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Roger Schaller: Stellen Sie sich vor, Sie sind

Cover Roger Schaller: Stellen Sie sich vor, Sie sind .... Das Ein-Personen-Rollenspiel in Beratung, Coaching und Therapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. 223 Seiten. ISBN 978-3-456-84670-5. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Klinische Praxis.
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Thema

Das Rollenspiel ist ein fester Bestandteil der Verhaltenstherapie und wird auch gern in anderen Beratungsbereichen sowie in der Weiterbildung eingesetzt. Auch im Coaching oder in der Einzelberatung ist das Rollenspiel eine konstruktive Methode. Auch in der Situation „Ein-Personen-Rollenspiele“ können wertvolle Erkenntnisse und Fortschritte erzielt werden. Deswegen ist dieser Band von Roger Schaller ein wichtiger Beitrag zur Rollenspielliteratur.

Autor

Der Autor ist Diplom-Psychologe, ausgebildeter Psychodramatherapeut (Moreno-Institut in Überlingen) und Verhaltenstherapeut. Er ist im Sonderpädagogischen Zentrum Bachtelen als Psychologe und Psychotherapeut für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche tätig. In freier Praxis ist Roger Schaller als verkehrspsychologischer Therapeut tätig. Freiberuflich ist er als Trainer und Supervisor im Engagement. Erfahrungen als Therapeut in der Suchtprävention sowie in der Bildungsarbeit mit erwerbslosen Menschen runden das Profil ab. Aktuell arbeitet der Autor überwiegend im Einzelsetting, daher auch die Ausrichtung auf „Ein-Personen-Rollenspiele“.

Entstehungshintergrund

Rollenspiele werden gerne und oft eingesetzt: in Therapie, Weiterbildung und Beratung, manchmal leider wenig professionell. Deswegen entstand dieser methodisch-didaktisch hervorragend aufbereitete und gestaltete Band. Es ist ein Ziel des Autors, aufzuzeigen, dass improvisierte und spontane Rollenspiele viel effektiver und zielführender sind, als die standardisierten Rollenspiele, wie sie in der Verhaltenstherapie oft Anwendung finden. Da bisher ein aktuelles Werk für Rollenspiele in Beratung und Therapie mit entsprechendem methodischem und theoretischem Fundament fehlte, entstand dieses Buch.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im Teil A werden wichtige philosophische und psychologische Theorien zum Denken, Handeln und Fühlen des Menschen dargestellt. Im Teil B werden die Rahmenbedingungen, Grundregeln und wichtige Werkzeuge dokumentiert. Der folgende dritte Teil C beschreibt die Techniken des Rollenspiels. Die folgenden vier Teile D – G widmen sich den Rollenspielen in den verschiedenen Funktionen Diagnostik, Exploration, Ritual und Training. Der letzte Teil H ist eine Zusammenfassung der Dinge, die beim Rollenspiel unbedingt beachtet werden sollen.

Die Gestaltung des Buches ist professionell und übersichtlich, dazu tragen die Abbildungen, Tabellen und Zeichnungen sowie die grafisch abgesetzten Praxisbeispiele bei. Als Fachbuch liest es sich vom Schreibstil aus betrachtet flüssig und sehr angenehm.

Inhalt

Im Theorieteil A wird zunächst sehr prägnant eingeführt in die erkenntnistheoretische Weltsicht Karl Poppers. Rollenspiele sollen den Klienten nicht unbedingt zur Lösung führen sondern zur höherer Erkenntnis. Anschließend folgt ein kurzer Exkurs in die Hirnforschung. Es geht um die Bedeutung, Rolle und Funktion von Spiegelneuronen, Schallers Kernthese ist, dass Menschen über ein „rollenspielendes Gehirn“ verfügen. Anhand der Goffmanschen Rahmenanalyse und Kategorisierung der Modulation stellt Schaller vier bedeutsame Anwendungsformen des Rollenspiels heraus: 1 als diagnostisches Instrument, 2 explorative Rollenspiele, 3 als Ritual zur Bewältigung von Lebensveränderungen und 4 als Kompetenztraining. Jede dieser vier Anwendungsformen wird im Praxisteil gesondert und ausführlich erörtert. Der Theorieteil endet mit einer tabellarischen Übersicht der vier Anwendungsformen mit Beispielen vergangenheitsorientierter und zukunftsorientierter Rollenspiele.

Im Teil B geht es um Instrumente und Rahmenbedingungen des Rollenspiels in professioneller Therapie und Beratung. „Das erste Werkzeug ist die Bühne.“ (S. 49) Dem Zitat von Moreno folgend werden zunächst die möglichen „Bühnen“ – innere Bühne, Leinwandbühne, Tischbühne, Raumbühne und Alltagsbühne - dargestellt. Im Anschluss daran geht es um den Szenenaufbau und die Rollenübernahme. Der Szeneaufbau kann in Form einer „theater-ähnlichen Inszenierung“, figurativ oder imaginativ auf der inneren oder äußeren Bühne erfolgen. Bei der Rollenübernahme unterscheidet Schaller zwischen Sich-Hineindenken und Einfühlen in eine Rolle oder der Umsetzung in Handlung. Abschließend werden das „Entrollen“, also die Abkoppelung von der Rolle, und die Auswertung beschrieben. Im Schlussteil des Kapitels finden sich noch wichtige Hinweise für die Rolle der Leitung.

Der Teil C widmet sich den Techniken. Die wesentlichen Darstellungs- und Verbalisierungstechniken werden vermittelt. Dabei beschränkt sich der Autor nicht auf eine rein technische Darstellung, sondern ergänzt einzelne Techniken mit Praxisbeispielen.

Die Praxisteile D – G widmen sich ausführlich den vier von Roger Schaller unterschieden Formen des Rollenspiels. Jeder Teil für sich genommen bildet eine Einheit und ist mit vielen praktischen Beispielen und Dialogen angereichert. Am umfassendsten ist der Praxisteil Rollentraining, hier spürt man ganz deutlich die Praxisnähe des Autors. Hier noch ein Auszug: Das Phasenmodell des Rollentrainings wird erläutert am Beispiel eines Trainings sozialer Kompetenzen im Rahmen eins Coachings für einen Stellenbewerber. Sehr anschaulich und gut nachvollziehbar sind die fünf Schritte – 1. Einführungsphase, 2. Vorbereitung, 3. Erstes Rollentraining und Zwischenbesprechung, 4. Zweites Rollentraining und 5. Rollen-Feedback und Auswertung – beschrieben.

Abschließend folgt der Teil H Basics, die zehn schlimmsten Fehler in der Rollenspielpraxis. Hier die aus meiner Sicht wichtigsten 4 Aspekte: Fehler 1 Viel Technik, keine Strategie, Fehler 3 Keine Bühne, Fehler 4 Eine lange (An-)Leitung, Fehler 7 Der fehlende Notausgang. Neugierig geworden? Dann könnte das Buch hilfreich für Sie sein!

Zielgruppen

Roger Schallers Buch ist allen zu empfehlen, die einen sicheren und methodisch fundierten Einstieg in die Theorie und Praxis des Rollenspiels suchen. Der Verlag empfiehlt es für Praktiker verschiedener Richtungen, die in Psychotherapie, Coaching, Beratung, Bildung und Supervision tätig sind.

Diskussion

Die praxisnähe ist deutlich spürbar. Mir persönlich gefällt der von Schaller gewählte klare und präzise Stil. Hervorzuheben ist die Betonung der Spontanität durch den Autor. Es wird bei der Lektüre gut nachvollziehbar, dass das „wirksame Rollenspiel“ von Spontanität und Improvisation lebt, ohne an Professionalität einbüßen zu müssen.

Fazit

Das Buch vermittelt einen sehr guten Eindruck und Überblick über die Anwendungsmöglichkeiten des Rollenspiels in verschiedenen Bereichen. Wohl jeder Therapeut oder Berater, der einmal Rollenspiele eingesetzt hat, wird sich in manchen Dingen wieder finden und in der Vielzahl der unterschiedlichen Aspekte gute Anregungen zum Nachdenken entdecken. Ein sehr empfehlenswertes Werk.


Rezensent
Andreas Ploog
Politikwissenschaftler, M.A.
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Zitiervorschlag
Andreas Ploog. Rezension vom 05.12.2009 zu: Roger Schaller: Stellen Sie sich vor, Sie sind .... Das Ein-Personen-Rollenspiel in Beratung, Coaching und Therapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2009. ISBN 978-3-456-84670-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8475.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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