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Yorck Förster, Joachim Weber u.a. (Hrsg.): Leben unter Strafe

Cover Yorck Förster, Joachim Weber, Arne Winkelmann (Hrsg.): Leben unter Strafe. Kritische Kriminologie von der Gefängnisarchitektur bis zum Haftalltag am Beispiel der Vollzugsanstalt Mannheim. Shaker Verlag (Aachen) 2009. 258 Seiten. ISBN 978-3-8322-8095-6. D: 24,80 EUR, A: 24,80 EUR, CH: 49,60 sFr.

Reihe: Wissenschaftliche Beiträge zur Sozialen Arbeit - 3.
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Reihe „Wissenschaftliche Beiträge zur Sozialen Arbeit“

Die Reihe „Wissenschaftliche Beiträge zur Sozialen Arbeit“ wird von Prof. Dr. Chirly dos Santos-Stubbe und Prof. Dr. Ulla Törnig herausgegeben

Der erste Band in dieser Reihe ist 2006 erschienen und behandelt die Bedeutung der Neurowissenschaften für Ethik und Praxis Sozialer Arbeit. 2009 wurde bereits Band 4 veröffentlicht. Die Reihe setzt sich mit Fragestellungen der Sozialen Arbeit auseinander und hat Fachleute aus Theorie und Praxis und Studierende als Zielgruppe.

Herausgeber und Autoren

  • Yorck Förster, M.A. Philosophie, Soziologie und Kunstpädagogik. Freiberuflicher Autor und Kurator
  • Prof. Dr. phil. Joachim Weber, Dipl. Sozialpädagoge (FH), Philosoph und Ev. Theologe, Hochschule Mannheim - Fakultät für Sozialwesen
  • Dr.-Ing. Dr. phil. Arne Winkelmann, Architekturhistoriker und Kulturwissenschaftler. Freiberuflicher Autor und Kurator

Wegen der großen Anzahl von 18 Autoren werden sie jeweils im Zusammenhang mit ihrem Beitrag vorgestellt.

Thema

Thema ist der Strafvollzug als komplexes Phänomen. Es wird Einblick gegeben in "wissenschaftliche Zusammenhänge von Strafen und Strafvollzug, Strafzielen und Strafrealität unter interdisziplinärer Prämisse" (S.7), die - in Verbindung mit der Darstellung der Geschichte und Veranschaulichung des praktischen Handelns in der Justizvollzugsanstalt Mannheim - Konturen bekommen sollen. Der Leser wird recht umfassend mit der "interdisziplinären Prämisse" vertraut gemacht: Er erfährt etwas über die juristische Perspektive des Lebens unter Strafe, über pädagogische, philosophisch-handlungstheoretische und sozialwissenschaftliche Ansätze, über Geschichte und Architektur des Strafens bis hin zur konkret geschilderten Handhabung von Abläufen in einer Justizvollzugsanstalt. Er wird informiert über Überwachungstechniken in einem Gefängnis und Erfahrungen einer Hochschule, die kurzfristig zu einem Museum geworden war.

Entstehungshintergrund

Bei dem Buch handelt es sich um die ausgearbeiteten Vorträge, die im April 2008 im Rahmen des Fakultätstages der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim, sowie im Mai 2008 auf dem Kongress "20 Jahre Anti-Aggressivitäts-Training" gehalten wurden. Die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Beiträge erfolgte zeitgleich zum 100jährigen Bestehen der JVA Mannheim, womit das Werk zur Festschrift avanciert. Die JVA Mannheim hatte sich für eine kritische Analyse ihrer Abläufe zur Verfügung gestellt und im Rahmen eines Kooperationsprojekt "Kritische Kriminologie" elf Studierenden der Hochschule Mannheim - Fakultät für Sozialwesen - einen Blick hinter die Kulissen einer Einrichtung gestattet, der Außenstehenden meist verwehrt bleibt. Herausgekommen sind die wissenschaftlichen Beiträge und eine fünf Monate andauernde Ausstellung. Im Rahmen dieses Kooperationsprojekts konnte einerseits die Öffentlichkeit über Strafziele und Strafrealität informiert und andererseits eine spezielle Lern- und Arbeitsform in einer Hochschule erprobt werden.

Aufbau

In 5 Kapiteln beschreiben 18 Autorinnen und Autoren mit insgesamt 22 Beiträgen verschiedene Aspekte des Lebens unter Strafe.

I. Kritische Kriminologie und Strafvollzug

Aufklären über Strafe (Prof. Dr. phil. Joachim Weber). Im ersten Kapitel führt Weber unter kritischer Betrachtung der Strafziele und -zwecke in vier Unterkapiteln in die Thematik ein und stellt abschließend im fünften Unterkapitel "Leben unter Strafe - ein multiperspektivisches Projekt" auf vier Seiten die Inhalte der dann folgenden Kapitel vor. Gleich zu Beginn beschreibt er ein "Fest der Grausamkeit" anhand einer medialen Aktion, das eine Motivlage der Gesellschaft aufdecken soll, die dem primitiven Strafbedürfnis zugrunde liegen kann. Weber zitiert Nietzsche als denjenigen, der das Strafbedürfnis "in seiner Primitivität und Radikalität" (S.12) durchschaut hat und zwei Formen der Rache unterscheidet: Die eine Form als abstraktes Bedürfnis nach rächender Grausamkeit und die andere als Bedürfnis nach Wiedergutmachung, als Reaktion von Betroffenen auf eine Tat. Weber greift verschiedene Argumente für gesellschaftlich legalisierte Straf- und Vergeltungsbedürfnisse auf und beraubt sie ihrer Plausibilität. Es gehe um Macht und Interessenausgleich, um Zukurzgekommene, die ihr Selbstgefühl am Leid anderer sanieren. In drei weiteren Unterkapiteln beschreibt er zurückgehend auf Foucault und Goffman, warum das Gefängnis den ihm aufgetragenen Resozialisierungsfunktionen nicht nachkommen kann, welche Folgen u.a. eine Entlastung der Insassen von der eigenen Entscheidung in ihren Angelegenheiten für das Personal und den Umgang miteinander haben. So sei der Arbeitsalltag geprägt durch "Meckerer" und "Bittsteller" auf der einen Seite und "Schlüsselknechte" und "Stockkellner" auf der anderen (S.25). "Strafvollzug hat viele Gesichter. Hier sind nur einige mit besonderer Betonung des kritischen Blickes entfaltet worden" (S.27). Damit leitet Weber über zum fünften Unterkapitel, in dem er die Inhalte der Kapitel II bis V vorstellt.

II. Wissenschaft des Strafens

Die Straftheorien (Prof. Dr. iur. Dieter Dölling, Rechtswissenschaftler und Kriminologe, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Direktor des Instituts für Kriminologie) Dölling stellt die juristische Perspektive auf das Phänomen Strafe vor. Er beschreibt die Funktionen der Straftheorien und stellt sie vor, unterteilt in absolute und relative Theorien sowie Vereinigungstheorien. Dölling stellt fest, dass Sozialisation, vorbeugende Maßnahmen und informelle Sozialkontrolle durch das Strafrecht abgestützt werden müssen, um Konformität des Verhaltens der Menschen mit den in der Gesellschaft geltenden Normen zu erreichen. Wenn das Strafrecht maßvoll angewendet werde, trage es "zur Bewältigung erheblicher Normverletzungen und zur Verhinderung künftiger Normbrüche bei". (S.43)

Pädagogik des Strafens (Prof. Dr. phil. Micha Brumlik, Erziehungswissenschaftler, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft) Die von Brumlik dargestellte pädagogische Perspektive fokussiert Sinn und Möglichkeit von Autorität als Frage nach Sinn und Möglichkeit des Strafens. Dabei geht er insbesondere auf die Problematik des von Immanuel Kant diskutierten Verhältnisses von Freiheit und Gehorsam ein. Brumlik beschreibt den Wunsch nach Anerkennung von Autorität nicht einfach als "konservativ" sei, sondern als "reaktionär".

Gewalt macht Sinn (Prof. Dr. phil. Joachim Weber) Der Autor beschreibt im philosophisch-handlungstheoretischem Beitrag Sinn und Verhängnis von Gewalt als höchst ambivalentem Phänomen, das sich als Herausforderung des Vollzuges darstellt. Gewaltlosigkeit könne im Umgang mit Gewalt nicht das Ziel sein. Gewalt habe auch eine positive Seite, sie sei ein "Stoppsignal", ein "Zaun um das private Grundstück", der übergriffiges Verhalten anderer unterbindet.

Kritik der Strafpolitik und die Suche nach Alternativen (Prof. Dr. phil. Timm Kunstreich, Sozialwissenschaftler, Ev. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg) Kunstreich nimmt die soziologische Perspektive ein in der Hoffnung, "dass sich der Umgang mit Strafe, Abweichung, Rechtsbruch und Konflikten in den nächsten ein- bis zweihundert Jahren so entwickeln möge, dass unsere Nachfahren mit dem gleichen Entsetzen und Ekel auf die heutigen Gefängnisse sehen" (S.63), wie wir auf die grausame Strafpraxis vor zwei- bis dreihundert Jahren. Die Parole "Keine Leistung ohne Gegenleistung" (S.73) ist nicht neu, wird jedoch als politische Maxime ganz aktuell neu aufgelegt. Für Kunstreich ist sie ideologische Begleitmusik, die die Ausschließung der Überflüssigen legitimiert.

Geschichte des Strafens und seiner Architektur (York Förster, Dr.-Ing. und Dr. phil. Arno Winkelmann) Die Autoren zeigen auf, wie sich die Vorstellungen von Besserung und Resozialisierung in den Architekturen der Gefängnisse materialisieren. Anhand der Architekturgeschichte zeichnen sie nach, wie in den Gefängnisbauten das jeweilige Menschenbild sich widerspiegelt, angefangen mit dem ersten Gefängnis "neuen Typs" im ausgehenden 16. Jahrhundert bis zur neuen Generation der Haftanstalten der 1970er Jahre.

Jugendstrafvollzug in der Praxis (Dr. iur. Joachim Walter, Rechtswissenschaftler, Leiter der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim, mittlerweile a.D.) Im Jugendvollzug sollen Straftäter zur Verantwortlichkeit erzogen werden, sie sollen sich zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten entwickeln. Walter gibt einen Überblick über die Population des Jugendstrafvollzugs und Lern- und Erziehungsangebote und zeigt Zusammenhänge auf zwischen Kriminalität und Bildung bzw. Kriminalität und Migrationshintergrund. Er fordert eine stärkere und diffrenziertere Beachtung der Ergebnisse aus der Rückfallforschung, die jedoch zukünftig vermehrt Vollzugsdaten einbeziehen müsse.

III. Justizvollzug in Mannheim

Geschichte und Gegenwart der Justizvollzugsanstalt Mannheim (Hans-Jürgen Fritzsche, Jurist, stellvertretender Leiter der JVA Mannheim) Fritzsche gibt einen umfassenden Einblick in die Geschichte der 1909 eröffneten Justizvollzugsanstalt Mannheim und die Organisation und Vollzugsgestaltung im Jahr 2009. Der Leser kann sich ein Bild von der Entwicklung in den 100 Jahren machen und erhält konkrete Angaben über Bestand und Behandlung der Gefangenen, über das Personal und den Gefangenenalltag.

Die folgenden Studierenden an der Hochschule Mannheim - Fakultät für Sozialwesen bilden die Gruppe, die sich im Rahmen des Projektstudiums mit verschiedenen Handlungsabläufen in der JVA Mannheim beschäftigt haben:

  • Carola Ludwig, Dipl.-Sozialpädagogin: Strukturierung des Haftalltags
  • Ramona Knopp, Dipl.-Sozialpädagogin: Haft und Disziplinierung
  • Simone Mark, Shirin Navaei, Studentinnen der Sozialpädagogik: Privatheit und Lebensraum Zelle
  • Julia Köhler, Dipl. Sozialpädagogin: Selbstverletzung durch Verschlucken von Gegenständen
  • Christian Dissanayake, Student der Sozialpädagogik: Arbeit im Vollzug
  • Jesica Guagliardi, Studentin der Sozialpädagogik: Vollzug und Kreativität

Die Gruppe der Studierenden hat den Blick hinter die Kulissen genutzt, sich intensiv mit weiteren Aspekten des Strafvollzugs auseinander zu setzen. Berichte über Alltag (ein Stundenplan), Arbeit (Betriebe und Artikel), Raum für Kreativität (Interviews mit Künstlern), aber auch Selbstverletzung (Therapie) und Disziplinierung (Disziplinar- und Sicherungsmaßnahmen) in einem Gefängnis geben ein nicht nur für die JVA Mannheim realistisches Bild vom Leben und Alltag der Gefangenen wieder. Ein weiterer Artikel befasst sich mit Privatheit, Außenkontakten und Kontrolle in einer solchen Einrichtung. Die Erarbeitung der einzelnen Aspekte ist abwechslungsreich: Es wurden die geschichtliche Entwicklung betrachtet, Rapportzettel analysiert und Gesetzestexte ausgewertet, Gefangene und ehemalige Gefangene wurden interviewt und Verläufe exemplarisch dargestellt.

Objekte heimlicher Fertigung (Dr.-Ing. Dr. phil. Arno Winkelmann) Der Autor berichtet über eine umfangreiche Lehrsammlung in der JVA Mannheim von unerlaubt hergestellten Gegenständen, die bei Kontrollen sichergestellt wurden und als Anschauungsmaterial Einblicke in ungeahnte Kreativität von Gefangenen Personen geben. Gegenstände, die als Fluchtwerkzeug dienten oder dienen sollten und solche, die zur Erleichterung des Haftalltags angefertigt oder organisiert wurden. Gezeigt werden eine anschauliche Sammlung an Schlüsseln und Dietrichen und Pistolenattrappen, aber auch aus Schuhpoliturdosen hergestellte Kopfhörer und ein Papiermodell einer Moschee.

IV. Moderne und postmoderne Überwachungsformen

Elektronische Überwachung (Yorck Förster) Der Autor zeigt die Entwicklung der Überwachungstechnik von der architektonischen Gestaltung (Panopticon) zur technischen Überwachung (Video, Personen-Notsignal-Gerät, elektronische Fußfessel u.a.) und schildert ihre Funktionen.

Soziale Überwachung (Glen Mills Schools) (Prof. Dr. phil. Joachim Weber) Der Autor stellt die Zentralen Elemente und Kritikpunkte an der Konzeption der Glen Mills Schools - als Beispiel für perfekt inszenierte soziale Überwachung - vor.

Abschiebungshaft in Mannheim (York Förster, Dr.-Ing. Dr. phil. Arno Winkelmann) In einem Kapitel zur Abschiebungshaft in Deutschland berichten Förster und Winkelmann Daten über Asylverfahren, Entscheidungen und Quoten. Die Ausgestaltung der Abschiebungshaft ist bundesweit unterschiedlich. Am Beispiel der JVA Mannheim stellen die Autoren die Situation der Häftlinge und den konkreten Vollzug der Abschiebungshaft dar.

V. Die Ausstellung "Leben unter Strafe"

Die Ausstellung in den Räumen der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim (Prof. Dr. phil. Rainer Kilb, Erziehungs- und Sozialwissenschaftler, Hochschule Mannheim - Dekan der Fakultät für Sozialwesen)

Leben unter Strafe - eine Fakultät wird zum Museum (Dr.-Ing. Dr. phil. Arno Winkelmann)

Architekturmuseum trifft Fakultät für Sozialwesen (Christina Budde, Leiterin der Museumspädagogik, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt/M.)

Gefängnis erleben. Ein museumspädagogisches Angebot für Jugendliche (Felicitas Erben, Dipl. Sozialpädagogin, Hochschule Mannheim - Fakultät für Sozialwesen)

Das letzte Kapitel enthält Beiträge rund um die Ausstellung, die in den Räumen der Fakultät für Sozialwesen der Hochschule Mannheim stattfand.

Als Dekan der Fakultät berichtet Kilb über das mehr oder weniger zufällige Zustandekommen des Projekts. Ausgangspunkt waren eine Gruppe von Studierenden, die im Rahmen des Projektstudiums in der JVA Mannheim arbeitete und von einem nicht öffentlich zugänglichen Gefängnismuseum erfuhr sowie eine Ausstellung "Gewahrsam. Räume der Überwachung" in einem alten Gefängnisbau in Frankfurt. Daraus entwickelte sich die Idee "die Utensilien des Lebens und Überlebens mit der wissenschaftlichen Aufbereitung der Architekturgeschichte des Gefängnisses zu einer Schau zusammenzubringen" (S. 235).

In einem weiteren Unterkapitel stellt Winkelmann Fotos der Ausstellung vor, die aus drei Teilen bestand:

  1. Strafhaft. Alltag im Gefängnis
  2. Gewahrsam. Räume der Überwachung
  3. Unerlaubt. Objekte heimlicher Fertigung

Anschließend berichtet Budde als Leiterin der Museumspädagogik, wie es dazu kam, dass die Ausstellung Anlass gab, den Bildungsauftrag des Museums neu zu überdenken und wie das Deutsche Architekturmuseum an der Hochschule Mannheim Teil des Projektstudiums geworden ist.

Den abschließenden Beitrag stellt die Fakultät für Sozialwesen mit einem Bericht von Erben über das museumspädagogische Angebot für Jugendliche dar. Parallel zur Ausstellung waren Führungen für unterschiedliche Personengruppen vorgesehen. Das gab Anlass, ein Konzept zu entwickeln, wie Jugendlichen Haftalltag näher gebracht werden kann. Leider war die Anzahl der Einrichtungen und Schulen, die auf das Angebot eingegangen sind, begrenzt. Die Rückmeldungen derjenigen, die an dem fast zweistündigen Programm teilgenommen hatten, waren

Diskussion

Es handelt sich um ein gut gegliedertes überschaubares Werk, dessen Umfang von 258 Seiten gut zu bewältigen ist, wenn man sich in angemessener Zeit einen Eindruck von verschiedenen Facetten des Strafens machen will. Es enthält eine Fülle von Informationen, Reflexionen und Erfahrungen, die beim Leser den Eindruck hinterlassen, er habe ein viel umfangreicheres Werk gelesen und sehr viele verschiedene Facetten des Strafvollzugs kennengelernt. Selbst für mich, die ich mich seit Jahrzehnten mit verschiedenen Aspekten des Strafvollzugs beschäftigt habe, gab es beim Lesen einzelner Beiträge immer wieder mal neue Zusammenhänge und Erkenntnisse zu entdecken. Nun muss man nicht mit allen Inhalten und Schlussfolgerungen übereinstimmen, aber an einigen Stellen hätte ich mir einen kritischeren Blick auf die Kritik gewünscht. Zum Beispiel ist die "sich ständig steigernde Anspruchshaltung der Insassen an das Personal" (S. 25), nirgendwo belegt. Erfreulich ist, dass die Beiträge durchgängig sprachlich gut aufbereitet (was bei der Anzahl der Autoren bemerkenswert ist) und fundiert sind und zum Nachdenken anregen. So beschreibt Weber eine Art der Verunsicherung, die sich hinter dem Strafbedürfnis verbirgt und die gleichzeitig das Phänomen des immer lauter artikulierten Bedürfnisses nach Sicherheit in einer sicherheitsmäßig eigentlich recht komfortablen Situation erklären kann. "Verbrechen untergraben ebenso wie Schicksalsschläge die Verlässlichkeit der Welt und im Zuge dessen unser Handlungsvermögen und verlangen nach Wiederherstellung einer Sicherheit gebenden Ordnung" (S. 17). Es sind nicht nur Verbrechen, die verunsichern: Neue Technologien, Befunde und Erkenntnisse - ob aus der Naturwissenschaft, Medizin oder Technik - entwickeln sich mit einer so rasanten Geschwindigkeit, dass der durchschnittliche Bürger nicht mehr Schritt halten kann. Wenn dann die Welt kontinuierlich an Verlässlichkeit verliert, müssten die Institutionen umso engmaschiger kontrolliert werden, die der eigenen Kontrolle noch zugänglich sind, zum Beispiel bereits verurteilte oder potentielle Täter.

Fazit

Das Buch gibt interessierten Lesern einen umfassenden Einblick in verschiedene Welten tatsächlicher und gefühlter Gefangenschaft und ist selbst für gestandene Vollzugspraktiker ein Leseereignis. Es bietet ein breites Spektrum der Historie und Hintergründe des "Strafens". Die Artikel sind gut recherchiert, abwechslungsreich gestaltet und sehr informativ. Ein gelungener Band in der Reihe Wissenschaftlicher Beiträge zur Sozialen Arbeit.


Rezensentin
Dr. Katharina Bennefeld-Kersten
Leiterin des Kriminologischen Dienstes, der Führungsakademie und des Gesundheitszentrums im Bildungsinstitut des niedersächsischen Justizvollzuges. Leiterin der Arbeitsgruppe „Suizid im Gefängnis“ des Nationalen Suizidpräventionsprogramms


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Zitiervorschlag
Katharina Bennefeld-Kersten. Rezension vom 26.03.2010 zu: Yorck Förster, Joachim Weber, Arne Winkelmann (Hrsg.): Leben unter Strafe. Kritische Kriminologie von der Gefängnisarchitektur bis zum Haftalltag am Beispiel der Vollzugsanstalt Mannheim. Shaker Verlag (Aachen) 2009. ISBN 978-3-8322-8095-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8456.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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