socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Theodor Thesing, Bettina Geiger u.a.: Sozialpädagogische Praxisfelder

Cover Theodor Thesing, Bettina Geiger, Petra Erne-Herrmann, Christina Klenk: Sozialpädagogische Praxisfelder. Ein Handbuch zur Berufs- und Institutionskunde für Sozialpädagogische Berufe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 2., überarbeitete Auflage. 285 Seiten. ISBN 978-3-7841-1798-0. 19,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK


Thema

Soziale Arbeit erfolgt in den verschiedensten, nach Zielgruppen und Tätigkeiten unterscheidbaren Feldern. Die Vielfalt dieser Arbeitsfelder erfordert für Ausbildung und Studium schriftliche Orientierungshilfen: im Buch oder am Bildschirm lesbar. Z.Zt. sind neben dem zu besprechenden Druckwerk fünf Veröffentlichungen in Buchform lieferbar: die Sammelwerke „Einführung in die Arbeitsfelder des Bildungs- und Sozialwesens“ (Krüger/Rauschenbach 1995, 42006), „Praxisfelder der Sozialen Arbeit“ (Chassé/Wensierski 1999, 42008) und „Handlungsfelder der sozialen Arbeit“ (Homfeldt/Schulze-Krüdener 2003) für die gesamte Soziale Arbeit, die Monographien „Kinder- und Jugendhilfe“ (Erwin Jordan/Dieter Sengling 1977, Neuausgabe 1988, Neuausgabe 2000; Erwin Jordan 22005) und „Sozialpädagogische Arbeitsfelder im Überblick“ (Vogelsberger 2002) speziell für die Kinder- und Jugendhilfe. Hinzu kommen die Website www.arbeitsfelder.de (Sabine David/Bernhard Meyer 2001/2002) im Allgemeinen und das vergriffene, aber online verfügbare Buch „Praxis der Kinder- und Jugendhilfe“ (Martin Textor 1992, 21995; http://freenet-homepage.de/Textor) im Besonderen.

Vergleichbar ist das zu rezensierende Werk im Zuschnitt (sozialpädagogische Arbeitsfelder) und der Form nach (Monographie) mit den Büchern von Jordan, Textor und Vogelsberger, was den Kontext (Fachschule für Sozialpädagogik) betrifft, mit dem von Vogelsberger. Im vorliegenden Buch gilt, ganz im Sinne Klaus Mollenhauer, „Sozialpädagogik als Theorie und Praxis der Kinder- und Jugendhilfe“ (S. 10). „Sozialpädagogische Praxisfelder“ decken also nur einen Teil der Felder Sozialer Arbeit ab. Zur Sozialen Arbeit rechnen die Autoren noch die Praxen der Sozialarbeit und Heilpädagogik. Alle drei erklären sie zum Gegenstand der Erziehungswissenschaft, nicht einer eigenen Wissenschaft der Sozialen Arbeit.

Autoren

Die Autoren waren oder sind Dozenten des Instituts für soziale Berufe, einem Aus- und Weiterbildungszentrum in katholischer Trägerschaft an den oberschwäbischen Standorten Ravensburg, Wangen und Bad Wurzach. Dort werden 850 Schülerinnen und Schüler zu Altenpfleger(inne)n, Erzieher(inne)n, Heilerziehungspfleger(inne)n, Heilpädagog(inn)en und Jugend- und Heimerzieher(inne)n ausgebildet.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien in der ersten Auflage im Jahre 2001. Da die Autoren und Autorinnen gemeinsam in einem Institut tätig waren, konnten die Fachkompetenzen im Unterschied zur Monographie nur eines Autoren verteilt werden und, anders als bei einem Sammelwerk, aufeinander abgestimmt werden. Sie selbst sprechen von einem „Handbuch“. Die jetzt vorliegende 2. Auflage enthält vier zusätzliche Unterkapitel:

  1. „Der Ganztagskindergarten“ und
  2. „Heilpädagogische Tageseinrichtungen“ im Kapitel „Tageseinrichtungen für Kinder“,
  3. „Soziale Gruppenarbeit“ unter „Hilfe zur Erziehung“ und
  4. „Kinderhospize“ unter „Einrichtungen des Gesundheitswesens“.

Adressaten des Buches sind die Personen, die einen der sozialpädagogischen Berufe anstreben oder für ihn ausbilden. Zu diesen Berufen zählen die vier Autoren auf Universitätsebene die Pädagogen (neben den Lehrern), auf Fachhochschulebene die Sozial- und Heilpädagogen und die Sozialarbeiter und auf Fachschulebene die Erzieher, auch Jugend- und Heimerzieher, wiederum die Heilpädagogen und die Heilerziehungspfleger und Arbeitserzieher.

Aufbau …

„Die Ordnung der Praxisfelder orientiert sich einmal an der Struktur des KJHG und erweitert diese durch weitere Arbeitsfelder in den Bereichen Behindertenhilfe, Rehabilitation, Gesundheitswesen …“ (S. 10). Das Handbuch beinhaltet 15 Kapitel zu 15, ausdifferenziert zu 63 Praxisfeldern. Entsprechende Paragraphen des KFHG bzw. SGB VIII habe ich in Klammern ergänzt:

  1. Förderung und Erziehung in der Familie (§ 16)
  2. Tageseinrichtungen für Kinder (§ 22)
  3. Hilfe zur Erziehung (§§ 27-35)
  4. Offene Kinder- und Jugendarbeit (§ 11)
  5. Jugendverbände (§ 11)
  6. Jugendtourismus (§ 11)
  7. Jugendsozialarbeit (§ 13)
  8. Schulsozialarbeit (§§ 11, 13)
  9. Erlebnispädagogische Lernfelder (§§ 11, 29, 34)
  10. Kinder- und Jugendpsychiatrie
  11. Behindertenhilfe
  12. Einrichtungen des Gesundheitswesens für Kinder und Jugendliche
  13. Erwachsenenbildung
  14. Aus-, Fort- und Weiterbildung
  15. Freiberufliche Tätigkeit

Die Kapitel 1 bis 9 entsprechen „Leistungen der Jugendhilfe“ des KJHG. Die „anderen Aufgaben der Jugendhilfe“, die aufgrund ihres hoheitlichen Charakters nur von dem öffentlichen Träger vor Ort wahrgenommen werden können, werden nicht aufgegriffen. Ebenso werden einzelne Beratungs- und Unterstützungsleistungen der Familienhilfe ausgeblendet (§§ 17-19). Ansonsten wird das Leistungsspektrum nach dem KJHG abgedeckt und mit den Feldern Jugendtourismus (6.), Schulsozialarbeit (8.) und erlebnispädagogische Lernfelder (9.) sogar über den Gesetzestext hinaus erweitert.

„Sozialpädagogische Praxisfelder“ sehen die Autoren, entgegen ihrer eigenen Definition, nicht nur in der Kinder- und Jugendhilfe. Erstens verstehen sie auch die Behindertenhilfe (10., 11.), nicht nur für Kinder und Jugendliche, als Sozialpädagogik. Für „seelisch behinderte Kinder und Jugendliche“ gibt es dafür im KJHG immerhin noch einen Anknüpfungspunkt (§ 35a). Zweitens nehmen sie auch sozialpädagogische Aktivitäten in Einrichtungen des Gesundheitswesens für Kinder und Jugendliche (12.) in den Blick.

Mit den letzten beiden Kapiteln, die keine Felder, sondern die Ebene des beruflichen Lehrens (14.) und die selbstständige Form der Berufstätigkeit (15.) thematisieren, werden zwei zusätzliche Akzente gesetzt.

und Inhalte

Die einzelnen Kapitel bieten mindestens einen „Überblick“ über das jeweilige Praxisfeld, das mal durch eine Einrichtung (z.B. Erziehungsberatungsstelle), mal durch eine Leistung (z.B. soziale Gruppenarbeit) gekennzeichnet wird. Fast immer folgen ihm Absätze zu „Konzepten/Arbeitsformen“ und „Quellen/Literatur“. Meistens wird ein grau hinterlegtes Kästchen „Berufsprofile der pädagogischen Fachkräfte“ eingearbeitet, in dem erläutert wird, welche einschlägigen Berufsgruppen in dem jeweiligen Feld in welcher Weise vertreten sind. Immer wieder finden sich, über das Buch verstreut, verschiedenste Abbildungen. Die Kapitel sind kurz gehalten und umfassen nicht mehr als einige wenige Seiten.

Diskussion

Warum im Buch der Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe z.T. in den Adressatenkreis der Erwachsenen hinein gedehnt wird (11. Behindertenhilfe; 13. Erwachsenenbildung), ist nicht nachvollziehbar. Es wäre verständlich, wenn die Autoren dem Konzept einer „Sozialpädagogik der Lebensalter“ (Lothar Böhnisch) folgen würden. Dann dürfte die Erwachsenenbildung aber nicht so allgemein abgehandelt werden und müssten auch alte Menschen in den Blick geraten.

Mit der „Aus-, Fort- und Weiterbildung“ (14.) und – in einem Fall – mit der „Fachberatung“ (2.8) auch Berufstätigkeiten aufzugreifen, die nicht in direktem Bezug zum Klienten stehen, ist durchaus angebracht. Logisch fehlen dann Hinweise auf die Tätigkeitsfelder Leitung, Supervision, Organisationsentwicklung/Qualitätsmanagement, Evaluation und Forschung. Insofern schimmert noch der Kontext der Fachschulausbildung durch, in dem die Autoren tätig sind.

Dass historische Aspekte und rechtliche und politische Rahmenbedingungen in den einzelnen Kapiteln nur kurz thematisiert werden, ist sachlich ein Manko, für eine handliche Einführung in viele Praxisfelder aber nur konsequent.

Fazit

Das „Handbuch“ eignet sich für eine erste berufskundliche Orientierung im Feld der Kinder- und Jugendhilfe, auch der Behindertenhilfe. Es erfüllt das Erfordernis eines Einstiegs, indem viele Praxisfelder kurz und verständlich abgehandelt werden.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
E-Mail Mailformular


Alle 46 Rezensionen von Ulrich Papenkort anzeigen.


Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 10.08.2009 zu: Theodor Thesing, Bettina Geiger, Petra Erne-Herrmann, Christina Klenk: Sozialpädagogische Praxisfelder. Ein Handbuch zur Berufs- und Institutionskunde für Sozialpädagogische Berufe. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2008. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7841-1798-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/85.php, Datum des Zugriffs 22.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht