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Dorothée Schlebrowski: Starke Nutzer im Heim. Wirkung persönlicher Budgets [...]

Cover Dorothée Schlebrowski: Starke Nutzer im Heim. Wirkung persönlicher Budgets auf soziale Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 241 Seiten. ISBN 978-3-531-16798-5. 34,90 EUR.

Reihe: VS research - Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe.
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Thema

Die vorliegende Arbeit ist eine Dissertation, welche Dorothée Schlebrowski unter der wissenschaftlichen Betreuung von Elisabeth Wacker an der Technischen Universität Dortmund verfasst hat. Im November 2008 wurde die Arbeit unter dem Titel „Stärkung der Nutzerperspektive im Dienstleistungsgeschehen – Das Persönliche Budget für Menschen mit geistiger Behinderung im stationären Wohnbereich“ als Dissertation vom Promotionsausschuss der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund angenommen.

Stärkung der Nutzerperspektive im Dienstleistungsgeschehen, Empowerment, das ist es was Lars Lambrecht in seinem Beitrag zur Notwendigkeit des Empowerment in einer demokratischen Gesellschaft meint: „First and foremost, empowerment may be regarded as one of the prerequisites for modern democracy, which also include constitutional foundation, democracy as a process, participation, deliberation, and recognition and involvement of others. While it is important to avoid creating a ranking list, let alone a hierarchy of such preconditions based on experience a generally accepted topos of and for democracy is the condition that ‚those to whom laws are addressed should also be their authors‘ (Herv. CR); in other words, those in society who are aubject to laws and justice should be identical to those who formulate, compose and pass those laws” (Lambrecht 2009, 17).

„Die konsequente ‚Wende zum Menschen‘ vollzieht Dorothée Schlebrowski in ihrer Arbeit“ (S. 5) schreibt Elisabeth Wacker in ihrem Geleitwort zu dieser Publikation. Die Autorin wertet die „Bedürfnislagen der Menschen mit Unterstützungsbedarf unter den Vorzeichen wachsender Individualisierung und steigender Aufmerksamkeit für die Heterogenität dieses Personenkreises als hochrelevant. Sie fragt, wie professionelles Handeln (Dienstleistungsgeschehen) und Setting (Wohnheim) sich verändern, wenn nicht mehr alleine ‚Anbieter‘ das Sagen haben, sondern den Nutzern über Geld mehr Macht (Steuerungsmöglichkeit) zuwächst, und sie daher als ‚Nachfragende‘ zu aktiv ihr Leben verändernden Subjekten werden (können)“ (S. 5f.).

Autorin

Dorothée Schlebrowski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Rehabilitationssoziologie der Fakultät Rehabilitationswissenschaften der Technischen Universität Dortmund.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in zwei große Teile gegliedert. Der Theorieteil, der die Kapitel 2 bis 5 umfasst, bildet den fachlich-konzeptionellen Rahmen ab, als Voraussetzung für den empirischen Teil. Letztgenannter umfasst die Kapitel 6 bis 10 und untersucht das Persönliche Budget im stationären Wohnbereich. „Das Persönliche Budget als Instrument der Selbststeuerung entlässt Menschen mit Behinderung aus ihrer abhängigen Rolle des Hilfeempfängers und nimmt sie als ‚Koproduzenten‘ sozialer Dienstleistungen in neuer Weise ernst“ (Wansing 2007, 168).

Aus den theoretischen Überlegungen zum Persönlichen Budget folgend befasst sich die Wissenschaftlerin mit zwei forschungsleitenden Fragen:

  1. „Inwiefern unterstützt die Implementierung eines Persönlichen Budgets im stationären Wohnbereich die Privilegierung der Nutzer im Dienstleistungsgeschehen?
  2. Welche Anforderungen sind mit der Implementierung eines Persönlichen Budgets im stationären Wohnbereich verbunden“ (S. 21).

Im Einzelnen:

Schlebrowski liefert zu Beginn des theoretischen Teils in Kapitel 2 Impulse für eine Dienstleistungsorientierung im Rehabilitationssystem. Sie stellt heraus, dass sich das Rehabilitationssystem gegenwärtig in einer Umbruchphase befindet. Die Umkehr macht sich darin bemerkbar, dass Rehabilitation sich abkehrt vom wohlwollend und fürsorglich entmündigenden Fürsorgedenken hin zu einer selbstbestimmten Lebensführung. Zu fragen ist hier allerdings, wie das gelingen kann, denn das Rehabilitationssystem ist ein System des gesellschaftlichen Ausschlusses. Jedwede Rehabilitationsmaßnahme geschieht unter Bedingungen des Ausschlusses – und das ist vom Rehabilitationssystem mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, aus arbeitsmarktpolitischer Sicht, auch so gewollt und jeder Politiker der da, i. S. der Behinderten, gegensteuert kann seinen Wahlkreis als verloren betrachten (vgl. Spörke 2008).

Aus dem vorgenannten Wandel des Rehabilitationssystems folgt im dritten Kapitel die Darstellung des Systems der Behindertenhilfe als Deinstleistungssystem (vgl. Brandt/Brandt 2007).

Im vierten Kapitel werden die wohnbezogenen Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung in Deutschland betrachtet. Diesbezüglich ist 2008 ein Beitrag von Rensinghoff erschienen, in welchem das Wohnen für eine spezifische Behindertengruppe, nämlich nach einer erworbenen Hirnschädigung, nicht „als einer der zentralen Bereiche skizziert […] (wird – CR), der die Lebenssituation eines Menschen kennzeichnet“ (S. 59). In diesem Kapitel werden mittels der wohnbezogenen Dienstleistungen für Behinderte in Deutschland strukturelle und fachliche Eckpfeiler der gegenwärtigen Behindertenhilfe herausgearbeitet und bezüglich ihrer Eignung zur praktischen Umsetzung des zugrunde gelegten Dienstleistungsbegriffs überprüft.

Kapitel 5 nun befasst sich mit dem Steuerungsinstrument Persönliches Budget, hinsichtlich der konzeptionellen Eckpunkte, der sozialrechtlichen Grundlagen in der Bundesrepublik Deutschland, der Erfahrungen im europäischen Ausland, der Erfahrungen in der Bundesrepublik Deutschland und schließlich der Umsetzung auf den stationären Wohnbereich, da „empirische Erkenntnisse zur Umsetzung des Persönlichen Budgets […] international und national […] überwiegend für den ambulanten Bereich der Unterstützungsgestaltung“ (S. 109 f.) vorliegen.

Im sechsten Kapitel befasst sich die Forscherin mit der Zielsetzung der empirischen Untersuchung. Der Forschungsrahmen – und der ist das Modellprojekt PerLe (Personenbezogene Unterstützung und Lebensqualität) wird im siebten Kapitel aufgezeigt bevor in Kapitel 8 die Untersuchungskonzeption dargestellt wird.

Forschungsmethodisch wendet die Autorin die qualitative Forschung an. Über problemzentrierte Interviews gewinnt sie ihre erforderlichen Daten, die sie über die qualitative Inhaltsanalyse auswertet.

Die Ergebnisdarstellung und Ergebnisinterpretation erfolgt sodann in Kapitel 9,

  1. in der Ergebnisdarstellung der Budgetnehmerbefragung und
  2. in der Ergebnisdarstellung der Mitarbeiterbefragung.

Die Diskussion der gewonnen Ergebnisse erfolgt in Kapitel 10: „Die Implementierung eines Persönlichen Budgets im stationären Wohnbereich stellt den dort aktuell noch vielfach vorherrschenden versorgungszentrierten sowie organisationsorientierten Prozess der Unterstützungsgestaltung grundsätzlich in Frage. Verwendet man das in dieser Arbeit zugrunde gelegte Dienstleistungsmodell als eine Art Schablone zur Analyse der konkreten Handlungspraxis stationärer Einrichtungen, so lassen sich unter Budgetbedingungen positive Auswirkungen auf allen drei strukturellen Ebenen (Erbringungsverhältnis, Erbringungskontext und gesellschaftliche Bedingungen sozialer Dienstleistung) feststellen“ (S. 209).

Resümee und Ausblick erfolgt in Kapitel 11 bevor ein über mehr als 200 Titel umfassendes Literaturverzeichnis folgt.

Diskussion

In ihrem Geleitwort führt Elisabeth Wacker aus, dass in dem Wörterbuch Heilpädagogik, einem Nachschlagewerk für Studium und pädagogische Praxis, aus dem Jahre 1999, also in einer vor zehn Jahren herausgegebenen Veröffentlichung, der Terminus Nutzerperspektive nicht vorkommt (vgl. S. 6). Expressis verbis stoßen wir aber auch in dem Kompendium der Heilpädagogik (Greving 2007) nicht auf diesen Begriff – und das, obwohl ja nun acht Jahre zwischen den beiden Veröffentlichungen liegen. Schließlich stellt Schlebrowski in der besprochenen Veröffentlichung fest: „Die Selbstverständlichkeit, mit der traditionelle Hilfesysteme für Menschen mit Behinderung konzipiert und angeboten werden, gerät ins Wanken. In einer Zeit, in der die sozialpolitischen Programmformeln ‚Selbstbestimmung‘ und ‚gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft‘ (ob das aus der Perspektive der Fakultät Rehabilitationswissenschaften wirklich so gewollt ist wage ich als Rehabilitationserfahrener zu bezweifeln, da am Rehabilitationsprozess Arbeitsplätze von Rehabilitierenden hängen – CR) lauten, gelangt auch das Rehabilitationssystem mehr und mehr in Legitimationszwang seiner Leistungsangebote, die ihren Fokus bislang nur bedingt auf die Perspektive der Menschen legen, die diese als Nutzer in Anspruch nehmen“ (S. 19).

Dem Terminus technicus Nutzerperspektive nahe kommt wohl dann ein Beitrag von Ondracek (2007, 163) zur Personenzentriertheit: „Mit der personenzentrierten Art geht der Mitarbeiter auf die Beweggründe und deren Bedeutung ein, die (beispielsweise – CR) Frau G. subjektiv zum Rausgehen veranlassen. Er zeigt Interesse (ohne zu lügen oder ihre aktuelle Sichtweise zu verstärken) und nimmt sie als besorgte Person ernst.“

Fazit

Die kritische Lektüre der besprochenen Publikation kann gemäß Elisabeth Wacker - und dem kann der Rezensent sich bedingungslos anschließen - „nicht nur Rehabilitationswissenschaftlern empfohlen werden, sondern wird ebenso von Nutzen sein für alle sozialen Dienstleister, die ihre Angebote reflektieren wollen“ (S. 7).

Literatur:

Brandt, Claudia/Brandt, Ilona: Lebensbericht. In: Fassbender, Karl-Josef/Schlüter, Martina (Hg.): Pflegabhängigkeit und Körperbehinderung. Theoretische Fundierungen und praktische Erfahrungen. Bad Heilbrunn 2007, 197-204.

Greving, Heinrich (Hg.) Kompendium der Heilpädagogik. Bad 2, I-Z. Troisdorf 2007.

Lambrecht, Lars: On the Need for and Importance of Empowerment to Strengthen Dmocracy. In: Henning, Cecilia/Renblad, Karin (eds.): Perspectives on Empowerment, Social Cohesion, and Democracy. An International Anthology. Jönköping 2009, 17-25.

Ondracek, Petr: Peroinenzentriertheit. In: Greving, Heinrich (Hg.) Kompendium der Heilpädagogik. Bad 2, I-Z. Troisdorf 2007, 155-164.

Rensinghoff, Carsten: Wohnformen nach Hirnverletzung oder Schlaganfall. In: heilpaedagogik.de o.J.(Heft 3/2008)13-17.

Spörke, Michael: Behindertenpolitik im aktivierenden Staat. Eine Untersuchung über die wechselseitigen Beziehungen zwischen Behindertenverbänden und Staat. Kassel 2008.

Wansing, Gudrun: Persönliches Budget. In: Greving, Heinrich (Hg.) Kompendium der Heilpädagogik. Bad 2, I-Z. Troisdorf 2007, 165-175.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 31.12.2009 zu: Dorothée Schlebrowski: Starke Nutzer im Heim. Wirkung persönlicher Budgets auf soziale Dienstleistungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16798-5. Reihe: VS research - Gesundheitsförderung - Rehabilitation - Teilhabe. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8509.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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