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Susanne Viernickel, Petra Völkel: Beobachten und dokumentieren im pädagogischen Alltag

Cover Susanne Viernickel, Petra Völkel: Beobachten und dokumentieren im pädagogischen Alltag. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. 9. Gesamt- Auflage. 169 Seiten. ISBN 978-3-451-34880-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Autorinnen

Prof. Dr. Susanne Viernickel ist seit 2017 Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Leipzig. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre sind frühe Bildungsprozesse, Qualitätsentwicklung und integrierte Bildungs- und Gesundheitsförderung sowie die Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte.

Prof. Dr. Petra Völkel ist seit 2006 Professorin für Grundlagen der Entwicklungspsychologie/ Klinischen Psychologie und Elementarpädagogik an der Evangelischen Hochschule Berlin.

Thema

Dieses Buch soll zeigen, wie systematische Beobachtung und Dokumentation helfen kann, Kinder noch besser oder vielleicht auch ganz anders kennen zu lernen. Kernstück des Buches sind Verfahren zur systematischen Beobachtung und Dokumentation unterschiedlicher Aspekte kindlicher Entwicklungs- und Bildungsprozesse.

Aufbau

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Das erste Kapitel thematisiert Beobachten als pädagogische Grundhaltung. An einem Fallbeispiel wird dargestellt, wie subjektive Wahrnehmung und Interpretation zu Verfälschungen führt. Das Kind wird als aktiver Lernender verstanden, untermauert von Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der Neurobiologie. Konkrete Beschreibung des kindlichen Handelns ermöglicht das Verstehen der kindlichen Absichten. Wichtig dabei sind grundlegende Kenntnisse aus der Entwicklungspsychologie (z.B. Piaget) und der Entwicklung des Spiels. So können sinnvolle Angebote für die Kinder gestaltet werden.

Im zweiten Kapitel wird Beobachten und Dokumentieren als Elemente fachlichen Handelns herausgestellt, die in Qualitätshandbüchern und Bildungsplänen verankert sind. Es, sollte (muss) Bestandteil der Einrichtungskonzeption sein und einzeln und im Team geplant und aufgebaut werden. Ein zu etablierendes Beobachtungssystem sollte aus drei Säulen bestehen, ein Verfahren mit Fokus auf Aktivitäten und Bildungsprozesse, aus Verfahren, die die kindliche Entwicklung in einzelnen Bereichen erfassen, und aus Verfahren, die feststellen, bei welchen Kindern ein Entwicklungsrisiko besteht.

Im dritten Kapitel geht es um die praktische Umsetzung. Es definiert Beobachten nochmal als pädagogisches Angebot, um die Kinder besser kennenlernen und fördern zu können. Es wird die zeitliche und personelle Planung diskutiert und herausgearbeitet, was notwendigerweise beachtet werden muss. An zwei beispielhaften Kindertagesstätten wird das mögliche Vorgehen anschaulich. Anschließend werden die häufigsten Beobachtungsfallen erläutert, vom zu schnellen Interpretieren und möglichen Rollenkonflikten bis hin zum Umgang mit Unsicherheiten und einer zu geringen Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Instrument.

Im vierten Kapitel werden Beobachtungssysteme dargestellt und jeweils nach folgenden Gesichtspunkten ausführlich diskutiert:

  • Welche Erkenntnisse sollen aus der Beobachtung gezogen werden?
  • Wo liegt der Beobachtungsfocus?
  • Wie kann die Beobachtung dokumentiert werden?
  • Wie wird die Beobachtung ausgewertet?
  • Wofür werden die aus der Beobachtung gewonnen Erkenntnisse eingesetzt?
  • Welche Voraussetzungen sind notwendig, um das Beobachtungsverfahren einzusetzen?
  • Wo gibt es weitere Informationen und Anregungen zum Beobachtungsverfahren?

Als Erstes werden beobachtungsbasierte Bildungskonzepte vorgestellt: Infans-Konzept, Bildungs- und Lerngeschichten, „Wahrnehmendes Beobachten“, Early-Excellence-Ansatz, Leuvener Engagiertheitsskala. Verfahren, die zur Beobachtung von Kompetenzen eingesetzt werden können, sind Bellers Entwicklungstabelle und der „Baum der Erkenntnis“ (Überblick über jeweils mehrere Kompetenzbereiche), zu sprachlichen Kompetenzen: liseb, simsik & seldak und selsa sowie für soziale und emotionale Kompetenzen: perik. Zur Einschätzung von Entwicklungsrisiken werden der Einschätzbogen „Grenzsteine der Entwicklung“ und die Verfahren EBD 3–48 bzw. EPD 48-72 und der BEK vorgestellt.

Im fünften Kapitel werden weitere Formen der Dokumentation und Analyse besprochen: spontane und ungeplante Beobachtungen, Gesprächen mit Kindern, Fotografien und Filmaufnahmen. Ausführlich wird das Anlegen und der Gebrauch eines Portfolios erläutert.

Abschließend stellen die Autorinnen auf knapp sechs Seiten heraus, „was Sie auf jeden Fall beachten sollten, wenn Sie beobachten“. Sie betonen nochmal das Bild vom Kind, den Zweck von Beobachten und praktische Erfordernisse für das Gelingen.

Diskussion

Das Buch spricht im Stil die einzelne Fachkraft direkt an.

Es werden nicht nur Verfahren beschrieben, sondern das Verständnis für die Notwendigkeit von systematischer Beobachtung und deren Nutzen für den pädagogischen Alltag deutlich aufgezeigt.

Es beginnt mit den zeitgemäßen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der Neurobiologie und dem Bild des Kindes als aktiv Lernender von Geburt an. In den pädagogischen Prozess müssen nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern mit einbezogen werden.

Die einzelnen Verfahren werden umfangreich dargestellt. Die Beantwortung der angesprochenen Fragen hilft, das jeweilige Verfahren anzuwenden, aber auch seinen spezifischen Nutzen zu erkennen.

Den Autorinnen gelingt es, Mut zu machen und die Neugier zu wecken, Beobachten und Dokumentieren im pädagogischen Alltag einzusetzen. Der geschätzte Zeitaufwand von ca. eineinhalb Stunden pro Fachkraft in einer Gruppe mit 20 Kindern erscheint nicht zu hoch. Es muss der Anspruch an die eigene pädagogische Profession sein, dies umzusetzen. Die gegenseitige Unterstützung im Team sollte dabei selbstverständlich sein.

Zielgruppen

Pädagogische Fachkräfte in Kindertagesstätten.

Fazit

Das Buch führt in die gezielte Beobachtung in Kindertagesstätten ein, beschäftigt sich mit der notwendigen Grundhaltung und gibt gezielte Hilfen für die praktische Umsetzung. Die vorgeschlagenen Verfahren werden anhand gezielter Fragen umfassend erläutert. Empfehlenswert.


Rezensent
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen im Landkreis Erding im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 21.11.2018 zu: Susanne Viernickel, Petra Völkel: Beobachten und dokumentieren im pädagogischen Alltag. Herder (Freiburg, Basel, Wien) 2017. 9. Gesamt- Auflage. ISBN 978-3-451-34880-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8448.php, Datum des Zugriffs 22.10.2019.


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