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Todd Whitaker: Was gute Lehrer anders machen

Cover Todd Whitaker: Was gute Lehrer anders machen. 14 Dinge, auf die es wirklich ankommt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. 125 Seiten. ISBN 978-3-407-62655-4. D: 16,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 29,20 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Todd Whitaker möchte sein Buch nicht als Leitfaden verstanden wissen. Er möchte vielmehr erarbeiten, worin sich gute Lehrer, die er auch als effektive Lehrer bezeichnet, von weniger guten und weniger effektiven Kollegen unterscheiden. Nach vielen Berufsjahren als Lehrer und Schulleiter arbeitete Whitaker an mehreren Studien über Schulleiter mit. Außerdem arbeitete er als Schulberater, wurde von Schulen und Schulämtern eingeladen, um mit Lehrern zu arbeiten und kam so in mehr als 50 Schulen pro Jahr. Hierbei kam er ständig mit guten und weniger guten Lehrern in Kontakt. Dabei stellte er sich immer wieder die Fragen: Warum sind die Guten gut? Was zeichnet sie aus? Worin unterscheiden sie sich von den weniger guten? Die Anregung, dieses Buch zu schreiben kam von den Lehrern, mit denen der Autor gearbeitet hatte.

Autor

Todd Whitaker verfügt über jahrelange Berufserfahrung als Lehrer und Schulleiter. Heute ist er Professor an der Indiana State University in Terre Haute, Indiana. In Amerika zählt er zu den führenden Experten für Lehrerbildung, Unterrichts- und Schulentwicklung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist neben dem Einführungskapitel und dem Abschlusskapitel in vierzehn Kapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Hier soll weniger auf einzelne Unterkapitel eingegangen werden als auf einige wesentliche Statements.

Im ersten Kapitel zeigt der Autor, dass nicht Programme und Methoden für guten Unterricht und gute Schulen verantwortlich sind, sondern die Persönlichkeit der Lehrer.

Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Macht der Erwartungen. Gute Lehrer stellen Erwartungen an die Schüler, die sie zu Beginn des Schuljahres klar formulieren und die positiv verstärkt werden und sie stellen Erwartungen an sich selbst. Aber das Wesentliche ist der Beziehungsaufbau zu den Schülern, so dass diese die Erwartungen, die der Lehrer an sie hat, erfüllen wollen.

Im dritten Kapitel geht es darum, wie Lehrer mit Fehlverhalten von Schülern umgehen. Gute Lehrer haben nur das Ziel, dass sich das Fehlverhalten nicht wiederholt. Ineffektiven Lehrern geht es mehr um Rache, um Bestrafung. Eigentlich alle Lehrer verfügen gleichermaßen über dieselben Optionen für den Umgang mit Fehlverhalten von einem Schüler, wie Blickkontakt, den Schüler zum Schulleiter schicken, ihm eine Auszeit geben, mit ihm eine Diskussion beginnen, ihn vor die Tür schicken, ihn anschreien, ihn ignorieren, ihn verlegen machen, einen anderen Schüler für sein gutes Benehmen loben, um nur einige zu nennen. Nach Whitaker haben alle Lehrer dieselben Instrumente in ihrer „Trickkiste“, aber entscheidend ist, welche überhaupt ausgewählt werden, in welcher Situation und wie häufig. So greifen schlechte Lehrer zu häufig in die Trickkiste und holen dann auch üble Tricks heraus. Sarkasmus und Anschreien gehören zu den Reaktionen, die ein Lehrer nie anwenden sollte. (Ausnahme für das Anschreien ist ein echter Notfall, wenn im Chemiesaal Gefahr droht.) Hingegen sollte ein Lehrer seinen Schülern und deren Eltern Respekt entgegenbringen, auch wenn sich diese schlecht verhalten. Das macht die Professionalität aus.

Das sehr kurze vierte Kapitel kann in einem Satz zusammengefasst werden: „Gute Lehrer stellen hohe Anforderungen an ihre Schüler, aber noch höhere an sich selbst“ (S. 124).

Im fünften Kapitel geht der Autor auf einen seiner tiefsten Grundsätze ein, nämlich der Übernahme von Verantwortung. Die Hauptvariable im Unterricht sind nicht die Schüler, sondern der Lehrer. Dieser Verantwortung müssen sich Lehrer stellen.

Das sechste Kapitel stellt die Bedeutung des Lobes und der Vorbildfunktion in den Vordergrund. Effektive Lehrer behandeln jeden, an jedem Tag mit Respekt und Wertschätzung und sie loben ihre Schüler. Das Lob sollte authentisch, spezifisch, unmittelbar, einschränkungslos und nicht öffentlich sein. Das Lob „ist ein mächtiges Instrument zur Verstärkung und Motivation“ (vgl. S. 54). Aber es hilft auch, dass sich der Lehrer selbst gut fühlt.

Im siebten Kapitel stellt Whitaker den Lehrer als Filter für die Schulwirklichkeit dar. Ein Lehrer kann mit seiner Reaktion, mit seinem Verhalten die Atmosphäre im Klassenzimmer und in der Schule an sich positiv oder auch negativ beeinflussen. Die Reaktion auf schwierige Schüler oder „schlimme Klassen“ kann zu einer Verschlechterung oder auch zu einer Verbesserung auf Schülerseite führen. Mit einer Negativeinstellung des Lehrers wird eher eine Verschlechterung eintreten, mit einer positiven Herangehensweise wird eher eine erfolgreiche Lernumgebung geschaffen und die Schüler werden auf eine positive und professionelle Stimmung auch positiver reagieren.

Das achte Kapitel beschreibt die Bedeutung der Fähigkeit, mit Schülern menschlich umzugehen. Effektive Lehrer achten genau auf alles, was sie sagen und tun. Sie vermeiden persönliche Spitzen und Verletzungen. Professionelle Pädagogen dürfen nie sarkastisch oder herabsetzend sein. Sie sind sich ihrer Vorbildrolle bewusst und handeln entsprechend. Es gibt Lehrer, die sich so verhalten und auch versuchen, Verhaltensweisen den Schülern zu vermitteln, die eine Situation repariert, statt sie eskalieren zu lassen. Dies sind die guten Lehrer. Hier gibt es nichts oder wenig zu reparieren. Die weniger guten Lehrer beleidigen und verletzen Schüler häufig und bemerken es oft selbst nicht. Sie hätten ständig etwas zu reparieren, tun es aber nicht.

Im neunten Kapitel wird auf die Fähigkeit zu ignorieren, eingegangen. Gute Lehrer nehmen fast alles im Unterricht wahr, wissen aber sehr genau, auf was, zu welcher Zeit und wie sie reagieren. Sie können unwichtige Störungen übergehen und reagieren bei Fehlverhalten so, dass die Situation nicht eskaliert.

Das zehnte Kapitel schildert sehr eindrücklich, wie wichtig die Planung für einen guten Unterricht ist. Gute Lehrer gestalten bewusst die Rahmenbedingungen ihrer Stunden. Sie planen, sie ändern und passen sich den jeweiligen Gegebenheiten an. Wenn sich z. B. bestimmte Schüler erneut für eine Gruppenarbeit zusammentun und dabei nichts zustande bringen, wird sich der schlechte Lehrer immer wieder beklagen und die Schuld bei den Schülern suchen. Der gute Lehrer wird in derselben Situation die Verantwortung übernehmen und die Gruppenzusammensetzung zukünftig beeinflussen. Dies macht er ohne einen Machtkampf herbeizuführen. Er wird eine Zusammensetzung nach alphabetischer Reihenfolge bestimmen oder Gruppen bilden lassen, wie sie bisher noch nicht zusammengesetzt waren. Nach Whitaker ist es einfacher zu klagen, als einen anderen Verlauf zu planen.

Im elften Kapitel geht es darum, dass sich Lehrer nicht an den schlechteren Schülern orientieren sollen, wenn sie Entscheidungen treffen wollen, sondern an den guten. Hier wird nicht nur die gute Leistung der Schüler gesehen, sondern auch die sozialen Kompetenzen. Diese Einsicht hat der Autor von Erkenntnissen abgeleitet, die er über die Zusammenarbeit mit Schulleitern und Lehrern gewonnen hat. Es ist nicht von Vorteil wegen einzelnen Übeltätern weitreichende Richtlinien zu erlassen. Wenn die guten Schüler nicht genügend motiviert werden, verlieren nicht nur sie den Schwung, sondern die ganze Klasse. Bei einem guten Klassenmanagement herrscht eine gute Atmosphäre mit positiven Energien, die allen zu gute kommen. Ein guter Lehrer findet einen Weg, wie er jeden Schüler „mitnehmen“ kann.

Das zwölfte Kapitel vertieft noch einmal, was im vorangegangenen Kapitel dargestellt wurde.

Das dreizehnte Kapitel widmet sich dem Umgang von Lehrern mit Tests. Vergleichsarbeiten und zentrale Tests werden immer wieder neu diskutiert und die persönlichen Ansichten von Lehrern spielen eine große Rolle. Effektive Lehrer stellen diese Tests nicht in den Vordergrund ihrer Arbeit und sehen sich nicht beherrscht von den Anforderungen diesbezüglich. Sie berücksichtigen, dass die Tests nur ein Teil ihrer Aufgabe sind, sie lassen ihren Unterricht nicht darauf reduzieren. Lehrer und Schulleiter von erfolgreichen Schulen erwähnten bei Befragungen über wichtige Kompetenzen der Schüler wohl die Tests, zählten aber auch soziale Fähigkeiten auf. Lehrer und Schulleiter von Schulen, an denen Vergleichsarbeiten und zentrale Tests unterdurchschnittlich ausfielen, definierten die Schülerleistung nur anhand der Tests.

Im vierzehnten Kapitel stellt Whitaker seine Grundprinzipien dar, denen er als Lehrer und Schulleiter gefolgt ist. Sein Hauptziel war, dass es in seiner Klasse und in seiner Schule „cool“ war, sich zu engagieren, bezogen auf Schüler, Lehrer und Eltern. Dies kann nur erfolgen, wenn jeder jeden mit Respekt und Würde behandelt, wenn immer positiv an alle Dinge herangegangen wird. Besonders Schulleiter und Lehrer müssen sich stets vorbildlich verhalten. Der Autor sah es immer als Herausforderung, alle Schüler dazu zu bringen, dass sie sich für den Unterricht interessieren. Whitaker wollte Schüler und Lehrer nicht allein mit Logik motivieren, sondern wollte sie vor allem emotional erreichen. Große Pädagogen kennen die Kraft der Emotionen, um zu motivieren und auch Veränderungen zustande zu bringen.

In seinem Ausblick fasst der Autor noch einmal kurz einige Grundüberzeugungen zusammen. So ist er überzeugt, dass Lehrer ein Filter sind für alles, was im Klassenzimmer passiert und dass die Qualität der Lehrer die Qualität der Schule bestimmt. Der Erfolg beruht nach Whitaker nicht auf Programmen, sondern auf Menschen. Programme sind eben immer nur so gut, wie die Menschen, die sie anwenden und umsetzen. Jeden mit Respekt und Würde zu behandeln, jeden Tag, ist für ihn eine Grundvoraussetzung für ein Vertrauensverhältnis, für eine positive Atmosphäre, für Akzeptanz und die nötige Motivation für Schüler und Lehrer.

Diskussion

Bücher dieser Art gibt es wenige und wenn sie von einem Theoretiker geschrieben sind, werden sie nicht selten mit dem Argument abgewertet, der Autor habe eben von der Praxis keine Ahnung. Dieses Buch ist von einem Experten geschrieben, der weiß, wovon er redet, denn er arbeitete viele Jahre selbst als Lehrer und Schulleiter. In seiner Arbeit als Schulberater lernte er viele weitere Schulen und Lehrer kennen, gute und schlechte. Er war immer wieder auf der Suche nach den Variablen, die die guten von den schlechten Lehrern unterscheiden. Das Ziel war, von den Besten lernen, um die Qualität der Lehrer, und somit der Schulen verbessern zu helfen. Der Autor bestreitet nicht, dass ein gutes Fachwissen und gute Programme für erfolgreiches Lehren wichtig sind, er sieht jedoch die Persönlichkeit des Lehrers und seine Grundeinstellungen als die wesentlichen Faktoren für die Qualität des Unterrichts an. Die Hauptvariable im Unterricht sind nicht die Schüler, sondern der Lehrer. Es werden viele Beispiele beschrieben, die wohl jeder von uns aus eigener Schulzeit kennt. Auch der Leser hat gute und schlechte Lehrer erlebt und wird bestätigen können, dass ein Lehrer, der Schüler mit Respekt behandelt, besser für Leistungen motivieren kann als ein Lehrer, der häufig zynische oder sarkastische Kommentare abgibt. Ein Lehrer, der selbst mit Elan an neue Herausforderungen herangeht, kann die Schüler eher dazu bringen, sich neuen Aufgaben zu stellen, als der Kollege, der sich selbst ständig über die zu große Klasse, die zunehmend schwierigen Schüler und die schlechte Bildungspolitik beschwert. Um als Lehrer von Schülern akzeptiert zu werden, muss dieser das vorleben, was er einfordert. Das macht die Glaubwürdigkeit aus. Und nur ein Lehrer, der seinen Beruf spannend findet, wird Schüler mitreißen können. Gute Lehrer können nicht nur die guten Schüler, sondern alle Schüler mitnehmen. Hierzu ist das Fingerspitzengefühl für die Emotionale Komponente des Berufes von großer Bedeutung. Ein Lehrer wird den Verstand seiner Schüler um so eher erreichen, wenn er zuvor einen emotionalen Kontakt zu ihnen herstellen kann. „Die Schüler engagieren sich für gute Lehrer, weil sie wissen, dass gute Lehrer sich für sie engagieren“ (S.119).

Obwohl der Autor in den Vereinigten Staaten wirkt und seine Erfahrungen dort gesammelt hat, decken sich diese mit der Situation in Deutschland. Insofern können die Erkenntnisse und Anregungen auch für reflexionswillige Lehrer (und auch Schulleiter) hier von großer Bedeutung sein. Für die Lehrerausbildung hier zu Lande sollten endlich die sozialen Kompetenzen des angehenden Lehrers mehr berücksichtigt werden. In Ländern, die in der Pisa Studie besser abgeschnitten haben, ist dies der Fall.

Fazit

Schon lange habe ich beim Lesen eines Fachbuches nicht mehr so viel Spaß gehabt. Es ist in einer einfachen, verständlichen Sprache verfasst und ist sehr ehrlich und direkt. Viele anschauliche Beispiele verdeutlichen dargestellte Sachverhalte. Es ist kein wissenschaftliches Buch, will es auch nicht sein, es handelt eher subjektiv von den langjährigen Erfahrungen des Autors. Allerdings gibt es für viele der dargestellten Erkenntnisse wissenschaftliche Belege.

Geeignet ist das Buch für alle Lehrer und Schulleiter, aller Schulformen und Altersgruppen. Lehrer allerdings, die lieber über die schlimmen Schüler, Eltern und Politiker klagen, als ihren eigenen Unterricht zu hinterfragen, sollten lieber die Hände davon weglasse! Oder vielleicht doch nicht?!


Rezension von
Beate Sonsino
M.A. - Tätig in der Aus- und Fortbildung von Lehrern und pädagogischem Fachpersonal
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Zitiervorschlag
Beate Sonsino. Rezension vom 09.11.2009 zu: Todd Whitaker: Was gute Lehrer anders machen. 14 Dinge, auf die es wirklich ankommt. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2009. ISBN 978-3-407-62655-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8526.php, Datum des Zugriffs 06.05.2021.


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