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Matthias D. Witte: Jugendliche in intensivpädagogischen Auslandsprojekten

Cover Matthias D. Witte: Jugendliche in intensivpädagogischen Auslandsprojekten. Eine explorative Studie aus biografischer und sozialökologischer Perspektive. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. 282 Seiten. ISBN 978-3-8340-0592-2. 19,80 EUR, CH: 34,60 sFr.
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Kontext und Anliegen

Im Rahmen der Hilfen zur Erziehung gelten individualpädagogische / intensivpädagogische Maßnahmen im Ausland gemeinhin zumeist als „finales Rettungskonzept“ für Jugendliche, die bereits eine Reihe von Jugendhilfemaßnahmen durchlaufen haben, aus Sicht der Einrichtungen in Gruppenkontexten nicht mehr tragbar sind und für die eine deutliche räumliche Distanz zum Herkunftsmilieu und/oder ihrer Peergroup notwendig erscheint. Solche Auslandsmaßnahmen werden in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert: die einen sehen darin einen „Export von Problemjugendlichen“, die anderen eine (letzte) Chance für einen Neuanfang in fremder Umgebung. Ungeachtet dieser Kontroverse, die in schöner Regelmäßigkeit immer wieder von den Medien aufgegriffen wird, zeigen diese Maßnahmen beachtliche Erfolge bei einer Gruppe von Jugendlichen, die von der Jugendhilfe schon fast aufgegeben waren.

Bislang liegen nur wenige Evaluations- und Wirkungsstudien vor, die zur Versachlichung dieses Diskurses beitragen könnten. Die hier von Matthias Witte vorgelegte Studie – entstanden als Dissertation – kann als wichtiger Beitrag angesehen werden, diese Lücke zu schließen. Die Studie hat zum Ziel, „sowohl die räumlich-soziale als auch die zeitliche Struktur ausgewählter Auslandsprojekte aus Sicht der Adressaten zu rekonstruieren, d.h., diese im Längsschnitt der Biografie und im Querschnitt der verschiedenen sozialräumlichen Lebensbereiche der betroffenen Jugendlichen darzustellen und zu analysieren. Thema ist also neben einer strukturellen Auseinandersetzung mit intensivpädagogischen Auslandsprojekten vor allem die Rekonstruktion der Wirklichkeitskonstruktionen von Jugendlichen, die in Jugendhilfemaßnahmen im Ausland leben.“ (15, Hervorhebungen im Original)

Aufbau und Inhalt

Die vorliegende Arbeit gliedert sich – neben Einleitung und Ausblick – in sechs Kapitel, wovon – wie in qualitativ-rekonstruktiven Studien üblich – die Dokumentation und Analyse der einzelnen Fälle den größten Raum einnimmt.

Im ersten Kapitel skizziert Witte knapp und prägnant die Geschichte des gesellschaftlichen Umgangs mit verhaltensauffälligen, sog. „schwierigen“ Jugendlichen von der Kaiserzeit bis zur Gegenwart und verknüpft in diesem Kontinuum die Entwicklung intensivpädagogischer Auslandsprojekte mit der Ausdifferenzierung der erzieherischen Hilfen nach Einführung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes.

Im darauf folgenden (kurzen) zweiten Kapitel beschreibt Witte erste Strukturmerkmale intensivpädagogischer Auslandsprojekte und verweist auf die unbefriedigende Forschungslage, die pädagogische Prozesse und Verläufe dieser Maßnahme als „Black Box“ erscheinen lassen.

Das dritte Kapitel dient der ausführlichen und differenzierten Darstellung der für Analyse und Interpretation herangezogenen theoretischen Grundlagen und Modelle. Dies ist zum einen das Konzept der Sozialphänomenologie von Alfred Schütz, das Witte heran zieht, um ein Phasenmodell des pädagogischen Normalisierungsprozesses im Verlauf einer Auslandsmaßnahme zu entwickeln. Er unterscheidet die Phasen

  • Diagnostizieren: Für die in dieser Phase notwendige Beobachtung, Beschreibung und Erklärung von Merkmalen des zu betreuenden Jugendlichen und die darauf aufbauende Formulierung konkreter und realistischer Ziele ist eine Verknüpfung diagnostischer Verfahren mit einer fallrekonstruktiven Erschließung der konkreten Wirklichkeitskonstruktionen der AdressatInnen notwendig, um die Koproduktion des betreuten Jugendlichen sicher zu stellen...
  • Delegitimieren: Dies meint das Erschüttern bislang funktionaler Handlungsroutinen und – logiken.
  • Neustrukturieren: Nachdem vertraute Handlungsroutinen nicht mehr greifen, werden in der neuen Umgebung und einer engen Vertrauensbeziehung zu BetreuerIn neue Verhaltens- und Handlungsmuster erworben.
  • Konsolidieren: In dieser Phase werden die schrittweise erworbenen neuen Kompetenzen und Strategien erprobt, stabilisiert und ggf. weiter entwickelt.
  • Transfer: Mitnahme und Übertragung des bisher Gelernten in den Alltag
  • Normalisierung: Etablierung der erworbenen Handlungskompetenzen und – muster als neue, selbstverständliche Routinen.

Diesem Modell folgend sind Strukturbrüche zwischen Phase 1 und 2 (Distanzierung vom Herkunftsmilieu und Herausnahme aus dem gewohnten Alltag) sowie zwischen den Phasen 4 und 5 (Rückkehr) für intensivpädagogische Maßnahmen im Ausland charakteristisch.
Die zweite theoretische Beschreibungs- und Deutungshilfe ist der komplexe sozialökologische Ansatz Urie Bronfenbrenners, der in seinem Mehrebenenmodell sechs unterschiedliche Erlebnis- und Deutungssysteme unterscheidet, die Witte zur Strukturierung und Deutung seiner Befunde heranzieht.

Im Kapitel 4 schließlich erläutert der Verfasser Forschungsdesign und – methoden seiner Untersuchung. Ausgangspunkt sind für ihn folgende Fragestellungen:

  • „1. Auf Grundlage welcher biografischer Erfahrungen beurteilen die Adressaten die sozialpädagogische Intensivbetreuung im Ausland? Welche Erlebnisse sind dafür ausschlaggebend?
  • 2. Wie und auf welcher Basis verändern sich die Selbstkonstruktionen und (Um-) Weltdeutungen der Jugendlichen mit dem Eintritt in die Auslandsbetreuung?
  • 3. Was denken die Adressaten über ihr aktuelles sozialökologisches Lebensmilieu im Ausland?
  • 4. Welche perspektivierten Zukunftsvorstellungen setzt die Alltagsexistenz im intensivpädagogischen Auslandsprojekt frei?“ (63)

Befragt wurden insgesamt 12 Jugendliche, die zwischen 4 und 24 Monate im Betreuungsprojekt lebten. Zentrales Erhebungsinstrument sind narrativ-biografische Interviews ergänzt durch teilnehmende Beobachtung und Fotointerviews vor Ort (im Ausland). Die Interviews werden nach ihrer Transkription inhaltsanalytisch ausgewertet und mit dem o.g. theoretischen Analyseinstrumenten geordnet und interpretiert. „Im Ergebnis der Datenanalyse kristallisierten sich drei Fälle als maximale Kontrastfälle heraus, die ein möglichst breites und vielschichtiges Spektrum an individuellen Entwicklungsverläufen aufzeigen.“ (75)

Diese drei Fälle sind ausführlich und sehr anschaulich im folgenden Kapitel 5 dokumentiert. In diesem Abschnitt gelingt es dem Verfasser nicht nur, das Erleben und die Wirklichkeitskonstruktionen der befragten Jugendlichen lebendig werden zu lassen. Darüber hinaus vermag er auch auf überzeugende Weise, das Mehrebenenmodell Bronfenbrenners für deren Interpretation nutzbar zu machen.

Das sechste Kapitel schließlich ist der „Theoretischen Verallgemeinerung der empirischen Ergebnisse und pädagogischen Schlussfolgerungen“ gewidmet. Entlang der weiter oben skizzierten Prozessphasen führt Witte die Befunde der Einzelfallanalysen überzeugend und plausibel zusammen und leitet konkrete Hinweise für die pädagogische Gestaltung der einzelnen Phasen und darüber hinaus gehende Schlussfolgerungen für ein produktives Setting intensivpädagogischer Arbeit ab.
Zusammenfassend stellt er fest, dass das von ihm gewählte Forschungsdesign zwar keine explizite und differenzierte Bestimmung einzelner Wirkfaktoren intensivpädagogischer Maßnahmen im Ausland zulässt. Aber: „Den Lebensläufen liegen (…) lange Jugendhilfekarrieren zugrunde, die auf der Entscheidungsgewalt von Fachpersonal basieren, das zu wissen glaubt, was das Beste für die Jugendlichen sei, und diese entsprechend in scheinbar adäquaten Hilfeformen unterbringt. Die Tatsache, dass die Jugendlichen trotz alledem aufgrund von Hilflosigkeit und Überforderung von Institution zu Institution weitergereicht wurden, verdeutlicht die Divergenz zwischen dem von den Professionellen für die Jugendlichen erarbeiteten Lebensentwurf und dessen eigenen Zukunftsvorstellungen (…).“ (S. 262)
Vor diesem Hintergrund fordert er, zum pädagogischen Ausgangspunkt zu nehmen „(…) wie die Jugendlichen ihre Situation begreifen, damit umgehen und Perspektiven entwickeln.“ (ebd.)
Eine substantielle Partizipation der AdressatInnen ist dafür eine unabdingbare Voraussetzung. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Erkenntnis, wie komplex und differenziert sich pädagogische Prozesse in den Wahrnehmungs- und Deutungsmustern der Jugendlichen abbilden. Dies macht eine multiperspektivische Wahrnehmung bei der Gestaltung der jeweiligen pädagogischen Settings erforderlich. Monokausale Erklärungsmodelle von Devianz wirken dem ebenso entgegen wie (vermeintlich) klare Schuldzuschreibungen, die jugendliche Adressaten zu Tätern machen wollen und sie nicht als „Symptomträger“ des sie umgebenden Systems betrachten. Dieser Zusammenhang sollte seiner Auffassung nach durch Studien erhellt werden, die systematisch die Perspektiven aller Beteiligten aufeinander beziehen.

Fazit

Die hier vorgelegte Arbeit ist in mehrfacher Hinsicht ein wichtiger Beitrag sowohl für den wissenschaftlichen Diskurs wie auch für die Weiterentwicklung der Konzepte intensivpädagogischer Auslandsprojekte.

Für Theorieentwicklung und wissenschaftlichen Diskurs besticht die vorliegende Arbeit durch ihre präzisen Begrifflichkeiten, ihre systematische Analyse und ihre plausible theoriegeleitete Interpretation der Aussagen und Wirklichkeitskonstruktionen der jugendlichen Adressatinnen und Adressaten. Diese Studie ist ein hervorragendes Beispiel für die Aussagekraft und Prägnanz rekonstruktiver qualitativer Forschung.

Für die Weiterentwicklung pädagogischer Konzepte liefert sie eine Fülle aussagekräftiger und hilfreicher Informationen über Schlüsselsituationen, Prozesse und Wirkfaktoren intensiv-/ individualpädagogischer Arbeit aus der Perspektive der betreuten Jugendlichen. Insofern ist die Arbeit empirisch orientierten Wissenschaftlerinnen und Studierenden ebenso zu Lektüre zu empfehlen wie pädagogischen Fachkräften, die ihr pädagogischen Konzepte und Handlungsstrategien theoriegeleitet reflektieren und weiterentwickeln möchten. Allerdings – und das ist der Preis für wissenschaftliche Prägnanz und Akkuratesse sowie den formalen Anforderungen des Entstehungskontextes (Dissertation) geschuldet – ist die Lektüre für PraktikerInnen, die ungeübt im Lesen wissenschaftlicher Texte sind, über manche Strecken eine Herausforderung, die Geduld und Ausdauer erfordert. Trotzdem: die Lektüre lohnt allemal!


Rezensent
Dipl.-Soz. Willy Klawe
war bis März 2015 Hochschullehrer an der Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg. Jetzt Wissenschaftlicher Leiter des Hamburger Instituts für Interkulturelle Pädagogik (HIIP)
Homepage www.klawe-sozialepraxis.de
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Zitiervorschlag
Willy Klawe. Rezension vom 13.02.2010 zu: Matthias D. Witte: Jugendliche in intensivpädagogischen Auslandsprojekten. Eine explorative Studie aus biografischer und sozialökologischer Perspektive. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2009. ISBN 978-3-8340-0592-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8518.php, Datum des Zugriffs 18.08.2017.


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