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Rosy Henneberg, Lothar Klein u.a.: Freinetpädagogik in der Kita

Cover Rosy Henneberg, Lothar Klein, Herbert Vogt: Freinetpädagogik in der Kita. Selbstbestimmtes Lernen im Alltag. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2008. 214 Seiten. ISBN 978-3-7800-5723-5. 24,95 EUR, CH: 47,60 sFr.

Reihe: TPS.
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„Adler steigen keine Treppen“

Dieses schöne Bild lässt sich vielleicht an deutlichsten und einprägsamsten mit dem verbinden, was Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer an der „Freinet-Pädagogik“ am meisten fasziniert: Treppen sind Wege, um Höhen zu erreichen. Sie sind aber auch Krücken, denn Höhenunterschiede lassen sich auch anders überwinden…

Entstehungshintergrund, Autorinnen und Autoren

Bei den pädagogischen Reformbewegungen und –initiativen stehen der französische Lehrer Célestin Freinet (1896 – 1966) und seine Frau Elise (1898 – 1983), ebenfalls Lehrerin, ganz obenan. Ihre Devise, dass eine Erziehung ohne Zwang möglich ist (vgl. dazu auch die Rezension vom 22.6.09 von Jos Schnurer: Elise Freinet (Hrsg.): Erziehung ohne Zwang. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2009. 3., um ein neues Vorw. erweiterte Auflage. 192 Seiten. ISBN 978-3-608-94596-6.Vgl. die Rezension), fasziniert und fordert heraus. In Deutschland werden insbesondere in der Früherziehung und in den Grundschulen die Freinetschen Konzepte angewandt. In Freinet-Gruppen, Arbeitsgemeinschaften und in der bundesweiten Freinet-Kooperative arbeiten Pädagoginnen und Pädagogen gemeinsam daran, die von den Freinets vorgeschlagenen und gelebten Prinzipien in ihren Bildungseinrichtungen zu praktizieren: „Selbstorganisation, kollegiale Selbstverwaltung, Dialog, das Recht, etwas auszuprobieren und Fehler machen zu dürfen, keine absoluten Wahrheiten zu verkünden, selbst das Wort zu ergreifen und es anderen zuzugestehen“. Im Rahmen der Freinet-Kooperative bietet der bundesweite Fachkreis Kindertagesstätten Fachtagungen, Fort- und Weiterbildungen an. Aus dieser Arbeit hat sich eine Gruppe gebildet, die das Grundlagen-, Hand- und Praxisbuch „Freinetpädagogik in der Kita“ vorlegt: Rosy Henneberg, Erzieherin und Fachkraft für Kindzentrierung, Reinheim; Lothar Klein, Diplom-Pädagoge und Fortbildner, Wiesbaden; Herbert Vogt, Grundschullehrer und Redakteur der Fachzeitschrift TPS, Alsbach-Hähnlein.

Inhalt

Das handliche Handbuch wird eingeleitet mit einer kleinen Geschichte der Freinetpädagogik. Mit der Information „Wie die Freinetpädagogik in die Kindertagesstätten kam“, 1979 nämlich, als sich Erzieherinnen und Erzieher aus vier Wiesbadener Horten zu einem Arbeitskreis zusammen fanden, um „aus einer ziemlich verfahrenen Situation heraus (zu)kommen“. Die Ideen Freinets und die Implementierung des Gedankenguts und der Erziehungsmethoden in den Kindergartenalltag, wie auch das sich im Laufe der folgenden Jahre entwickelnde und steigende Interesse bei Erzieherinnen und Erziehern der Frühpädagogik führten dazu, dass 1997 die ersten Weiterbildungsmaßnahmen eingerichtet und die Qualifikation „Fachkraft für Freinetpädagogik“ vergeben wurden, ab 1999/2000 das spezifizierende Zertifikat „Fachkraft für kindzentriertes Arbeiten (Schwerpunkt Freinetpädagogik)“.

Im zweiten Teil werden die pädagogischen Ideen der Freinetpädagogik diskutiert und Beispiele für „entdeckendes Lernen“ vorgestellt. Diese Fundgrube von Möglichkeiten des Lernens am Phänomen, des Findens ohne zu suchen und sich selbst zu bilden, des aus der Kita-Praxis entwickelten und praktizierten Umgangs mit verschiedenen Materialien, wie auch von Anregungen dafür, dass „die Umgebung ( ) selbständiges Handeln ermöglichen (muss)“, den Zusammenhang von Arbeit und Spiel als lernende Tätigkeiten, von Rollen- und Theaterspielen und den bedeutsamen praktischen Anregungen zu den Bereichen „Kinder und Verantwortung“, soziales Verhalten, bieten gute Reflexionen und Ansatzpunkte für eine kollegialen Zusammenarbeit von Erzieherinnen und Erziehern in der Kita und für die Elternarbeit bei der Auseinandersetzung darüber, „was Kindererziehung nicht ist“ und wie Erwachsene kindzentriert denken und handeln lernen können.

Im dritten und letzten Teil „Ausgewählte Praxisfragen“ informiert das Autorenteam über ihre eigenen Erfahrungen bei der Kindererziehung mit Freinetpädagogik; und zwar mit Kindern in den verschiedenen Altersstufen. Dabei wird die wichtige Erziehungsfunktion des Beobachtens von kindlichen Verhaltensweisen diskutiert, und es werden Anregungen für die Arbeitsplanung gegeben.

Fazit

Das Praxisbuch „Freinetpädagogik in der Kita“ ist ein Informations-, Innovations- und Erfahrungshandbuch von professionellen Praktikern für professionelle Praktiker. Dass insbesondere in der Früherziehung und –bildung (aber nicht nur dort im Bildungsbereich) bei der Fortbildung von Erzieherinnen und Erziehern ein Entwicklungsbedarf besteht, ist keine neue Einsicht. Die Forderungen nach einer qualifizierten Aus- und Weiterbildung von in diesem Bereich Tätigen werden um so dringlicher und notwendiger, weil offensichtlich Kita und Schule heute bei Erziehungsaufgaben in stärkerem Maße als je zuvor gefordert sind. Die Freinetpädagogik kann im übrigen eine Alternative zu den allzu leichtfertig und oberflächlich in Stapeln auf die ratlosen Erzieher hereinbrechenden so genannten „Erziehungsratgebern“, wie etwa das unsägliche Buch von Bernhard Bueb „Lob der Disziplin“, sein (vgl. dazu die Rezension aber auch ein Praxismarker und eine Ergänzung zum schulischen Nachdenken über Erziehung (vgl. dazu die Rezension vom 13.06.2007 zu: Joachim Bauer: Lob der Schule. 7 Rezepte für Schüler, Lehrer und Eltern. Hoffmann und Campe (Hamburg) 2007. 144 Seiten. ISBN 978-3-455-50032-5. .

Das Grundlagen-, Hand- und Praxisbuch „Freinetpädagogik in der Kita“ ist ein Anreger, den man getrost als Erzieherin oder Erzieher, als Vater oder Mutter, als Lehrender oder/und Lernenden mit sich tragen kann!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 08.12.2009 zu: Rosy Henneberg, Lothar Klein, Herbert Vogt: Freinetpädagogik in der Kita. Selbstbestimmtes Lernen im Alltag. Kallmeyer Verlag (Seelze/Velber) 2008. ISBN 978-3-7800-5723-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8562.php, Datum des Zugriffs 27.11.2021.


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