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Michael Ganß: Demenz - Kunst und Kunsttherapie

Cover Michael Ganß: Demenz - Kunst und Kunsttherapie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. 360 Seiten. ISBN 978-3-940529-50-3. 34,90 EUR.
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Autor

Michael Ganß ist Diplom-Gerontologe, Diplom-Kunsttherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Demenz Support Stuttgart. Er arbeitet schon seit vielen Jahren als freiberuflicher Kunsttherapeut und ist stellvertretender Vorstand der Werkstatt Demenz e.V. Berlin (vgl. auch die Rezension zu Ganß und Linde, „Kunsttherapie mit demenzkranken Menschen“ )

Auch in diesem Buch geht es dem Autor wieder in erster Linie um die Begegnung mit dem Menschen – und nicht mit der Demenz. „Kunst braucht keinen festen Ort, Kunst ist eine Haltung!“

Thema

Wie ein roter Faden ziehen sich drei Fragen durch dieses Buch:

  • Welchen Gewinn ziehen Menschen mit Demenz aus künstlerischem Gestalten?
  • Verändert Demenz die künstlerische Arbeit?
  • Ist die Kunst von Menschen mit Demenz „echte“ Kunst

Michael Ganß hat hier ein Grundlagenwerk geschrieben, das differenziert und umfassend die Zusammenhänge zwischen Demenz, Kunst und Therapie beleuchtet.

Vorwort

„Es ist höchste Zeit, dass zwischen der Demenzwelt und den Lebensbereichen von Kunst und Gesellschaft die Mauern eingerissen und Begegnungen möglich werden.“ So endet das Vorwort von Peter Wißmann, dem Geschäftsführer und wissenschaftlichen Leiter der Demenz Support Stuttgart. Er betrachtet die kunst- und musiktherapeutischen Angebote in Pflegeeinrichtungen als eine Art von Sahnehäubchen, das meist nicht einmal vernünftig mit dem eigentlichen Pflegegeschehen verknüpft ist. Es erscheint ihm auch sehr fraglich, ob sich menschliche Bedürfnisse, wie z. B. die nach schöpferischem Ausdruck, auf ein bis zwei festgelegte Stunden pro Woche fixieren lassen.

Ziele

Der Autor will Impulse geben für einen erweiterten Blick auf die Potenziale Demenzkranker, und er will hierfür Entfaltungsräume schaffen. Menschen mit Demenz sind auf beeindruckende Weise in der Lage, sich durch künstlerische Arbeiten auszudrücken. Hinter der mentalen Fassade, die zerbricht, kommen Gefühle hervor, die nach Ausdrucksmöglichkeiten suchen. Ganß vertritt die Ansicht, dass künstlerische Arbeit mit Demenzkranken auch dann noch möglich ist, wenn diese einen Pinsel nicht mehr von einer Schere unterscheiden können; und er stellt eine These auf, die ganz besonders beeindruckt: Künstlerisches Handeln ist nicht trotz Demenz sondern aufgrund von Demenz möglich. Das bedeutet, dass sich bei der kunsttherapeutischen Arbeit das Augenmerk weniger auf die Wiederherstellung verlorener Fähigkeiten - als vielmehr auf die Nutzung bisher noch gar nicht entwickelter Fähigkeiten richtet.

Das erfordert auch einen Blick auf das, was sich hinter den Defiziten verbirgt. Dazu benötigen Mitarbeiter Einfühlungsvermögen, unaufdringliches Hinlenken und geduldiges Warten-können. Nur so werden Fähigkeiten verfügbar gemacht, die die Kranken oft – ohne es zu wissen – ein Leben lang in sich getragen haben. Dabei können diese Menschen sich sowohl künstlerisch als auch persönlich noch weiterentwickeln.

Aufbau und Inhalt

Ein erstes Kapitel geht ausführlich auf das Krankheitsbild Demenz ein; ein weiteres befasst sich mit den Themen Kunst, Wahrnehmung, Kunst der Geisteskranken, z.B. Prinzhorn-Sammlung und Art brut. Ganß beschreibt ausführlich Gemeinsamkeiten bei Künstlern, die an Demenz erkrankt sind, wie z.B. Carolus Horn und Willem de Kooning.

Im Folgenden geht es um die Bedeutung von Kunst in der menschlichen Entwicklung. Ganß sucht nach Parallelen zwischen der Kunst von Kindern und alten Menschen, betont aber, dass die zu der jeweiligen Lebensphase gehörenden Aufgaben und Entwicklungsschritte sich unterscheiden. Menschen mit Demenz werden demnach nicht – wie oft behauptet- wieder zu Kindern.

Kapitel 5 behandelt den Therapiebegriff. Ganß sieht sich als Therapeut in der Rolle eines einfühlsamen Begleiters und den therapeutischen Prozess als Selbst-Therapie. Dabei bezieht er sich u.a. auf Rogers, für den jede gute Beziehung- auch außerhalb therapeutischer Situationen – zur Therapie werden kann. Der Autor behandelt ausführlich medikamentöse und nicht medikamentöse Therapien, und er beschreibt verschiedene Ansätze kunsttherapeutischer Arbeit bei Demenz.

Ein Kapitel ist überschrieben mit: „Künstlerische Begegnungen im offenen Atelier“. Ganß berichtet den Lesern von einem konkreten Projekt in einem Alten- und Pflegeheim – d.h. von der künstlerischen Begegnung mit zwei alten, an Demenz erkrankten Menschen, die er über einen längeren Zeitraum begleitet hat.

Es folgen ausführliche „Werkbetrachtungen“ und „allgemeine Schlussfolgerungen aus der langjährigen kunsttherapeutischen Begleitung dieser beiden Menschen“. In diesen Werkbetrachtungen wird deutlich, dass individuelle Entwicklung trotz Demenz möglich ist; und so stellt Ganß abschließend die immer noch verbreitete zerfallsorientierte Sicht auf die Demenz in Frage.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich an alle, die sich für die Themen: Demenz, Kreativität, Kunst und Therapie interessieren und die nach Antworten auf die obengenannten Fragen suchen.

Fazit

Alles in allem wieder einmal ein Buch, das Mut macht, das motiviert und das sicherlich viele Leser -so wie ich - immer wieder gerne in die Hand nehmen werden.


Rezension von
Gisela Stoll
Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Validationsanwenderin (VTI)
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Zitiervorschlag
Gisela Stoll. Rezension vom 16.03.2010 zu: Michael Ganß: Demenz - Kunst und Kunsttherapie. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2009. ISBN 978-3-940529-50-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8543.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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