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Franz Petermann (Hrsg.): Fallbuch der klinischen Kinderpsychologie

Rezensiert von Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann, 05.12.2009

Cover Franz Petermann (Hrsg.): Fallbuch der klinischen Kinderpsychologie ISBN 978-3-8017-2257-9

Franz Petermann (Hrsg.): Fallbuch der klinischen Kinderpsychologie. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2009. 3., vollst. überarbeitete Auflage. 347 Seiten. ISBN 978-3-8017-2257-9. 34,95 EUR.
Reihe: Klinische Kinderpsychologie - Band 12.

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Thema

Die Klinische Kinderpsychologie kann auf eine mittlerweile knapp 15-jährige Tradition zurückblicken. Gemessen an der vergleichsweise längeren Entwicklungsgeschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie, jener medizinisch ausgerichteten Teildisziplin, welche etliche Berührungspunkte aufweist, erscheint diese Zeit als vergleichsweise kurz. In Anbetracht der rasanten Entwicklung des Faches und den damit verbundenen Erkenntnissen zu Entstehung, Verlauf und Behandlung psychischer Störungen sowie des stetig wachsenden psychotherapeutischen Versorgungsbedarfs, kann die Klinische Kinderpsychologie dennoch auf eine gewisse Tradition zurückblicken. Ganz in dieser Tradition stehen Fallsammlungen und Darstellungen von therapeutischen Interventionen, wie sie sich in diesem Fallbuch finden. Das Fallbuch soll dem Leser dazu dienen, einen Einblick in die praktische Anwendung bewährter Diagnosemethoden und Behandlungsschritte zu erhalten. Zum Einen soll dadurch ein Verständnis des diagnostischen und therapeutischen Vorgehens beim Leser geweckt werden, zum Anderen sollen erfahrene Therapeuten Anregungen und neue Impulse in der Behandlung von auffälligen oder kranken Kindern und Jugendlichen erhalten.

Zielgruppe

Dadurch dass das Buch sehr praktisch verfasst wurde, richtet es sich einerseits an professionell tätige Kliniker und Therapeuten, andererseits werden aber auch unerfahrene Laien angesprochen, die sich für die anwendungsbezogenen Aspekte der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie interessieren. Als Zielgruppe können daher Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendpsychiater in erster Linie genannt werden. Aber auch Psychologen, Sozialpädagogen, Sonderpädagogen, Pädagogen, Lehrer und Ärzte sowie Studenten der genannten Fächer können von den Falldarstellungen profitieren.

Herausgeber

Als Herausgeber des Buches zeichnet sich Prof. Dr. Franz Petermann verantwortlich. Petermann ist Direktor des Zentrums für Klinische Psychologie und Rehabilitation der Universität Bremen und ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Forscher der Klinischen (Kinder-)Psychologie. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen bei der psychologischen Diagnostik und der Behandlung von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen im Kindes- und Jugendalter.

Petermann konnte auch bei der dritten Auflage des Fallbuches auf die Mitarbeit unterschiedlicher deutschsprachiger Autoren aus Wissenschaft und Praxis zählen, die aufgrund ihrer Tätigkeitsbereiche praktische Erfahrungen bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen aufweisen.

Entstehungshintergrund

Die Darstellung von Behandlungsverläufen und Fallvignetten kann innerhalb der Psychiatrie, der Klinischen Psychologie und der Klinischen Kinderpsychologie, respektive der Kinder- und Jugendpsychiatrie auf eine lange Tradition zurückblicken. Man denke nur an die Darstellungen der Konditionierung des „Kleinen Albert“, den Studien über die Hysterie von Josef Breuer und Sigmund Freud, aber auch an die Fallgeschichten aus der nondirektiven Spieltherapie von Virginia Axline. Nach Ansicht des Herausgebers dienen solche Falldarstellungen - die nicht nur die Behandlung, sondern auch die Anamnese beinhalten – dazu, dass diagnostische und therapeutische Vorgehensweisen nachvollziehbar werden und sich dahinter verbergende Wirkmechanismen offensichtlicher werden (s. Vorwort). Selbst fallen einem vielleicht die theoretischen Darstellungen einzelner therapeutischer Interventionsmöglichkeiten aus verschiedenen Vorlesungen ein, bei denen zwar das grundlegende Vorgehen plausibel klang, der eigentliche Wirkmechanismus - das eigentlich „therapeutische Heilende“ oder Ausschlaggebende nicht plastisch zu fassen war. Dies mag einer der Hintergründe bei der Herausgabe eines solchen Fallbuches sein. Entsprechend entstand etwa 1995 die erste Auflage des Lehrbuchs der Klinischen Kinderpsychologie, welches aktuell in der sechsten Auflage vorliegt (s. Rezension), ebenfalls unter der Herausgeberschaft von Franz Petermann. Knapp zwei Jahre nach der Erstauflage des Lehrbuchs erschien das erste Mal das Fallbuch, welches die dargestellten theoretischen Grundlagen aufzugreifen und praktisch darzustellen versuchte. Mit der vollständigen Neukonzeption des Lehrbuchs wurde eine komplette Umgestaltung und eine damit einhergehende Anpassung des Fallbuchs in der aktuell erschienenen dritten Auflage notwendig und sowohl vom Verlag, wie auch vom Herausgeber und den beteiligten Autoren forciert. Angesichts des enormen Zuwachses an Indikationsbereichen innerhalb des Lehrbuches musste das Fallbuch adäquat überarbeitet werden. Natürlich weist der Herausgeber zu Recht daraufhin, dass der enorme Differenzierungsgrad nicht einfach umgesetzt, respektive „übergestülpt“ werden konnte, so dass etliche Beiträge des Fallbuches ausgetauscht, neue Autoren an Bord genommen und erhalten gebliebene Kapitel aktualisiert werden mussten. So konnte eine aktuelle und repräsentative Übersicht über die Behandlung innerhalb der Klinischen Kinderpsychologie erreicht werden.

Aufbau und Inhalt

Das Fallbuch stellt 18 unterschiedliche Störungen aus dem Kompetenzbereich der Klinischen Kinderpsychologie vor und schließt außerdem die Diagnostik und Behandlung Jugendlicher mit ein. Entsprechend dem Anwendungscharakter des Buches stehen die Störungen im Mittelpunkt des Buches und weisen ein kohärentes, logisches System auf. Dem Buch stehen ein Vorwort des Herausgebers mit editorischen Hinweisen und eine Adressliste der Autoren voran, bevor die einzelnen Störungen der Reihe nach abgehandelt werden. Am Ende findet sich ein Glossar mit kurzen Erklärungen der wichtigsten im Buch genannten Fachwörter.

Jeder Aufsatz beginnt mit einer allgemeinen Einführung in das Themengebiet, bei dem knapp eine Übersicht über die Prävalenzraten einzelner Störungen gegeben wird. Außerdem finden sich allgemeine Voraussetzungen oder Kriterien, die bei Vorliegen des Krankheits-/Störungsbildes gegeben sein müssen. Der zweite Abschnitt widmet sich der konkreten Beschreibung des Störungsbildes anhand einer Fallvignette. Der Leser wird hier mit der Entwicklungsgeschichte und den Aufnahmegründen einzelner Kinder und Jugendlichen vertraut gemacht und erhält Einblicke in Exploration und Anamnese. Im nächsten Abschnitt werden die Instrumente vorgestellt und deren Einsatz begründet, um zu einer möglichen Diagnose zu gelangen. Außerdem werden differenzialdiagnostische Überlegungen kommuniziert. Weiter befinden sich Annahmen über die Erklärung einer Störung in jedem Artikel. Dabei werden sowohl allgemeine ätiologische Überlegungen demonstriert, wie auch am Einzelfall festgemachte Hinweise auf die Entstehung der vorliegenden Störung. Der vierte Abschnitt gibt dann einen Abriss der Behandlungsschritte, also der konkreten Intervention. Je nach Indikation werden (verhaltens-)therapeutische Maßnahmen, Entspannungsmethoden, Einsatz verlaufsdiagnostischer Instrumente und Entwicklungsfortschritte dargelegt. In der Regel steht am Ende dieses Abschnitts ein Bericht über den Status Quo des Patienten/Klienten bei Entlassung oder Ende der Behandlung. Die Kapitel selbst enden mit einem Resümee über den therapeutischen Prozess, oder fassen die vorangegangenen Aspekte kurz zusammen. Zudem findet sich ein Verzeichnis der verwendeten Literatur (inkl. Angaben zu den genutzten Testverfahren) am Ende eines jeden Kapitels.

Im Folgenden die in das Fallbuch aufgenommenen Störungsbilder und deren Verfasser:

  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) (Manfred Döpfner und Stephanie Schürmann)
  • Aggression (Ulrike Petermann und Franz Petermann)
  • Störung mit Trennungsangst (Chantal Herren und Silvia Schneider)
  • Spezifische Phobien (Ulrike Petermann und Hans-Jörg Walter)
  • Soziale Phobie (Ulrike Petermann)
  • Posttraumatische Belastungsstörung (Rita Rosner und Regina Steil)
  • Zwangsstörungen (Hildegard Goletz und Manfred Döpfner)
  • Tic-Störungen (Katrin Bätz und Manfred Döpfner)
  • Depressive Störungen (Stefanie Besson und Wolfgang Ihle)
  • Interaktionsstörungen (Kristina Hartmann und Judith Sinzig)
  • Lese- und Rechtschreibstörungen (Karin Landerl und Christian Klicpera)
  • Rechenstörungen (Claus Jacobs und Franz Petermann)
  • Selektiver Mutismus (Tina In-Albon und Silvia Schneider)
  • Autistische Störung (Ragna Cordes und Franz Petermann)
  • Psychische Störungen bei Intelligenzminderung (Christopher Göpel und Martin H. Schmidt)
  • Enkopresis und Enuresis (Ulrike Petermann und Michael Borg-Laufs)
  • Psychologische Interventionen bei Asthma bronchiale (Franz Petermann und Hans-Jörg Walter)
  • Alkoholabhängigkeit (Stephan Mühlig)

Innerhalb der einzelnen Kapitel werden unterschiedliche Darstellungsarten zur Unterstützung der Didaktik gewählt. So geben Tabellen eine Übersicht über verwendete diagnostische Verfahren, Diagramme stellen den individuellen Verlauf eines Kindes oder Jugendlichen dar und eingefügte Kästen fassen wesentliche Punkte beispielsweise bei der Diagnostik zusammen. So lassen sich wesentliche Gesichtspunkte schnell erfassen.

Diskussion

Mit dem Buch lässt sich gut arbeiten. Dies mag zwar profan erscheinen, doch als Hauptanliegen des Buches gilt es, dies auch zu prüfen. Zwar mag man die eine oder andere Störung vermissen, oder sich darüber wundern, warum der „Selektive Mutismus“ in das Fallbuch Eingang gefunden hat, während er im Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie fehlt. Oder man stolpert über den Schreibstil des einen oder anderen Autors, was allerdings für ein Mehrautorenbuch keine Seltenheit darstellt. Dies alles fällt jedoch nur sehr wenig ins Gewicht. Die dargestellten Fälle können als sehr gut ausgewählt und exemplarisch beschrieben werden, während die Auszüge aus den einzelnen Behandlungsschritten sehr plastisch und verständlich verfasst worden sind. Die Anwendbarkeit des Fallbuches ist damit als sehr hoch einzustufen, besonders für all jene, die bislang keine Möglichkeit hatten, selbst praktisch tätig zu sein. Dennoch dürfte auch der geübte Praktiker Anregungen finden und möglicherweise auch eigene blinde Flecken entdecken. Positiv fällt zudem auf, dass die Autoren die Kenntnis der theoretischen Grundlagen nicht einfach voraussetzen, sondern diese jedem Kapitel in gebotener aber ausreichender Kürze voranstellen, so dass der Inhalt auch unabhängig von einem umfassenderen, parallel gelesenem Werk oder eigenem vorhandenem Wissen aufgenommen werden kann. Zudem halten die Autoren die Balance zwischen theoretischen Darstellungen und praktischen „Erlebnisberichten“ gut ein, so dass das Lesen des Fallbuchs – dem ernsten Hintergrund zum Trotz – durchaus Spaß macht und man so einiges im Vorbeigehen mitnimmt.

Ein wesentlicher Mangel ist jedoch die nahezu vollständige Konzentration auf verhaltenstherapeutische Interventionen. Dies ist dem nachgewiesenen Erfolg der Methode geschuldet, negiert aber zumindest die große Anzahl niedergelassener tiefenpsychologisch ausgerichteter Therapeuten. Die Autoren gehen zwar auf systemische Aspekte in der Behandlung ein – es werden durchaus auch parallel stattfindende Verläufe von Eltern skizziert – dennoch täuscht der allgemein gehaltene Buchtitel eine umfassende Behandlungsmethodik vor – ebenso wie darin „verschwiegen“ wird, dass Jugendliche ebenfalls Gegenstand des Fallbuches sind.

Abgesehen von diesen Schwächen präsentiert sich dem Leser allerdings ein kompaktes, präzises, aktuelles und verhältnismäßig preiswertes anwendungsbezogenes Fallbuch, mit welchem sich die Klinische Kinderpsychologie gut erarbeiten lässt.

Fazit

Das Fallbuch der Klinischen Kinderpsychologie präsentiert ansprechend und methodisch genau den anwendungsbezogenen Aspekt des Fachgebietes. Sowohl erfahrenen, wie auch ungeschulten Lesern, welche in ihrer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben (werden), sei dieses Buch empfohlen, da hier die Möglichkeit genutzt werden kann, den Therapeuten quasi über die Schulter zu sehen und davon für die eigene Arbeit zu profitieren, bzw. das eigene Verständnis zu erleichtern. Insbesondere empfiehlt sich die parallele Arbeit mit dem Lehrbuch der Klinischen Kinderpsychologie sowohl für Studenten, wie auch für professionell Tätige.

Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Es gibt 53 Rezensionen von Tobias Eisenmann.

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ISSN 2190-9245