Claudia Schlesiger: Sprachtherapeutische Frühintervention für Late Talkers
Rezensiert von Dr. Lena Becker, 07.04.2010
Claudia Schlesiger: Sprachtherapeutische Frühintervention für Late Talkers. Eine randomisierte und kontrollierte Studie zur Effektivität eines direkten und kindzentrierten Konzeptes. Schulz-Kirchner Verlag (Idstein) 2009. 336 Seiten. ISBN 978-3-8248-0643-0. 38,00 EUR.
Thema
Late Talkers haben ein erhöhtes Risiko später eine Sprachentwicklungsstörung auszubilden. Die Folgen hiervon wiederum können gravierend sein. Je nach dem resultieren Dyslexie oder Dysgraphie, die mit schulischen Lernproblemen einhergehen. Da Sprache und Denken interdependent sind, können kognitive Defizite entstehen. Kommunikationsprobleme von Kindern mit Sprachentwicklungsstörung erhöhen zudem das Risiko psychosozialer Schwierigkeiten. Im Buch wird ein Konzept vorgestellt und evaluiert, dass bei Kindern mit Late-Talkers-Profil der Prävention einer Sprachentwicklungsstörung dienen soll.
Aufbau
Das Buch hat einen Aufbau, der einer Studie angemessen ist und sich an ihren Fragestellungen orientiert. Auf die Beschreibung des theoretischen Hintergrundes und die Darstellung des aktuellen Forschungsstandes folgt die Präsentation der Studie und der Ergebnisse. Im Anhang befinden sich für die Studie verwendete Dokumente.
Teil I: Theoretischer Hintergrund
1. Einleitung. Hier wird auf die Relevanz von Frühintervention für Late Talkers hingewiesen sowie die Fragestellungen expliziert, die mit der Evaluation des vorgestellten Interventionskonzeptes geklärt werden sollen.
2. Wortschatzerwerb im frühen Kindesalter. Es werden die verschiedenen Phasen für den Wortschatzerwerb vorgestellt. Der Studie wird schließlich ein integratives Spracherwerbsmodell zu Grunde gelegt, das mehrere empirisch nachweisbare Faktoren berücksichtigt und ihr Zusammenwirken ganzheitlich betrachtet.
3. Late Talkers, Late Bloomers und Sprachentwicklungsstörungen. Hier wird auf das Phänomen der Late Talkers, die besonders gefährdet sind, später eine Sprachentwicklungsstörung oder sprachliche Auffälligkeiten aufzuweisen, eingegangen. Definition, Prävalenz und Risikofaktoren bei Late Talkers und Kindern mit Spezifischer Sprachentwicklungsstörung (SSES) werden vorgestellt, sowie eine Übersicht über die sprachliche Entwicklung von Late Talkers und Interventionsmöglichkeiten bei einer bestehenden SSES gegeben. Besonderes Gewicht erhält der Zusammenhang von einer verzögerten Sprachentwicklung und der Wahrscheinlichkeit einer späteren Ausbildung einer SSES eingegangen, der sehr deutlich ist.
4. Effektivität sprachtherapeutischer Frühintervention für Late Talkers. Hier wird eine Übersicht zum aktuellen Forschungsstand zu direkten und indirekten (d.h. durch Anleitung der Eltern) Frühinterventionen für Late Talkers gegeben und in der Meta-Analyse ein signifikanter positiver Effekt sprachtherapeutischer Frühintervention festgestellt, dies gilt bei geringerer Evidenz auch für ältere Kinder mit Late-Talkers-Profil. Es sind allerdings nicht ausreichend Daten vorhanden, um auch eine langfristige Effektivität zu belegen.
Teil II: Eigene Studie
5. Fragestellungen, Methodik und Studienverlauf. In der Studie wurde eine direkte, therapeuten-basierte und kindzentrierte Interventionsmaßnahme evaluiert, bei der das Spiel das didaktische Medium darstellt. Es wurden verschiedene Rahmenhandlungen konstruiert, die jeweils bestimmte Wortfelder abdecken und gleichzeitig eine spielerische Herangehensweise ermöglichen. Rituale und Wiederholung dienen der Festigung des Erlernten. Verschiedene Methoden werden gemäß dem Entwicklungsstand des Kindes in der Therapie individuell eingesetzt, sprachunspezifische Methoden etwa zur gemeinsamen Aufmerksamkeitsausrichtung werden bei Kindern aller Entwicklungsphasen eingesetzt. Die das Konzept konstituierenden Methoden werden in der Publikation beschrieben. Mit der Studie soll schließlich überprüft werden, ob diese Art der Intervention für Late Talkers kurzfristig effektiv ist und, als zweite Hypothese, ob sie auch langfristig effektiv ist und eine spätere SSES verhindert oder mildert. Zur Überprüfung der Hypothesen wurden verschiedene, im Buch vorgestellte, bestehende diagnostische Verfahren eingesetzt. Eine hohe Validität und Reliabilität bei der Studie wurde sichergestellt und das Verfahren hierbei transparent gemacht.
6. Ergebnisse. In der Studie konnte festgestellt werden, dass zwischen den Kindern, die an dem Interventionsprogramm teilnahmen, und der Kontrollgruppe signifikante Unterschiede bestehen. Signifikante langfristige Entwicklungsfortschritte konnten mittels Posttests nachgewiesen werden. In der Kontrollgruppe entwickelten auch mehr Kinder eine SSES, der Unterschied war jedoch nicht signifikant.
7. Diskussion. In der Diskussion wird die Relevanz der Studienergebnisse hervorgehoben, die den Einsatz therapeutenbasierter, kindzentrierter Frühinterventin bei Late Talkern nahe legt und es werden entsprechende Forschungsdesiderate aufgeführt.
Diskussion
Es ist bekannt, dass die entscheidenden Entwicklungsschritte bei der Sprachentwicklung im frühen Kindesalter stattfinden, Sprachtherapie jedoch meist erst später einsetzt. Dies ist teilweise auch Schwierigkeiten bei der Compliance der kleinen Patienten geschuldet, die gerade im ganz jungen Alter vor allem die Diagnostik erschweren können. Die Studie, die sich durch sehr sorgfältige Durchführung auszeichnet, die in der Publikation auch transparent gemacht wurde, leistet hier auch ein Stück Pionierarbeit bei der Evaluation speziell eines kindzentrierten Ansatzes, der therapeutenbasiert ist und daher auch durchgeführt werden kann, wenn Eltern aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, sich bei einer indirekten Intervention anleiten zu lassen. Die Kindzentrierung ist besonders wichtig, um durch spielerische Gestaltung der therapeutischen Sitzungen der natürlichen Neugier der Kinder entgegenzukommen, so dass die Compliance hierdurch gegeben ist. Es ist zu wünschen, dass ein solches Interventionsprogramm bald mehr Kindern mit Late-Talkers-Profil zur Verfügung gestellt wird, um sie vor zukünftigen Schwierigkeiten zu bewahren.
Fazit
Die Studie sollte bei Logopäden und wissenschaftlich Interessierten unbedingt Beachtung finden, um mehr Kindern mit Late Talkers-Profil eine präventive Intervention anbieten zu können, die eine SSES mit entsprechenden Folgeproblemen gar nicht erst auftreten lässt oder abmildert.
Rezension von
Dr. Lena Becker
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