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Ralf Schneider, Birgit Szczyrba u.a. (Hrsg.): Wandel der Lehr- und Lernkulturen

Cover Ralf Schneider, Birgit Szczyrba, Ulrich Welbers, Johannes Wildt (Hrsg.): Wandel der Lehr- und Lernkulturen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2009. 261 Seiten. ISBN 978-3-7639-3896-4. 29,90 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Blickpunkt Hochschuldidaktik - Band Nr. 120.
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Thema

Der Band thematisiert den Wandel der Lehr- und Lernkulturen im hochschuldidaktischen Bereich und unterstützt damit die didaktische Seite der Bolognareform.

Autorinnen und Autoren

Fünfzehn Autoren und Autorinnen kommen zu Wort, die meisten in verschiedenen Funktionen in hochschuldidaktischen Zentren in Deutschland tätig. Einzelne Beiträge stammen aus Irland, Frankreich und der Schweiz.

Entstehungshintergrund

Das Buch erschien zum Jubiläum "40 Jahre Blickpunkt Hochschuldidaktik", der Wissenschaftlichen Buchreihe der Deutschen Gesellschaft für Hochschuldidaktik (DGHD). Die Beiträge entstanden zum Teil anlässlich des Jahreskongresses der Arbeitsgemeinschaft für Hochschuldidaktik 2006, sie werden ergänzt durch Beiträge zu weiteren Diskussionsthemen, so dass die ganze Textpalette einen Überblick über den aktuellen internationalen Forschungs- und Entwicklungsstand in Bezug auf die Hochschuldidaktik zu verschaffen vermag.

Aufbau

Vier Teile gliedern den Band:

  1. Der erste befasst sich mit grundlegenden Aspekten, verortet z.B. Lehren und Lernen in Anknüpfung an Humboldt innerhalb von Bildung.
  2. Der zweite Teil umfasst Beiträge rund um die hochschuldidaktische Qualifizierung im Kontext des Wandels.
  3. Im dritten, umfangreichsten Teil werden Facetten hochschuldidaktischer Innovationen beleuchtet, und
  4. im vierten und letzten Teil die hochschuldidaktischen Forschung und Entwicklung.

Inhalt

Ludwig Huber geht im ersten Beitrag („Lernkultur“ - Wieso „Kultur“? Eine Glosse) der Herkunft und der Verwendung des „Kultur„- Begriffs nach und kommt zum Schluss, dass der Begriff trotz inflationärer Verwendung für den Bereich des Lehrens und Lernens fruchtbar gemacht werden kann. Der Begriff lenkt den Blick auf soziale Praxen, auf Zusammengehörigkeit und Differenzen (Identitäten) und auf kollektive und individuelle Muster (Habitus und Stile). Er macht deutlich, inwiefern Strukturen (z.B. ökonomische) mit bedeutungsvollem Handeln in sozialen Lehr- und Lernpraxen zusammenhängen und führt damit vor Augen, dass Veränderung nicht einfach durch einzelne Aktivitäten wie den Einsatz von technischen Mitteln und Methoden "hergestellt" werden kann, sondern dass es dabei um längerfristige Entwicklung von Praxis und Habitus geht.

Ulrich Welbers (Humboldts Herz. Zur Anatomie eines Bildungsideals) zeigt auf, inwiefern das Humboldtsche Bildungsideal immer noch aktuell ist - trotz Vereinnahmung durch Kritiker/innen der aktuellen Bolognareform. Welbers entkräftet reduktionistische Argumentationen rund um die Humboldtsche "Einsamkeit und Freiheit". Laut Autor bleibt Bildung durch Wissenschaft und als selbstbestimmtes Lernen in Toleranz und Humanität ohne Alternative und in diesem Sinne ist Berufsorientierung keine Ab- bzw. Entwertung des Studiums, sondern bedeutet vielmehr Zumutung an die Studierenden, sich kritisch mit ihren Zukunftsaufgaben auseinander zu setzen. Die Verbindung von Humanität mit Qualifikation - in diesem Sinne lebt Humboldts Ideal trotz Bolognareform weiter.

Iain Mac Labhrainn (From Teaching to Learning: Challenges for Academic Staff Development) legt den hochschulischen Reformstand dar und weist darauf hin, dass sich Reformziele und Lehrrealität an den Hochschulen noch nicht entsprechen. Für seine Argumentation zieht er Studien zu verschiedenen Lern- und Verarbeitungsstilen heran (deep, surface and strategic level) und ergänzt diese durch Studien zu "teachers approaches". Er zeigt dabei auf, inwiefern sich Lehr- und Lernkonzepte ergänzen bzw. wechselseitig stützen (müssten). Studierende, welche die Verantwortung für ihren Lernprozess selbst übernehmen, können dies nur in einer Lehre tun, die dies auch zulässt. Für den notwendigen Wechsel hin zum Lernen spielen laut Autor diejenigen, welche Entwicklungsarbeit in den Hochschulen leisten, eine zentrale Rolle. Sie müssen sich ihrer Rolle bewusst werden, bei ihrer Arbeit forschungsbasiert und strategisch vorgehen und sich selber an die Standards einer reflexiven Praxis halten. Dabei muss gute Lehre innerhalb einer Hochschule eine entsprechende Anerkennung erhalten, dh. Forschung und Lehre müssen sich gleichberechtigt und sich ergänzend begegnen. Auf individueller ebenso wie auf institutioneller Ebene sollte man sich am Ziel orientieren, engagierte und kritisch reflektierende Professionelle auszubilden.

Ingeborg Stahr (Academic Staff Development: Entwicklung von Lehrkompetenz) zeigt den Zusammenhang zwischen den Veränderungen in der Lehre und den hochschuldidaktischen Weiterbildungsangeboten für die Lehrenden auf. Sie benennt Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Reform (z.B. Fragmentierung oder wenig kompetenzorientierte Prüfungskultur) und plädiert für eine zweite, diesmal eine inhaltliche Welle der Reform, die sich an den Kompetenzen, bzw. am Lernen und Handeln der Studierenden orientiert. Eine solche Reform bedingt eine neue Lehr- und Lernkultur und entsprechende professionelle Kompetenzen der Lehrenden. Die Autorin nennt mit Bezug auf den internationalen Diskurs fünf Kompetenzdimensionen der Lehrkompetenz an Hochschulen, und skizziert curriculare Grundlagen und Konstruktionsprinzipien hochschuldidaktischer Weiterbildung.

Birgit Szczyrba und Jutta Wergen (Learning Outcomes der Promotionsphase - Supportstrukturen für die Kompetenzentwicklung des wissenschaftlichen Nachwuchsese) erörtern den Wandel der Promotionsphase und stellen fest, dass strukturierende Programme (Promotionskollegs, Coachingnetzwerke etc), die das Promovieren und die dabei erforderliche Selbstverantwortung unterstützen, auch die Expertise innerhalb der Hochschule fördern. Weil auch Externe von diesen Programmen profitieren können, ergibt sich die Möglichkeit eines engen und fruchtbaren Austausches zwischen Theorie und Praxis, denn die Erfahrungen extern Promovierender sind oft eng mit deren Praxis ausserhalb der Hochschule verknüpft.

Oliver Reis widmet sich einer aktuellen didaktischen Frage: "Durch Reflexion zur Kompetenz - eine Studie zum Verhältnis von Kompetenzentwicklung und reflexivem Lernen an der Hochschule". Unter reflexivem Lernen versteht er den Gebrauch metakognitiver Lernstrategien. Der Einsatz dieser Strategien zur Beobachtung des eigenen Lernens führt laut Autor nicht nur zu Wissen, sondern auch zu Handlungsfähigkeit. Beides gehört zum Kompetenzerwerb, denn kompetentes Handeln erfordert sowohl Wissen als auch eine Vernetzung/Transformation dieses Wissens durch Praxistraining. Reflexives Lernen findet also auf der Ebene der Relationierung von Praxiswissen ebenso wie auf der Ebene der Relationierung von Wissenschaftswissen statt. Der Autor formuliert vor dem Hintergrund seiner theoretischen Ausführungen und einer eigenen Studie die Forderung, dass eine kompetenzorientierte Hochschullehre zwingend Lernangebote zum reflexiven Lernen integriert anbieten müsste. Systematische Angebote zum reflexiven Lernen würden v.a. diejenigen Studierenden unterstützen, die ihr Lernen nicht schon vor dem Studium in den Zusammenhang von Handlungsvollzügen gestellt haben.

Nils Berkemeyer und Ralf Schneider thematisieren in "Lehrerbildung in der Wissenschaft?" die Lehrerbildungsreform vor und nach der Bolognadeklaration von 1999. Der Wandel von Lehr- und Lernkultur tangiert die Lehrerbildung zweifach: es geht nebst der Veränderung des Berufsfeldes ebenso um die Veränderung der Ausbildung. Einleitend geben die Autoren einen Überblick über Reformbeiträge seit 1990. Sie zeigen unter Rückgriff auf international vergleichende Forschung zur Lehrerbildung und auf hochschuldidaktische Innovationsprojekte zum reflexivem, forschendem und fallorientiertem Lernen Reformoptionen für die Lehrerbildung auf. Der Beitrag wird abgerundet durch eine Skizze zu Überlegungen einer an Wissenschaft und Wissenschaftlichkeit orientierten Didaktik der Lehrerbildung.

Dirk Schneckenberg debattiert über eKompetenz für Lehrende und geht der Frage nach, wie technologische Innovationen wie eLearning nachhaltig installiert werden können. Referenzpunkt für die Entwicklung eines individuellen eKompetenz-Konzepts sind die eLearning-Handlungsszenarien in Forschung und Lehre. Der Autor argumentiert vor dem Hintergrund eines europäischen Kooperationsprojektes und präsentiert einen theoretischen Rahmen, mit dessen Hilfe eKompetenz auf individueller und organisationaler Ebene gefördert werden kann.

Im Artikel "Gender Mainstreaming als Instrument des Wandels universitärer Strukturen" wird von Marion Kamphans und Nicole Auferkorte-Michaelis dargelegt, wie eine Geschlechterperspektive systematisch in die Hochschule integriert werden sollte. Unter Rückgriff auf Beispiele aus verschiedenen Hochschulen zeigen die Autorinnen, wie eine solche Strategie implementiert werden kann.

Der Beitrag von Birgit Szczyrba und Johannes Wildt (Hochschuldidaktik im Qualitätsdiskurs) geht von einer Kritik an der Praxis der Lehrveranstaltungsevaluation aus. Autorin und Autor schildern die Problematik von Lehrveranstaltungsevaluationen, bei denen das Feedback und der Diskurs als wichtige Quelle zur Qualitätsentwicklung fehlen und mit denen sich oft Evaluationsmüdigkeit breit macht. Anstatt Evaluation im Rahmen eines Kontrollparadigmas - der Logik einer Bürokratie folgend - zu stützen, sollte die professionsorientierte Logik auch in Bezug auf Evaluationen umgesetzt, d.h. die Möglichkeiten von Feedback, Diskurs und Entwicklung im Rahmen von Evaluationen genutzt werden. Dies wäre auch im Sinne einer nachhaltigen Personalentwicklung. Prozessorientierte Evaluationen sind Stimuli für die persönliche Entwicklung und diese könnte z.B. im Rahmen eines Lehrportfolios dokumentiert und entwickelt werden.

In Peter Tremps Beitrag geht es um "Hochschuldidaktische Forschungen - Orientierende Referenzpunkte für didaktische Professionalität und Studienreform". Der Autor argumentiert professionstheoretisch. Professionalität des (didaktischen) Handelns ist sowohl auf (didaktisches) Wissenschaftswissen und Praxiswissen als auch auf eine Relationierung der beiden durch Reflexion angewiesen. (Bildungs-) Forschung mit didaktischem Fokus könnte z.B. gelungene und weniger gelungene Aspekte der Bolognareform und ihre Konsequenzen zum Gegenstand haben, und die Angebote der Hochschuldidaktik selbst erforschen. Das dabei generierte Begründungs- und Handlungswissen wiederum muss in die Dienstleistungsangebote der Hochschuldidaktik zurück fliessen und eine kritische, forschungsbasierte und professionelle Haltung ist für die Rolle der Anbietenden von hochschuldidaktischer Weiterbildung unabdingbar. Der Autor benennt des Weiteren Beispiele von Forschungsfeldern und mögliche Akteure und Akteurinnen hochschuldidaktischer Forschung.

Nicole Auferkorte-Michaelis thematisiert im letzten Beitrag des Bandes innerinstitutionelle Hochschulforschung (Innerinstitutionelle Hochschulforschung - ein hochschuldidaktischer Forschungstyp als Reflexionsinstrument für eine Hochschule). Sie zeigt auf, inwiefern sich die Hochschule als Expertin für Wissensproduktion vermehrt selbst erforschen sollte, um dabei Wissen zu Prozessen und Wirkungen zu generieren - Wissen, welches Reflexion und Lernen (der Organisation Hochschule) auslösen kann.

Diskussion

Der vorliegende Band gibt durch die breite Palette der Beiträge einen umfassenden Einblick in den aktuellen Stand der Diskussion rund um die reformbedingten Veränderungen in der Hochschuldidaktik und führt die Schwierigkeit vor Augen, nach dem strukturellen Wandel auch einen kulturellen Wandel des Lehren und Lernens herbei zu führen. Es wird deutlich, dass es auf der Ebene der Lehrenden, der Organisationen und der Hochschuldidaktik noch viel zu tun gibt, bis die Lernenden wirklich so autonom, selbstgesteuert, reflexiv und kompetent die Hochschulen verlassen, wie es als Reformziel postuliert wird. Das Ziel des Buches, den Wandel der Lehr- und Lernkulturen argumentativ zu stützen, wissenschaftlich zu untermauern und strategisch einzuordnen, ist damit erreicht. Dabei sind die meisten Texte gut strukturiert und klar gegliedert. Bei wenigen Texten jedoch lässt die Lesefreundlichkeit zu wünschen übrig, weil Themenaspekte wenig gut nachvollziehbar miteinander verwoben werden. Der Leser, die Leserin hätte sich an einigen Stellen etwas weniger Vielfalt, dafür eine etwas fokussiertere, vertieftere Darlegung gewünscht.

Fazit

Der Band ist von Interesse für alle Personen, die sich professionell mit der Hochschuldidaktik befassen oder ein (funktionsbedingtes) Interesse an Hochschuldidaktik haben. Dazu gehören insbesondere Verantwortliche und Mitarbeitende von Fachstellen für Hochschuldidaktik und Personen, die didaktische Funktionen innerhalb von Hochschulen inne haben.


Rezension von
Prof. Dr. Elisabeth Müller Fritschi
Homepage www.fhnw.ch
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Zitiervorschlag
Elisabeth Müller Fritschi. Rezension vom 06.03.2010 zu: Ralf Schneider, Birgit Szczyrba, Ulrich Welbers, Johannes Wildt (Hrsg.): Wandel der Lehr- und Lernkulturen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2009. ISBN 978-3-7639-3896-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8560.php, Datum des Zugriffs 21.06.2021.


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