Thomas Geisen, Christine Riegel (Hrsg.): Jugend, Partizipation und Migration
Rezensiert von Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann, 04.11.2009
Thomas Geisen, Christine Riegel (Hrsg.): Jugend, Partizipation und Migration. Orientierungen im Kontext von Integration und Ausgrenzung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 348 Seiten. ISBN 978-3-531-15252-3. 39,90 EUR.
Herausgeber
Christine Riegel ist Akademische Rätin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen. Thomas Geisen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz und am Institut für Regional- und Migrationsforschung (IRM) tätig.
Thema
Bereits mit der Herausgabe des Sammelbandes „Jugend, Zugehörigkeit und Migration. Subjektpositionierung im Kontext von Jugendkultur, Ethnizitäts- und Geschlechterkonstruktionen“ haben sich Christine Riegel und Thomas Geisen mit den widersprüchlichen Integrationsanforderungen, die an Jugendliche mit Migrationshintergrund gestellt werden, implizit und explizit auseinandergesetzt. Das gemeinsame Erkenntnisinteresse der versammelten Beiträge des hier rezensierten Bandes will sich vor dem gleichen gesellschaftlichen Hintergrund mit den Partizipationsbedürfnissen und -optionen von Jugendlichen mit Migrationshintergund auseinandersetzen. Eine zentrale und zumindest implizit in allen Beiträgen das Erkenntnisinteresse leitende Frage lautet: Auf welche Art und Weise beurteilen Jugendliche mit Migrationshintergrund in subjektiver Einschätzung die eigene soziokulturelle Partizipation in der sog. „Aufnahmegesellschaft“ als gelungen? Vor dem Hintergrund von Rassismuserfahrungen und sowohl gesamtgesllschaftlichen Zuschreibungsprozessen als auch solchen zwischen allochthonen und autochthonen Jugendlichen untereinander werden die Chancen und Schwierigkeiten sozialer Partizipation untersucht. Die sozialen Partizipationsmöglichkeiten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund dürfen dabei als gleich bleibend schlecht angenommen werden. Dies ist selbstredend kein neuer Befund, sondern eher eine „Binsenweisheit“ der Migrationsforschung. Dennoch, und das ist dem vorliegenden Band zugute zu halten, wird dieser Sachverhalt differenziert dargelegt und erörtert.
Aufbau
Das Buch ist in drei Teile untergliedert und umfasst insgesamt 15 Beiträge aus sozial- und erziehungswissenschaftlichen Blickwinkeln. Die Beiträge sind internationaler Herkunft, beschreiben und analysieren Zugänge zur Thematik aus Deutschland, der Schweiz, Portugal, Spanien und Großbritannien oder aber entwickeln eine transnational vergleichende Perspektive. Die meisten Beiträge rekurrieren auf qualitatives Daten- und Forschungsmaterial, in einigen Aufsätzen kommen die interviewten und untersuchten Jugendlichen durch Zitate selbst zu Wort. Zu Beginn erläutern die Herausgeber in einem einführenden Vorwort alle Beiträge kurz und knapp.
Teil I: Konstruktionsprozesse von Jugend
Im ersten Teil werden „Konstruktionsprozesse von Jugend“ aufgezeigt; die Beiträge hier diskutieren in unterschiedlicher Perspektive gesellschaftstheoretische Zusammenhänge und gesellschaftlich zu verortende Zuschreibungen auf junge Migrant/innen. Die individuelle Entwicklung von Jugendlichen in der Adoleszenz wird in den ersten drei Beiträgen vor diesem gesamtgesellschaftlichen Hintergrund erörtert. Dabei werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in denen Jugendliche mit Migrationshintergrund aufwachsen oft als widersprüchlich interpretiert und ihre ausgrenzenden Strukturen offen gelegt. So zeigen bspw. Schikorra und Becker in ihrer Analyse des Aufnahmeprozesses „Zur biopolitischen Konstruktion des Alters bei jugendlichen Flüchtlingen“ (s. 67ff) in der Bundesrepublik, dass insbesondere die administrative Festsetzung des Alters von Flüchtlingen entscheidenden (negativen) Einfluss auf deren Handlungsoptionen und Entwicklungsperspektiven nach sich ziehen (So werden junge Flüchtlinge zwischen 16 und 18 Jahren nicht mehr als Jugendliche, sondern juristisch bereits als Erwachsene behandelt – ab dem 16. Lebensjahr entfällt der Abschiebeschutz!; vgl. S. 72).
Teil II: Ausgrenzung und Integration
Den zweiten Teil des Bandes bilden verschiedene Perspektiven auf die Pole „Ausgrenzung und Integration“, denen sich durch Erzählungen junger Menschen mit Migrationshintergrund angenähert wird. Diese berichten bspw. über ihre ersten persönlichen Rassismuserfahrungen. In insgesamt sieben Beiträgen wird das Spannungsfeld zwischen sozialer Ausgrenzung / Rassismus und Integrationsanforderungen auf der gesamtgesellschaftlichen Seite durch die Positionen von autochthonen und allochthonen Gruppen, oder besser: „Etablierten und Außenseitern“ (Elias/Scotson 1969) differenziert diskutiert.
Reisslandt zeigt zunächst in einem Überblicksartikel die aktuelle Situation von Kindern und Jugendlichen im Focus der Armutsforschung. Aktuellere Sozialreformen und Gesetzgebungen bilden das Fundament auf dem Armutsrisiken und Phänomene sozialer Unterschichtung bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund fußen. Zwei weitere Beiträge von Melter und Hieronymus haben den Umgang unter Jugendlichen mit Erfahrungen von verschiedenen Formen von Rassismus zum Thema. Zu solchen Formen der Erfahrungen mit Rassismus gehören einerseits der „sekundäre“ (der nicht ausgesprochene, indirekt aufscheinende) Rassismus, andererseits persönlich gemachte Erfahrungen und medial vermittelter Rassismus. Beide Ausprägungen des Rassismus können einander bedingen und sich ergänzen und zu verschiedenartigen Verarbeitungsmustern unter Jugendlichen führen.
In den anschließenden Beiträgen kommen Kinder und Jugendliche selbst zu Wort und äußern ihre Erfahrungen, die den Themenkomplexen „Exklusion“, Rassismus und „Fremdheit“ zuzuordnen sind.
Sauer skizziert in ihrem Beitrag exemplarisch die Interdependenz von einer – wenn auch noch exakter zu definierender Konzeption wie – „Integration“ und den allgemeinen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Soziale Differenzen gehören zu den entscheidenden Faktoren, die pädagogischen wie politischen Handlungsbedarf anzeigen. Auch die Beiträge von Schramkowski und den weiteren Autor/innen des zweiten Teils lassen zumindest implizit den die m.E. – sowohl in diesem Sammelband als auch in der migrationspolitischen Diskussion – recht vernachlässigte Schlussfolgerung zu, dass sich die Jugendlichen gar nicht integriert fühlen können, so lange die Aufnahmegesellschaft nicht mit offenen Armen auf diese zugeht, oder anders formuliert: Alle gesellschaftlichen (Teil-)Bereiche – die sich um in der Thematik des Sammelbandes zu bleiben, mit den Anforderungen und Bedürfnissen junger Menschen auseinandersetzen – müssen sich gegenüber jugendlichen Migrant/innen interkulturell öffnen, d.h. auf diese zugehen, sich gleichzeitig prozessual verändern, öffnen und überkommene Zielvorstellungen revidieren, um nicht von einem demografischen und kulturellen Wandel überrascht und überrannt zu werden.
Teil III: Bildung und Mobilität
Im dritten Teil des Sammelbandes werden die Fragen von „Bildung und Mobilität“ behandelt, nach wie vor aktuell und momentan auch passend zum europäischen „Jahr der Mobilität“. In der Auseinandersetzung werden die Interdependenzen zwischen Partizipationsoptionen und Bildungserfolg näher beleuchtet. Diese sind deutlich auszumachen – ohne formale Bildung und entsprechende Bildungsabschlüsse haben (nicht nur) Jugendliche (mit Migrationshintergrund) kaum oder gar keine Partizipationsoptionen.
Ingesamt weitere fünf Beiträge weisen im dritten Teil auf negative Strukturen und analysieren förderliche Ressourcen. Glücklicherweise beschränken sich die Autor/innen nicht auf die Deskription und Analyse der individuellen und strukturellen Umstände, sondern zeigen auch Reformen in Bildung bezogenen Bereichen auf und ermöglichen den Leser/innen derart einen Einblick in die Praxis. Interessant ist der innereuropäische Vergleich zwischen der – in der Analyse identifizierten – eher ausgrenzenden Praxis in der Bundesrepublik und der als eher partizipativ zu bezeichnenden Praxis in Großbritannien wenn die rechtliche Situation von Migrant/innen auf den Prüfstein gestellt wird. Diese hat im Kontext von Integration und Ausgrenzung entscheidenden Einfluss auf die Bildung- und Ausbildungspraxis und gleichzeitig ebenso auf die antizipierten Bildungs- und Ausbildungsabsichten junger Migrant/innen.
Fürstenau und Niedrig skizzieren bspw. Bildungslaufbahnen und legen Zukunftsorientierungen von Jugendlichen im Kontext transnationaler Migration dar, welche den klassischen Verlauf vom Süden (Afrika) in den Norden (Europa) nehmen. Zwei Studien dienen ihnen als Quelle, um aufzuzeigen, dass der rechtliche Status vieler Migrant/innen oft im Kontrast zu ihren Bildungsaspirationen steht und letztlich deren zukünftige Bildungslaufbahnen behindern. Der Beitrag von Sieber analysiert strukturelle und exkludierende Prozesse im Bildungswesen – zwar am Beispiel der Schweiz, die dort analysierten Zusammenhänge scheinen aber auch übertragbar auf andere nationale Kontexte zu sein – und zeigt, dass das Leistungsprinzip in Schulklassen die Zuweisung von Schüler/innen in Sonderklassen nach sich zieht und damit unmittelbar die Benachteiligung von jugendlichen Migrant/innen bedingt. Abschließend sei noch die Analyse von Ausbildungsübergängen von Bürkler erwähnt, da er konkrete und sinnvolle Vorschläge für ein Übergangsmanagement entwirft: In Übergangsmaßnahmen zur subjektiven Förderung könnten jugendliche Migrant/innen am Ende ihrer Schulzeit sich sinnvoll auf die ihre weitere berufliche Laufbahn entscheidenden Ausbildungsschritte vorbereiten.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich an Erziehungswissenschaftler/innen, Dozent/innen und Studierende der Fachrichtungen Soziapädagogik und Erziehungswissenschaften und kann ebenso von diesen Gruppen benachbarter Disziplinen zur Kenntnis genommen werden. Darüber hinaus sollte es Bildungsverantwortliche vieler Ebenen und Institutionen und ebenso Praktiker in entsprechenden jugendrelevanten Arbeitsfeldern ansprechen.
Fazit
Eine Erkenntnis der recht heterogenen Schar der hier versammelten Beiträge ist, dass die soziale Partizipationsabsichten jugendlicher Migrant/innen auf sehr viele unterschiedliche Barrieren stoßen, die – nicht ausschließlich, aber in der hier eingenommen Perspektive sehr häufig – auf der makrosozialen Ebene liegen. Dies ist selbstredend keine neue Erkenntnis (s.o.). Der Verdienst des Sammelbandes ist es detailliert und kenntnisreich eine Werkschau existierender Forschungsvorhaben zu liefern, deren Ergebnisse spezieller Teilbereiche zu präsentieren und somit die Fachkenntnisse der Leserschaft zu vertiefen. Schließlich ist positiv hervorzuheben, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund nicht ausschließlich und abermals als reine Foschungsobjekte sozialer Ungleichheit konzeptionalisiert werden, sondern im Sinne der „partizipativen Orientierung“ selbst zu Wort kommen. Die Jugendlichen schildern selbst ihre eigens gemachten Erfahrungen zwischen den Polen Integration und Ausgrenzung.
Literatur
Riegel, Christine / Geisen, Thomas (Hrsg.) (2007): Jugend, Zugehörigkeit und Migration. Subjektpositionierung im Kontext von Jugendkultur, Ethnizitäts- und Geschlechterkonstruktionen. Wiesbaden: VS Verlag.
Elias, Norbert / Scotson, John L. (1969): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.
Rezension von
Dr. phil. Eckart Müller-Bachmann
M.A., Soziologe
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