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Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): Grundbedürfnisse von Kindern

Cover Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): Grundbedürfnisse von Kindern. Vernachlässigte und misshandelte Kinder im Blickfeld helfender Instanzen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2009. 292 Seiten. ISBN 978-3-8248-0633-1. 19,95 EUR.

Reihe: Jahrbuch des Pflegekinderwesens - 5.
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Thema

Die spektakulären Fälle von in ihren Familien vernachlässigten und/oder schwer misshandelten Kindern in Deutschland in der jüngeren Vergangenheit, deren Schicksale von den Medien aufgegriffen wurden, haben oftmals gezeigt, dass diese Familien dem Jugendamt bereits bekannt waren. So stellt sich immer wieder die Frage, ob das Jugendamt seinem Auftrag, die Kinder zu schützen, nicht gerecht geworden ist und ob sich die dramatischen Entwicklungen hätten verhindern lassen.

Die unbestreitbar unzureichenden finanziellen Mittel der Kinder- und Jugendhilfe sind sicherlich nur eine Ursache unter vielen. Einen wichtigen Grund für Fehleinschätzungen und inadäquate Hilfeangebote sehen die Herausgeber im zu geringen fachlichen Know-how bei den Mitarbeiter/innen der Jugendämter, was auch zu verspäteten Interventionen und insbesondere zur verspäteten Herausnahme von Kindern aus ihren Familien führt. Mangelnde Kenntnisse werden vor allem hinsichtlich der elementaren Bedürfnisse von Kindern sowie der Folgen nicht zufriedenstellender Eltern-Kind-Beziehungen konstatiert. Der nach Meinung der Herausgeber nach wie vor geltende Vorrang des Elternrechts vor den Kinderrechten führt in der Konsequenz dazu, dass die Lebenssituation der Kinder nicht ausreichend berücksichtigt wird, was sich auch bei familiengerichtlichen Entscheidungen zeigt.

Herausgeberin und Autor/innen

Herausgeberin des Jahrbuches ist die Stiftung zum Wohl des Pflegekindes. Als Autorinnen und Autoren konnten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler als auch Praktikerinnen und Praktiker aus dem Bereich der Psychologie und Pädagogik sowie der Justiz und Polizei gewonnen werden.

Entstehungshintergrund

Die Stiftung zum Wohl des Pflegekindes hat es sich zum Ziel gesetzt, „Aus- und Fortbildungsmängel im Arbeitsfeld Jugendhilfe und insbesondere im Pflegekinderwesen auszugleichen“. Dazu führt sie Seminare und alljährlich Fachtagungen durch und ermöglicht Forschungsförderung. Die Veranstaltungen werden in Form von Tagungsdokumentationen und Jahrbüchern einer größeren Fachöffentlichkeit zugänglich gemacht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Praktikerinnen und Praktiker nehmen in ihren Beiträgen aktuelle Ergebnisse der kinderpsychologischen Forschung auf und übertragen diese in besonderer Weise auf die Situation von Pflegekindern. Fachwissen und Erfahrungen aus anderen Disziplinen, beispielsweise der Justiz, ergänzen diese Perspektiven.

Bei mehr als der Hälfte der Beiträge in diesem Jahrbuch handelt es sich um Vorträge anlässlich der Tage des Kindeswohls in den Jahren 2007, 2008 und 2009. Veranstalterin war die Stiftung zum Wohl des Pflegekindes.

Aufbau

Das Jahrbuch gliedert sich in 4 Kapitel.

1. Bedürfnisse von Pflegekinder

Der erste Beitrag (1) von Karin Grossmann beschreibt auf der Grundlage der Bindungsforschung „Bindung und empfundene Zugehörigkeit“.

Im zweiten (2) und dritten (3) Beitrag schildern Betroffene sehr realitätsnah ihr Erleben und ihre Gefühle und Bedürfnisse.

Astrid Springer (2) lässt einen erwachsenen Pflegesohn zu Wort kommen, aber auch seine Pflegeeltern angesichts einer angekündigten Wegnahme. Ergänzt wird diese Darstellung durch Kommentierungen von Fachleuten unterschiedlicher Disziplinen.

Annette Mingels (3), die als Kleinkind adoptiert wurde, schildert die Kontaktaufnahme mit ihrer leiblichen Mutter als Erwachsene.

2. Vernachlässigte und misshandelte Kinder im Blickfeld helfender Instanzen

Im ersten Aufsatz (1) schildert Gina Graichen die Lebenssituation vernachlässigter und misshandelter Kinder aus Sicht der Kriminalpolizei. Inwieweit defizitäre Lebensverhältnisse in verschiedenen Altersstufen erlebt werden und in welcher Weise die Jugendhilfe notwendigerweise interveniert, beschreiben die beiden folgenden Beiträge.

Christiane Ludwig-Körner (2) beschäftigt sich mit der Situation von Säuglingen und Kleinkindern und Christiane Köckeritz (3) mit der Situation älterer Kinder und Jugendlicher.

Gisela Zenz geht im vierten Beitrag (4) auf die Anforderungen an den Pflegekinderdienst hinsichtlich der Unterbringung misshandelter und vernachlässigter Kinder in Pflegefamilien ein.

Hildegard Niestroj (5) macht Ausführungen zur Risikoeinschätzung in der Fallarbeit durch die Darstellung von Indikatoren von Kindeswohlgefährdung.

Gerhard Fieseler und Anika Hannemann (6) beschließen das Kapitel mit einem Beitrag „Gefährdete Kinder – Staatliches Wächteramt versus Elternautonomie?“, in dem sie die Umsetzung des Art 6 Abs. 2 Grundgesetz in der Rechtsprechung und Jugendhilfepraxis analysieren.

3. Aus Fehlern lernen? Drei kritische Fallberichte

Die Geschichte von Lena diesseits und jenseits der Verleugnung stellt Arnim Westermann (1) in seinem Beitrag mit ausführlichen Situationsbeschreibungen dar.

Ludwig Salgo (2) schildert seine ersten Eindrücke beim Lesen des Untersuchungsberichtes der Bremischen Bürgerschaft zum Tode von Kevin im zweiten Aufsatz.

Abgeschlossen wird dieses Kapitel mit einem Beitrag von Gisela Zenz (3) über den Fall Görgülü in der Sicht des Bundesgerichtshofs.

4. Pflegekindschaft in der Rechtsprechung

Die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zu Pflegekindern ist Gegenstand des ersten Beitrags (1) von Ludwig Salgo.

Gülşen Schorn (2) stellt im zweiten Beitrag Anmerkungen zur Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte im Hinblick auf Pflegekinder dar. Beschlossen wird das Kapitel durch den Abdruck von Beschlüssen verschiedener gerichtlicher Instanzen zum Pflegekinderwesen, die von verschiedenen Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten zusammengetragen worden sind.

Im Anhang der Veröffentlichung finden sich relevante Gesetzestexte, ein Autorinnen- und Autorenverzeichnis, ein Verzeichnis der Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, die die Beschlüsse des letztgenannten Beitrages zusammengetragen haben sowie ein Abkürzungsverzeichnis.

Diskussion

Die Feststellung, dass in vielen der spektakulären Fälle von Kindesvernachlässigung und Kindesmisshandlung die Familien bereits den Jugendämtern bekannt waren, ist richtig. Der Frage nachzugehen, ob die jeweiligen Lebenssituationen der betroffenen Kinder angemessen eingeschätzt wurden bezüglich der Risiken und Ressourcen, ist ein wichtiger Beitrag für einen verbesserten Kinderschutz. Dazu gehört sicherlich auch eine Prüfung, ob die fachlichen Kenntnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern tatsächlich ausreichend und umfassend genug sind und welcher mögliche Qualifizierungsbedarf notwendig erscheint. Auch eine gesellschaftliche und fachpolitische Diskussion über den Stellenwert von Kinderrechten gegenüber Elternrechten ist überfällig und kann nur begrüßt werden.

Die vorliegende Veröffentlichung fokussiert allerdings in den meisten Beiträgen bezüglich der möglichen Interventionen durch die Jugendämter mehr oder weniger die Unterbringung von Kindern in Pflegefamilien. In vielen Darstellungen, seien es die konkreten Fallbeispiele oder Erfahrungsberichte wird nahegelegt, dass Jugendämter viel zu lange zögern, bis sie entscheiden, Kinder aus der Familie zu nehmen und in Pflegefamilien unterzubringen. Implizit und explizit wird darauf hingewiesen, dass es für die betroffenen Kinder sehr viel günstiger gewesen wäre, wären diese Maßnahmen früher ergriffen worden. Kritisch dargestellt wird ebenfalls die Aufrechterhaltung des Kontakts von Pflegekindern zu ihren leiblichen Eltern. Die Zweifel an der Interventionspraxis der Jugendämter einerseits sowie der Vorrang der Elternrechte gegenüber dem Kinderschutz andererseits führen in der Folge zu einer kritischen Bewertung der Professionalität von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern bzw. Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen andererseits. Diese Kritik wird maßgeblich von anderen Disziplinen formuliert, beispielsweise aus dem Bereich der Psychologie.

Schließlich weisen die zusammengetragenen Beschlüsse verschiedener gerichtlicher Instanzen, die unterschiedliche Aspekte im Hinblick auf Pflegekinder betreffen, allesamt in eine Richtung: In allen dargestellten Fällen wurde Pflegeeltern Recht gegeben, beispielsweise hinsichtlich Verbleibensanordnungen und/oder Besuchskontakten.

Ausgeblendet bleibt in allen Beiträgen, dass Kinder auch in Pflegefamilien zu Schaden kommen. Unter den spektakulären Fällen, die die Medien aufgegriffen haben, wurde in zumindest einem Fall ein Kind in seiner Pflegefamilie zu Tode misshandelt. Und auch aus der alltäglichen Praxis liegen ausreichend Erfahrungsberichte vor, die zeigen, dass es eben auch in Pflegefamilien zu Kindesmisshandlungen und –vernachlässigungen kommt. So entsteht beim Lesen der Beiträge der Eindruck, Pflegefamilien seien die „besseren Eltern“ und infolgedessen müssten Kinder viel früher von ihren leiblichen Eltern getrennt werden um gelingende Beziehungen und eine gute Entwicklung erleben zu können. Die Leistungen von Pflegefamilien sollen mit dieser Aussage nicht geschmälert werden. Sie sind oftmals „Familien auf Zeit“ und übernehmen die schwierige Aufgabe, Kinder zu betreuen und zu erziehen, die bereits viele negative Erfahrungen machen mussten. Infolgedessen sind es Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen, die möglicherweise besondere Förderung und Unterstützung brauchen und ihre Pflegeeltern somit auch besonders fordern. Und in vielen Fällen ist die zeitliche Perspektive bei den Beteiligten für dieses Unterfangen unklar. Dennoch wäre eine differenzierte Darstellung der Situation von Kindern in Pflegefamilien wünschenswert und überzeugender.

Fazit

Das Jahrbuch enthält viele interessante Beiträge zur Lebenssituation vernachlässigter und misshandelter Kinder aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Die Beschäftigung mit den Bedingungen und dem Erleben von Kindern in Pflegefamilien ist fachlich notwendig, zählt doch die Herausnahme von Kindern aus ihren leiblichen Familien zu den Interventionen der Jugendämter. Der Anspruch, die Grundbedürfnisse von Kindern fachlich in den Beiträgen zu vertiefen, wird allerdings nur einseitig eingelöst, in dem die Leistungen der Pflegefamilien und ihre Schwierigkeiten mit der Praxis der Jugendämter dargestellt werden. So finden auch ausschließlich Fallbeispiele Erwähnung, in denen Kinder und ihre Pflegeeltern eine insgesamt positive Entwicklung und gelingende Erfahrungen miteinander machen konnten. Es wird ausgeblendet, dass auch Pflegefamilien an ihrer schwierigen Aufgabe scheitern und Kinder auch in Pflegeverhältnissen misshandelt und vernachlässigt werden. Eine Diskussion angesichts der spektakulären Kinderschutzfälle über die fachliche Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Jugendämtern ist wichtig ebenso wie über den Stellenwert von Kinderrechten. Allerdings sollte diese nicht einseitig zugunsten des Pflegekinderwesens und zu Ungunsten leiblicher Eltern geführt werden. Ressourcen und Potenziale in den Ursprungsfamilien werden so negiert und statt dessen die sicherlich vorhandenen Defizite in den Blickpunkt gerückt.


Rezensentin
Martina Huxoll-von Ahn
Stellv. Geschäftsführerin Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.
Homepage www.dksb.de
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Zitiervorschlag
Martina Huxoll-von Ahn. Rezension vom 09.04.2010 zu: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): Grundbedürfnisse von Kindern. Vernachlässigte und misshandelte Kinder im Blickfeld helfender Instanzen. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2009. ISBN 978-3-8248-0633-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8442.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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