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Georg Brunold: Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte

Cover Georg Brunold: Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren. Galiani bei Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2009. 683 Seiten. ISBN 978-3-86971-001-3. 85,00 EUR.
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Thema

Ganz unterschiedliche Medien verhindern, dass Geschehenes unwiderbringlich in den Fluten der Vergangenheit untergeht. Reportagen und Augenzeugenberichte halten Gegenwarten für die Mit- und Nachwelt auf ihre eigene Art fest. Erstaunlich genug wird oft nicht an sie gedacht, wenn es darum geht, sich an Begebenheiten und einstige Zustände zu erinnern. Geschweige denn, dass sie gezielt gesammelt würden. In der Sozialen Arbeit haben insbesondere Sozialreportagen in letzter Zeit wieder vermehrt Beachtung erhalten, und zwar mit Bezug auf die Methoden der Sozialraumanalyse.

Autor

Georg Brunold, geb. 1953, war stellvertretender Chefredakteur der Kulturzeitschrift DU und veröffentlichte mehrere Bücher in Hans Magnus Enzensbergers «Anderer Bibliothek».

Aufbau

Die Publikation ist folgendermassen aufgebaut:

  • Vorwort
  • 164 Reportagen
  • 12 Fotoreportagen
  • Bibliothek des Reporters

Inhalt

Der Herausgeber gibt im Vorwort die zugrunde liegende Vorstellung bekannt: «Die Reportage ist eine wahrhaft universelle literarische Gattung. Sie kann und darf fast alles, solange sie vom Tathergang und der Sachlage, von denen darin die Rede ist, nicht schon lückenlose Kenntnis voraussetzt. Der Erzähler ist (obwohl es sogar davon Ausnahmen gibt) ein Augenzeuge. Er hat den Leser auf die Bühne der dramatischen Verstrickungen zu führen und mit den Helden auf Sicht- und Hördistanz zu bringen. Doch das heisst keineswegs, dass er nur schauen, hören und mit seinen Protagonisten sprechen dürfte. Hat er dafür gute Gründe, mag er sich handgreiflich ins Geschehen einmischen. Aber auch denken darf er. In einer Reportage ist kein Mass an Gedankenarbeit verboten, solange diese für den Leser verdaulich bleibt und ihn fesselt. Wird die denkende Reportage unter der Hand zum Essay, um so schöner für sie und für den Leser» (S. 17). Und etwas kommt noch hinzu: «Sie hat die Freiheit, alle erdenklichen, auch ganz unerforschte Richtungen einzuschlagen» (S. 17).

Die untertitelgebenden zweieinhalb Jahrtausende rühren daher, dass die Berichterstattung mit Herodots Darstellung der Lebensverhältnisse im damaligen Ägypten einsetzt. 450 v. Chr. verfasst, ist sie ein frühes Lehrstück vergleichender Ethnografie. Das Ende, dazwischen liegen noch 162 weitere Reportagen, wird im Jahr 2000 erreicht. Dannzumal verfasste Andreas Langenbacher seinen Bericht über einen, der 1503 als erstes von 17 Kindern in die Familie Notredame in St. Rémy geboren wurde: Notredame – Nostradamus. Unter den Beitragenden findet sich kaum ein nicht schon bekannter Name. Meist sind die Reportagen von Schriftstellern und deutlich weniger oft von Schriftstellerinnen, zuweilen auch von Grössen der Weltgeschichte geschrieben. Niemand unter ihnen verdiente, namentlich herausgehoben zu werden. Und die Themenvielfalt kann nicht wiedergegeben werden. Die Lektüre führt an bekannte und weniger bekannte Schauplätze der Weltgeschichte, zu Begegnungen mit Menschen, die der Geschichte eine bestimmte Richtung wiesen, manchmal wird auch von scheinbar Nebensächlichem berichtet. Die Reportagen machen sich auf knapp sechshundert Seiten breit und sind in chronologischer Reihenfolge abgedruckt.

Die moderne Reportage ist auch Fotografie. Das Dutzend Fotoreportagen, das der Fotograf Daniel Schwarz versammelt, stammt aus dem letzten Jahrzehnt und lässt Themen wie Krieg, Terror, Migration, Folter, Stadtentwicklung, Inselleben, Arktis, Velorennen und Bankencrash zur Darstellung kommen.

Die «Bibliothek des Reporters» stammt vom Herausgeber selber. Er umschreibt sie als «Werkzeugkasten in 30 Lieferungen und 227 Teilen». Sie soll jenen, die sich für Reportagen interessieren, den Produzierenden ebenso wie den Konsumierenden, einen allgemeinen Bildungshintergrund liefern. Kommentare erläutern jeweils ganz kurz die erwähnten Bücher.

Diskussion

Die Inhalte entführen in alle Richtungen, die die Welt bietet, und sind reich an Überraschungen. Die Aufmerksamkeit der Lesenden richtet sich nicht nur auf diese Inhalte, sondern ebenso auf die variierende Form der einzelnen Reportagen. Die einzelnen Texte brauchen natürlich nicht in der gegebenen Abfolge gelesen zu werden. An jeder «Ecke» warten der attraktive Name von Verfassern und Verfasserinnen, eine interessierende Begebenheit, ein spannendes Thema, eine überraschende inhaltliche Verknüpfung, ein Titel, der sein Geheimnis noch nicht preis gibt. Das regt zum Hin- und Herhüpfen bei der Lektüre an. Man begibt sich auf wilde Zeitreisen und will die Reise nicht abbrechen lassen.

Die schöne Gestaltung trägt das Ihre zum Lesegenuss bei. Ebenso wissen die Fotosequenzen zu packen. Und die beigegebene Bibliothek des Reporters sichert einem die Tagesstruktur des nächsten Jahrzehnts … Hier findet sich die eine oder andere Trouvaille.

Fazit

Kann man sich Leser(innen) vorstellen, die nicht begeistert wären, wenn sie diesen 2,5 Kg schweren Leinenband im Folioformat in Händen hielten, den Blick auf die umgelegte Büttenschlaufe gerichtet? Nein, kann man nicht. Die Reportagensammlung sei denn allen bestens empfohlen, die ihren Horizont auf Zeitreisen erweitern möchten.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 30.01.2010 zu: Georg Brunold: Nichts als die Welt. Reportagen und Augenzeugenberichte aus 2500 Jahren. Galiani bei Verlag Kiepenheuer & Witsch (Köln) 2009. ISBN 978-3-86971-001-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8460.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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