Susanna Roux: Wie sehen Kinder ihren Kindergarten?
Rezensiert von Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy, 30.06.2003
Susanna Roux: Wie sehen Kinder ihren Kindergarten? Theoretische und empirische Befunde zur qualität von Kindertagesstätten. Juventa Verlag (Weinheim) 2002. 200 Seiten. ISBN 978-3-7799-1601-7. 18,00 EUR.
Einführung ins Thema
Der Qualität frühkindlicher Betreuungsumwelten wird international und national zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt. Die empirische Sozialforschung stützt sich dabei weitgehend auf Informationen von Erwachsenen, obwohl schon seit langem gefordert wird, auch die kindliche Perspektive durch angemessene Forschungsmethoden zu erfassen. Dieser Tatbestand ist umso gravierender, je jünger die Kinder sind.
Mit "Wie sehen Kinder ihren Kindergarten" stellt Susanna Roux ihre Pilotstudie zu qualitativen Aspekte des Alltags in Kindertageseinrichtungen aus der Sicht von sechsjährigen Vorschulkindern vor. Es handelt sich dabei um die Veröffentlichung ihrer Dissertation mit dem Titel: Informationen von Kindern zur pädagogischen Qualität frühkindlicher Betreuungsumwelten an der Universität Koblenz-Landau.
Angaben zur Autorin
Susanna Roux, Dr. phil., arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Erziehungswissenschaften, Institut für Pädagogik der Universität Koblenz-Landau, Abteilung Landau.
Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Pädagogik der frühen Kindheit, Kindergartenforschung, Pädagogische Qualität und Methoden der Kindheitsforschung.
Aufbau und Inhalte
Bevor sich Susanna Roux der Beschreibung ihrer Pilotstudie, deren Ergebnisse und Perspektiven widmet, stellt sie zunächst den theoretischen Bezugsrahmen ihrer Arbeit vor. Ausgangspunkt der Überlegungen sind Grundannahmen der Humanökologie, wonach das Kind als Experte und Informant seiner Lebenssituation angesehen wird. Im Theorieteil werden folgende Themenbereiche analysiert und diskutiert:
Kapitel 2: Grundfragen zur pädagogischen Qualität der frühkindlichen Kinderbetreuung
- Stand der erziehungswissenschaftlichen Qualitätsdiskussion
- Mehrperspektivität des Qualitätsbegriffs
- Forschungsmethodische Zugänge
Kapitel 3: Grundlagen der Kinderperspektive- sozialisationsrelevante Fragen zum Konstrukt kindlicher Wirklichkeit
- Zum Konstrukt Kinderperspektive
- Ökologische Grundlagen zur Kinderperspektive
- Besonderheiten der Datenerhebung bei Kindern
Kapitel 4: Informationen von Kindern
- Die Kinderperspektive in der empirischen Sozialforschung
- Forschungsüberblick zur Kindbefragung
- Besonderheiten der Datenerhebung bei Kindern
Im weiteren Verlauf stellt Susanna Roux ihre Pilotstudie zur Schlüsselbildbefragung mit sechsjährigen Vorschulkindern vor, die sich am Qualitätskonzept des Situationsansatzes orientiert. Die Kindbefragung war innerhalb der Externen Empirischen Evaluation des Modellprojekts "Kindersituationen" von 1994 bis 1997 angesiedelt. Die Datenerhebung erfolgte durch ausführlich beschriebene strukturierte Leitfadeninterviews, wobei sich Roux am Qualitätskonzept des Situationsansatzes orientierte. Dabei wurde zwischen drei Einrichtungstypen unterschieden, in denen der Situationsansatz im Sinne des Modellprojekts am besten, weniger eindeutig und schwächer bzw. gar nicht umgesetzt wird. Es wurden 142 sechsjährige Kinder aus 36 Gruppen zu den Schlüsselbildern "In der Gruppe", "Konflikt", "Gesprächssituation" und "Wir gehen zusammen raus" befragt.
Nachdem Roux ausführlich das Verhalten der Kinder während der 26-minütigen Befragungssituation und die vier Schlüsselbilder beschrieben hat, widmet sie sich (Kapitel 5) der Darstellung der Ergebnisse.
Bei der Darstellung der Häufigkeitsanalyse der Kinderantworten fasst Roux zusammen: "Édass die Interviewten den pädagogischen Alltag in den Kindertagesstätten sehr differenziert kennzeichnen können. Gemäß dieser Charakterisierung agieren die Kinder sehr selbstbestimmt. Sie wählen sich die Beschäftigungsinhalte und -orte selbst aus. Wenn ihnen überhaupt jemand etwas vorschreibt, dann ist es die Erzieherin. Kontakte mit Kindern aus anderen Gruppen scheint für mehr als die Hälfte der Kinder möglich zu sein. ... Die Kinder finden sich vor allem im Gruppenbereich zusammen, kaum außerhalb der Gruppen. É Häufig wird gespielt, gesungen oder vorgelesen. Aber es werden auch Sach- und Planungsgespräche geführt. Meist ist dabei die Erzieherin anwesend. Diese passt auf die Kinder auf. Außerdem achtet sie auf das Einhalten von Regeln. Wenn man nach draußen geht, dann, um Exkursionen zu machen. Das Ziel solcher Spaziergänge wird vor allem durch die Erzieherinnen festgelegt, die Kinder sind über dieses Ziel häufig nicht informiert. Am beliebtesten sind Gänge in die Natur. Danach folgen Einkäufe, Besuche, sportlich-gesunde Betätigungen oder kulturelle Ausflüge. Kaum je geht man in die Schule. Und das, obwohl die befragten Kinder kurz vor dem Schuleintritt stehen. Dass im Alltag immer wieder Konflikte auftreten, ist den Kindern sehr vertraut. Wenn es zum Streit gekommen ist, sehen sie keine Veranlassung, sich in die Position des anderen zu versetzen. Vielmehr behaupten sie zuvorderst die eigene Position. An weniger konfrontativen Lösungen ist ihnen nicht so sehr gelegen. Viel eher vertrauen sie darauf, dass die Erzieherin ihnen beistehen wird" (S. 162).
Die Kreuztabellenanalyse verdeutlicht, dass auf das Kind bezogen, kaum statistische Unterschiede zwischen den drei Einrichtungstypen nachweisbar waren. " Das spricht für eine gewisse "Resistenz" der Kinder gegenüber den Einflüssen pädagogischer Programme. Dies kann man verschieden deuten. Entweder der Situationsansatz wird von den Erzieherinnen nicht konzeptkonform umgesetzt oder er kommt nicht konzeptspezifisch bei den Kindern an" (S.163).
Die Arbeit schließt, analog der Forschungsfragen, mit einer kritischen Diskussion der Forschungsmethode und Ergebnisse. Obwohl die Kinderperspektive erfasst werden konnte, wird konsequent der Frage nachgegangen, ob die Erfassung, Einschätzung und Beurteilung kindlichen Verhaltens und kindlicher Betreuungsumwelten von der Erwachsenensicht losgelöst betrachtet werden kann und wie der Forscher mit dem Spannungsfeld zwischen eigener und Kinderperspektive im Forschungsprozess umgehen kann. Darüber hinaus werden Konsequenzen für die Weiterentwicklung der Qualitätsaspekte im Situationsansatz gefordert und herausgearbeitet.
Fazit
Mit "Wie sehen Kinder ihren Kindergarten? Theoretische und empirische Befunde zur Qualität von Kindertagesstätten" stellt Susanna Roux Ausschnitte dessen vor, wie Kinder ihre Betreuungsumwelt Kindertagesstätte sehen und wie sie darüber denken.
Ihre Arbeit liefert sowohl für die Weiterentwicklung der Qualitätsdiskussion, als auch methodisch, für die Erfassung der Kinderperspektive im Forschungsprozess einen wichtigen Beitrag.
Rezension von
Dipl.-Päd. Elke Katharina Klaudy
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