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Sabrina Simon: Gewaltbereite Mädchen in sozialen Brennpunkten

Cover Sabrina Simon: Gewaltbereite Mädchen in sozialen Brennpunkten. Zwischen Frustration und misslungener Kommunikation. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2009. 119 Seiten. ISBN 978-3-89975-936-5. 39,90 EUR.
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Thema

Sabrina Simon widmet sich der Frage, welchen Einfluss das Leben in sozialen Brennpunkten für die Entwicklung von Gewalt bei Mädchen hat.

Entstehungshintergrund

Bei der Buchveröffentlichung handelt es sich um eine Magisterarbeit. Die Bedeutung des Themas wird aus dem unzureichenden Forschungsstand und der Annahme hergeleitet, dass Mädchengewalt in sozialen Brennpunkten aufgrund zunehmender sozioökonomischer Disparitäten ansteigen könne.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin beginnt ihre Arbeit nach einer einleitenden allgemeinen Übersicht zu Mädchengewalt in der öffentlichen Wahrnehmung und einem Überblick über den Aufbau ihrer Arbeit in Punkt 1 mit theoretisch reflektierten Begriffserläuterungen und Definitionen. Für ihr empirisches Projekt entscheidet sich Sabrina Simon für einen engen, auf physische Gewalt fokussierten Begriff, will Gewalt aber gleichzeitig als strukturelle Gewalt verstanden wissen, um die Chancenungleichheit des Lebens in sozialen Brennpunkten einbeziehen zu können. Als wichtiges Element ihres Gewaltbegriffs betont die Autorin das Konzept der „misslungenen Kommunikation“ – einerseits als Komplexitätsreduktion, andererseits als Folge von Missverständnissen.

Punkt 2 der Publikation liefert eine Bestandsaufnahme zu Mädchengewalt und verdeutlicht den Mangel an Forschungsarbeiten speziell zur Mädchengewalt.

In Punkt 3 klärt die Autorin den Begriff „sozialer Brennpunkt“ und stellt zentrale Komponenten von Benachteiligungslagen für Mädchen in sozialen Brennpunkten dar. Unter einer Geschlechterperspektive sieht Sabrina Simon Mädchen von Armut besonders betroffen, da der mangelnde Zugang zu Statussymbolen in der Pubertät ihre soziale Teilhabe beeinträchtige und belastete Familienkonstellationen zusammen mit dem Druck zur Verantwortungsübernahme ihre Entwicklungsspielräume einschränke. Im Ausbildungsbereich sowie in der Unterstützung von Bildungsambitionen in einkommensschwachen Familien konstatiert sie geschlechtsspezifische Benachteiligungen vor dem Hintergrund von traditionellen Rollenorientierungen. Mangelnde ökonomische Ressourcen engen auch das Freizeitverhalten ein, da der geringen Attraktivität des Wohnumfelds nicht entflohen werden kann und der Aufenthalt im Freiraum die Gefahr der Sexualisierung und Verdrängung für Mädchen mit sich bringe.

In Punkt 4 entfaltet die Autorin entlang zentraler sozialwissenschaftlicher und kriminologischer Theorieansätze – Anomietheorie, Subkulturtheorie, Desintegrationstheorie, Theorie des differentiellen Lernens – die Bedeutung benachteiligender Lebenslagen in sozialen Brennpunkten für Mädchengewalt und entwirft so den analytischen Rahmen für die Auswertung ihrer empirischen Erhebung.

In Punkt 5 beschreibt die Autorin die Anlage ihrer qualitativen Untersuchung: die Kriterien für die Auswahl der vier 14- bis 18-jährigen Mädchen und einer Expertin, die sie interviewt hat, das Vorgehen beim Feldzugang und der Durchführung der Interviews, die Erhebungsmethode des problemzentrierten Interviews und die Auswertungsmethode des thematischen Kodierens, angelehnt an die Grounded Theory.

Punkt 6 widmet sich den Untersuchungsergebnissen. Sabrina Simon skizziert knapp ihre Interviewpartnerinnen und widmet sich sodann ihren kategoriengeleiteten Auswertungsbefunden, die sich auf die aus dem Untersuchungsmaterial und den theoretischen Vorannahmen gewonnenen Kernkategorien „Gewalt“, „Wohnumfeld“ und „Soziale Kontakte“ beziehen. Am Ende der kategorialen Abschnitte werden jeweils die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst.
Unter „Gewalt“ – dem umfangreichsten der Abschnitte – arbeitet die Forscherin heraus, dass die befragten Mädchen Gewalt übereinstimmend in erster Linie als physische Übergriffe definieren und dass sie Gewaltausübung als effektive Form sehen, um Konflikte zu lösen und Interessen durchzusetzen, auch wenn sie generell Gewalt „nicht gut“ finden. Weil ihre Kontrahentinnen (überwiegend richtet sich Gewalt gegen Mädchen) nicht imstande seien, Auseinandersetzungen in der von ihnen eigentlich bevorzugten verbalen Form auszutragen, seien sie gezwungen, Gewalt anzuwenden. Sabrina Simon interpretiert in diesem Kontext Gewalt „als eine auf einer Reduktion sozialer Komplexität basierenden Form der misslungenen Kommunikation“ (S. 79). Misslungene Kommunikation kann auch Anlass für provokative Gewalt bieten, z.B. wenn es Missverständnisse in dichten kommunikativen Mädchen-Netzwerken gibt. Vorwiegend bewegen sich die Gewaltanlässe auf der Beziehungsebene und dienen dem Zweck, das eigene Ansehen zu behaupten, den persönlichen Status zu erhöhen sowie Macht auszuüben. Gewalt stellt aufgrund mangelnder Ressourcen und Möglichkeiten eine Strategie dar, um diese begehrten Ziele zu erreichen.
Unter der Kategorie „Wohnumfeld“ stellt die Autorin fest, dass die sozioökonomischen Bedingungen, das Leben im sozialen Brennpunkt und Zukunftsperspektiven im Rahmen von Bildung, Ausbildung und Familienplanung von den Mädchen nicht als benachteiligend erlebt werden, wenn sie keine Vergleichsmöglichkeiten mit Bezugsgruppen in besser situierten Lebenslagen haben und sie die Komplexität der Schwierigkeiten, unter Individualisierungsbedingungen das Leben den eigenen Wünschen entsprechend zu gestalten, (noch) nicht erfassen. Nehmen die Mädchen Benachteiligungen wahr, so führen sie diese auf problematische Familienverhältnisse zurück. Bei einem Mädchen stellt Sabrina Simon jedoch Zusammenhänge zwischen Frustrationen aufgrund von Benachteiligungsgefühlen und „gewaltaffinen Einstellungen“ (S. 108) fest.
Die Bedeutung sozialer Kontakte im Einfluss auf Gewalt erweist sich bezogen auf die mehrfach problembelasteten Familien der Mädchen innerhalb der Untersuchungsgruppe als diskrepant. In zwei Fällen werden die familiären Strukturen und Erfahrungen als ursächlich für die Entwicklung gewalttätiger Verhaltensweisen wahrgenommen, auch wenn enge familiäre Bindungen – wie bei den beiden anderen Mädchen – trotz Gewalterfahrungen bestehen. Bei ihnen erweist sich auch der Einfluss der Gleichaltrigengruppen als Lernfeld für Gewalt, während in den anderen beiden Fällen deren subkulturelle gewaltorientierte Werte nicht übernommen werden und das Verhalten maßgeblich beeinflussen. In einem Fall führt eine Partnerschaft zur Abnahme von Gewalthandeln.

Punkt 7 ist einem „Fazit und Ausblick“ (S. 107) gewidmet. Nach der Zusammenfassung der Ergebnisse ordnet die Autorin die wissenschaftliche Verwertbarkeit ihrer Arbeit ein und weist darauf hin, dass auch ein „fragmentarisches Bild der Realität“ die „subjektive Logik der Gewalt“ (S. 110) erschließen kann. Mit Blick auf Forschungslage und gewaltpräventive Praxis betont Sabrina Simon, dass Nachholbedarf bei der Klärung des Zusammenhangs zwischen Mädchengewalt und Aufwachsen in sozialen Benachteiligungslagen besteht – insbesondere angesichts einer zunehmenden ökonomischen Spaltung der Gesellschaft, mit der ein Anstieg der Zahl gewaltbereiter Mädchen in sozialen Brennpunkten einhergehen könne.

Diskussion

Sabrina Simon greift mit ihrer Untersuchung zur Mädchengewalt ein in der Forschung noch immer stiefmütterlich behandeltes Thema auf. Sie hat ihre Veröffentlichung in klassischer Manier einer Qualifikationsarbeit aufgebaut, so dass Begriffsklärungen, Forschungsstand – dieser hätte aktueller sein können – und theoretische Ansätze der Leserschaft den Zugang zum Thema öffnen. Die Ergebnisdarstellung hätte gerne etwas umfangreicher sein können. So könnte eine ausführlichere fallanalytische Darstellung es erleichtern, die kategoriengeleiteten Ergebnisse einzuordnen und nachzuvollziehen. Eine solche Vorgehensweise hätte möglicherweise auch bedingt, sich stärker am empirischen Material als an Kategorien zu orientieren, die aus theoretischen Annahmen und vorliegenden Forschungsergebnissen gewonnen wurden. Dadurch wäre es auch leichter gewesen, eine teilweise quantifizierende Interpretation im Vergleich mit vorliegenden Forschungsresultaten zu vermeiden, die dem qualitativen Design nicht angemessen erscheint,

Positiv hervorzuheben ist, dass Sabrina Simon mit dem Fokus auf Mädchen in sozialen Brennpunkten versucht, geschlechtsspezifische und sozioökonomische Benachteiligungslagen zu verknüpfen und in Beziehung zu Mädchengewalt zu setzen. Insbesondere qualitative Untersuchungsanlagen bieten sich an, neue Gesichtspunkte herauszuarbeiten und die komplexen Zusammenhänge mit anderen Einflussfaktoren auf gewaltorientierte Handlungsmuster zu erhellen. In der Arbeit von Sabrina Simon klingt dies immer wieder an, hätte aber durchaus noch mehr Raum einnehmen können. Auch angesichts des Ergebnisses, dass soziale Benachteiligungslagen von den interviewten Mädchen kaum reflektiert werden, können die Untersuchungsergebnisse als Auftrag für die weitere Forschung betrachtet werden, diesen Zusammenhängen weiter nachzuspüren.

Fazit

Das Buch von Sabrina Simon ist für den Einstieg in das Thema „Mädchen und Gewalt“ gut geeignet. Insbesondere Studierende können von den Begriffsklärungen, der Darstellung der theoretischen Ansätze und den Erfahrungen beim Feldzugang profitieren. Mit dem Fokus auf das Leben in sozialen Brennpunkten ist ein Bezug zwischen Benachteiligungslagen und Mädchengewalt aufgegriffen worden, der in der öffentlichen Diskussion immer wieder vernachlässigt wird.


Rezension von
Dipl. Soz. Kirsten Bruhns
M.A. Päd.
Homepage www.dji.de


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Zitiervorschlag
Kirsten Bruhns. Rezension vom 30.06.2010 zu: Sabrina Simon: Gewaltbereite Mädchen in sozialen Brennpunkten. Zwischen Frustration und misslungener Kommunikation. AVM - Akademische Verlagsgemeinschaft München (München) 2009. ISBN 978-3-89975-936-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8552.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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