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Christine Meyer , Michael Tetzer u.a. (Hrsg.): Liebe und Freundschaft in der Sozialpädagogik

Cover Christine Meyer , Michael Tetzer, Katharina Rensch (Hrsg.): Liebe und Freundschaft in der Sozialpädagogik. Personale Dimension professionellen Handelns. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 298 Seiten. ISBN 978-3-531-16406-9. 34,90 EUR, CH: 59,50 sFr.
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Thema

Die Diskurslandschaft der Sozialen Arbeit ist zunehmend vielfältig geworden. Der Aufstieg von sozialwissenschaftlich orientierten oder vordergründig pragmatischen Konzepten hat allerdings eine sowohl in der Pädagogik als auch in der Sozialarbeit traditionsreiche Beschäftigung mit der personalen Dimension von „Erziehung“ oder „Hilfe“ in den Hintergrund treten lassen. Das geht manchmal so weit, dass Studierende der Sozialen Arbeit nach Lektüre umfangreicher Fachliteratur vermeinen, „Liebe“, „Gefühle“, „Freundschaft“ als Störfaktoren für erforderliche „Professionalität“ ausklammern zu müssen. Umso erfreulicher ist es, wenn sich der neu erschienene Reader genau mit diesen Themen auseinandersetzt – und zwar nicht unter dem Aspekt der Eindämmung, sondern der Gestaltung von Professionalität.

Entstehungshintergrund

Die Emeritierung von Herbert Colla nach langjähriger Tätigkeit an der Uni Lüneburg war Anlass für eine Festschrift, die sich einem Schwerpunktthema der Lehre und Forschung des Geehrten widmet: der Liebe, oder – nüchterner formuliert – der personalen Dimension der Sozialpädagogik.

Aufbau

Der Band ist in 4 Abschnitte gegliedert. Wie bei Festschriften nicht unüblich, ist die Verbindung mancher Beiträge zum Hauptthema eher schwach. Diese Artikel werden in der nun folgenden detaillierten Darstellung nur gestreift.

1. Liebe und Freundschaft in der (Sozial-)pädagogik – traditionelle und aktuelle Reflexionen

In diesem Abschnitt finden sich vorrangig Beiträge, die in Stil und Inhalt einer traditionellen geisteswissenschaftlichen (Sozial-)Pädagogik verpflichtet sind. Hans und Renate Thiersch zeichnen in ihrem kurzen Essay einen weiten Bogen von der conditio humana zu den vielfältigen Beziehungsformen in der Moderne im Allgemeinen und der Heimerziehung im Besonderen. Detlef Gaus und Reinhard Uhle rekonstruieren in ihrem Beitrag die Ideengeschichte der „pädagogischen Liebe“ bzw. der späteren Thematisierung von „Nähe“ und „Distanz“ im pädagogischen Diskurs. Die Referenzen reichen von Platon über Nohl, Bernfeld, Spranger u.a. bis zu Uhle und Thiersch. Pierangelo Maset plädiert für ästhetische Bildung als Voraussetzung für die „Fähigkeit, in eine mit anderen geteilten Welt einzutreten“, wie er Varela zitiert. Christine Meyer thematisiert Generationenverhältnisse, und das ist spannender, als es auf den ersten Blick erscheinen mag. Ausgehend von einer (Sozial-)Pädagogik, die in erster Linie das Verhältnis erwachsener ErzieherInnen zu Kindern/Jugendlichen (also Personen mit offenem Lebenshorizont) im Blick hat, stellt sie die Frage nach Form und Perspektive der Beziehung zu älteren Menschen, plädiert für eine Soziale Arbeit, die sich dem demographischen Wandel stellt und es als ihre Aufgabe sieht, Verbindungen zwischen den Generationen herzustellen und stärken. Lothar Böhnisch schließlich widmet sich dem aus einem tradierten Männlichkeitsverständnis resultierenden prekären Verhältnis von Männern zu Gefühlen und skizziert strukturell in der Männerrolle angelegte, in der Individualbiographie schwer zu bewältigende Widersprüche in seinem farbigen Beitrag.

2. Professionalität braucht Emotionen – Emotionen brauchen Professionalität

Michael Winkler interpretiert eine „Novellette“ aus dem Nachlass von Arthur Schnitzler. Diesen originellsten Beitrag des Bandes zusammenzufassen, kann kaum gelingen. Nach der Lektüre empfehle ich jedenfalls dringend sowohl die Lektüre des Schnitzler-Textes als auch der Winkler´schen Interpretation. Michael Tetzer fasst Gefühle (deren Wahrnehmung und Aufklärung) als konstitutive Bedingung sozialpädagogischer Professionalität auf. Bezugnehmend auf den sozialkonstruktivistischen Ansatz von Martha C. Nussbaum verweist er darauf, dass Emotionen unverzichtbarer Teil von Rationalität sind. In die gleiche Kerbe schlagen Bernhard Sieland und Torsten Tarnowski, wenn sie Emotionskompetenz als pädagogische Kernkompetenz definieren. Sie stellen eine Operationalisierung von sozialer Kompetenz vor, machen „Emotionsarbeit“ (be)greifbar und entwickeln daraus Vorschläge für die Förderung emotionaler Kompetenz bei PädagogInnen. Zwischen Vertrauen und Glauben unterscheidet Ottfried Hoppe. Mit Bezug u.a. auf die Systemtheorie und auf Lacan betont er, dass Vertrauen ermöglicht, in einer Zone des Unbestimmten zu interagieren.

3. Über Freundschaft in der Sozialpädagogik

Simon Garber nimmt vorerst wieder den Bezug zu Pestalozzi, Nohl und Spranger und damit zur „pädagogischen Liebe“ auf, um dann ethische Aspekte von Freundschaft zu erläutern. Die sozialpädagogische Beziehung benötige einen „unnormierten Raum“, entbunden von formalen Anforderungen. Andreas Fritzsche singt ein (kurzes) Loblied auf die Freundschaft als Beziehungsform, die persönliche Kritik ermöglicht. Wolf Engelhardt geht das produktive Wagnis ein, ein Fallbeispiel als Ausgangspunkt pädagogischer Überlegungen zum Thema Freundschaft zu nehmen. Daraus resultiert ein anregender Beitrag, der nicht zuletzt zur Reflexion über eigene Erfahrungen mit Freundschaft einlädt. Anhand von Beobachtungen zu Freundschaftsbeziehungen im Alter skizziert er Aufgaben für Sozialpädagogik.

4. Handlungsfelder und AdressatInnen Sozialer Arbeit: Einbindung, Einmischung und Anerkennung

Der 4. und letzte Abschnitt des Bandes ist etwas heterogen geraten. In ihrem Beitrag „Liebe allein genügt nicht“ schlägt Nina Oelkers schnell den Bogen zur Verantwortung, vor allem der Verantwortung von Eltern gegenüber ihren Kindern. Hier klingt Kritik an den Konzepten von „Verantwortungsaktivierung“ an. Josef Scheipl skizziert die Besonderheiten des Pflegekinderwesens in Österreich. Das Bedürfnis von Ehrenamtlichen nach Anerkennung steht im Mittelpunkt einer Untersuchung von Björn Nicolaisen. In den letzten beiden Beiträgen geht es um Persönlichkeitsstörungen, die eine besondere Herausforderung für Hilfesysteme darstellen. Benjamin Göttsche beschreibt, wie sich historisch die Diagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung herausbildete. Susanne Schlüter-Müller plädiert für eine frühe diagnostische Erfassung von Persönlichkeitsstörungen im Jugendalter, um mögliche adäquate Hilfen arrangieren zu können.

Diskussion

Während die auf den Traditionsstand einer geisteswissenschaftlichen Pädagogik aufbauenden Beiträge sich vorrangig allgemein (und in einer z.T. doch recht anstrengend zu lesenden Sprache) mit der „pädagogischen Liebe“ und damit mit den Emotionen der Profis auseinandersetzen, bleibt dieser Aspekt leider gerade dort unterbelichtet, wo er besonders interessant wäre: Bei den Beiträgen, die sich mit Zielgruppen wie Eltern bzw. Personen mit Persönlichkeitsstörungen beschäftigen. Wie so oft bei Readern hält der Inhalt nicht ganz (zumindest nicht durchgängig), was der Titel verspricht. Die Zusammenfassungen über die Geschichte des Nachdenkens über die pädagogische Liebe bringen immerhin den Nicht-PädagogInnen unter den LeserInnen einen Wissenszuwachs. Und es finden sich einige sehr anregende Beiträge, auch wenn die das Thema nicht immer genau treffen mögen. Für mich waren das die Artikel von Winkler, Hoppe und Engelhardt. Andere LeserInnen mögen andere Beiträge erfrischend finden und ihnen Erkenntnisgewinne entnehmen.

Fazit

Kein umfassender Aufriss des Themas, aber einzelne mit Gewinn zu lesende Beiträge zur pädagogischen Liebe und zu Emotionalität in der Pädagogik. Daneben einige Artikel, die man kaum dem Buchtitel zugeordnet hätte. Eine Renaissance des Themas Liebe, Freundschaft und Beziehung im sozialpädagogischen Unterstützungsprozess lässt weiter auf sich warten. Vielleicht versucht es der durch diese Festschrift geehrte Herbert Colla tatsächlich noch einmal selber, wie ihm die HerausgeberInnen vorschlagen?


Rezension von
Prof. Mag. Dr. Peter Pantuček-Eisenbacher
Diplomsozialarbeiter, Soziologe, Supervisor (ÖVS)
Leiter Department Soziale Arbeit, Master-Stdgg. Soziale Arbeit
Fachhochschule St.Pölten GmbH University of Applied Sciences
Homepage pantucek.com


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Zitiervorschlag
Peter Pantuček-Eisenbacher. Rezension vom 08.01.2010 zu: Christine Meyer , Michael Tetzer, Katharina Rensch (Hrsg.): Liebe und Freundschaft in der Sozialpädagogik. Personale Dimension professionellen Handelns. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. ISBN 978-3-531-16406-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8517.php, Datum des Zugriffs 22.10.2020.


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