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Jürgen Hasse: Unbedachtes Wohnen

Cover Jürgen Hasse: Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2009. 251 Seiten. ISBN 978-3-8376-1005-5. 24,80 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Kultur- und Medientheorie.
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Entstehungshintergrund und Zielsetzung

Das Buch ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts zur geisteswissenschaftlichen Neubestimmung der Frage nach dem Wohnen auf dem vom Autor konstatierten Hintergrund, dass der sozialwissenschaftliche Diskurs über das Wohnen eine marginale Rolle spielt und auf Aspekte der Verräumlichung, ökonomische Rahmenbedingungen und Finanzierung von Wohnbauprojekten reduziert ist.

Er versteht das Buch „als Veto gegen die Verarmung des Nachdenkens“ über einen so existenziellen Daseinsbereich des menschlichen Lebens wie das Wohnen.

In Anlehnung an Heidegger gilt es für Hasse, das Wohnen neu zu bedenken, da es zu schnell zu etwas Ge-wohntem wird. Mit Heidegger versteht er Wohnen als Ausdruck des Lebens („als Weise wie die Sterblichen auf Erden sind), als „selbstreferentielles Redigieren eigenen Lebens an Orten vorübergehender oder dauernder Verwurzelung“ (S.13)

Inhalt

Einleitend stellt der Autor die Frage nach dem Wesen des Wohnens, nach dessen Begriff, Phänomen und Etymologie. Er verweist auf vielfältige sprachliche Verwendungsformen, die auf strukturell unterschiedliche Formen des Wohnens bzw. der Anwesenheit hindeuten.

Auf diesem Hintergrund beschreibt der Autor neun Situationen aus dem Grenzbereich des Wohnens.

Er verfolgt das Ziel der methodischen Verfremdung. Um das Wohnen dem Nachdenken zugänglich, es frag-würdig zum machen, bedarf es für den Autor dessen Exotisierung. So beschreibt er Wohnformen abseits bürgerlicher Normalität: Wohnen im Gefängnis, Obdachlosigkeit, Wohnen im Kloster, im Seemannsheim, in einer Loftwohnung, in einer Wagenburg und in einem den 60er Kommunen verwandten Wohnprojekt. Ergänzt werden diese Lebensbereiche durch Wohnen im Alter, im sozialen Wohnbau und luxuriertem Wohnen. Mit der Beschreibung dieser fremd wirkenden Wohnsituationen will der Autor selbstverständliches Wissen über das Wohnen irritieren und so zum Nach-denken anregen.

Auf der Basis qualitativer Interviews mit jeweils zwei Personen aus den oben genannten Grenzbereichen des Wohnens (nur bei Wohnen im Alter wurden fünf Interviews geführt) stellt der Autor aus der Perspektive der InterviewpartnerInnen sehr anschaulich Einzelbilder konkreten Wohnens vor. Der Autor verbindet explizit keine empirischen Ansprüche der Repräsentativität. Seine Beschreibungen sollen in einem narrativen Sinne Einblicke in Lebenssituationen vermitteln, um aus ungewohnten Situationen des Wohnens das eigene Wohnen fragwürdig zu machen.

An die Besonderheit der Fälle schließen sich skizzenhaft interpretierende Rekonstruktionen allgemeiner Hintergrundbedingungen des jeweiligen Wohnens an.

Die unterschiedlichen Bereiche sind sehr gut recherchiert und kritisch analysiert wie z.B. insbesondere die Ausführungen zur Geschichte des Umgangs mit Obdachlosen und deren aktueller Situation.

Das Schlusskapitel nimmt zusammenfassend auf dem Hintergrund der Fallstudien die allgemeine Frage nach dem Wohnen wieder auf im Sinne eines strukturierenden Resümees

Der Autor bietet dabei keine bloße Addition sondern zeichnet quer zu den Diskussionslinien in den Fallstudien die Wirkmächte des Wohnens unter dem Aspekt der Macht nach. So versucht er auf Wirkungsweisen von sich nicht als Macht zu erkennenden Mächten in den illustrierten Fällen aufmerksam zu machen. In abweichenden Formen des Wohnens erkennt der Autor systemische Antworten auf strukturelle Krisen und Abweichungen des Sozialen, die auf persönlichem Niveau gelöst und auf gesellschaftlichem Niveau mit Sinn ausgestattet werden.

Diese Abweichungen werden zur geregelten Normalität erklärt und somit gegen Fragwürdigkeit geschützt, somit aber für den Autor erst recht fragwürdig, weil sie Normalität des Wohnens hinterfragen.

Fazit

Hasse gewährt dem mit dem Thema nicht vertrauten Leser einen fundierten und anschaulichen Einblick in Grenzbereiche menschlichen Wohnens. Das Buch bietet erfrischend nach-denkliche Anregungen auch einem dem philosophischen Diskurs nicht so vertrauten Sozialwissenschaftler und inspiriert, nicht nur das Wohnen an den Rändern der Gesellschaft, sondern auch das eigene Wohnen zu Be-fragen.


Rezensent
DSA MMag. Dr. Prof (FH) Christian Stark
Professor am Studiengang Soziale Arbeit, Fachhochschule Linz, Österreich Schwerpunkte in Lehre und Forschung: Geschichte,Theorie und Ethik der Sozialen Arbeit, Wohnungslosigkeit
Homepage www.fh-linz.at
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Zitiervorschlag
Christian Stark. Rezension vom 01.12.2009 zu: Jürgen Hasse: Unbedachtes Wohnen. Lebensformen an verdeckten Rändern der Gesellschaft. transcript (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-8376-1005-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8418.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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