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Thomas von Freyberg: Tantalos und Sisyphos in der Schule

Cover Thomas von Freyberg: Tantalos und Sisyphos in der Schule. Zur strukturellen Verantwortung der Pädagogik. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. 148 Seiten. ISBN 978-3-86099-597-6. 11,90 EUR, CH: 19,00 sFr.
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Wider die strukturelle Verantwortungslosigkeit

Der am Institut für Sozialforschung der Universität Frankfurt/M. bis 2008 tätige Sozialwissenschaftler Thomas von Freyberg ist einer, der sich einmischt, der unbequeme Fragen stellt und für den Mainstream unangenehme Themen und Entwicklungen aufspießt; so z. B. „Konfliktgeschichten nicht beschulbarer Jugendlicher“ und „Konfliktgeschichten als Lernprozess“ (vgl. dazu die ebenfalls im Brandes & Apsel Verlag erschienenen Bücher: Thomas von Freyberg / Angelika Wolff, Hrsg., Störer und Gestörte, 2005, Band 1 - vgl. die Rezension) und Band 2 - vgl. die Rezension).

Inhalt

Mit seiner Streitschrift „Tantalos und Sisyphos in der Schule“ nimmt er die beiden griechischen Göttergestalten, gleichsam als scheinbar zusammengehörende und untrennbar verbundene tragische Gestalten und Eigenschaften - HHden Frevel, die Unbeherrschtheit, den Eigensinn und die List, Maßlosigkeit und Überschätztheit - um an ihnen Illusionen und Grenzen im öffentlichen Bewusstsein von Bildung und Erziehung aufzuzeigen. Es ist die Resilienzforschung, insbesondere in der Sonder- und Sozialpädagogik, die den Autor nach der strukturellen Verantwortung in der Pädagogik fragen lässt. Inwieweit nämlich die Fähigkeit im Bildungs- und Erziehungsprozess im Blick ist, auf die Anforderungen wechselnder Situationen flexibel zu reagieren und auch anspannende, erschöpfende, enttäuschende oder sonst schwierige Lebenssituationen zu meistern, sowohl in der familialen, als auch in der institutionellen Bildung und Erziehung – das ist sicherlich eine berechtigte und fällige Nachfrage. Thomas von Freyberg hat dazu eine eher pessimistische Auffassung; weil sich nicht nur bei „Störern und Gestörten“ erkennbare Defizite zeigen, sondern auch in der pädagogischen Theorie und Praxis im allgemeinen die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auseinander klaffen. Das verdeutlicht der Autor am Beispiel des Hessischen Bildungs- und Erziehungsplans von 2008, in dem er rigoros und erkennbar frustriert feststellt: „Dieser Plan ist gar kein Plan„; denn die hehren Ziele und Vorsätze, die lässig formuliert werden, enden im Aufgeschriebenen. Das nennt v. Freyberg den „Jargon der Eigentlichkeit“ und rechnet, der da Halt macht, wo das Eigentliche gesagt und getan werden müsste: „Halluzinatorische Wunschvorstellungen und magisches Denken gehören ins frühkindliche Stadium des primären Narzismus“ und nicht in einen Bildungsplan, der den Namen verdient: „Wolkenkuckucksheim des pädagogischen Jargons“. Den „Skandal der selbst- oder fremdverordneten Realitätsblindheit“ weist der Autor in einer Reihe von Realitäten (nicht nur) der hessischen Bildungswirklichkeit nach. Es ist das „explosive Klima“ in der Schule, das sich bei SchülerInnen und LehrerInnen zeigt, wie auch im sozialen, gesellschaftlichen Umfeld. Was den Autor in seinem polemischen Zwischenruf (zu Recht!) aufbringt, ist die Chuzpe, mit der die Autoren des Hessischen Bildungsplans, der in Eintracht mit den bayerischen Wirklichkeiten im Bildungs- und Erziehungsbereich daher kommt, den eigentlich Betroffenen, den Kindern, Jugendlichen, Eltern und professionellen ErzieherInnen, ein Papier vorsetzen, dessen Worte gut sind, aber im Sumpf des politischen und gesellschaftlichen Unvermögens versinken.

Da stellt sich zwangsläufig die Frage, ob das hehre Formulierte für die Betroffenen (in Hessen und anderswo), „Vergess- und Ignorierbares“ ist – oder ob es nicht , angesichts des Unvermögens von Gesellschafts- und Bildungspolitikern, wie auch den erziehungswissenschaftlichen Machern, so etwas wie eine „strukturelle Verantwortung der Professionellen im Bildungs- und Erziehungsbereich“ bedarf? Und die Antwort lässt nicht auf sich warten: Es bedürfe einer Pädagogik der strukturellen Verantwortung und des beruflichen Widerstands, um in der institutionellen Bildung und Erziehung eine wirkliche positive Veränderung hin zum „Wohl des Kindes“ zu erreichen.

Fazit

Dieser engagierte „Aufruf zum zivilen Ungehorsam“ kommt direkt daher, ungeschönt und deutlich. Er wird vor allem denjenigen nicht gefallen, die die Augen und die Ohren zumachen und den Mund nur dazu benutzen, die Öffentlichkeit immer wieder dadurch zu täuschen, dass sie das wichtigste Ziel einer menschlichen Bildung – Mündigkeit – zukleistern mit dem bekannten, undemokratischen und ideologischen „Das-haben-wir-noch-nie-so-gemacht“! Für den Rezensenten leuchten in dem Zwischenruf von Thomas von Freyerg Blitzlichter aus den 1960er Jahren auf, als es damals hieß: „Wir wollen mit Hilfe der Schule die Gesellschaft verändern!“. Der Autor nennt diese Hoffnung: Pädagogische und strukturelle Verantwortung.


Rezension von
Prof. Hartmut Brinkmeier
Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten allgemeine Erziehungswissenschaften, Sozialpädagogik sowie Methodenlehre


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Zitiervorschlag
Hartmut Brinkmeier. Rezension vom 10.11.2009 zu: Thomas von Freyberg: Tantalos und Sisyphos in der Schule. Zur strukturellen Verantwortung der Pädagogik. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2009. ISBN 978-3-86099-597-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8454.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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