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Norbert Klusen, Andreas Meusch (Hrsg.): Zukunft der Pflege in einer alternden Gesellschaft

Cover Norbert Klusen, Andreas Meusch (Hrsg.): Zukunft der Pflege in einer alternden Gesellschaft. Konzepte, Kosten, Kompetenzen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. 282 Seiten. ISBN 978-3-8329-4743-9. 34,00 EUR, CH: 57,90 sFr.

Reihe: Beiträge zum Gesundheitsmanagement - Band 25.
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Thema

Die Pflegereform 2008 ist der äußere Anlass für dieses Buch, in dem unterschiedliche Fachdisziplinen die Zukunft der Pflege wissenschaftlich und praxisbezogen darstellen und reflektieren.

Aufbau

Die 14 Beiträge gliedern sich in drei Kapitel, bei denen Szenarien für die Zukunft der Pflege entwickelt, Konzepte für eine patientenorientierte Pflege dargelegt und Beispiele für praxisorientierte Lösungen diskutiert werden.

Die auf den ersten Blick heterogene Zusammenstellung der inhaltlichen Akzente (von den Finanzierungsoptionen der Pflegeversicherung über Assessments in der Pflege bis hin zu Wohngruppen für Menschen mit Demenz) erschließt sich nicht unmittelbar, sondern erst beim aufmerksamen Durcharbeiten der Texte.

1. Szenarien für die Zukunft der Pflege

Den Aufschlag macht das sechs Beiträge umfassende erste Kapitel zu den Szenarien für die Zukunft der Pflege. Dabei geht es nicht um Simulationsmodelle aus der Ökonomie, sondern im Kern um sozial- und verhaltenswissenschaftlich begründete Szenarien für die Zukunft der Pflege.

  • Die politische Bilanz der Pflegeversicherung wird vom Staatsekretär im Bundesgesundheitsministerium, Klaus Theo Schröder vorgelegt, der vor allem die Ansprüche aus Sicht der Politik erläutert.
  • Der Beitrag von Andreas Kruse, Direktor des Instituts für Gerontologie an der Universität Heidelberg, diskutiert grundlegend die Frage, wie angesichts des demographischen Wandels (geschätzter Anteil der 60-jährigen und älteren Menschen im Jahre 2050: 36-40 Prozent) die Gesellschaft mit dem Humanvermögen des Alters umgeht bzw. umgehen kann.
  • Thomas Klie, ehemaliger Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, plädiert für eine nachhaltige Sicherung der Pflege. Er stellt Effizienzkriterien vor, an denen sich eine nachhaltige Reform messen lassen muss (Förderung der Selbstständigkeit und Selbstbestimmung, Ausrichtung der Pflege am Stand der medizinisch-pflegerischen Erkenntnisse, Solidaritätsbereitschaft der informellen Netzwerke). Die Perspektiven bestehen in einer Überarbeitung der Begutachtungsverfahren im SGB XI, der Implementierung von Strukturreformen (auch) auf der kommunalen Ebene sowie der Neuordnung des Leistungsrechts.

Die beiden folgenden Beiträge stellen die Finanzierungfragen der Pflegeversicherung in den Vordergrund.

  • Der Gesundheitswissenschaftlicher Greiner und sein Kollege Bowles von der Universität Bielefeld sehen weniger eine Erkenntnis- als ein Handlungsdefizit. Sie resümieren nüchtern, dass die gerade in Kraft getretene Reform eine verpasste Chance für eine grundlegende Neuordnung der Pflegeversicherung darstellt.
  • Daran anschließend erläutert der Text von Astrid Schwarz, Referentin im Bereich Finanzcontrolling der Techniker Krankenkasse (TK), die Möglichkeiten und Grenzen einer Demographiereserve, bei der jeder SPV-Versicherte zwischen 20-65 Jahren einen Beitrag von monatlich 20 Euro einzahlen müsste. Ob jedoch dieser monatliche Vorsorgebeitrag paritätisch zu finanzieren ist, bleibt – so die Autorin – eine Aufgabe der Politik.
  • Hardy Müller, ihr Kollege vom Wissenschaftlichen Institut der TK für Nutzen und Effizienz im Gesundheitswesen (WINEG), befasst sich mit Soll-Bruch-Stellen für eine humane und zukunftsfähige Pflege und spricht dabei explizit auch die Wertschätzung der Professionen an. Die Bezahlung von Pflegekräften ist in Deutschland ohnehin schlecht. Aber mit der politischen Kampagne Langzeitarbeitslose im Schnellverfahren pflegerisch zu qualifizieren, wird das Image einer professionellen Pflege sabotiert und ist keine humane Pflege organisierbar.

2. Qualifikatorische und pflegewissenschaftliche Konzepte einer patientenorientierten Pflege

  • Klare Worte findet auch der Autor des nächsten Beitrags, nämlich Andreas Goldschmidt vom International Health Care Management-Institut der Universität Trier. Er leitet das zweite Buchkapitel ein, welches qualifikatorische und pflegewissenschaftliche Konzepte einer patientenorientierten Pflege vorstellt. Angesichts der Herausforderungen sieht der Autor ein erhebliches Potential für „exekutive“ Studiengänge nach einschlägiger, mehrjähriger Berufs- und Führungserfahrung in der Pflege. Sie bieten eine Möglichkeit die Misere um das fehlende Managementpersonal zu beseitigen, Karrieremöglichkeiten zu eröffnen und die berufliche Zufriedenheit zu erhöhen.

Die beiden folgenden Texte kommen aus der Feder von prominenten Pflegewissenschaftlerinnen.

  • Sabine Bartholomeyczik vom Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten, setzt sich kritisch mit Assessmentinstrumenten auseinander und plädiert für einen reflektieren und kritischen Umgang mit denselben.
  • Ebenfalls methodenkritisch ist der Beitrag von Gabriele Meyer ausgerichtet, die ebenfalls am bereits genannten Forschungsinstitut an der Universität Witten beschäftigt ist. Zusammen mit ihrem Kollegen Köpke, spricht sich Meyer deutlich dafür aus, dass der kritische Gestus der evidenzbasierten Medizin (auch) die neue Generation Pflegender begleiten möge. Der Fokus auf klinischem Denken und die Frage, welche Verfahren letztlich dem Wohl des Patienten dienen müssen, so das Autorenteam, auch für die Pflege handlungsrelevant sein. Das Kapitel wird durch einen Beitrag von Armin Lang abgeschlossen, der als Bundesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (ASG) in die politische Umsetzung der Pflegestützpunkte involviert ist. Der Beitrag macht Mut, denn er stellt – auch gestützt durch einzelne Fallbeispiele aus der Praxis – das innovative Potential der Pflegestützpunkte deutlich heraus. Ein wichtiges Argument für den Bedarf an fallbezogenem Beratungskompetenz ist die Tatsache, dass die meisten Krankenkassen „vor Ort“ praktisch nicht vertreten sind und ein umfassender Überblick in quantitative und qualitative Facetten des regionalen Angebots nicht vorhanden ist.

3. Beispiele für Lösungen

Das dritte, vor allem praxisbezogene, Kapitel trägt die Überschrift Beispiele für Lösungen. Die beiden ersten Texte sind auf der Grundlage von Vorträgen entstanden, die auf dem siebten Scheffelberg-Podium abgehalten wurden. Diese Veranstaltung wird jährlich vom FB Gesundheits- und Pflegewissenschaften der Westsächischen Hochschule Zwickau und der TK durchgeführt und dient dem Austausch von Wissenschaft und Praxis. Schwerpunkt der Veranstaltung im Jahre 2008 war das Thema, welches dem vorliegenden Buch seinen Titel gegeben hat.

Cecile Koslowski, zuständig im zentralen Qualitätswesen der CURA Unternehmensgruppe, erläutert wie dort Expertenstandards in die Praxis umgesetzt werden. Und Michael Prangel, in der Unternehmensentwicklung der RENAFAN AG verantwortlich für Versorgungsentwicklung, Projektmanagement und Fortbildung, befasst sich in seinem Text mit ressourcenorientierter Pflege, greift dabei auf den Ansatz von Monika Krohwinkel zurück.

Es folgt ein Text von Anna Blaser (Innenarchitektin) und Jochen Blaser (Fachreferent im stationären Vertragsbereich der TK-Landesvertretung Niedersachsen), in dem Erfahrungen aus der Einführung von Wohngruppen bei Menschen mit Demenz reflektiert werden. Dabei wird auch auf Zeit, Raum-, Farb- und Lichtgestaltung sowie Mobiliar eingegangen.

Zum Abschluss dieses Kapitel erläutern Edeltraut Mittelfeldt, Volker Möbs und Hard Quednau am Beispiel des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern, wie externe Betriebsvergleiche Qualitätsimpulse setzen können und einen Beitrag zu einem angemessenen Preis-Leistungs-Verhältnis darstellen können.

Fazit

Ein interessantes, lesenswertes und weiterführendes Buch. Wer sich mit Zukunftsfragen der Pflege, etwa im Anschluss an die von Baltes & Mittelstraß bereits 1992 vorgelegte Publikation befassen möchte, dem sei dieses Buch empfohlen. Die Qualität der Beiträge ist allerdings, wie üblich bei Sammelbänden, heterogen. Stark sind die Texte im ersten und zweiten Kapitel, weniger die Beiträge im dritten Kapitel. Die Autorinnen und Autoren habe ich deswegen etwas ausführlicher vorgestellt, weil dies die Perspektive verdeutlicht, die in den einzelnen Beiträgen zu Vorschein kommt. Wünschenswert wäre sicher, wenn die einzelnen Fachdisziplinen in ihren Texten auch auf die Perspektiven der anderen Disziplinen reagieren können. Dies wäre weiter „Futter“ für eine kritische Diskussion.


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 14.12.2009 zu: Norbert Klusen, Andreas Meusch (Hrsg.): Zukunft der Pflege in einer alternden Gesellschaft. Konzepte, Kosten, Kompetenzen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2009. ISBN 978-3-8329-4743-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8440.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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