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Ulf Matthiesen, Gerhard Mahnken (Hrsg.): Das Wissen der Städte

Cover Ulf Matthiesen, Gerhard Mahnken (Hrsg.): Das Wissen der Städte. Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Governance. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 415 Seiten. ISBN 978-3-531-15777-1. 39,90 EUR.
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Thema

Die Entwicklungsdynamik von Städten verändert sich auf Grund veränderter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen sozialer Integration und veränderter Integrationsmodi. Die Integrationspotentiale der Städte und die Eigenlogik, mit der sich ihre jeweilige Dynamik entfaltet, liegen möglicherweise nicht mehr nur in der Gestaltung ökonomischer Prozesse, sondern in den Wissenspotentialen der Städte, in der Gestaltung ihrer sozialen Milieus und in der Steuerung politischer Prozesse über argumentative Diskurse und Aushandlungsprozesse.

Dieses Buch vereinigt Beiträge, die sich mit diesen stadtregionalen Entwicklungsdynamiken auseinandersetzen. Nach dem Sammelband "Stadtregion und Wissen" ist es die zweite größere Gemeinschaftspublikation aus dem Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (ISR) in Erkner. Es vereinigt deutsch- und englischsprachige Beiträge.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Ulf Matthiesen war lange Leiter der Forschungsabteilung Wissensmilieus und Raumstrukturen des Leibniz-Instituts ISR und ist Professor am Institut für Europäische Ethnologie an der HU Berlin.
  • Gerhard Mahnken ist stellvertretender Leiter der Abteilung Kommunikations- und Wissensdynamiken im Raum des Leibniz-Instituts ISR und lehrt an der International Business School Berlin.

Die weiteren Autorinnen und Autoren kommen aus dem stadt- und regionalsoziologischen, dem politikwissenschaftlichen oder geographischen und stadtplanerischen Kontext; sie sind z. T. Mitarbeiter im ISR oder arbeiten im Hochschulbereich.

Aufbau

Das Buch untergliedert sich in drei Teile

  1. Diskurse, Konzepte Perspektiven
  2. Empirische Studien
  3. Wissensbasierte Governance-Ansätze

I. Diskurse, Konzepte und Perspektiven

Wissen als sozialräumliche Ressource, als Integrationspotential und als Quelle sozialräumlicher Verortung ist das Thema dieses Teils.

In seinem Beitrag Wissen, Netzwerk und Raum - offen für ein Konzept der "co-evolution"? geht Eike W. Schamp der Frage nach, wie Wissen entsteht und reproduziert wird, und inwiefern es Zusammenhänge zwischen den sozialräumlichen Kontexten und der Art der Wissensproduktion gibt. Wissensproduktion bedarf der Kommunikation, insofern haben Netzwerke eine zentrale Bedeutung in diesem Prozess.

Harald Bathelt geht in seinem Beitrag Knowledge generation, economic action and relational economic geography auf die Frage ein, wie sich relationale Beziehungen konstituieren im Raum, wie sie unter den Bedingungen sozialräumlicher Kontexte entstehen, wie Wissen auch kollektiv genutzt wird, welche raumbezogene Perspektive dabei entsteht und welche gegenseitigen Interdependenzen dadurch entstehen.

Aus der Perspektive chinesischer Erfahrungen stellt K. R. Kunzmann in seinem Beitrag "Explosion der Wissensindustrien in China" fest, dass Deutschland erheblichen Nachholbedarf hat, zumal im Verhältnis zu den revolutionären Veränderungen in China die Wissensbestände in den deutschen Zentren bereits auch als veraltet gelten können.

I. Breckner diskutiert "(Un-)Wissen im Handeln urbaner Milieus". Hier werden Milieus im Kontext ihrer räumlichen Handlungsoptionen betrachtet, weshalb auch das Milieu der Großraumsiedlung andere Handlungsbedingungen erzeugt als ein ländlich geprägter Stadtteil. Und: illegale Sinti- und Romasiedlungen produzieren andere Handlungsoptionen und -strukturen als chinesische Megacities oder türkische Metropolen sie erzeugen.

G. Koch knüpft in ihrem Beitrag "Transkulturelle InteractionSpaces. Innovation in urbanen Räumen" an das Konzept der KnowlegdeSpaces an. Es geht nicht um einen auf die unmittelbare Lebenswelt der Akteure bezogenen Interaktionsrahmen, sondern um dessen Überschreitung.

P. Franz nennt seinen Beitrag Knowledge City Berlin? Potentiale und Risiken einer Stadtentwicklungsstrategie mit dem Fokus Wissenschaft. Die Frage ist, inwieweit Berlin mit seiner Bildungs- und Hochschullandschaft auch in der Lage ist, das vorhandene "Wissenspotential" wirklich auch ökonomisch zu transformieren. Dazu entwickelt Franz eine Reihe von Handlungserfordernissen.

Welche Rolle spielt die Kunst als lokale Wissensressource in diesem Kontext fragt H. Voesgen zum Schluss des ersten Teils in seinem Beitrag "Zwischen Verwertung und Intervention".

II. Empirische Studien

Im zweiten Teil werden einmal Studien aus dem ISR-Leitprojekt Wissensbasierte Stadtregionsentwicklungen, zum anderen weitere Studien zum Wissen der Städte vorgestellt.

Zunächst werden in einigen Beitragen Studien diskutiert, die das Konzept des KnowledgeSpace zur Grundlage haben. Dazu macht U. Matthiesen einige einleitende und strukturierende Bemerkungen.

Wie beeinflusst ein Konzern eine Stadt fragt K. Büttner am Fallbeispiel von Siemens Erlangen und wie entstehen Wissensmilieus in einer Stadt? Es kommt zu einer Umstrukturierung des Lokalen, eine andere Art der sozialen Verortung entsteht und es wird ein anderer Habitus im Umgang mit Räumen entwickelt.

Die gleiche Fragestellung entwickelt C. Hölzl am Beispiel von Eindhoven und Philips, wobei hier auch noch die Internationalisierungs- und Globalisierungsperspektive eines internationalen Konzerns mit diskutiert wird.

Toulouse und Hamburg und die Luftfahrtindustrie sind Thema in G. Helds Beitrag, in dem er vor allem die intermediären Strukturen zwischen global und lokal unter die Lupe nimmt.

P. Jähnke diskutiert "Akteursdifferenzierte Nähekonzepte und Raumbindungsmuster in der „Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft und Medien“ Berlin-Adlershof". Es geht um Netzwerke und Milieus von Schlüsselakteuren. Die spezifischen Handlungsmuster und sozialräumlichen Ausstattungen von innovativen Unternehmen prägen ganze Orte und machen sie auch zu exklusiven Milieus. Dadurch entstehen spezifische Raumbindungsmuster für die dort handelnden und interagierenden Akteure, die zugleich auch exklusiv und exkludierend sind.

Eine ganz andere Perspektive bringt H. Fichter-Wolf mit ihrem Beitrag Hochschulmilieus in Grenzräumen ein. Dabei geht es um grenzüberschreitende Kooperation und das "Zusammenbringen" unterschiedlicher kultureller und sozialräumlicher Strukturen.

Ähnlich angelegt ist auch der Beitrag von B. Lange der sich mit den "Geographien von Wissens- und Lernnetzen in Frankfurt (Oder)" beschäftigt.

G. Mahnken fragt nach dem Entstehungsprozess einer metropolitanen Raummarke am Fallbeispiel Berlin-Brandenburgs. Unter dem Titel "Public Branding und Wissen" kommt er u. a. zu dem Fazit, dass es schwierig wird, kulturell und sozialstrukturell heterogene Teilräume einer Metropolregion unter ein "Raumkonzept" zu subsumieren.

In weiteren Studien werden unterschiedliche Aspekte und Möglichkeiten der Wissenskonstitution und ihrer sozialräumlichen Verortung diskutiert. Dabei sind es vor allem zwei Aspekte die immer wieder vorkommen:

  • Was macht eine Metropolregion in Blick auf den Rahmen aus, in dem Wissen entsteht?
  • Welche Bedeutung haben grenzüberschreitende Kooperationen in Blick auf eine gemeinsame Wissensproduktion?

Im einzelnen wird diskutiert:

  • ob Technologieparks Räume dieser Möglichkeiten sind (T. Brühöfener Mc Court),
  • welche Rolle Fachhochschulen als Wissenskonten in metropolnahen Stadtregionen spielen (J. Krupna, S. Schmidt),
  • welches interkulturelle Wissen studentische Milieus in der grenzüberschreitenden Hochschulzusammenarbeit entwickeln (N. Mahlkow),
  • ob die deutsch-polnische Grenzregion eine Innovationsregion werden kann (M. A. Kwoalczky und
  • welche Rolle Wissensallianzen und regionale Wissenskonzepte als Bausteine zur Nutzung von Wissen in Metropolregionen spielen können (A. Growe).

III. Wissensbasierte Governance-Ansätze

G. Mahnken leitet diesen Teil ein und fragt auch in Blick auf die Beiträge, welche Bedeutung der Raum für die Konstituierung einer "space identity" hat, die die Diskurse um Aushandlungsprozesse der Akteure zunehmend bestimmen wird.

H. Heinelt stellt eine "Staatsversagen" fest, das auch zu Governance führt: Die für den Wohlfahrtsstaat seit N. Luhmann zentralen Steuerungsinstrumente von Recht und Geld verlieren an Bedeutung angesichts der Beteiligungsformen, die nach argumentativen Diskursen und Aushandlungsprozessen verlangen, in denen Wissen produziert und transformiert wird - und Kommunen lassen sich möglicherweise nur noch so steuern.

Was geht unter den Bedingungen von Komplexität? H. Wilke fragt dies in seinem englischsprachigen Beitrag "Smart Governance. Complexity and the Megacity". Megacities gelten in der Regel als unregierbar. Smart Governance ist in dieser Situation eine Form der Reduktion von Komplexität - oder setzt diese voraus -, in der es um eine Art "Durchwursteln" geht. Was man braucht, sind nicht nur intelligente Akteure, sondern auch intelligente Systeme, in denn Akteure handeln und interagieren.

W. van Winden und L. M. Carvalho nennen ihren Beitrag Exloration and Exploitation Networks in Space und verdeutlichen an Hand eines Beispiels des finnischen Schiffsbaus, wie funktionale und räumliche Separierungen von Netzwerken der Erforschung und Verwertung einerseits und ihre Zusammenführung andererseits die Dynamik bestimmt, die zum Wachstum dieser Branche mit beigetragen hat.

Zum Schluss dieses Teils diskutiert K. Zimmermann den Weg "Von der Krise des Wissens zur Krise des lokalen Regierens".

Hat die Entwicklung zu Governance als Möglichkeit des Regierens mit der Krise der Wissensbestände zu tun, mit denen wir bisher geglaubt haben, regiert werden zu können oder zu regieren? Trauen wir diesen Wissensbeständen noch? Hat der Wandel von Government zu Governance auch mit dem Reformbedarf zu tun, der die Kommunen auch angesichts der Probleme der Ökologie, des demographischen Wandels, der lokalen Ökonomie etc. zu tun?

Diskussion

Der Sammelband umfasst eine Diskussion, die in der Stadtforschung immer bedeutender wird - und nicht nur unter den Bedingungen, dass es sich um Wissensstädte handelt. Das Wissen der Städte wird immer mehr zu einer zentralen Ressource einer integrierten Stadtentwicklung überhaupt. Es geht um mehr, als nur um Bildungssysteme und -institutionen in der Stadt. Es geht um die Frage, wie sich ein raumspezifisches Wissen der Alltagsbewältigung und der gesellschaftlichen Verortung einerseits und der permanenten Strukturveränderungen andererseits generiert, konstituiert und transformiert wird, so dass sich eine Stadt entwickeln kann.

Dies ist wohl das durchgängige Thema der Beiträge dieses Buches. Auf einem sehr hohen Niveau der Argumentation bleibt dieses Thema in seiner Komplexität notwendigerweise erhalten. Ein Buch, das von Experten für solche geschrieben wurde. Wer einfache Antworten auf komplizierte Fragen erwartet, wird sicher enttäuscht werden. Das macht dieses Buch einerseits reizvoll, andererseits auch für den Wissenschaftler anderer Teildisziplinen der Soziologie doch wieder schwer zugänglich. Es ist sicher kein Studienbuch, auch kein Handbuch, wo man schnell mal etwas nachschlagen will. Aber es enthält eine ganze Reihe von Argumenten, die man braucht, um zu verstehen, warum das Wissen der Städte so sehr von Bedeutung ist.

Fazit

Das Buch ist allen stadtsoziologisch Geschulten und Interessierten anzuraten, die verstehen wollen, warum der Wandel der Produktionsbedingungen und der gesellschaftlichen Organisation der Arbeit in der Moderne vor allem in den Städten zu einem Wandel der Reproduktionsbedingungen und -formen führt oder gar führen muss.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 02.11.2009 zu: Ulf Matthiesen, Gerhard Mahnken (Hrsg.): Das Wissen der Städte. Neue stadtregionale Entwicklungsdynamiken im Kontext von Wissen, Milieus und Governance. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-15777-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8435.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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