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Leah Wizelman: Wenn der Krieg nicht endet

Cover Leah Wizelman: Wenn der Krieg nicht endet. Schicksale von traumatisierten Soldaten und ihren Angehörigen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2009. 180 Seiten. ISBN 978-3-86739-052-1. 14,95 EUR, CH: 26,50 sFr.
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Thema

Kundus ist überall – nicht nur in den Medien, Presse, Funk, Fernsehen, dort wahlweise als Nachricht, fact, news oder im Fernsehspiel, im Tatort, in gespielter psychiatrischer oder psychotherapeutischer Praxis. Nein, Kundus ist auch in den Köpfen und geht dort nicht wieder raus – in den Köpfen und Seelen der Soldaten, die dort gekämpft haben, im Krieg waren und – nach Hause zurückgekehrt – die Bilder nicht mehr loswerden, die Gerüche und die Töne.

Autorin

Die Biologin Leah Wizelman beteiligte sich an einem Projekt, das „dazu diente,Truppen im Auslandseinsatz Anerkennung zu zeigen und eine Freude zu bereiten“ (Seite 9) und kam so in Kontakt mit US-Soldaten im Irak und in Afghanistan. So begann ihr Kennenlernen der Folgen von Auslandseinsätzen für Soldaten, die mit seelischen Wunden aus diesen Einsätzen zurückkehrten. Beruflich beschäftigt sich die Autorin mit den psychophysiologischen Folgen auf Stressreaktionen in Forschungsprojekten an der TU München.

Aufbau

Das Buch besteht aus einem einführenden Artikel über die Posttraumatische Belastungsstörung, 22 transskribierten und redaktionell bearbeiteten Interviews, drei abschließenden Kapiteln über Schutz vor PTSB, Verlauf und Behandlung und einem Nachwort einer Referentin im Bundesministerium der Verteidigung. Den Hauptteil nehmen die Interviews ein.

„Man denkt, man ist der Einzige“

Bekanntlich wurde die Posttraumatische Belastungsstörung erst auf Betreiben der Veterans Administration in den Katalog behandlungsbedüftiger Krankheiten DSM IV, ICD 10) aufgenommen, als nicht mehr zu übersehen und zu leugnen war, daß der Vietnam-Krieg dem Land nicht nur politisch geschadet hatte, sondern die rückkehrenden Soldaten in großer Zahl nicht ohne weiteres wieder eingegliedert werden konnten, da sie psychisch deutlich auffällig waren (Alkoholismus, Drogensucht, Verwahrlosung) und einen geregelten Tageslauf nicht durchhielten. Diese Zirkel von Auslandseinsatz, traumatisierenden Erlebnisse, Rückkehr bzw Ausgemustert-werden und psychisch auffälliges Verhalten wiederholte sich im ersten und zweiten Irak-Krieg und auch jetzt wieder in Afghanistan. (Ein Einzelschicksal eines Soldaten, der guten Mutes in den Auslandseinsatz zog und traumatisiert und enttäuscht aufgab, beschreibt die Autobiopraphie von Joshua Key: Ich bin ein Deserteur. Erschienen bei Hoffmann und Campe, 2007)

Die Erkrankten kommen hier selber zu Wort und erfreulicherweise auch die Angehörigen (Schwestern Ehepartner), die zunächst mit den seltsamen Rückkehrern nichts anzufangen wußten, ehe denen selber klar wurde, dass sie unter einer Störung leiden, die aus ihrem Kriegseinsatz herrührt. Die Symptome – wiederkehrende, plötzlich einschiessende Bilder aus dem Kampfeinsatz (Flash-Backs), die Übererregtheit, die die Betroffenen auf ungewohnte Geräusche, Farben, Gerüche hin zu Reaktionen verleitet, die aus dem Kampfeinsatz herrühren und nur dort am Platze waren, die Selbstheilungsversuche mit Alkohol, Drogen oder auch dem Weitermachen wie bisher,d.h. sich wieder zur Truppe melden, all das wird von den Betroffenen Soldaten in aller Deutlichkeit beschrieben und so gewinnt dieses Krankheitsbild an Plastizität. Man wird diese Berichte nicht hintereinanderweg lesen können, sondern besser den einen oder anderen Bericht, zusammen mit dem jeweils korrespondierenden des Partners, um so auch verstehen zu können, weshalb zur Erkrankung oft auch der psychosoziale Ruin in Form von Trennung und Scheidung und Verlust der Freunde hinzu kommen kann.

Diskussion

Wizelman kommentiert nicht, sie läßt die Menschen reden - das ist das Beste, was sie aus ihren Bemühungen machen konnte. Auch für den, der nicht gewohnt ist, Krankengeschichten zu lesen, ist es spannend, zu verfolgen, wie nicht nur die Erkrankung und Zerrissenheit, sondern auch das langsame Hineinwachsen in die angenehmen und freundlichen Zusammenhänge des Lebens wieder Raum und Gestalt annehmen.Ist doch in der Traumatherapie immer ein entscheidendes Agens, daß dem Traumatisierten Gehör geschenkt wird, daß Menschen da sind, die sich von seinen Erfahrungen nicht abwenden („Schluß mit diesen unappetitlichen Geschichten“), sondern seiner Erfahrung trauen und ihm seine Geschichte abnehmen.

Fazit

Zweiundzwanzig Kranken- und Erfahrungsberichte von kriegstraumatisierten Soldaten, in denen der Krieg nicht mehr als männlicher Intiationsritus verherrlicht, sondern als menschenzerstörende Grenzerfahrung berichtet wird. Gleichzeitig auch die Geschichte von 22 Menschen, denen geholfen wurde, sich nicht dauerhaft zerstören zu lassen. Aber wie lange und bei wievielen noch wird Kundus überall sein?


Rezension von
Dipl.-Psychol. Wolfgang Jergas
Jahrgang 1951, Psychologischer Psychotherapeut, bis 2006 auf einer offenen gerontopsychiatrischen Station, 2007-2015 Gedächtnissprechstunde in der Gerontopsychiatrischen Institutsambulanz der CHRISTOPHSBAD GmbH Fachkliniken
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Zitiervorschlag
Wolfgang Jergas. Rezension vom 05.12.2009 zu: Leah Wizelman: Wenn der Krieg nicht endet. Schicksale von traumatisierten Soldaten und ihren Angehörigen. Balance Buch + Medien Verlag (Köln) 2009. ISBN 978-3-86739-052-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8462.php, Datum des Zugriffs 06.04.2020.


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