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Peter Bünder: Geld oder Liebe

Cover Peter Bünder: Geld oder Liebe. Verheißungen und Täuschungen der Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2002. 264 Seiten. ISBN 978-3-8258-5897-1. 17,90 EUR.
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Das Thema

Orientierung an den Ressourcen und Stärken der KlientInnen - das sind schöne und moderne Schlagworte der Sozialen Arbeit heute. Gefährlich werden diese neuen Begriffe, wenn sie schönreden, dass KlientInnen Sozialer Arbeit materielle Unterstützung verweigert wird.

In seinem Buch untersucht Peter Bünder das "Zauberwort" 'Ressourcenorientierung' und lädt ein zur kritischen Haltung in der täglichen Praxis Sozialer Arbeit.

Der Autor / der Hintergrund

Peter Bünder ist Sozialarbeiter und Erziehungswissenschaftler und bei einer großen Kommune in Erziehungsberatung und Familientherapie tätig. Bünder, selbst Supervisor und Familientherapeut, lehrt zur Zeit als Vertretungsprofessor an der Fachhochschule Düsseldorf. Dem Buch zugrunde liegt Peter Bünders Doktorarbeit an der Universität Siegen.

Der Inhalt

Dass der Begriff "Ressourcen" in der Sozialen Arbeit so modern geworden ist, hält Peter Bünder für keine zufällige Entwicklung, sondern für einen bezeichnenden Bestandteil des gegenwärtigen Prozesses der Globalisierung und Individualisierung, des herrschenden Knappheits-Diskurses und der leeren Kassen.

Aus Bünders Sicht ist es kein Zufall, sondern für den Staat, der sparen möchte, günstige Vernebelung, wenn materielle Ressourcen und immaterielle Ressourcen in einen Topf geworfen werden. Wenn Ressourcenorientierung unter dem Spardiktat des modernen Knappheitsdiskurses ausschließlich die immateriellen und sozialen Ressourcen der KlientInnen betont, führt die moderne Ressourcenorientierung unter dem Schlagwort "Hilfe zur Selbsthilfe" dazu, dass unhaltbare Zustände schön geredet werden und Arme freiwillig auf Leistungen verzichten, die sie dringend brauchen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen. Hier muss Soziale Arbeit kritisch ihre Rolle reflektieren.

Das vorliegende Buch liefert dafür gründlich recherchiertes und grundlegendes Material:

Peter Bünder untersucht zunächst gängige Modernisierungs- und Globalisierungstheorien und behandelt Armut und Reichtum in unserer Gesellschaft.

Dann untersucht er den Ressourcenbegriff in Psychologie und Soziologie und die sich aus ihnen herleitenden Modelle der Ressourcenorientierung für die Soziale Arbeit.

Zurück zu den Wurzeln Sozialer Arbeit geht Peter Bünder, wenn er die Pioniere Sozialer Arbeit zu Wort kommen lässt und untersucht, warum diese - obwohl ihnen der Begriff der Ressource aus Ökonomie und Politik bekannt war - lieber klarere und hilfreichere Begrifflichkeiten entwickelt haben.

Unter dem provozierenden Untertitel "Des Kaisers neue Kleider" setzt sich Bünder mit den schwindenden materiellen Ressourcen in der Sozialen Arbeit (Beispiel: Sozialhilfe und Jugendhilfe) auseinander und untersucht in der Folge den Ressourcenbegriff bei modernen systemischen und Empowerment-Ansätzen der Sozialen Arbeit.

Sein Fazit:

Kritische und konstruktive Soziale Arbeit ist nur möglich, wenn Soziale Arbeit sich nicht aufs Feld der immateriellen Ressourcen abdrängen lässt. Die Beschaffung und Zugänglichmachung handfester materieller Ressourcen und die Sicherung des Lebensunterhalts sind wichtige Essentials, die Soziale Arbeit z.B. von Psychotherapie unterscheidet. Wo die Grundversorgung nicht gesichert ist, wirken Beratungsansätze, die auf immaterielle Ressourcen abstellen, zynisch und neoliberal.

"Ressourcenorientierung" taucht historisch betrachtet in der Sozialen Arbeit immer dann auf, wenn die Kassen leer sind. Um einen klaren Diskurs zu fördern, schlägt Peter Bünder vor, den Ressourcenbegriff für immaterielle Ressourcen in der Familie ganz zu streichen und vielmehr von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Potenzial zu reden.

Moderne Soziale Arbeit soll nach Bünder die Trennung in Therapie (Medizinmodell), kompensatorisches Lernen (Erziehung) und materielle Hilfen ("Sozialfeuerwehr") überwinden und nach Sicherstellung der materiellen Grundlage gemeinsam mit den KlientInnen an den "nichtmateriellen Dimensionen des Lebens wie dem Bedürfnis nach Kommunikation, Austausch, Beziehungen und Lernen" arbeiten.

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte und Theorie Sozialer Arbeit gehört zum eher trockenen wissenschaftlichen Stoff. Peter Bünders Buch unterscheidet sich hier wohltuend durch eine engagierte und spannende Sprache. Zum Weiterarbeiten hält das Buch für die interessierte Leserin eine Fülle relevanter Literaturhinweise bereit.

Zielgruppen und Fazit

Ein kritisches Buch, das in der allgemeinen Begeisterung für Ressourcenorientierung fällig und notwendig war.

Empfehlenswert für alle in der Sozialen Arbeit Tätigen, die die Grundlage ihrer Arbeit reflektieren wollen, für alle Fachbibliotheken, für Lehrende in der Sozialen Arbeit und aufgrund seines ansprechenden Stils grundsätzlich auch für Studierende zu empfehlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 15.04.2003 zu: Peter Bünder: Geld oder Liebe. Verheißungen und Täuschungen der Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2002. ISBN 978-3-8258-5897-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/849.php, Datum des Zugriffs 18.03.2019.


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