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Jörg Felfe, Detlev Liepmann: Organisationsdiagnostik

Cover Jörg Felfe, Detlev Liepmann: Organisationsdiagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. 140 Seiten. ISBN 978-3-8017-1702-5. 24,95 EUR, CH: 42,00 sFr.

Reihe: Kompendien Psychologische Diagnostik - Band 10.
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Thema

Organisationsdiagnostik tritt mit einem großen Selbstverständnis auf. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die Psychologie aus dem Profit-Bereich mit Skepsis betrachtet wurde, weil ihrer Diagnose Systemkritik unterstellt wurde. Im engen Schulterschluss mit der Ökonomie wird heute in weiten Teilen der Arbeits- und Organisationspsychologie ähnlich gedacht und argumentiert in Kategorien von Ist und Soll, von Input und Output, von Effizienz und Optimierung. Natürlich steht für den Organisationspsychologen der Unternehmensgewinn nicht direkt im Fokus, es geht vielmehr um die arbeitenden Menschen, ihre Gesundheit und ihr Verhalten. Doch die objektivistische Herangehensweise blendet ähnlich wie die Ökonomie alles aus, was die empirische Schlüssigkeit stören könnte. Im Folgenden wird eine lesenswerte Publikation besprochen, in der sich dieser aktuelle Stand widerspiegelt.

Autoren

Detlev Liepmann, geb. 1942, leitet den Arbeitsbereich für Wirtschafts- und Organisationspsychologie an der FU Berlin. Coautor Jörg Felfe, geb. 1963, wechselte vor kurzem von der Universität Siegen an die Hamburger Helmut Schmidt-Universität / Universität der Bundeswehr, wo er als Professor für Organisationspsychologie arbeitet.

Grundverständnis

Die Arbeits- und Organisationspsychologie nimmt das Individuum als Ausgangspunkt und untersucht das Erleben und Verhalten der Organisationsmitglieder im Kontext des Unternehmens als Ganzem bzw. seiner Teile. Die Organisation wird dabei als zweckgerichtetes soziales Gebilde gesehen, Verhalten und Erleben wird an Zweckprogrammen gemessen und zu optimieren gesucht. Seit einigen Jahren bürgert sich dazu der Begriff Organisationsdiagnose ein. Dabei handelt es sich – um Lutz von Rosen­stiel (2003, S. 383) zu zitieren – eher um ein Programm, als um eine klare Theorie von Wirkungszusammenhängen. Die „systematische und wissenschaftlich fundierte Erfassung, Analyse und Darstellung“ regelhaft auftretenden Verhaltens und Erlebens (Kühlmann/ Franke 1989) benutzt das ganze Spektrum empirischer Sozialforschung am Gegenstand Organisation bzw. Organisationsmitglied. Wesentliche Anwendungsbereiche sind die betriebliche Gesundheitsförderung, das Qualitätsmanagement, die Personalentwicklung (Qualifizierung und Förderung) sowie Restrukturierungen und Prozess­optimierungen, vage und neumodisch oft als Change, als permanenter Wandel, benannt. Diagnostik meint dabei immer mehr als nur Forschung, nämlich die Begründung und Vorbereitung von Interventionen oder Maßnahmen.

Aufbau und Inhalte

Felfe und Liepmann gliedern ihr 140 Seiten umfassendes Buch in zwei Teile, in einen kürzeren Theorieteil und einen längeren Praxisteil mit konkreten Instrumenten und Skalen. Nach einer Gegenstandsbestimmung werden – sehr knapp – Theorien der Organisation angesprochen, Nutzen, Ziele und typische Anwendungsfelder dargestellt.

Methodische Vorbemerkungen leiten dann den Praxisteil ein, in welchem fünf inhaltliche Bereiche unterschieden werden: Konzepte zur Diagnose des Arbeitsplatzes, Konzepte zur Qualität der Interaktionen, Merkmale zur Charakterisierung der Organisation, Konzepte zur Diagnose des Erlebens und Befindens, sowie Dimensionen zur Widerspiegelung von Verhalten. Es werden jeweils Skalen und Beispielitems genannt, die verdeutlichen, wie meist quantitativ, hypothesen­testend vorgegangen werden kann. In den einzelnen Unterabschnitten werden zunächst die zentralen Konstrukte theoretisch erläutert, dann Diagnoseinstrumente mit Beispielitems präsentiert und abschließend wichtige empirische Ergebnisse berichtet.

So wird etwa zur Einschätzung des Verhaltens von Organisationsmitgliedern das Instrument des Organizational Citizenship Behaviors (OCB) dargestellt, eine Alternative zu herkömmlichen Leistungskriterien. Bei diesem werden in erster Linie Vorgesetztenurteile, Kollegenurteile und Selbsteinschätzungen verwendet. Ein hoher OCB gilt als Beitrag zum Unternehmenserfolg, insbesondere die Subdimension „Altruismus (freiwillige Unterstützung von Kollegen)“.  Gütekriterien werden abschließend überblicksartig von acht ausgewählten Instrumenten dargestellt, etwa zum LBDQ (Leadership Behavior Description Questionnaire) oder zum MBI (Burnout Inventory).

Im letzten Kapitel „Perspektiven und Ausblick“ geht es einerseits um „Work-Life-Balance“ andererseits um „Qualitätsstandards und Qualitätssicherung“. Dabei wird angedacht, für die Organisationsdiagnostik einen ähnlichen Standard zu etablieren wie die DIN 33430 für die Eignungsdiagnostik.

Diskussion

Im Fall der psychologischen Organisationsdiagnostik haben wir es mit angewandter Forschung zu tun, die nahe am Alltagsverständnis bleibt, dieses dann wissenschaftlich-empirisch fundiert. Es ist faszinierend, welche Fülle an Methoden und Instrumentarien in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden. Felfe/Liepmann kommt das Verdienst zu, dies klar und übersichtlich, auch für den Praktiker nachvollziehbar, dargestellt zu haben.

Das Vorverständnis, was eine Organisation darstellt und wozu sie nütze ist, wird nicht hinterfragt. Dies ist verständlich, wenn man sich die begrenzte Reichweite des Auftrags vor Augen führt, den ein psychologischer Berater i.d.R. zu erfüllen hat. Schade ist es trotzdem, denn eigentlich gibt es keine Notwendigkeit, sich sozialwissenschaftlichen Grundsatzfragen so ganz zu verschließen.

Wechseln wir die Disziplin und betrachten etwa den Fall der  Rekonstruktiven Organisationsforschung, um aufzuzeigen, wie auch anders diagnostiziert werden kann. Man entfernt sich dabei erst vom Vorverständnis, um den phänomenologischen Blick wirklich unvoreingenommen auf organisationale Muster (Routinen, Skripte, Bezugsprobleme etc.) werfen zu können. Die Theorie dient dabei mehr der Distanzierung, so dass die Interpretation der Beobachtungen möglichst lange offen gehalten werden kann. Kein Kategoriensystem, kein quantifizierendes Konstrukt soll vorschnell den Sinn festlegen, denn die Sinnbildung in der Organisation ist komplex und  multiperspektivisch. Ob daraus Interventionen und Maßnahmen erfolgen, spielt erst einmal keine Rolle. Das heißt nicht, dass diese soziologische Variante die „softe“ Herangehensweise darstellt und umgekehrt die organisationspsychologische die „hardcore“-Variante des Durchgreifens. Wir haben es eher mit zwei Seiten einer Medaille zu tun, inkommensurable Perspektiven, wenn man sich für die eine oder die andere entscheiden muss – kompatibel jedoch aus einer sozialtheoretischen Metaperspektive.      

Die Reihe „Kompendien Psychologische Diagnostik“, in der das Buch als Band 10 erscheint, möchte Praktikern die Orientierung und Vorgehensweise vermitteln, die in der Praxis eine optimale Diagnosestrategie ermöglicht. Das beinhaltet, diagnostische Entscheidungen zu verbessern, Interventionsplanungen besser zu begründen und in allen Phasen der Informationsgewinnung die Praxiskontrolle zu optimieren.

Was die inhaltliche Tiefe der Darstellung anbelangt, so handelt es sich bei dem vorliegenden Band um Einstiegsliteratur, die trotzdem eine gewisse Vertrautheit mit empirischer Sozialforschung voraussetzt. Der unbedarfte Leser könnte ein wenig in die Irre geführt werden, wenn er sich allein am Titelstichwort orientiert und einen umfassenden handbuchartigen Text erwartet; dies kann von Felfe/Liepmann auf 140 Seiten nicht geleistet werden. Das umfangreiche Quellenverzeichnis mit rund 300 Nennungen führt aber weiter, so dass im Anschluss leicht auf spezialisierte Detaildarstellungen zugegriffen werden kann.

Fazit

Das Buch Organisationdiagnostik gibt einen ausgezeichneten Überblick, wie sich aus organisationspsychologischer Perspektive diagnostizieren lässt, was in der Organisation auf verschiedenen Ebenen passiert: auf der individuellen Ebene, auf der Metaebene von Teams und Gruppen sowie auf der Ebene der Gesamtorganisation. Wer ein umfassendes Verständnis von Organisationen gewinnen will, sollte neben dieser eher quantitativen Herangehensweise  einen qualitativ-soziologischen Zugang suchen, zum Beispiel mit Werner Vogd: Rekonstruktive Organisationsforschung (siehe die Rezension).


Rezensent
Prof. Dr. Anton Hahne
Professor für Verhaltenswissenschaften
Wismar International Graduation Services WINGS
Homepage www.antonhahne.de
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Zitiervorschlag
Anton Hahne. Rezension vom 11.08.2010 zu: Jörg Felfe, Detlev Liepmann: Organisationsdiagnostik. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2008. ISBN 978-3-8017-1702-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8515.php, Datum des Zugriffs 24.09.2019.


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