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Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt (Hrsg.): Handbuch Bildungsforschung

Cover Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt (Hrsg.): Handbuch Bildungsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 1058 Seiten. ISBN 978-3-531-15481-7. 79,90 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-531-17138-8 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Herausgeber

  • Dr. Rudolf Tippelt ist Professor für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung am Institut für ädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • Dr. Bernhard Schmidt ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Pädagogik an der Ludwig-Maximilian-Universität München.

Entstehungshintergrund

Im deutschsprachigen Raum sind in den vergangenen 4 Jahrzehnten zahlreiche Artikel, Monographien und Sammelbände zur Bildungsforschung erschienen. Das Handbuch Bildungsforschung von Rudolf Tippelt und Bernhard Schmidt stellte hier ein Novum dar. Die im Jahr 2009 erschienene Neuauflage wurde von den Autoren entsprechend der sich stark weiterentwickelnden und ausdifferenzierenden empirischen Bildungsforschung grundlegend überarbeitet und ergänzt. Die Aktualisierung erfolgte insbesondere im Hinblick auf neue Forschungsfelder und Arbeitsbereiche, sodass im vorliegenden Handbuch zahlreiche neue Forschungsthemen aufgenommen und bearbeitet wurden.

Aufbau und Inhalt

Einleitend gehen Rudolf Tippelt und Bernhard Schmidt auf die grundlegenden Ziele und Aufgaben der Bildungsforschung ein. Hier sehen sie die Aufgabe der Bildungsforschung insbesondere darin, „wissenschaftliche Informationen auszuwerten, die eine rationale Begründung bildungspraktischer Entscheidungen ermöglichen“ (S. 9).

Die Herausgabe eines Handbuches zur Bildungsforschung sehen die Autoren als besonderes Wagnis an, da Bildungsforschung als Forschungsgebiet nur sehr unscharf abzugrenzen sei und nicht ausschließlich von der Erziehungswissenschaft bearbeitet werde; beispielhaft führen Tippelt/ Schmidt hier die Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaft, Ökonomie, Geschichte und Philosophie an. Es werde jedoch davon ausgegangen, dass - trotz des multi- und interdisziplinären Charakters der Bildungsforschung- die Erziehungswissenschaft bzw. Pädagogik Geltung als die zentrale Bezugsdisziplin habe. Vor diesem Hintergrund konstatieren die Autoren, dass es selbst im Rahmen dieses umfangreichen Handbuches nicht möglich sei, alle relevanten Bereiche der aktuellen Bildungsforschung zu berücksichtigen: „Das Handbuch kann deshalb nicht den Anspruch erheben, die Bildungsforschung in ihren inhaltlichen und methodischen Problemen insgesamt zu beschreiben, allerdings kann doch ein systematischer Überblick über Perspektiven, Theorien und Forschungsergebnisse gegeben werden. […] In diesem Handbuch wird nicht die Suche nach einem wahren und gültigen Begriff von Bildung transrekonstruierend, klassikerauslegend und textexegetisch fortgesetzt. […] Allerdings kann der durch Forschung präzisierte und darin sich klärende Begriff der Bildung sowohl als ein pädagogisch zentrierter als auch ein für zahlreiche andere Disziplinen wichtiger Begriff ausgewiesen werden“ (S. 10ff).

In den einzelnen Aufsätzen des Handbuches werden theoretische Befunde sowie empirische Forschungsergebnisse einbezogen. Durch die Darstellung der Theorie- und Methodengeschichte der Bildungsforschung sowie bereichsspezifischer Bestandsaufnahmen soll es dem Leser ermöglicht werden einen differenzierten Einblick in theoretische wie methodische Orientierungen der aktuellen Bildungsforschung zu erlangen.

Die einzelnen Kapitel gliedern sich wie folgt:

  1. Im ersten Kapitel „Theorien und Bezugsdisziplinen“ befassen sich die Autoren aus dem Blickwinkel der Bildungsforschung mit den spezifischen Theorien der Bezugsdisziplinen Erziehungswissenschaft, Soziologie, Psychologie, Ökonomie, Geschichte, Philosophie, Politik- und Rechtswissenschaft und Fachdidaktik. Hier geht es den Autoren insbesondere um die Nachzeichnung der jeweiligen theoretischen Entwicklungslinien, Begriffsklärungen und der Wechselwirkungen zwischen theoretischen Ansätzen und empirischen Ergebnissen. So werden die relevanten Berührungspunkte offensichtlich, welche die Kooperationsnotwendigkeit mit den Bezugsdisziplinen begründen.
    • Peter Zedler, Hans Döbert: Erziehungswissenschaftliche Bildungsforschung
    • Jutta Allmendinger, Christian Ebner, Rita Nikolai: Soziologische Bildungsforschung
    • Thomas Götz, Anne C. Frenzel, Reinhard Pekrun: Psychologische Bildungsforschung
    • Stefan Hummelsheim, Dieter Timmermann: Bildungsökonomie
    • Heinz-Elmar Tenorth: Historische Bildungsforschung
    • Yvonne Ehrenspeck: Philosophische Bildungsforschung. Bildungstheorie
    • Jochen Gerstenmaier: Philosophische Bildungsforschung. Handlungstheorien
    • Lutz R. Reuter, Isabelle Sieh: Politik- und rechtswissenschaftliche Bildungsforschung
    • Kristina Reiss, Stefan Ufer: Fachdidaktische Forschung im Rahmen der Bildungsforschung. Eine Diskussion wesentlicher Aspekte am Beispiel der Mathematikdidaktik
  2. Das zweite Kapitel „Regionaler und internationaler Bezug“ geht auf den Zusammenhang von Bildung und Region, Bildung und Europa, Aspekte internationaler Schulleistungsforschung und Bildungsarbeit sowie die Bedeutung indikatorengestützter Bildungsberichterstattung für regionale und internationale Vergleiche ein.
    • Horst Weishaupt: Bildung und Region
    • Lynne Chisholm: Bildung in Europa
    • Rudolf Tippelt: Bildung in Entwicklungsländern und internationale Bildungsarbeit
    • Wilfried Bos, T. Nerville Postlethwaite, Miriam M. Gebauer: Potenziale, Grenzen und Perspektiven internationaler Schulleistungsforschung
    • Ingrid Gogolin: Interkulturelle Bildungforschung
    • Hans Döbert, Eckhard Klieme: Indikatorengestützte Bildungsberichterstattung
  3. Im dritten Kapitel „Institutionen, Professionalisierung und Bildungsplanung“ wird die unterschiedliche Thematisierung von Bildungsprozessen in den jeweiligen pädagogisch relevanten Institutionen deutlich. Des Weiteren erfolgt ein Überblick über erziehungswissenschaftliche Institutionenforschung und geschlechtsspezifische Bildungsforschung.
    • Lothar Böhnisch: Familie und Bildung
    • Thilo Schmidt, Hans-Günther Rossbach, Jutta Sechtig: Bildung in frühpädagogischen Institutionen
    • Kathrin Dedering, Heinz Günther Holtappels: Schulische Bildung
    • Rolf Dobischat, Karl Düsseldorf: Berufliche Bildung und Berufsbildungsforschung
    • Ekkehard Nuissl: Weiterbildung/ Erwachsenenbildung
    • Ulrich Teichler: Hochschulbildung
    • Christian Lüders, Andrea Behr-Heintze: Außerschulische Jugendbildung
    • Helmut Heid, Christian Harteis: Wirtschaft und Betrieb
    • Harm Kuper, Felicitas Thiel: Erziehungswissenschaftliche Institutionen- und Organisationsforschung
    • Manuela Pietraß: Medienbildung
    • Petra Stanat, Susanne Bergann: Geschlechtsbezogenene Disparitäten in der Bildung
    • Olaf Köller: Bildungsstandards
  4. Im folgenden vierten Kapitel „Methoden in der Bildungsforschung“ befassen sich die Autoren mit qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden sowie deren Kombinationsmöglichkeiten und -nutzen für die Bildungsforschung. Dies erfolgt als Überblick und fokussiert unter anderem auf die Leistungen, Zielsetzungen und methodischen Probleme der jeweiligen Vorgehensweise.
    • Norbert M. Seel, Pablo Pirnary-Dummer, Dirk Ifenthaler: Quantitative Bildungsforschung
    • Detlef Garz, Ursula Blömer: Qualitative Bildungsforschung
    • Thomas Eckert: Bildungsstatistik
    • Hartmut Ditton: Evaluation und Qualitätssicherung
  5. Das fünfte Kapitel behandelt Bildung mit Blick auf das „Lebensalter“ und somit auf unterschiedliche Bildungsprozesse entlang der Lebensspanne.
    • Gabriele Gloger-Tippelt: Kindheit und Bildung
    • Heinz-Hermann Krüger, Cathleen Grunert: Jugend und Bildung
    • Bernhard Schmidt: Bildung im Erwachsenenalter
    • Gabriele Maier: Höheres Erwachsenenalter und Bildung
    • Jutta Ecarius: Generation und Bildung
    • Peter Alheit, Bettina Dausien: Bildungsprozesse über die Lebensspanne. Zur Politik und Theorie lebenslangen Lernens.
  6. Im sechsten Kapitel zur „Lehr-Lernforschung“ wird auf Forschungsergebnisse zu Lehr-Lernprozessen, dem Einsatz neuer Medien, Unterrichts- und Lehrerforschung eingegangen.
    • Alexander Renkl: Lehren und Lernen
    • Frank Fischer, Heinz Mandl, Albena Todorova: Lehren und Lernen mit neuen Medien
    • Ewald Kiel: Unterrichtsforschung
    • Martin Rothland, Ewald Terhart: Forschung zum Lehrerberuf
  7. Im vorletzten Kapitel „Aktuelle Bereiche der Bildungsforschung“ stellen die Autoren Bereiche dar, die in der aktuellen Bildungsforschung durch zahlreiche Forschungsprojekte und -ergebnisse zunehmende Bedeutung erlangen.
    • Axel Bolder: Arbeit, Qualifikation und Kompetenzen
    • Cornelia Gräsel: Umweltbildung
    • Benno Hafeneger: Politische Bildung
    • Christine Schmid, Rainer Watermann: Demokratische Bildung
    • Christine Schwarzer, Petra Buchwald: Gesundheitsförderung und Beratung
    • Heiner Barz, Sylva Liebenwein: Kultur und Lebensstile
    • Albert Ziegler: Hochbegabte und Begabtenförderung
    • Frank Braun, Birgit Reißig, Jan Skrobanek: Jugendarbeitslosigkeit und Benachteiligtenförderung
    • Hans Gruber, Monika Rehrl: Netzwerkforschung
  8. Abschließend erfolgt eine informative Darstellung „Wissenschaftlicher Einrichtungen der Bildungsforschung“ sowie weiterführender Internetseiten.
    • Markus Achatz, Ruth Hoh, Markus Kollmannsberger: Dokumentation von Forschungseinrichtungen
    • Axel Kühnlenz, Martina Diedrich: Ausgewählte Internetquellen zum Handbuch Bildungsforschung

Fazit

Den Herausgebern ist es durch die Auswahl der Artikel in hervorragender Weise gelungen, die vielfältigen Bezüge der interdisziplinären Bereiche der Bildungsforschung jeweils fundiert darzustellen. Die vorliegende neu überarbeitete 2. Ausgabe des Handbuches gibt dabei den gegenwärtigen Stand der Bildungsforschung wieder und ist als thematisch einführendes Nachschlagewerk sehr zu empfehlen. Einzig kritisch anzumerken ist lediglich die etwas knapp ausgefallene Einleitung, der es leider kaum gelingen kann, dem Leser eine Rahmung der Artikelauswahl und Kapitelstrukturierung zu geben. Dies wäre umso wünschenswerter gewesen, da es sich hier – wie die Herausgeber selbst betonen – um ein doch eher unscharfes Forschungsgebiet handelt.


Rezension von
Dipl. Sozialpädagogin Annekathrin Reintges
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Bildungswissenschaften, Lehrstuhl Mediendidaktik und Wissensmanagement


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Zitiervorschlag
Annekathrin Reintges. Rezension vom 05.03.2010 zu: Rudolf Tippelt, Bernhard Schmidt (Hrsg.): Handbuch Bildungsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2009. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-531-15481-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/8564.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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ISSN 2190-9245

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