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Boris Groys: Einführung in die Anti-Philosophie

Cover Boris Groys: Einführung in die Anti-Philosophie. Hanser Verlag (München) 2009. 296 Seiten. ISBN 978-3-446-23404-8. 21,50 EUR.
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Schweiget!

Der von Søren Kierkegaard stammende, irgendwie als Fleh-Satz abgemilderte, aber mit zwei Ausrufezeichen versehene Befehl: „O, schaffet Schweigen!!“ kann als das Dilemma betrachtet werden, dem Philosophen ausgesetzt sind: Einerseits wird von ihnen erwartet, dass sie mit ihrem Nachdenken über die Menschen und die Welt Hilfestellungen geben, dass sich die menschlichen Kreaturen selbst erkennen und in der Welt zurecht finden; andererseits haben Philosophen zu allen Zeiten die Tendenz entwickelt, ihre Reflexionen als Befehlssätze aufzuschreiben und auf den Markt zu tragen. Letzteres ist schon wieder als ein Menetekel anzusehen: Weil Philosophie meist als Wahrheitssuche verstanden wird, sind Philosophen darauf angewiesen, sie auch zu Gehör zu bringen; sich gewissermaßen damit auf den „Wahrheitsmarkt“ zu begeben und die Aufmerksamkeit der „Wahrheitskonsumenten“ zu finden.

Inhalt

Dieser Version allerdings widerspricht der an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung lehrende Philosoph Boris Groys mit zwei Gegenpositionen: „Der Philosoph ist kein Wahrheitsproduzent“ - und „Die Philosophie ist nichts anderes als die sprachliche Artikulation der Ratlosigkeit“. Was will er damit sagen? „Die philosophische Kritik hat … dazu geführt, dass jede Wahrheit als Ware identifiziert und damit auch diskreditiert wird“. Diese „anti-philosophische Wende“ ist dadurch gekennzeichnet, dass sie eben nicht mit Kritik operiert, sondern mit Befehl: „Es wird befohlen, die Welt zu verändern, statt sie zu erklären“. Die befehlsgebende (Anti-)Philosophie stelle sich nämlich dadurch dar, „dass sich die Wahrheit erst zeigt, wenn der Befehl erfüllt wird“. Diese Entwicklung sieht der Philosoph Boris Groys mit einem kritischen Auge, um mit dem anderen, wie es scheint, eher resignativ darauf zu reagieren: „Wir leben in Zeiten, in denen jede kritische Einstellung … das Publikum bloß irritiert – und von ihm quasi reflexartig abgelehnt wird“. Deshalb gebe es so viele „Rezept“-Bücher, nicht nur für die Kochkunst, sondern für alle Bereiche des Lebens; und aus den Rezepten werden dann Wahrheiten. Eine vertrackte Situation für einen Philosophen; und wenn wir nach dem Paradigma denken, dass jeder Mensch ein Philosoph ist (sein kann), wird diese Aussicht nicht perspektivenreicher. Groys will mit seiner Essay-Sammlung keine neue antii-philosophische Baustelle aufmachen, wiewohl er in der post-anti-philosophischen Betrachtung ein gewisses Prä sieht. Vielmehr plädiert er für die phänomenologische Erkenntnis, dass das Denken erst dann richtig beginnen kann, wenn das Subjekt in der Lage ist, sich von den eigenen Lebensinteressen und den Gedanken an das eigene Überlegen zu lösen, also gedanklich Abstand von der eigenen Existenz zu nehmen. Erst dann wäre es möglich, sich von den Nöten des empirischen Ichs zu befreien und sich für die Weltbetrachtung zu öffnen. Im Hintergrund dieser Positionsbestimmung wird der Autor sicherlich gerade die globale Situation in unserer Einen Welt im Blick gehabt haben, in der sich die Interdependenz so weit zusammen-, übereinander schiebt und vereint, dass nationale Grenzen – und vielleicht damit auch ethnozentiertes Denken – aufgelöst werden.

Dafür diskutiert er die Denkanweisungen der Post-Philosophen Søren Kierkegaard, Leo Schestow, Martin Heidegger, Jacques Derida, Walter Benjamin, Theodor Lessing, Ernst Jünger, Alexander Kojèv, Friedrich Nietzsche, Michail Bachtin, Michail Bulgakov, Richard Wagner, Mashall McLuhan, Gotthold Ephraim Lessing und Clemens Greenberg. Sollte dabei der Leser jedoch nach einer Systematik suchen, die den Autor veranlasst hat, gerade über diese Philosophen und in dieser Reihenfolge zu reflektieren, wird er enttäuscht sein; es dürfte sich eher, wie in einer Essaysammlung üblich, um eine Aneinanderreihung von Texten handeln, die Groys im Rahmen seiner wissenschaftlichen Lehr- und Forschertätigkeit verfasst und vorgetragen hat. Die Motive dieser Auswahl hätte der Autor in seiner Einführung nennen sollen.

Kierkegaards (1813 – 1855) philosophische Auseinandersetzungen haben ja begonnen mit der Festlegung, dass er grundsätzlich jeden philosophischen Text das Recht (und die Möglichkeit) absprach, Träger der Wahrheit sein zu können. Mit seinem Paradigma – „Die Subjektivität, die Innerlichkeit ist die Wahrheit“ – steckt das Dilemma im Dilemma. Die Voraussetzung der Subjektivität des Menschen behindert ihn gleichzeitig, subjektiv und universal zu denken. Es ist somit der „subjektive Zweifel“, der tatsächlich Kierkegaard zum Anti-Philosophen – oder zum Post-Anti-Philosophen (?) macht.

Leo Isaakowitsch Schestow (1866 – 1939) war ein Emigrant. Er lebte von 1920 bis zu seinem Tod in Paris. Er wird in der Systematik der Philosophie als russisch-jüdischer Philosoph des Existentialismus geführt. Es ist das „schmerzliche Urerlebnis der Begrenztzeit“, das Schestow in den philosophischen Diskurs immer wieder thematisiert hat. Weil die Unterscheidung zwischen Möglichem und Unmöglichen keinem realen, sondern einem vernunftgemäßen, philosophischen Denken unterliege, deshalb führt die Philososphie einen „armen, reduzierten, begrenzten Diskurs“.

In der Kontroverse – Kunst oder Nicht-Kunst – hatte Martin Heidegger (1889 – 1976) lange die Befehlsgewalt der Definition und der Standortbestimmung inne. Der in der Tradition der Phänomenologie und der Lebensphilosophie verortete deutsche Denker ist besonders durch die Kritik an der abendländischen Philosophiegeschichte hervor getreten und hat die Entwicklung einer neuen Auffassung des Menschen und der Welt propagiert. Um die Zukunft antizipieren zu können, bedarf es der „Lichtung des Seins“. Will der Mensch diese Lichtung (und Sichtung) erreichen, müsse er, die Betonung liegt auf der Befehlsaussage, sich anstrengen.

Der französischer Philosoph Jacques Derrida (1930 - 2004) ist als Begründer und Hauptvertreter der philosophischen Richtung der Dekonstruktion bekannt. Ein wesentliches Merkmal dabei ist der „apokalyptische Ton in der Philosophie“. Der besagt, dass Apokalypse zum absoluten Text wird, der jedoch nicht denkbar, also „ohne Wahrheit“ sei. Damit aber sei auch jeder Anspruch auf Wahrheit falsch (in einer anderen zugreifenden Weise, mit Blick auf die Apokalypse, reflektiert John Gray in seinem Buch „Politik der Apokalypse“ die Frage nach dem existentiellen, religiösen Denken in der Welt; vgl. dazu die Rezension).

Der deutsch-jüdische Philosoph Walter Bendix Schönflies Benjamin (1892 - 1940) hat sein philosophisches Denken und Werk dem Verhältnis von Politik, Religion und Intellekt gewidmet. Weil die Philosophie topolitisch bestimmt sei – „sie wartet auf die Wahrheit und weiß nicht genau, wann, wo und aus welcher Richtung die Wahrheit ihr erscheint“ – wäre die Philosophie am Ende. In einer Kultur der totalen Reproduktion habe die Philosophie keinen Ort mehr; es sei denn auf dem Markt. „Das Warten auf das Unerwartete hilft hier nicht“.

Theodor Lessing (1872 - 1933) lehrte als deutsch-jüdischer Philosoph an der Universität Hannover und war als politischer Publizist tätig. Sein philosophisches Thema kreiste überwiegend um die Frage nach der jüdischen Identität. Dabei unterschied er zwischen jüdischen Volks- und Kulturtraditionen und dem Judaismus. In gewisser Weise ist die Tragik (und das Scheitern?) seines Denkens darin zu sehen, dass er den philosophischen Kategorien Nietzsches und seiner Nachfolger folgte, die wiederum im Judaismus den „Ursprung aller lebensfeindlichen Geistesströmungen in Europa und vor allem des Christentums“ sahen. Sein anti-philosophisches Denken scheiterte schließlich an der Erkenntnis, dass „zwischen der Universalität des Erwähltseins und dem ursprünglichen Erniedrigtsein ( ) … ein direkter Zusammenhang (besteht)“.

Ernst Jünger (1895 – 1998) wird im allgemeinen wegen seines radikalen, nationalistischen, anti-demokratischen und elitären Frühwerks als ein intellektueller Wegbereiter des Nationalsozialismus angesehen; wobei er sich in den späten 1930er-Jahren davon distanzierte. Sein politisches und ästhetisches Denken gründete in der Auffassung, „dass das individuelle Erlebnis nicht mehr zugänglich ist…, dass das Individuum als solches in der Welt der modernen Technologie überhaupt nicht mehr existiert“. In seiner 1932 verfassten Abhandlung „Der Arbeiter“ kommt er zu der Überzeugung, dass der Wille, den Konsumenten zu beherrschen, eine zentrale Rolle für das Funktionieren der modernen, liberalen Ökonomie spiel; eine Vision, die bis heute in der globalen, realen Welt anhält.

Der in Russland als Alexander Wladimirowitsch Koschewnikow geborene und nach Frankreich ausgewanderte Philosoph Alexandre Kojève (1902 – 1968) hat wesentlich zur Wiederentdeckung des Hegelschen Denkens in Frankreich beigetragen. Seine These, dass das Endes der Geschichte bereits im 19. Jahrhundert eingetreten sei und die Menschen deshalb in einer Zeit der "Posthistoire" lebten und deshalb sei „der sozial gesicherte Konsum das letzte und einzige Ziel der menschlichen Existenz“, klingt pessimistisch und wirklichkeitsecht zugleich. Das Hauptmerkmal der postmodernen Kultur liege, so interpretiert Groys Kojève, darin, dass „die Produktion, die Neuauflage, das Revival, das Sampling, die Aneignung des bereits vorhandenen Wissens“ sei.

Die Adaption von Nietzsches Philosophie im russischen Sowjetsozialismus belegt Groys mit dem philosophischen Denken von Michail Bachtin (1895 – 1975), Michail Bulgakow (1891 – 1940) und anderen. Es sei die Kultur, die in „unterschiedlichsten Ideologien zum Wettbewerb antreten“; die damit aber auch das Individuum zerstört. In der russischen Literatur der 1920er Jahre manifestiere sich der von Nietzsche postulierte Dualismus „von Apollinischem und Dionysischem, der das Individuum in zwei unterschiedliche Persönlichkeiten“ spalte – dem Darsteller des kommunistischem, eisernem Willens und des kreativem Künstlers.

Beim Künstler und dem Kunstwerk, vor allem bei der Forderung der Moderne, die (radikale) Trennung zwischen dem Künstler und seinem Publikum aufzuheben, spannt Groys in seinem nächsten Essay Richard Wagner mit Marshall McLuhan zusammen. In dem von Richard Wagner kurz nach der Niederschlagung der Revolution von 1848 verfassten Text „Das Kunstwerk der Zukunft“ forderte der Komponist von den Künstlern, ihre gesellschaftliche Isolation aufzugeben, und zwar aus der Auffassung heraus, dass „allein das Volk ein wahrer Künstler sei“. Diese in den folgenden Jahrzehnten in verschiedenen Strömungen und Aktionen wiederholte Auffassung bringt der kanadischer Philosoph, Geisteswissenschaftler, Professor für englische Literatur, Literaturkritiker, Rhetoriker und Kommunikationstheoretiker Herbert Marshall McLuhan (1911 – 1980) auf den Punkt: „Das Medium ist die Botschaft“. Seine philosophische Botschaft (oder Befehl?) begnügt sich nicht mit der Forderung nach der Wiederentdeckung des „Urmediums Mensch“, sondern er erhofft sich eine „Abkühlung“ der Abhängigkeit des Menschen von den Medien, damit aus ihr nicht eine „vollendete Narkotisierung, eigentlich Abschaltung des Menschen“ wird.

Mit dem 12. und in seiner Sammlung letztem Essay bringt Groys noch einmal Marshall McLuhan mit dem US-amerikanischer Kunstkritiker Clement Greenberg (1909 - 1994) zusammen, um beide mit „Laokoon“, der Schrift Gotthold Ephraim Lessings (1729 – 1781) zu konfrontieren und zu vergleichen. Dort nämlich unternimmt Lessing den Versuch, die Grenze zwischen Sprache und Bild, zwischen der Dichtkunst und der bildenden Kunst, auszuloten. Wie McLuhan kommt auch Greenberg zu der Forderung, dass das „das malerische Bild ( ) seine mediale Beschaffenheit thematisieren (sollte)“ und damit dem Sprachbegehren des Bildes Rechnung zu tragen. Gerade hier aber, findet Groys, liegt das Medium im Argen; und es entsteht eine Medienkritik, die sich die Mediaten, wir alle also, hinter die Ohren schreiben sollten.

Fazit

„Die Philosophie als ultimative Quelle der konsumistischen, kritischen Einstellung abzuschaffen und dadurch die Wahrheit aus ihrer Warenförmigkeit zu befreien“, diese anti-philosophische Befehlsgabe ist es Wert, in den Blick unseres Fragens nach uns selbst, unserem Dasein und unserer Welt zu nehmen. Damit nämlich würden wir zwar nicht schweigen sollen, wie Kierkegaard dies uns auferlegt hat; aber wir würden (ab und zu) zur Ruhe kommen und damit zu einem anderen Nachdenken, als dies uns die traditionelle Philosophie gelehrt hat. Boris Groys Essaysammlung ist, bei aller verdächtigen Zufälligkeit der Zusammenstellung, ein anregendes Beispiel für das Fragen nach echten Wahrheiten, im Privaten, im Gesellschaftlichen und im Globalen.

Interessant zum Schluss: In der soeben im Kröner Verlag von Martin Gessmann herausgegeben, umfangreichen 23., vollständig und neu bearbeiteten Auflage „Philosophisches Wörterbuch“ (vgl. dazu die Rezension) erscheint das Stichwort „Anti-Philosophie“ nicht; ein Hinweis darauf, dass der Befehl „Schweigen“ im philosophischen Diskurs nicht bedeuten kann, mit dem Denken aufzuhören!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 19.11.2009 zu: Boris Groys: Einführung in die Anti-Philosophie. Hanser Verlag (München) 2009. ISBN 978-3-446-23404-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8487.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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