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Lothar Böhnisch, Karl Lenz u.a.: Sozialisation und Bewältigung

Rezensiert von Prof. Dr. Daniel Oberholzer, 21.03.2011

Cover Lothar Böhnisch, Karl Lenz u.a.: Sozialisation und Bewältigung ISBN 978-3-7799-1738-0

Lothar Böhnisch, Karl Lenz, Wolfgang Schröer: Sozialisation und Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne. Juventa Verlag (Weinheim ) 2009. 272 Seiten. ISBN 978-3-7799-1738-0. 18,00 EUR.
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Thema

Die Autoren erarbeiten im vorliegenden Buch ein reflexives sozialwissenschaftliches Modell der Sozialisation für die so genannte zweite Moderne. Abweichend von den sozialisationstheoretischen Konzepten der ersten Moderne, die auf einem Konstrukt eines sich linear entwickelnden Lebenslaufs mit strukturierenden Lebensphasen aufbauten und die auf institutionalisierte Bildungs- und Arbeitserwartungen bezogen waren, müssen nach Ansicht der Autoren für die zweite Moderne, die sich zentral durch vielfältige Entgrenzungen auszeichnet, neue Sozialisationskonzepte und -modelle entwickelt werden. Wie die Autoren zu zeigen versuchen, müssen dafür die bestehenden Sozialisationskonzepte nicht grundsätzlich verworfen werden, sondern können über das Konzept der Lebensbewältigung sinnvoll und gewinnbringend miteinander verknüpft werden.

Aufbau und Inhalt

Während das Sozialisationsregime der Ersten Moderne durch die Spannung von Institution und personaler Autonomie bestimmt war, ist das Sozialisationsregime der Zweiten Moderne durch Entgrenzungen und die Chance und den Zwang zur Selbstorganisation geprägt, wobei alte Strukturen nicht einfach verschwunden seien (vgl. S. 10). Bestehende Sozialisationstheorien, -konzepte und -modelle, die sich auf Aspekte dieses (ersten) Spannungsbogens bezogen, müssen entsprechend auf ihre Richtigkeit und Reichweite geprüft werden und sie müssen an die aktuellen Sozialisationsprozesse angeschlossen werden. Grundlage für diese Arbeit bildet ein von den Autoren entwickeltes Sozialisationsmodell, das im Kapitel 2.5 überblickend vorgestellt wird. Als Sozialisation wird der biographische Prozess der Lebensbewältigung in einer sich historisch wandelnden Gesellschaft bezeichnet (vgl. S.63). "Sozialisationsprozesse sind strukturiert durch das immer wiederkehrende und sich verstetigende Streben nach biographischer Handlungsfähigkeit in der institutionell und lebensweltlich vermittelten Spannung zu den Bewältigungsaufforderungen, wie sie in den gesellschaftlichen Entgrenzungsprozessen freigesetzt werden." (S.63). Sozialisation habe entsprechend eine mikrosoziale und eine makrosoziale Grunddimension, womit die Prozesse und die Dynamik der Vermittlung in den Mittelpunkt des Interesses eines reflexiven Sozialisationsmodells rücken. Im dargelegten Modell werden einerseits zwei „Sphären“ bestimmt: die „Zweite Moderne“ und das „Streben nach biographischer Handlungsfähigkeit“. Andererseits werden die nach Ansicht der Autoren zentralen Vermittlungsinstanzen, - konzepte und -modelle definiert. Der gesellschaftliche Kontext wird mit dem Begriff der historischen Sozialisationsweise bzw. mit dem Begriff des Sozialisationsregimes zu erfassen versucht. Die sozialstrukturelle Ermöglichungsdimension wird aus dem dynamischen Konzept der Lebenslage entwickelt. In der Verbindung der Konzepte Lebenslage und Habitus wird der Zusammenhang von sozialstruktureller und personaler Dimension aufgeschlossen. Damit kann deutlich gemacht werden, dass das Streben nach biographischer Handlungsfähigkeit immer auch nach Mustern sozialer Prägung erfolgt (vgl. S.65). Da sich nach Ansicht der Autoren Bewältigungshandeln im Rahmen von kulturellen Praktiken vollzieht, werden weiter die Aneignungskulturen wichtig, die die Lebensbewältigung grundlegend prägen. Operationalisiert wird das Streben nach Handlungsfähigkeit in biographischen Lebenskonstellationen im Modell der Lebensbewältigung. Mit diesem Modell soll es möglich werden, psychische Antriebsdynamiken und soziale Konstellationen auf einander zu beziehen, sodass die personale Eigendynamik genauso thematisiert werden kann, wie der gesellschaftliche Aufforderungscharakter der Bewältigung (vg. S.64).

Das Buch ist entsprechend dieser Modellanlage aufgebaut.

In den ersten Kapiteln legen die Autoren die sozialisationstheoretischen Zugänge und Grundlagen für ihr Modell dar. Sie befassen sich mit grundlegenden anthropologischen und gesellschaftlichen Dimensionen von Sozialisationstheorien und setzen sich mit dem Sozialisationsaspekt der Vermittlung von Individuum und Gesellschaft auseinander. Die Autoren machen deutlich, dass bestehende sozialisationsbezogene Modelle stark auf die Vermittlung von Subjekt und Gesellschaft in der Person ausgerichtet ist (S.17). Neuere Sozialisationskonzepte, die wieder mehr den Aspekt der Vergesellschaftung in den Vordergrund rücken, operationalisierten diese Vermittlungsperspektive nach Ansicht der Autoren nur ungenügend. Das Bestreben müsse sein, die Sphäre der Vermittlung als sozialisationstheoretische Kernzone aufzuschliessen. Nach Ansicht der Autoren stellt sich die zentral gesetzte Bewältigungsperspektive, im Sinne eines fortlaufenden Strebens nach biographischer Handlungsfähigkeit in der institutionell und lebensweltlich vermittelten Spannung zu gesellschaftlich freigesetzten Bewältigungsanforderungen, als ein geeignetes sozialisationstheoretisches Vermittlungskonzept dar.

Im zweiten Kapitel werden sozialisationstheoretische Schlüsselkonzepte behandelt. Sozialisationstheoretisch betrachtet, erhält das Bewältigungskonzept seine vermittlungstheoretische Qualität erst in der Bezugnahme auf die gesellschaftlichen Entgrenzungs- und Freisetzungsprozesse, aus denen heraus sich gesellschaftlich allgemeine Bewältigungsanforderungen formen, die sich dann in den unterschiedlichen biographischen Bezügen konkretisieren. Die sozialisatorische Perspektive der Bewältigung hat sich also neben den personal-biographischen Zusammenhängen auch mit den dahinter liegenden gesellschaftsstrukturellen Konstellationen zu befassen (vgl. S. 30). Die Autoren befassen sich in der Folge mit den Schlüsselkonzepten Lebensbewältigung (mit den Teilkonzepten der Identität und des Habitus), der Lebenslage, der Aneignungskultur und des Sozialisationsregimes. Ziel ist das Herausarbeiten von theoretischen Grundlagen, welche für das bewältigungsbezogene Vermittlungskonzept genutzt werden können. Entsprechend werden die Schlüsselkonzepte überblickend vorgestellt, mit Bezug auf die aktuellen gesellschaftlichen, lebensweltlichen und entwicklungslogischen Sozialisations„wirklichkeiten“ kritisch diskutiert und dann an die Bewältigungskonzeption angeschlossen.

Das Kapitel 3 befasst sich mit den Sozialisationsregimes der Zweiten Moderne. Der Aspekt der Entgrenzung wird differenziert untersucht und mit Bezug auf seine Wirkungen auf die Sozialisationsinstanzen und -prozesse diskutiert. Die Autoren unterscheiden zwischen einer mikroperspektivischen und einem makroperspektivischen Fassung des Entgrenzungsbegriffs. Entgrenzung bezieht sich in der Mikroperspektive eng auf die alltägliche Lebensführung. Also darauf, dass sich im Alltag die Grenzen zwischen Arbeit und Leben räumlich, zeitlich und in den Altersgruppen unterschiedlich verschieben (vgl. S. 69). Die Makroperspektive bezieht sich auf gesellschaftlichen Strukturen, die Institutionen und die ökonomisch-technologischen Maximen des digitalen Kapitalismus, welche die gesellschaftlichen Sphären von Politik, Bildung und Sozialem so durchdringen, dass deren Grenzen durchlässig werden (vg. S.69). Vorgestellt und diskutiert werden die Entgrenzung der Arbeit, der Technik, des Lernens und des Politischen.

Im anschliessenden vierten Kapitel werden die Aneignungskulturen im entgrenzten Raum-Zeitbezug behandelt. Die Autoren zeigen auf, dass die Balance zwischen der industriell getakteten Zeit und der am Menschen und seinem biozyklischen Rhythmus gebundenen Eigenzeit zunehmend gestört ist. Zeit muss in dem Masse, in dem die Verfügung über Zeit nicht mehr über die überkommenen Kontexte von Bildung und Arbeit verlässlich "mitgeglieder" wird, bewältigt werden. Damit werden die Aspekte der Machbarkeit und der Verantwortung zentral. Die ökonomisch-technologische und die in ihrem Banne stehende soziale Entwicklung einer Gesellschaft seien daraufhin zu befragen, wie sie sich zum Menschen sowohl als sozialem wie naturabhängigem Wesen und damit zur Natur überhaupt verhalten (S. 110).

Mit dem Begriff Entgrenzung werden bereits räumliche Zusammenhänge thematisiert. Mit den Konzepten Aneignung und biographischer Raum können Sozialisationsprozesse im Lebenslauf sozialräumlich akzentuiert werden (S.114). Entgrenzungen verweisen gemäss den Autoren auf Tendenzen des Brüchigwerdens des Erlebens-. und Erfahrungskontextes von Menschen, welche schlussendlich die Handlungsfähigkeit bedrohen. Die Autoren halten fest, dass der sozialräumliche Prozess der Aneignung heute wesentlich parasozial erweitert und strukturiert sei. Damit schiebe sich der Aspekt des aktiven "Aneignungshandelns" in den Vordergrund und darin die Fähigkeit der "Verknüpfung" unterschiedlicher Räume (S.117). Die Autoren unterscheiden dabei auch die Verknüpfung von sozialräumlich konkreter und virtueller Welt, die in der Zweiten Moderne immer wichtiger wird.

Das Kapitel 5 befasst sich mit den Schlüsselkonzepten Lebenslagen und Lebensbewältigung im Fokus von Diversität. Die Autoren gehen davon aus, dass die Zweite Moderne durch Entgrenzungstendenzen sowohl in der Geschlechterordnung als auch in der Sozialstruktur und der Sphäre der Migration gekennzeichnet ist. Obwohl der digitale Kapitalismus für sich in Anspruch nehme, jenseits von Klasse, Ethnie und Geschlecht zu agieren, seien diese Kategorien in ihrer Vergesellschaftungskraft nicht verschwunden, sondern träten in neuen sozialen Mischungen und meist verdeckten, privatisierten Bewältigungssphären auf. Die sozialen Kategorien akkumulierten vielmehr zu neuen Lebenslagen (vgl. S. 139). In der Folge werden die Entgrenzung der Geschlechter und die Themenbereiche Sozialisation und soziale Ungleichheit und Sozialisation und Ethnizität eingehend dargelegt und diskutiert. Dabei wird deutlich, dass was auf der Alltagsebene als privates Bewältigungsproblem erscheint, sich vielfach als Verdeckungsproblem entpuppt. Die Autoren zeigen auf, dass sich Sozialisationsregimes, welche auf Diversität aufbauen, so öffnen müssen, dass sie unterschiedliche Formen der Suche nach Handlungsfähigkeit anerkennen, um dadurch Bedingungen zu schaffen, dass sich diese Formen öffnen und erweitern können.

Das sechste Kapitel behandelt das Thema Lebensbewältigung im Lebenslauf. Dabei nehmen die Autoren noch einmal zusammenfassend Bezug auf die herausgearbeiteten Erkenntnisse und zeigen auf, dass mit den gesellschaftlichen Entgrenzungstendenzen auch eine Entgrenzung der Lebensalter und damit des Aufbaus des modernen Lebenslaufs verbunden ist (vgl. S.174). Wenn sich Lebensalter nicht mehr selbstverständlich voneinander abgrenzen lassen, wird nach Meinung der Autoren ein neuer Typus von Übergangskonstellationen freigesetzt. Lebenslaufspezifische Übergänge werden so zu eigenwertigen Lebensphasen und verselbständigen sich (S.177). Und indem Übergänge als entgrenzte Konstellationen des Lebenslaufs auf die Brüchigkeit bislang institutioneller Statuspassagen verweisen, sei in ihnen auch das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft neu freigesetzt. Mit Bezug auf das gesellschaftliche Sozialisationsregime definieren die Autoren den Begriff des Übergangsregimes (vgl. S.179). In den folgenden Unterkapiteln wird aufgezeigt, was dieses für das Bewältigungshandeln in der Kindheit, dem Jugendalter, der Erwachsenensozialisation, für die Familie und das Altern als Sozialisationsprozess bedeutet. Dabei werden Kompetenzkonzepte wichtig. Kompetenz werde zu einer altersübergreifenden und universellen sozialisatorischen Vermittlungskategorie. Kompetenzentwicklung bezeichne dabei nicht nur ein Medium biographischer Entfaltung, sondern genauso einen Modus gesellschaftlicher Regulation (vgl. 233 ff.).

Das Buch schliesst mit dem Thema des Sozialisationsregimes der Sorge. Den Autoren zufolge, muss Sorge (Care) als sozialisationstheoretische Vermittlungkategorie begriffen werden. Sorge habe im Zusammenhang mit Sozialisation eine sozialanthropologische, eine interaktive und eine gesellschaftliche Dimension. Die drei Dimensionen stehen laut den Autoren nicht getrennt nebeneinander. Sie seien vielmehr in unterschiedlicher Weise und in verschiedenartigen Kontexten aufeinander bezogen. Daraus ergebe sich auch die Ambivalenz des Sorgens und Umsorgtwerdens. Ein Sozialisationsregime der Sorge habe zu gewährleisten, dass es keinen Verdeckungszusammenhang konstruiere, in dem Hilflosigkeit nicht zur Sprache gebracht werden könne. Es müssen vielmehr gesellschaftliche Aneignungskulturen entwickeln können, welchen den sozialen Ausdruck von Hilflosigkeit zulassen und entsprechende Anerkennungsformen ermöglichen. Das bedeute abschliessend, dass "Sozialisationsprozesse und -probleme der Zweiten Moderne eben nicht mehr so ohne weiteres subjektzentriert betrachtet und thematisiert werden können, sondern in der Spannung zwischen fragilem Selbst und seiner sozialen Angewiesenheit gesehen werden müssen." (S.244).

Diskussion

Das Buch hinterlässt bei mir als interessiertem Leser einen etwas zwiespältigen Eindruck. Einerseits geht es nach den Autoren darum, ein reflexives sozialwissenschaftliches Modell der Sozialisation für die zweite Moderne zu erarbeiten. Andererseits kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass es mehr um die (theoriegeleitete) Einbettung des Konzepts der biographischen Handlungsfähigkeit in eine Gesamtkonzeption von Sozialisation geht. Wäre dem so, hätte ich mir mehr explizite Aussagen dazu gewünscht.

Fazit

Das Buch liefert interessante Überlegungen zur Weiterentwicklung von bestehenden Sozialisationstheorien und -konzepten. Dazu werden eine Vielzahl von bestehenden Theorien, Konzepten und Modellen an das Konzept der biographischen Handlungsfähigkeit und des Bewältigungshandelns angeschlossen. Das Buch liefert ein Modell, wie Sozialisation unter den vielfältigen Aspekten der Entgrenzung gefasst werden kann und sozialisationsspezifische Prozesse und -probleme einer systematischen Bearbeitung zugänglich gemacht werden können. Dazu liefert es weiter eine Vielzahl von gut verständlichen Beispielen.

Rezension von
Prof. Dr. Daniel Oberholzer
Sonderpädagoge, Kinder- und Jugendpsychopathologe. Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Institut für Professionsforschung und kooperative Wissensbildung. Lehr- und Forschungsbereiche: Person- und interaktionsbezogene Dienstleistungen in der Sonderpädagogik, Entwicklung neuer Prozessgestaltungssysteme.
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Es gibt 6 Rezensionen von Daniel Oberholzer.

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Zitiervorschlag
Daniel Oberholzer. Rezension vom 21.03.2011 zu: Lothar Böhnisch, Karl Lenz, Wolfgang Schröer: Sozialisation und Bewältigung. Eine Einführung in die Sozialisationstheorie der zweiten Moderne. Juventa Verlag (Weinheim ) 2009. ISBN 978-3-7799-1738-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8473.php, Datum des Zugriffs 30.06.2022.


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