersgemischten Gruppen in Kindertageseinrichtungen wird von Norbert Störmer (2.3) als förderlich insbesondere für entwicklungsverzögerte, hochbegabte und behinderte Kinder beschrieben. Mit der „großen Altersmischung“ verändern sich die Anforderungen für Pädagog/innen in Richtung einer kind- und gruppenzentrierten Gestaltung von Spielen und Lernen und einer wechselseitigen Förderung, in der Kinder auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen einander anregen und begleiten.
  • Vor dem Hintergrund der Transitionsforschung berichtet Maria Kron (4.1) über eine Studie in integrativen Kindertageseinrichtungen in NRW, die die Komplexität von Übergängen (Kindertageseinrichtung – Schule) deutlich macht. Zusätzlich erschwert wird der Übergang von integrativen Kindertageseinrichtungen in ein selektierendes Schulsystem vor allem für Kinder mit besonderen Bedürfnissen, mit sozio-ökonomisch schwierigem Hintergrund, für Kinder aus Minderheitskulturen und für Kinder mit belasteten Bindungserfahrungen.

Fazit

Obwohl die Tagung, zu deren Anlass die Beiträge versammelt wurden, schon einige Zeit zurück liegt (2005), liefert der Band auch im Jahr 2009 wertvolle Erkenntnisse zu einer Thematik, deren Aktualität in den letzten Jahren sicherlich noch gestiegen ist. Der internationale Austausch über Formen und Qualitätsstandards inklusiver Bildung macht wiederholt deutlich, dass es sich beim Ansatz der Inklusion um einen über die Integration hinausgehenden Anspruch handelt, der Veränderungen in Systemen fokussiert. Lesenswert ist das Buch in vielerlei Hinsicht: So verdichten einige Beiträge (1.3, 1.5) das Verständnis von Inklusion, andere führen den Ansatz der Inklusion mit der besonderen Situation von Kindern mit „besonderen Bedürfnissen“ zusammen (1.2, 4.1). Wieder andere liefern konkrete Anregungen für die Praxis (3.3, 4.2). Die Überzeugung, Heterogenität als Ressource zu nutzen (3.1, 2.3) ist allen Beiträgen gemeinsam; das Buch leistet sowohl eine Vergegenwärtigung des Diskurses um frühkindliche inklusive Bildung, indem es Forschungsergebnisse und –desiderata präsentiert, als auch eine Orientierung z. B. für Studierende und Praktiker/innen in spezifischen Fragestellungen.

Rezension von
Prof. Dr. Andrea Platte
Professorin für Bildungdidaktik an der TH Köln
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Es gibt 9 Rezensionen von Andrea Platte.

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ISSN 2190-9245