socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tobias Dahm: Traumatische Ereignisse im Beruf

Cover Tobias Dahm: Traumatische Ereignisse im Beruf. Eine neue Herausforderung für die soziale Arbeit. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. 114 Seiten. ISBN 978-3-89821-980-8. 24,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Mitarbeiter von Rettungsdiensten sind im Beruf nicht nur gefährlichen, sondern möglicherweise auch potentiell traumatisierenden Situationen ausgesetzt. Deshalb gehört das Wissen über professionelle psychoso­ziale Traumaprävention zur Ausbildung. Der wichtigen Frage, welchen Beitrag dabei die Soziale Arbeit leisten kann, geht Tobias Dahm in dem vorliegenden, 114 Seiten schmalen Band nach. Dahm kann eine 16-jährigen Berufstätigkeit als Rettungsassistent vorweisen und arbeitet heute als Diplomsozialarbeiter.

Aufbau und Inhalt

Der Autor fragt einleitend „ob ein Diplom-Sozialarbeiter sein im Studium erlangtes Wissen in der Krisenintervention und Bekämpfung von traumatischen Störungen gezielt einbringen und unterstützend wirken kann“ (S. 6). Anschließend werden (a) die Formen von Psychotraumata definiert und diagnostisch eingeordnet, (b) auf die berufliche Situation im Rettungsdienst bezogen und (c) mit therapeutischen Optionen verknüpft. Einige präventive Handlungsmöglichkeiten werden (d) für die Situation von Feuerwehrleuten dargestellt. Abschließend wird versucht (e), die entsprechenden Kompetenzen von Sozialarbeitern darzustellen.

(a) Ein psychisches Trauma ist eine tiefgreifende und nachhaltige, die Person schwer erschütternde seelische Verletzung, z.B. infolge von Naturkatastrophen, Unfällen, sexueller Gewalt oder schweren Verlusterfahrungen. Die Ergebnisse der psychotraumatologischen Forschung werden zunehmend für die notfallpsychologische Prävention genutzt. Der Autor skizziert kurz einige übliche Definitionen, beschreibt die wichtigsten Verlaufsstadien und lehnt dabei seine Darstellung an das integrative Traumamodell von Fischer und Riedessser an.

(b) Feuerwehrleute, Polizisten und andere Notfallhelfer sind nicht nur durch unmittelbar traumatisierende Ereignisse bedroht, sondern auch während der Tätigkeit des Helfens durch das Miterleben von Verletzungen oder Zerstörungen, also durch sogenannte „sekundäre Traumatisierungen“. Epidemiologische Untersuchungen ergaben Prävalenzen für Posttraumatische Belastungsstörungen von bis zu 40% bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen. Dahm resümiert einige dieser Ergebnisse und Risikofaktoren wie die „Mehrfachbelastung“ oder „Rollenüberforderung“ bei Notfallhelfern.

(c) Es gibt mehrere, international erprobte präventive und therapeutische Strategien, am bekanntesten ist das Critical Incident Stress Management (CISM) als professionelle Begleitung und Nachsorge für Katastrophen- und Notfallhelfer. Dahm beschreibt zunächst einige psychodynamische Einflussfaktoren bei betroffenen Personen und stellt neben dem CISM auch zwei einzeltherapeutische Methoden zusammenfassend vor.

(d) Mit der Beschreibung des Systems der Psychosozialen Notfallversorgung in der Bundesrepublik nähert sich Dahm seinem Thema weiter an. Er zitiert aus einer eigenen, kursorischen Befragung von vier Experten, konzentriert sich auf die Möglichkeiten der Bildung von Teams zur Psychosozialen Unterstützung (PSU) von Feuerwehrleuten und will dabei berechtigterweise auch Einsatzmöglichkeiten für Sozialarbeiter sehen.

(e) Im letzten Kapitel wird gefragt, welche besonderen Fähigkeiten die Vertreter der Sozialen Arbeit im Feld der Psychosozialen Notfallversorgung einsetzen können. Unter der Voraussetzung, dass Sozialarbeiter zunächst selbst psychotraumatologisch fortgebildet werden müssen, benennt Dahm u.a. die interdisziplinäre Ausbildung von Sozialarbeitern, ihr Organisationswissen, kommunikative Fertigkeiten, Case Management sowie Fortbildungs- und Supervisionskompetenzen, die etwa beim Aufbau und der Leitung von PSU-Teams hilfreich sein könnten.

Diskussion

Zweifellos ist die psychosoziale Unterstützung von Notfallhelfern ein interessantes, notwendiges, ausbaufähiges und noch unterfinanziertes Arbeitsfeld, und zwar eben nicht nur für Psychologen, sondern auch für Sozialarbeiter. Der Text von Tobias Dahm bietet einige grundlegende Fakten und Hypothesen, bleibt aber letztlich skizzenhaft, kursorisch und appellativ. Zudem hätte dem Text ein Lektorat gut getan. Die angekündigte Fragestellung hinsichtlich des Stellenwerts der Sozialen Arbeit wird lediglich umrissen. Denn wie können Notfallhelfer angesichts des eigenen Rollenbilds eigentlich mehr Vertrauen in die Notwendigkeit der Psychosozialen Unterstützung gewinnen? Wie, an welcher Stelle und in welcher Form können die von Dahm angesprochenen Kompetenzen von Sozialarbeitern konkret für das Arbeitsfeld ausgebaut und eingebracht werden? Was können Sozialarbeiter in diesem Feld besser als weitergebildete Stammkräfte oder Psychologen und Ärzte? Solch weiterführende Fragen werden in diesem Band nicht beantwortet.

Fazit

Der Text bietet nicht mehr als eine Basislektüre zum Thema. Wer vertiefte wissenschaftliche Informationen, eine ausführliche oder eigenständige Diskussion empirischer Ergebnisse sowie spezielle Entwürfe und Ideen zum konkreten Einsatz von Sozialarbeitern erwartet, wird enttäuscht sein. Der Band eignete sich allenfalls für Neu- und Quereinsteiger oder für Bachelorstudenten als erste, einführende Orientierung.


Rezension von
Prof. Dr. Burkhart Brückner
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen


Alle 2 Rezensionen von Burkhart Brückner anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Burkhart Brückner. Rezension vom 17.05.2010 zu: Tobias Dahm: Traumatische Ereignisse im Beruf. Eine neue Herausforderung für die soziale Arbeit. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2009. ISBN 978-3-89821-980-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8423.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung