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Simon Lohse: Teilhabe am Arbeitsmarkt

Cover Simon Lohse: Teilhabe am Arbeitsmarkt. Eine systemtheoretische Studie zur Integration schwerbehinderter Menschen. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. 109 Seiten. ISBN 978-3-8288-9985-8. D: 19,90 EUR, A: 19,90 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Autor

Simon Lohse studierte die Fächer Philosophie, Soziologie und Sonderpädagogik mit besonderem Fokus auf Menschen mit herausforderndem Verhalten sowie die Nebenfächer Politische Wissenschaft und Non-Profit-Management. Der Diplom Sonderpädagoge arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der zentralen Einrichtung für Wissenschaftstheorie und Wissenschaftsethik in Hannover, wo er sich mit den Emergenzerklärungen in der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns beschäftigt.

Thema und Entstehungshintergrund

Die vorliegende Arbeit ist die Diplomabschlussarbeit Lohses, der sich in dieser mit beruflichen Integrationskonzepten von Menschen mit (schwerer) Behinderung auseinandersetzt. Er kritisiert die mangelhafte theoretische Fundierung bisheriger Integrationsmodelle und entwickelt auf Grundlage der Systemtheorie Niklas Luhmanns einen ganz anderen Blick auf Integration. Wenngleich Lohse für die Schwierigkeiten der Integration schwerbehinderter Menschen keinen „Lösungsoptimismus“ verbreiten kann, so zeigt die Arbeit entmoralisierend die Problemstellen auf und regt dazu an die derzeitige Praxis genauer zu analysieren, um neue Lösungsansätze zu finden.

Aufbau und Inhalt mit Diskussion

In der problemumreißenden Einleitung, stellt Lohse heraus, dass er mit dieser Arbeit das Ziel verfolgt der Behindertenpädagogik eine grundlegende Theoriebildung zur Seite zu stellen, welche zur Professionalisierung der Integrationspraxis beitragen soll.

In Kapitel zwei stellt Lohse die derzeitige Situation der Integration in den Arbeitsmarkt dar. Er skizziert den durch Behindertenpädagogik und Behindertenpolitik initiierten Paradigmenwechsel von einem rehabilitativem Grundverständnis hin zu einem integrativen und selbstbestimmten Selbstverständnis von Menschen mit Behinderung. Die Fortsetzung in einem weiteren Paradigmenwechsel hin zur Inklusion wird von Lohse angesprochen, aber nicht weiter berücksichtigt, da der von Behindertenrechtsbewegungen geforderte Inklusionsbegriff nicht mit dem von Lohse vertretenen Luhmann‘schen Inklusionsverständnis vereinbar zu sein scheint. Die nachfolgende Darstellung zur Relevanz der Erwerbsarbeit erscheint in seiner Einreihung sinnvoll, bringt jedoch keine neuen Erkenntnisse mit sich. Lohse konstatiert, dass berufliche Integration ein „wesentlicher Integrationsmotor“ ist und schließt dieser Erkenntnis einen Abschnitt zur Unterstützen Beschäftigung an. Der Autor gibt, indem er sich an Doose, Hinz und Boban orientiert, eine knappe Zusammenfassung des methodischen Ansatzes welcher von ihm als grundlegende Alternative zur bisherigen Beschäftigungspolitik bezeichnet wird. Anschließend beschreibt er die Verankerung des Paradigmenwechsel im Behindertenrecht, seine Auswirkungen im Sozialgesetzbuch IX, die Festlegung einer Beschäftigungspflicht und Ausgleichabgabe sowie den besonderen Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung. Im Fortgang des Kapitels stellt Lohse vier moderne Instrumente der beruflichen Integration vor: 1) Integrationsvereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Schwerbehindertenvertretung deren Zielvereinbarungen jedoch nicht rechtlich sanktionierbar sind. 2) Integrationsprojekte, die zwischen der Werkstatt für Menschen mit Behinderung und dem allgemeinen Arbeitsmarkt angesiedelt sind, die jedoch kaum eine Brückenfunktion zum regulären Arbeitsmarkt erfüllen. 3) Die Arbeitsassistenz für deren Inanspruchnahme vorausgesetzt wird, dass der Arbeitnehmer die Fähigkeit besitzt den Kernbereich der Arbeit selbständig zu erledigen und damit als „effektive Unterstützungsmaßnahme für eine privilegierte Gruppe“ bezeichnet wird. 4) Als letztes beschreibt Lohse die Funktionsbereiche der Integrationsfachdienste (IFD) als Instrument für alle Gruppen von Menschen mit Behinderung, deren Arbeitserfolg er mit Zahlen aus dem Jahresbericht belegt und zu dem Schluss kommt, dass IFD das „erfolgversprechendste Instrument zur Förderung der beruflichen Teilhabe von Menschen mit einer Behinderung“ sind. Trotz dieser Integrationsbemühungen ist die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderung vergleichsweise sehr hoch. Lohse stellt im Folgenden Erklärungsansätze vor und macht deutlich, dass der Paradigmenwechsel, welcher durch die Integrations- und Selbstbestimmt-Leben-Bewegung hervor gegangen ist, nicht in der Wirtschaft und somit bei den Kriterien des allgemeinen Arbeitsmarktes angekommen ist. Integrationshelfer kritisieren eine ungenügende Umsetzung der neuen Gesetze zur beruflichen Integration und eine einseitig auf quantitativen Erfolg ausgerichtete Orientierung der Integrationsfachdienste. Die unternehmerische Perspektive bringt Unsicherheiten und Vorbehalte ans Licht. Außerdem wird der besondere Kündigungsschutz problematisiert, während dessen die Ausgleichsabgabe als eine geringe Belastung für den Betrieb gilt. Desweiteren trägt auch die allgemeine Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt mit wachsenden Qualifikationsansprüchen dazu bei, dass der Paradigmenwechsel der Behindertenpädagogik auf dem Arbeitsmarkt nicht Einzug hält.

Die Erste Zwischenbetrachtung in Kapitel 3 fasst die vorangestellten Ausarbeitungen nochmals zusammen und pointiert sie auf das Grundproblem des nicht übertragbaren Paradigmenwechsels auf das Wirtschaftssystem.

In Kapitel 4 stellt Lohse Systemtheoretische Beobachtungen zu Behinderung und Integration an, womit eine spannende und anspruchsvolle Herangehensweise an die Problemstellung beginnt. In einem ersten Schritt kritisiert Lohse die behindertenpädagogische Theoriebildung als zu stark idealisierend und moralisierend, sie würden sich zumeist auf soziologische Stigmatisierungs- und Marginalisierungstheorien beziehen und andere instruktive Theorien bekämpfen. Außerdem beanstandet er den Fokus auf die Ganzheitlichkeit des Menschen, welcher s.E. dazu führt, dass nur ungenügend auf die Wechselwirkungen mit der Umwelt geachtet wird. Zum Dritten fehle der Einbezug einer allgemein gültigen soziologischen Theoriebildung. Hier verweist Lohse auf die Möglichkeit der Nutzung der Luhmann‘schen Systemtheorie und stellt folgend die notwendigen Begriffe der Systemtheorie Niklas Luhmanns vor. Von grundlegender Bedeutung ist der Begriff des Systems, welcher durch eine autopoietische Funktionsweise zu erklären ist. Luhmann zufolge gibt es viele verschiedene Systeme, welche jedoch in sich operativ geschlossen sind und sich auch nur aus sich selbst heraus entwickeln. Diese Autopoiesis kann durch Umweltereignisse nur irritiert nicht aber verändert werden, denn die Verarbeitung des Reizes geschieht mit den systemeigenen Operationen und Wertvorstellungen. Rückschließend verdeutlicht Lohse dem Leser somit, dass der Paradigmenwechsel aus dem System der Behindertenpädagogik durch die Behindertenpolitik nur ein Umweltreiz für das System Wirtschaft zu sein scheint, auf welchen mit den eigenen ökonomischen Grundprinzipien reagiert wird. Die folgende ausführliche Beschreibung psychischer und sozialer Systeme bei Luhmann erscheint nicht wirklich notwendig, um den abschließenden Schluss für diesen Abschnitt zu ziehen: Die moderne Gesellschaft bestehe aus verschiedenen, nicht hierarchisch aufgestellten Teilsystemen, welche alle nur für sich selbst erklärbar und verstehbar sind, da sie eben nicht nach den gleichen moralischen Wertesystemen arbeiten. Damit sieht Lohse begründet, dass Integration nicht, wie in der Behindertenpädagogik proklamiert, durch die Einhaltung moralischer Werte gewährleistet wird, sondern allein dadurch entsteht, dass sich die Systeme untereinander durch gegenseitige Umweltreize und Konsequenzen voneinander abhängig machen. Lohse konzipiert deshalb auf Grundlage der Luhmann‘schen Erkenntnisse einen systemtheoretischen Behinderungsbegriff, welcher vom zuvor beschriebenen Verständnis der Behindertenpädagogik abweicht. Behinderung ist weder eine menschliche Eigenschaft, noch wird Behinderung gesellschaftlich konstruiert, denn aus systemtheoretischer Sicht stellt die Behinderung „eine Störung der Koppelung von psychischen und sozialen Systemen“ dar. Dies bedeutet, dass als Folge von Behinderung immer eine Beeinträchtigung von Kommunikationsprozessen auftritt. An dieser Stelle wird die problemorientierte Sichtweise des Autors sehr deutlich. Integration von Menschen mit Behinderung in den allgemeinen Arbeitsmarkt bleibt Lohse zufolge systemtheoretisch immer eine Einschränkung in der Freiheit des Unternehmens. In einem weiteren ausführlichen Abschnitt des Kapitels wendet sich der Autor der systemtheoretischen Bedeutung des Begriffspaares Inklusion und Exklusion zu und stellt heraus, dass Inklusion der gesellschaftliche Normalfall ist, da jeder in unterschiedlicher Art und Weise an allen gesellschaftlichen Systemen teil hat. Inklusion ist damit kein positiv konnotierter Begriff sondern ein reiner Formbegriff, denn eine wirkliche Exklusion aus Funktionssystemen ist im Rahmen der Systemtheorie nicht denkbar und kann daher auch nicht zur Erklärung sozialer Ungleichheit herangezogen werden. Eine tatsächliche Trennung in Inklusion und Exklusion kann systemtheoretisch erst auf Organisationsebene festgestellt werden, denn erst an dieser Stelle werden Menschen und Menschengruppen bestimmte Zugänge und Mitgliedschaften verwehrt. Organisationen beschränken ihre Zugänge durch Mitgliedsbarrieren, zu den Funktionssystemen der Gesellschaft besteht hingegen für jedes Individuum der prinzipiell gleiche Zugang. An diese Erkenntnis schließt Lohse eine Betrachtung dessen an, wie in Organisationen Benachteiligung durch Behinderung erzeugt wird. Er beschreibt zwei Situationen, in welchen der Mensch mit Behinderung auf der einen Seite durch verdeckte, stigmatisierende Kommunikation und auf der anderen Seite durch überhöhte Nachsicht und gutgemeinter Bevormundung aus der Interaktion der Organisation exkludiert wird. Schade ist, dass beide beispielhaften Beschreibungen aus der Arbeitswelt verabsolutiert werden und Beispielen für gelungene Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Behinderung kein Raum gegeben wird. Kapitel vier ist gekennzeichnet von der Darstellung der inklusiven Beschaffenheit gesellschaftlicher Funktionssysteme, vor allem aber von der Konzentration auf die Exklusionswirklichkeiten auf der Ebene der Organisation und/oder Kommunikation. Es entsteht letztendlich die Frage, warum überhaupt auf eine reale Inklusion in gesellschaftlichen Systemen hinzuweisen ist, wenn über die Qualitäten der unterschiedlichen Teilhabe nicht gesprochen wird oder sie letztlich in der Exklusionswirklichkeit der Organisationen erkennbar wird.

In der Zweiten Zwischenbetrachtung fasst Lohse seine Argumentation nochmals zusammen und hält fest, dass Integration aus systemtheoretischer Sicht keine Problemlösung sein kann.

Die daraus folgenden Konsequenzen stellt Lohse in Kapitel 6 vor, wobei er selbst deren abstrakten Charakter anmerkt. Er betont erneut die Notwendigkeit einer systemtheoretischen Fundierung der Behindertenpädagogik, fordert eine Professionalisierung der Integrationspraxis, welche er ebenfalls in einer systemtheoretischen Ausrichtung sieht und anmerkt, dass IFD deutlich mehr mit ökonomischen, denn moralischen Vorteilen argumentieren müssten.

Die Schlussbetrachtungen geben einen letzten Überblick über die Arbeitsergebnisse des Buches. Ein weiteres Mal wird vor Optimismus gewarnt, wenngleich Lohse an dieser Stelle Handlungsanweisungen gibt, um den Integrationsfachdiensten langfristig eine Professionalisierung zu ermöglichen. Er fordert den Einbezug betriebswirtschaftlicher und organisationssoziologischer Themenfelder in die Ausbildung der Mitarbeiter, merkt jedoch gleich anschließend an, dass auch diese Veränderung kein Grund für einen Lösungsoptimismus sei.

Fazit

Der erste Teil des Buches verschafft einen leicht verständlichen und nachvollziehbaren Überblick über die derzeitige Problemlage der praktischen Arbeitsmarktintegration. Der Versuch die Systemtheorie Luhmanns als (alleinige) Theoriegrundlage für die Behindertenpädagogik fruchtbar zu machen hinterlässt den faden Beigeschmack fehlender Lösungsansätze und Perspektiven für die aufgeführten praktischen Probleme. Lohse zeigt logisch und deutlich die Problemstellen auf, welche es zu bearbeiten gibt, die Bearbeitung bleibt jedoch wenig konstruktiv und ohne wirkliche Perspektiven für Lösungsansätze. Wenngleich dies nicht Lohses Anspruch war, so bedarf es nach einer Aufreihung theoriekritischer Anmerkungen für Leser aus dem Bereich der Behindertenpädagogik, welche sich zum größten Teil eben in der Praxis verankert sehen, auch praxisrelevanter Lösungsansätze.


Rezension von
Dr. Anne Goldbach
Wiss. Mitarbeiterin an der Universität Leipzig, Institut für Förderpädagogik, Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
Homepage www.erzwiss.uni-leipzig.de/fakultaet/personen?view= ...
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Zitiervorschlag
Anne Goldbach. Rezension vom 04.06.2010 zu: Simon Lohse: Teilhabe am Arbeitsmarkt. Eine systemtheoretische Studie zur Integration schwerbehinderter Menschen. Tectum-Verlag (Marburg) 2009. ISBN 978-3-8288-9985-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8514.php, Datum des Zugriffs 16.01.2022.


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